ZWISCHEN TRADITION UND THEATER

Auf ein Kommando heben sich die Arme der jungen Männer. Im nächsten Moment fliegen die stumpfen Degen durch die Luft und treffen klirrend aufeinander.

Überbegriff für die Zusammenschlüsse von Studenten zu konfessionellen Verbindungen, Corps, Landsmannschaften, Sängerschaften, Turnerschaften, Burschenschaften, Damenverbindungen und Sonstigen.

Tradierte Form von Studentenverbindung. Während der inhaltliche Bezug stark variiert, bekennen sich alle zu den Prinzipien der Urburschenschaft von 1815.


DAS FECHTEN

Hier wird gerade geübt. Die Burschen der fakultativ schlagenden Verbindung Hanseatia bereiten sich auf die Mensur vor. Der Begriff Mensur beschreibt beim Fechten den Abstand, in dem sich die zwei Paukanten gegenüberstehen. Er bemisst eine Degenlänge von Brustbein zu Brustbein. Im Verbindungswesen ist damit der studentische Fechtkampf zweier Burschen mit scharfem Degen oder Säbel gemeint. Die Mensur wird nach strengen Regeln und einem vorgegebenen Ablauf gefochten. Den Mitgliedern der Burschenschaft Hanseatia wird die Wahl gelassen, ob sie die Mensur fechten möchten oder nicht. Anders sieht es bei den schlagenden Verbindungen aus, in denen jeder Bursche im Laufe der Mitgliedschaft an Pflichtmensuren teilnehmen muss.

Alexander Leu ist momentan Senior der Burschenschaft. Er leitet mindestens ein Semester lang die Verbindung in Passau und vertritt sie nach außen. Im November wird er selbst zum ersten Mal eine scharfe Partie fechten.

Wenn man keinen Fehler macht, bekommt man ja nichts ab. Man muss halt mit den Konsequenzen rechnen.

Alexander Leu, Senior der Burschenschaft Hanseatia

Kommt es bei der Mensur zu einem Fehler, so kann einer der Teilnehmenden am Kopf verletzt werden. Davon behält man den berüchtigten Schmiss, eine Narbe im Gesicht, zurück.

Um lebensbedrohliche Situationen zu verhindern, sind immer Ärzte anwesend, wenn mit scharfen Klingen gefochten wird. Ähnlich wie bei offiziellen Boxkämpfen. Trotzdem tun sich Außenstehende schwer, den Fechtkampf juristisch einzuordnen. Beim Fechten mit scharfen Waffen ist eine Körperverletzung nicht ausgeschlossen. Verbindungen veranstalten die Mensur unter unterschiedlichen Bedingungen. 

Es mutet seltsam an, dass Ärzte sich bereit erklären, eine in Kauf genommene Körperverletzung zu betreuen. Das mag auch daran liegen, dass zu diesen geschlossenen Fechtveranstaltungen kein Außenstehender Zutritt erlangt. Bei den Ärzten handelt es sich meist um Mitglieder der Verbindung, so genannte Bundesbrüder.

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

Er war zwei Jahre lang Mitglied in einer Landsmannschaft. Nach dem Austritt hat sich sein Bild über das Verbindungsleben noch einmal völlig verändert. Er möchte anonym bleiben. 

> Wie kommt es zu solchen verbotenen Ehrkämpfen?

Wenn sich jemand in seiner Ehre entwürdigt fühlt, kann man den anderen zum Zweikampf herausfordern. Natürlich wird es nicht offiziell Duell genannt. Einmal hat eine Verbindungen was entehrendes in das Gästebuch von einer anderen reingeschrieben. „Penis“ oder so. Auf diese kindische Provokation sind die dann halt eingegangen.

DIE POLITIK

Nach den Befreiungskriegen gegen die französischen Vorherrschaft unter Napoleon Bonaparte gründeten verschiedene Landsmannschaften in Jena die Urburschenschaft. Der Zusammenschluss war motiviert durch den aufkeimenden Patriotismus bei deutschen Studenten. Das Ziel der Urburschenschaft war es, die Mentalität des Volkes zu stärken und die Deutschen Einzelstaaten wieder zu vereinen. Nach französischem Vorbild wollte sie diese Territorien unter einer freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinen. 

Jakob Mosler, Bursche in der Hanseatia

Die Werte aller Burschenschaften orientieren sich an denen der Jenaer Urburschenschaft von 1815: Ehre, Freiheit, Vaterland.

Viele Verbindungen schließen sich aufgrund ähnlicher Interessen unter einem Dachverband zusammen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz existieren etwa 100. Der größte Verband für Burschenschaften ist die Deutsche Burschenschaft (DB).

