ZWEI SEITEN EINER MEDAILLE

Zwei verschiedene Männer sitzen 120 Kilometer voneinander entfernt jeweils an einem Tisch und erzählen ihre Geschichte. Bei beiden beginnt sie mit einem militärischen Schwur, jedoch endet sie bei dem einen mit einem „ja auf jeden Fall“ und bei dem anderen mit einem „nein, niemals“. Es sind weit mehr als 120 Kilometer, die diese Männer voneinander trennen. Es ist die unterschiedliche Erinnerung an ihre Zeit bei den Grenzern in der DDR.

Jürgen F. und Christian U. wurden beide zu mindestens achtzehn Monaten Wehrdienst verpflichtet. So war es zu dieser Zeit in der DDR üblich.


 

ES STAND DIE TODESSTRAFE AUF DIE WEHRDIENSTENTZIEHUNG UND WEHRDIENSTVERWEIGERUNG IN DER DDR


Für den einen eine Chance, für den anderen eine Pflicht. Jürgen F. entschied sich, anders als Christian U., zu einer Laufbahn als Offizier auf Zeit – 38 anstatt 18 Monate.

In der DDR erhielten junge Männer, die diese Laufbahn einschlugen, monatlich 100 Mark mehr Zuschuss für das nachfolgende Studium als diejenigen, die nur die Pflichtmonate ableisteten. Viel Geld für die damalige Zeit.

Jürgen F. erinnert sich genau an die feierliche Zeremonie des Fahnenschwurs und die Vereidigung zum Offizier. Detailliert berichtet er von diesem Erlebnis.

In Christian Us. Erzählungen hingegen schwingt vom feierlichen Charakter nur wenig mit.

Doch der Fahneneid verpflichtete beide Männer, der Deutschen Demokratischen Republik zu dienen. Auch unter Einsatz ihres Lebens. Ein Schwur in Anlehnung an die Maxime der Roten Armee von 1918.

„Ihm zu dienen heißt, dem gesamten werktätigen Volk zu dienen. Es verraten heißt, das Volk zu verraten. Seine Feinde sind deine Feinde, sein Sieg ist dein Sieg… das Vaterland bist du selbst, diene ihm wie dir selbst.“

Das Glück des Einzelnen wurde an die Existenz der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik gebunden. Opferbereitschaft wurde eingefordert oder durch entsprechende Strukturen forciert.


 

ES STAND DIE TODESSTRAFE AUF DIE BEFEHLSVERWEIGERUNG ODER NICHTAUSFÜHRUNG EINES BEFEHLS


Die Grenzsoldaten erhielten den klaren Befehl, „Grenzverletzer aufzuspüren oder zu vernichten“. Dieser Befehlsempfang nannte sich Vergatterung und wurde vor jeder Schicht von dem diensthabenden Offizier durchgeführt und mit dem Kommando „Stillgestanden, Vergatterung!“ beendet.

Jürgen F. hat selbst hunderte Male die ihm unterstehenden Grenzsoldaten vergattert, bevor es zur Kontrolle an das 24 Kilometer lange Grenzstück ging. Dabei stand nicht der Schutz nach außen im Vordergrund, sondern der Schutz nach innen.

„In Wirklichkeit saßen doch die ganzen Soldaten mit dem Rücken zur Grenze, dass ja kein Grenzverletzer kommt“, sagt Jürgen F.. Trotzdem, betont er, „musste sich im Einzelfall jeder selbst entscheiden, wie er handelte“, wenn ein Republikfluchtversuch eintrat.

Das heißt, ich musste die Waffe anwenden; aber erst mal aufhalten und nicht totschießen, erst mal auf die Beine schießen für denjenigen, der des Zielens mächtig war. Wenn etwas passiert ist - jemand tödlich getroffen wurde - gab es keinen Vorwurf.

fasst Jürgen F. im lockeren Ton zusammen.

