„WAS DER BISCHOF NICHT WEISS, MACHT DEN BISCHOF NICHT HEISS“

Kirche und Homosexualität klingt für viele wie ein Oxymoron – das eine schließt das andere aus. Doch nach dem Bundestagsbeschluss der Ehe für alle gibt es auch in der katholischen Kirche Bewegung und die Diskussion ist entfacht. Viele gleichgeschlechtliche christliche Paare wünschen sich eine Bestätigung ihrer Partnerschaft in Form einer Segensfeier. Offiziell sind diese nicht möglich. Noch nicht.

Kirchenglocken läuten. Die Gäste warten gespannt. Ein gut geputzter Wagen fährt vor. Die Kirchenbänke sind mit bunten Blumensträußen geschmückt. Der Bräutigam steht vor dem Altar. Orgelklänge. Ein Pfarrer predigt. Diese Bilder schießen einem in den Kopf, wenn man das Wort Hochzeit hört. Kirchliche Hochzeit. Auf diese musste Peter Hinze verzichten. Und das nur, weil er einen Mann heiratete.

Am 30. September 2017 gaben sich Peter Hinze und sein Partner Hubertus Pooth das Jawort im Standesamt. Aber eben nur im Standesamt. Geplant hatten die beiden, ihre Ehe auch in der Kirche zu feiern. Nicht, wie es Mann und Frau tun. Diese Möglichkeit einer Trauung besteht für gleichgeschlechtliche Paare nicht. Es sollte eher wie ein Besuch in der Kirche sein, an diesem besonderen Tag. „Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, bei der das Brautpaar von hinten in die Kirche einmarschiert und dann vorm Altar stehen bleibt“, so Hinze.

Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, das wollten wir gar nicht. Peter Hinze

Der Pfarrer der Gemeinde, Stefan Sühling, gilt eigentlich als sehr konservativ. Trotzdem erklärte er sich bereit, einen Gottesdienst für die beiden abzuhalten. Er wollte um den Segen Gottes bitten für Menschen in Beziehungen. Ganz allgemein. Wie eine Trauung sollte es nicht ablaufen. Aber er wollte sich dem Wunsch des Paares nicht verweigern.

Peter Hinze ist Bürgermeister von Emmerich. Ein Mann der Öffentlichkeit. Sonst wäre über seine Hochzeit wohl gar nicht berichtet worden. Doch genau dieser Bericht führte dazu, dass der geplante Wortgottesdienst zu seiner Hochzeit abgesagt wurde. Auslöser für den Widerspruch des Bischofs war eine irreführende Überschrift eines Artikels in der Weseler Ausgabe der Rheinischen Post. Der Autor betitelte die Ankündigung der Segensfeier mit „Vermählung“ statt mit „Wortgottesdienst“.

Aus dem Artikel ging klar hervor, dass es sich nicht um eine traditionelle kirchliche Hochzeit handeln sollte. Lediglich um einen Gottesdienst mit einer Segnung des Brautpaars. Trotzdem sah der Münsteraner Bischof Felix Genn die Gefahr, dass es zu einer Verwechslung mit dem heiligen Sakrament der Ehe kommen könnte. Das ist der Partnerschaft von Mann und Frau vorbehalten.

Drei Tage vor der geplanten Feier untersagte der Münsteraner Bischof den Gottesdienst. Er wollte nicht der erste Bischof sein, der das öffentlich zulässt. Segnungen für Autos, Tiere und Eier an Ostern werden jedoch ohne Zögern durchgeführt.

Der Bürgermeister selbst ist gar nicht so gläubig. „Mein Partner ist der katholischen Kirche zugewandter als ich, für ihn wollte ich das machen.“ Pooth wuchs neben einer Kirche auf. Sie war fester Bestandteil seines Lebens. Und sollte auch ein Teil des Beginns dieses neuen Lebensabschnittes sein. 