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Man sagt ja Verbindungen oft nach, dass sie politisch und vor allem konservativ sind. Wie hat sich das für dich geäußert?

Verbindungen sind tendenziell, da man diese Traditionen hat, schon eher rechts. Wie die CDU/CSU. Ich war da jemand besonderes, weil ich mich politisch eher auf der anderen Seite einordnen würde. Ich bin in einer Fachschaft, dem Klischee nach auch eher eine linke Studentengruppe. Aber die Verbindung war da für alles offen. Ich kenne nur einen aus einer Burschenschaft, der war definitiv am rechten Rand und auch Sympathisant der AfD.

DER LEBENSBUND

Was alle Verbindungsarten gemeinsam haben, ist das Lebensbundprinzip. 

Hat man die Probezeit als Fuchs überstanden und die Burschen-Prüfung abgelegt, ist man vollwertiges Mitglied. Sobald man nach dem Studium ein geregeltes Einkommen hat, wird man philistriert und gilt als Alter Herr. Dann zahlt man jedes Jahr einen Beitrag, der den Jüngeren zugutekommt. Die Berufe der Älteren kommen allen Mitgliedern zugute. 

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Wobei konkret unterstützt denn die Verbindung ihre Mitglieder?

Gerade wenn man aus der Schule rauskommt, ist man ja noch ein Bübchen. Dann ist es vielleicht gut, in einem Elternhaus 2.0 unterzukommen. Die sind da, unterstützen dich, zeigen dir die Uni. Geben dir ihre Unterlagen für Prüfungen. Die haben wirklich unheimlich viel Unterstützung für Studenten, das kommt vielen jungen Leuten natürlich gerade recht.

> Wie war es dann für dich, die Landsmannschaft zu verlassen?

Im Nachhinein fragt man sich, warum man da so lange gebraucht hat. Es fiel mir wirklich schwer. Weil ich einfach auch das Potential gesehen habe und das in meiner Vorstellung romantisiert habe: Unzerbrechliche Freundschaften aufbauen, die Verbundenheit, die über Generationen hinweg hält. Nach meinem Austritt bin ich ja sehr schnell verrufen worden. Da waren einige, die plötzlich schlecht über mich geredet haben. Manche kannten mich nicht mal richtig. Diese Freundschaften, die ich meinte gehabt zu haben, waren einfach weg. Bei manchen war ich schon ziemlich enttäuscht.

DIE TRADITION

Bis heute orientieren sich die meisten Verbindungen an alten Statuten. So nehmen viele keine Frauen, Ausländer oder Nicht-Studenten auf. Das läge ja schon im Namen, argumentieren einige. Außerdem gäbe es ja auch andere Vereine und sogar reine Damenverbindungen. Die Hanseatia nimmt nur männliche, immatrikulierte Studenten der Universität Passau mit der deutschen Staatsbürgerschaft auf. 

Bei offiziellen Anlässen tragen Burschen ihre formelle Kleidung mit den Verbindungsfarben, den Vollwichs. Ihre Farben wählt sich jede Verbindung selbst.

Studentenverbindungen unterscheiden sich von anderen Hochschulgruppen durch klare Hierarchien. Jedes Mitglied hat seinen Platz und damit verbundene Rechte und Pflichten. Groß zu hinterfragen und zu diskutieren ist bei einem Burschen aber nicht erwünscht. Einige tun sich schwer, Autoritäten anzuerkennen. Für andere ist die klare Struktur genau das Richtige. 

 FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Wieso spielen da so viele junge Menschen mit und beugen sich Traditionen, mit denen sie nicht aufgewachsen sind?

Junge Menschen haben es oft an sich, sehr unbeholfen und unerfahren zu sein. Da kommt so ein fester Rahmen gerade recht. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich mich auf die anderen verlassen kann. Ich war Teil des Ganzen. Es ist beeindruckend, was da für eine starke Kameradschaft herrscht und wie dich das als Individuum stärkt. Manche kommen auch da rein, weil ihr Vater schon drinnen war und die in diese Tradition hinein erzogen werden.

> Diese Einigkeit wird ja auch durch die starren Strukturen gefördert. Zieht das eine bestimmte Art Mensch an?

Auf jeden Fall, definitiv. Warum ich nicht länger drinnen geblieben bin war auch, dass ich ein ganz großes Problem mit Autoritäten habe. Wenn die nur existieren weil sie existieren, dann verliere ich ganz schnell den Respekt. Das war natürlich problematisch. Wenn der Chef was sagt, wird das so gemacht. Hier passt der Vergleich zur Bundeswehr ganz gut. Wenn man dafür mal was rumtragen muss, dann macht man das halt. Manche finden das sogar angenehm, nicht selber nachdenken zu müssen.