„Man konnte nicht nachweisen, ob jemand aus Versehen danebengeschossen hat oder mit Absicht. Diesen Ausweg hatte jeder.“  Aber auf eine größere Entfernung konnte nicht garantiert werden, nur die Beine eines Ziels zu treffen. Eine Eventualität, die man in Kauf nehmen musste und die jedem bewusst war.

Lebend waren Republikfeinde wertvoller, da sie mögliche Informationen über andere potentielle Grenzflüchtige hatten. Dennoch war das Leben der Republikflüchtigen geringer einzuschätzen als die Unverletzlichkeit der Grenze.

„Wenn es nicht anders gegangen wäre, hätte ich es zumindest gemacht. Dann hätte ich geschossen.“ gibt Jürgen F. offen zu.

Gelang es, eine Grenzflucht zu vereiteln, erhielt der Grenzposten Sonderurlaub oder eine andere Belobigung.

Arno Polzin, der sich in seinem Buch „Mythos Schwedt“ detailliert mit dem Militärgefängnis Schwedt auseinandergesetzt hat, verweist auch auf ein besonderes Drohpotenzial in der NVA.

Die Angehörigen der Grenztruppen wurden auf Verhinderung jeglicher Grenzdurchbrüche gedrillt.

Gelang einem Republikflüchtigen der Grenzdurchbruch, wurde durch eine interne Untersuchung genau ermittelt, wie dies geschehen konnte. „Die Nichtanzeige von Erkenntnissen zu Republik- und Fahnenfluchten oder die Duldung von Grenzdurchbrüchen waren Straftatbestände, die bei einer entsprechenden Verurteilung nach ‚Schwedt‘ führen konnten.“

Christian U. erinnert sich an einen Unteroffizier, der aufgrund einer unbekannten Regelverletzung für sechs Monate in Schwedt inhaftiert wurde.

„Da haben die den gebrochen. Da ging gar nichts mehr. Der hat nie wieder etwas erzählt. Der war weg, der Mann. Den konnten sie nur noch zu den Kanonen stecken. Kanonenfutter nannte sich das dann. Das war schlimm. Da spricht aber keiner darüber. Die, die da gewesen sind in Schwedt.“

120 Kilometer entfernt erzählt der ehemalige Offizier Jürgen F. von einem Unteroffizier, der in einen Brief an die Freundin die vage Andeutung eines Fluchtwunsches äußerte. Ein Gedankenspiel, das zu einer sofortigen Abholung aus dem Heimaturlaub durch Jürgen F. führte.

„Der wurde in Unehren nach eineinhalb Jahren entlassen. Hat Glück gehabt. Musste nicht drei Jahre in seinem Elend dienen. Kein Gefängnis oder sonst irgendwas.“

Die omnipräsente Überwachung war Alltag.

Post wurde sowieso kontrolliert, und wenn jemand im Urlaub war, wurden anschließend Gespräche geführt. In jedem Zug gab es Leute, von denen du nicht wusstest, dass sie von der Staatssicherheit sind.

sagt Jürgen F..

Besonders Grenzsoldaten wurden genauestens überprüft und hatten strikten Verhaltensregeln zu folgen. „Keine dienstlichen Unterhaltungen in Familien- oder Verwandtenkreis führen. Keine Rundfunk- und Fernsehsendungen kapitalistischer und anderer nicht sozialistischer Staaten. Kein Kontakt mit Bekannten in der BRD.“

Die Liste im Handbuch für militärisches Grundwissen der Nationalen Volksarmee ist lang.

Auch Christian U. berichtet von Strukturen der absoluten Kontrolle.

„Die haben alles überwacht. Telefonieren mit Zuhause durften wir nur über den Funkbunker und da sind die Tonbänder mit gelaufen. Wenn da irgendein falsches Wort dabei war, wurdest du eine Stunde später vorzitiert. Das war so, das wusste jeder.“

Dazu eine systematische Indoktrination mit sozialistischem Gedankengut und unnachgiebige Sanktionierungen. Daraus erwuchsen Frustration und Angst. Eine Situation, die Menschen zu Verzweiflungstaten treiben konnte.