Immer wieder finden Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare statt. Wenn man sucht, findet man auch einen Pfarrer. Diese Feiern müssen jedoch eher verdeckt ablaufen. Sobald man sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt oder eben, wie Peter Hinze, in der Öffentlichkeit steht, gibt es Probleme. „Was der Bischof nicht weiß, macht den Bischof nicht heiß“, beschreibt Hinze die derzeitige Situation. Das Problem sei dabei nicht die Basis, also die Pfarrer in der katholischen Kirche, sondern das Bistum. Nur von oben könne sich eine Veränderung vollziehen.

Der Bürgermeister ist  selbst als Standesbeamter tätig. Seit die Ehe für Homosexuelle rechtlich möglich ist, hat er schon einige gleichgeschlechtliche Paare auf dem Papier getraut. „Keins dieser Paare äußerte im Vorgespräch den Wunsch, auch kirchlich zu heiraten. Wahrscheinlich, weil die meisten wissen, wie kritisch die Kirche dem gegenübersteht.“ Bald ist der Bürgermeister wieder  bei einer Haussegnung mit dabei. Häuser werden also gesegnet.

Stefan Diefenbach war Ordenspriester, als ihm klar wurde, dass er schwul ist. Heute ist er mit seinem Partner verheiratet und setzt sich dafür ein, dass Segensfeiern in der katholischen Kirche legitimiert werden. Er bedauert, dass der Bischof bei Hinze diesen Schritt gehen musste. Man müsse aber auch bedenken, dass Bischöfe nicht völlig autonom handeln können und auch sie den Anweisungen der Kirche folgen müssen. 

Thomas Schüller, Professor für katholisches Kirchenrecht, erklärt, dass es nie gut sei, wenn eine Praxis besteht, die versteckt abläuft. Es müsse eine offizielle Anordnung geben, wie mit Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren umgegangen werden soll, die sich eine Segensfeier wünschen. So eine klare Ordnung sei nötig, um Fälle wie den von Peter Hinze in Zukunft zu vermeiden.

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Homosexualität gilt in der katholischen Kirche für viele noch als Sünde. Im April 2016 veröffentlichte Papst Franziskus das Schreiben „Amoris laetitia“. Es behandelt die Themen Ehe und Familie. Auch über Homosexualität ist ein kurzer Absatz geschrieben. Dort heißt es, dass Homosexuellen mit Mitgefühl und Respekt begegnet werden soll und sie in keiner Weise zurückzusetzen sind. Im weiteren Verlauf heißt es jedoch, dass „eine respektvolle Begleitung zu gewährleisten ist, damit diejenigen, welche die homosexuelle Tendenz zeigen, die notwendigen Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen.“

Eine Paarbeziehung von Homosexuellen fällt somit für das Oberhaupt der katholischen Kirche weiterhin nicht unter den Willen Gottes. Das Ausleben von Sexualität ist in der katholischen Kirche nicht in Ordnung, wenn es nicht offen ist für das Leben. Also für die Zeugung von Nachkommen. Diese Bewertung von Homosexualität des kirchlichen Lehramts spricht zurzeit noch gegen die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Zuerst müsste diese Grundeinstellung geändert werden, bevor es zu weiteren Schritten kommen kann.

Der Papst räumte den nationalen Bischofskonferenzen allerdings auch mehr Spielräume ein, wenn es um die praktische Auslegung moralischer Normen auf dem Gebiet der Sexualität geht. Die westliche Welt kommt nach den Ergebnissen der modernen Humanwissenschaften zu einer positiveren Bewertung von Homosexualität als andere christliche Länder. Es kann also auch lokale Lösungen geben. Es sei an der Zeit, sagt Diefenbach.   

IST EINE ÖFFNUNG RECHTLICH ÜBERHAUPT MÖGLICH?