> Ist es nicht widersprüchlich, sich als gebildeter Verbund zu präsentieren aber zu erwarten, dass man Anweisungen nicht hinterfragt?

Sinn und Zweck ist es, ein Bündnis auf Lebenszeit zu schaffen. Gemeinschaft, Zusammenhalt, Ehre, all diese Sachen. Es gilt aber nicht, das zu hinterfragen. Das Bündnis soll eben, koste was es wolle, sag ich mal, bestehen.

> Warum habt ihr keine Frauen aufgenommen?

Einfach nur aus Tradition. Und weil nur unter Männern ein anderes Klima herrscht als wenn Frauen dabei sind. Ein Grund, den ich ziemlich banal finde. Und wenn ich im Nachhinein drüber nachdenke: überhaupt nicht meine Weltansicht. (lacht ungläubig)
Also meiner Ansicht nach kann es nichts kluges sein, was du gerade redest, wenn nicht mal eine Frau dabei sein darf.

> Dürfen deshalb auch keine Außenstehenden teilnehmen – weil die Männer sich so daneben benehmen?

Mhm ja zum Beispiel gibt’s das Papsten. Das kommt zum Einsatz, wenn man zum Beispiel einer anderer Verbindung Couleur-Gegenstände klaut. Sachen wo die Farben drauf sind: Flagge, Krüge oder so. Dann müssen die ein gewisses Äquivalent freitrinken, je nachdem wie wichtig der Gegenstand ist. Wenn die Flagge geklaut wurde, dann muss die Verbindung 60 Liter Bier trinken um das wieder frei zu kaufen. Meistens endet das so, dass man das nicht schafft. Dann muss man sich halt ins Kotzbecken, den Papst, übergeben, damit man noch mehr Bier trinken kann. Totale Verschwendung. Gott, so profan, so klein und billig. (lacht hilfesuchend)
Das Absurde ist, dass auch einige der Burschen das als unangenehme und schlechtere Tradition sehen, aber es halt machen, damit die Tradition bestehen bleibt. Für viele ist das eine Show.

DAS VERSCHWORENE

Bei den traditionellen Festen werden feierliche Reden gehalten, Lieder gesungen und die Verbrüderung gefestigt. Immer dabei: der Alkohol. Darauf bezieht sich ein Großteil der Traditionen.

Es gibt einen ganzen Katalog an Trinkspielen und Wettkämpfen. Diese kommen meistens zum Einsatz, wenn Verbindungen sich untereinander besuchen. Auch durch die gemeinsam durchzechten Nächte wird der Bund zwischen den Burschen gestärkt. 

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Was denkst du, warum man Verbindungen als verschworene Gemeinschaften einordnet?

In den Verbindungen gibt es schon echt nette Leute. Aber sie geben sich halt als sehr geschlossene Gruppe.  Bei uns war es auch Voraussetzung, dass man studiert und auch erwünscht, dass man gute Leistungen in der Uni erbringt. Wenn du exmatrikuliert wirst, fliegst du aus der Verbindung. Zwar mit Bedauern, aber so sind halt die Regeln. Lustiger weise hat ein Großteil überhaupt keine guten Leistungen erbracht, weil eben für die Verbindung so unglaublich viel Zeit drauf geht.

> Wie äußert sich denn diese Geschlossenheit?

Es gibt immer wieder die so genannten Kneipen. Dabei ist alles ziemlich feierlich, man trägt spezielle Gewänder und  Degen, es herrscht nur schummriges Licht. Es war schon sehr traditionell aber auch beängstigend. Gerade wegen der Waffen. Dabei kommt einem schnell der Vergleich in den Kopf, dass das wie bei einer Sekte wirkt. Wie das so abläuft, kann man ja nachlesen. Aber als Außenstehender muss man immer wieder Einzelteile zusammentragen, es wird doch ein sehr großes Geheimnis drum gemacht.

> Wenn man dich nach einer schnellen Antwort fragt, sollte man einer Verbindung beitreten oder nicht?

Also wenn es eine JA/Nein Frage ist, dann würde ich sagen Nein. Sonst würde ich fragen, ob du Traditionen und Gemeinschaft magst, dich unterordnen kannst und mit Regeln zurechtkommst. Damit passt du rein. Wenn du ein Freigeist bist, das Neue liebst eigene Entscheidungen treffen willst, dann eher nicht.


10 ERKLÄRUNGEN ZUM VERBINDUNGSJARGON