Jürgen F. plaudert im lockeren Ton von seinen Schichten im Grenzdienst. „Grenzposten waren immer zu zweit. Damit der eine Grenzposten den anderen absichert und auf den aufpasst. War kein Beobachtungsgefühl, man hatte halt jemanden zum reden“, schildert Jürgen F. die Situation. Verweist jedoch im Anschluss auf Vorfälle, die das zuvor gesagte wie eine Bagatellisierung klingen lassen.

„Man durfte nicht einschlafen und sich auf den zweiten Posten verlassen. Dieser hätte die Chance nutzen können, um in der Schlafenszeit abzuhauen oder noch schlimmer. Es gab ja auch Fälle, dass untereinander die Kameraden erschossen wurden und der Schütze dann abgehauen ist. Man musste also immer wachsam sein.“

Eine Bedrohungssituation, der nicht jeder standhalten konnte.

„Erwachsene Männer haben geheult wie kleine Kinder“, kommentiert Christian U. die Situation unter den Soldaten.

Für einige untragbar.

14 Tage nach der Postenübernahme hat sich mein Nachfolger im Bett erschossen. Er hatte Angst, dass er der Sache nicht gewachsen ist.

Erinnert sich Jürgen F..

Die Selbstmordrate war in der DDR eineinhalb Mal höher als in der BRD, gesehen auf die Gesamtbevölkerung. Man konnte den Dienst an der Waffe verweigern. Das war jedoch sehr schwer durchzusetzen und bedeutete mehrfache Verhöre, um die Beweggründe zu ermitteln. Druck, der an Zwang erinnert.

„Die wurden dann aber drangsaliert. Die mussten den Eid nicht ertragen, aber dafür anderes“, betont Jürgen F..

Doch auch Grenzer hatten es laut Christian U. nicht leicht. Ausgänge seien zum einen aus Kontrollgründen immer nur zu zweit gestattet gewesen, trugen aber auch zur Sicherheit der Ausgehenden bei.

Feindseligkeiten der Bevölkerung gingen teilweise über verbale Beleidigungen hinaus. „Ein Grenzer wurde in einer Bar zusammengeschlagen, weil er so geprahlt hat“, erzählt Jürgen F.. Dennoch, betont er, seien Grenzsoldaten sehr angesehen gewesen.

Vermutlich waren es gerade Aussagen wie diese,

War interessant, wenn man einen festgenommen hatte. Alle wollten den Grenzverletzer sehen. Das war ein ganz normaler Mensch wie du und ich. Ein ganz normaler Mensch war das. Der wurde dann von der StaSi abgeholt und wurde vernommen.

die in einer gefangenen Gesellschaft für Unmut sorgten.

An der 1.378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze wurde zwischen 1976 und 1988 38.063 gescheiterte Fluchtversuche registriert.

„Das hört sich alles schlimmer an, als es war“, versucht Jürgen F. die Schärfe aus seinen Erzählungen zu nehmen.

Dem gegenüber steht der Satz von Christian U.: „Das ganze Schlimme hat man viel verdrängt und vergessen.“

Hätte Jürgen F. damals die Wahl bei der Vereidigung durch den Fahnenschwur gehabt, wäre seine Antwort ein klares „Ja auf jeden Fall“ gewesen. Seine Zeit als Offizier scheint für ihn eine Chance und ein Gewinn gewesen zu sein.

120 Kilometer entfernt antwortet Christian U. auf diese Frage mit einem klaren „Nein, niemals“. Nicht aufgrund des Wortlautes, sondern aufgrund allem, wofür dieser Wortlaut steht. Er beschnitt einen Menschen in seiner Freiheit, nein zu sagen und schnürte ein Korsett aus Zwang und Furcht. Er schaffte einen Bund vor dem Gesetz.

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2Richtungenweiß
Zwei Soldaten, zwei Erinnerungen