Auch das Kirchenrecht lässt Spielräume offen. Die Benediktionale, eine Liste des Vatikans, zeigt alle erlaubten Segenshandlungen auf. Von der Segnung des Adventskranzes bis zu der eines Flugzeuges. Eine Segnung für gleichgeschlechtliche Paare sieht die Benediktionale nicht vor. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht aber eine Ausnahme: Bischöfe seien bemächtigt, für entsprechende Anlässe eigene liturgische Normen zu erlassen. So könnten auch die geforderten Segensformulare erstellt werden. Nach Stefan Diefenbach muss es Bewegung geben, damit die Kirche nicht erstarrt.

Viele Gläubige sind dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Auch 70 Prozent der Katholiken sehen da kein Problem. In den anderen Konfessionen weicht die Meinung etwas ab.

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Das Bistum Osnabrück zeigt, dass ein Umdenken von den traditionellen Mustern möglich ist. Schon seit längerer Zeit wird hier über Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren diskutiert. Der stellvertretende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Franz Josef Bode, stellte sich im Januar 2018 erstmals gegen die bislang vorherrschende Haltung in der katholischen Kirche. Man müsse sehen, dass es auch solche Paare gibt, die kommen und sich den Segen wünschen, die ein Interesse an der Kirche haben. Es gehe nicht, dass ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen werde. Man müsse in diesem Feld weiterdenken und es müsse endlich eine Entwicklung geben.

Bruder Thomas Abrell ist im Bistum Osnabrück verantwortlich für Fragen rund um das Thema Homosexualität in der Kirche. Der Franziskaner ist Bildungsreferent im Haus Ohrbeck und leitet den Arbeitskreis „Kreuz und queer“. Bereits vor fünf Jahren hatte Bischof Bode ihn gebeten diese Aufgabe zu übernehmen. Von da an wurde in Osnabrück an der Akzeptanz von homosexuellen Katholiken gearbeitet. Auch bei Mitarbeitern des Bistums sei es kein Problem, wenn diese offen homosexuell leben.

Trotz der Offenheit Bodes sind Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare auch in Osnabrück noch nicht offiziell erlaubt. Ohne Konsens in der Bischofskonferenz ist das fast nicht möglich. Aber hier im Bistum brauchen sich die Paare nicht mehr verstecken. Sie müssen keine Angst haben, dass der Bischof ihre Feier untersagt. Das sei im Bistum Osnabrück noch nie vorgekommen. Bruder Thomas selbst, führte letzten Sommer seine erste Segensfeier für ein homosexuelles Paar durch. Für ihn war das überhaupt kein Konflikt mit seinem Glauben. Auch der Bischof wusste von der Feier. Und auch sonst sind solche Segnungen nicht mehr der Einzelfall.

In anderen Bistümern müssen Segnungsfeiern teilweise sogar unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, um nicht die Aufmerksamkeit eines Bischofs zu gewinnen. Aber sie finden statt. Die Praxis ist da. Und das schon seit längerer Zeit. Aber eben nicht offiziell. So gibt es noch keine allgemeine Regelung, jedes Bistum hat da seine eigene. Von daher sei es schwierig zu sagen, wie viele Bischöfe wirklich dafür sind, meint Bruder Thomas. Es seien aber mehrere, die von Segnungsfeiern in ihrem Bistum wissen und diese dulden.

Auch in den einzelnen Gemeinden sind eine liberalere und eine konservative Linie erkennbar. Wie auch in anderen umstrittenen Punkten in der katholischen Kirche. Ein Teil beharrt auf die traditionelle christliche Weltsicht und damit auf ein traditionelles Familienbild. Andere wünschen sich einen Fortschritt und die Akzeptanz von alternativen Lebensmodellen. 

Laut Bruder Thomas gehen viele Menschen immer noch davon aus, dass man Homosexualität erlernen kann oder dass es eine Krankheit ist. Nach diesen alten Klischees wäre Homosexualität etwas Widernatürliches. Der heutige Stand der Humanwissenschaften belegt jedoch, dass es dabei um Veranlagung geht. Und was zur Veranlagung gehört, gehört auch zum Menschsein dazu. In der Kirche gilt Homosexualität für viele noch als Sünde. Auch hier denkt das Bistum Osnabrück schon weiter.

Aufklärung sei hier der Schlüssel zur Veränderung. Bode habe gemerkt, dass dort Menschen sind, die auf der Suche sind und mit einem Wunsch an die Kirche herantreten. Entsprechend müsse mit den Menschen auch umgegangen werden. Für seinen Vorstoß bekam Bode viele Reaktionen aus aller Welt. Und zwar überwiegend positive.

Trotzdem ist es noch ein langer Weg bis zur allgemeinen Akzeptanz von Homosexualität in der Kirche. Osnabrück ist da erst der Anfang. Selbst wenn ganz Deutschland nachzieht, wäre das auch nur ein Sprachraum. In einem Großteil der Welt werden Homosexuelle noch verfolgt. Der Papst ermutigt aber dazu, Fragestellungen, die nicht gesamtkirchlich geklärt werden können, vor Ort zu klären. Osnabrück ist nur der Anfang. Vielleicht merken so die anderen Bistümer: Es tut ja gar nicht weh.

Homosexuelle müssten in der Kirche so manchen Schlag zurückstecken, meint Diefenbach. Ein Austritt ist für ihn dennoch keine Option.

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IN WELCHEN LÄNDERN IST DIE EHE FÜR ALLE MÖGLICH?

Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle auch in Deutschland. Wie viele gleichgeschlechtliche Paare sich seit dem 01. Oktober 2017 standesamtlich trauen ließen, zeigt eine bundesweite Umfrage der deutschen Presseagentur bei Standesämtern. Insgesamt ließen sich mehr als 10.000 homosexuelle Paare verheiraten. Ein großer Teil davon waren Umwandlungen von eingetragenen Lebenspartnerschaften.

 DIE BELIEBTESTEN STÄDTE FÜR DIE EHE FÜR ALLE

Einige Standesämter erheben gleichgeschlechtliche Ehen nicht gesondert. Ehe für alle hieße gleiches Recht für alle. Somit werden auch auf dem Papier keine Unterschiede gemacht. Eine detaillierte Erhebung des statistischen Bundesamtes wird voraussichtlich Mitte des Jahres 2019 veröffentlicht.

Bei der Abstimmung im Bundestag am 30. Juni 2017 stimmten auch einige katholische Abgeordnete für das Gesetz der Ehe für alle. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) spricht sich offen für die Einführung von klaren Regelungen für Segensfeiern gleichgeschlechtlicher Paare aus. Auch Mitglieder der Laienorganisation stimmten bei der Abstimmung mit „Ja“. Von den insgesamt 393 Befürwortern sitzen fünf auch im ZdK. Drei der ZdK-Mitglieder stimmten mit „Nein“.

 

Maria Böhmer (CDU) ist Mitglied des Bundestags und des Zentralkomitees deutscher Katholiken. Sie stimmte während der Abstimmung am 30. Juni 2017 mit ‚Ja‘ für die Ehe für alle.  In einer öffentlichen Erklärung nahm sie Stellung zu ihrer Entscheidung.

Seit knapp einem Jahr ist die „Ehe für alle“ politische Realität. Nun müssen die Kirchen eine Lösung finden, um die Paare auch theologisch und liturgisch zu unterstützen.

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Die evangelische Kirche geht mit Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare deutlich offener um. In einem Großteil der Landeskirchen können Schwule und Lesben ihre Partnerschaft öffentlich im Gottesdienst segnen lassen. Diese Feiern laufen genauso ab, wie Trauungen heterosexueller Paare. Nur die Bezeichnung ist anders. Im April 2018 veröffentlichte die Landeskirche Hessen und Nassau ein neues Kirchengesetz, nach welchem auch die Bezeichnung angepasst wird. Es gibt somit keinerlei Unterschiede zwischen Trauungen homosexueller und heterosexueller Paare mehr.

In der evangelischen Kirche Hessen und Nassau sind gleichberechtigte Trauungen von homosexuellen Paaren möglich. Diese machen ungefähr 25-30 Trauungen von mehr als 5000 traditionellen Trauungen aus.