UNTER HIPPOKRATES‘ AUGEN

Der Hippokratische Eid, für viele Menschen steht er als der Inbegriff eines ärztlichen Ehrenkodex. Wie falsch dieses Bild sein kann zeigen Handlungen, wie die des Christoph Turowski.

Auf dem Tisch stehen selbstgebackener Pflaumenkuchen, Sahne, die eigens aufgeschlagen wurde, und eine Kanne Tee, deren schnelles Abkühlen von einem Teelicht unter einem Stövchen verhindert werden soll. Auf dem Biedermeier-Stuhl sitzt Christoph Turowski, um die 70, das dünne grau-blonde Haar in akkuraten Strähnen gekämmt, die Straßenschuhe hat er nicht ausgezogen. „So etwas machen wir hier nicht.“ Beim Gedanken an das, was ihn vor einigen Monaten von einem normalen Rentner zu einer Gallionsfigur der Pro-Sterbehilfe-Bewegung gemacht hat, läuft ein verschmitztes Grinsen über die dünnen Lippen. Auf ein Stück Pflaumenkuchen mit „Dr. Tod“.

Natürlich ist Christoph Turowski nicht in eine Reihe zu stellen mit den bisher „Dr. Tod“ genannten Leuten wie dem Leichenkonservator Gunther van Hagens oder dem KZ-Arzt Josef Mengele. Trotzdem hat ihn die Presse so betitelt. Denn laut eier Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Berlin hat er das Leben eines Menschen auf dem Gewissen. Genauer: „Den Tod eines Menschen auf Verlangen durch Unterlassen.“ Doch das Gewissen des 69-Jährigen ist rein, immer wieder gabelt er kleine Bissen auf. In einem zweieinhalb Jahre andauernden Rechtsstreit hat er im März 2018 einen Freispruch erstritten. Es war einer der meistdiskutierten Prozesse der vergangenen Jahre.

29 Jahre lang war Turowski Hausarzt in Berlin. „Menschen zu helfen, das hat mich schon als kleiner Junge interessiert. Ich war auch bei den Pfadfindern schon immer der Sanitäter mit dem Pflasterköfferchen”, erinnert er sich lachend.

Auf die Pfadfinderei folgt der klassische Werdegang eines Mediziners: 1970 macht er das Abitur, dann studiert er Medizin in Berlin, schließt das Studium 1977 mit dem Staatsexamen ab. Nach bestandener Facharztausbildung für innere Medizin übernimmt er eine Hausarztpraxis und macht sich selbstständig. Es folgt ein geschäftiges Arbeitsleben: Sprechstunden, Hausbesuche, Papierkram, eine 50-Stunden-Woche. Turowski freut sich auf die Ruhe als Rentner. Jetzt, wo es so weit sein sollte, wartet er auf diese Ruhe immer noch. Denn mit dem Freispruch ist die Angelegenheit noch nicht beendet.

Für den pensionierten Mediziner ist ein Patient mehr als ein Name in einer Akte, das zeigt sich an seiner überschaubaren Patientenkartei. „Mittelgroß und gut zu bewältigen, sodass noch genug Zeit für ein Gespräch mit den Patienten bleibt.“ Das ist  selten geworden in Zeiten eines ökonomisierten Gesundheitswesens, in dem die Betreuung immer anonymer und die Kontaktzeit immer kürzer wird.

Anja betreut er 13 Jahre lang. Sie ist eine von vielen, für die er sich diese Zeit nimmt. Ihretwegen werden sie ihn „Dr. Tod“ nennen. Seit sie 17 ist, leidet die 44-Jährige an einer chronischen Darmkrankheit. Turowski legt ihre Termine deshalb immer an das Ende seiner Sprechstunden. Ihre Gespräche drehen sich um Qualen und Vereinsamung. Die Mutter lebt nicht in Berlin, der Sohn reagiert zwei Jahre nicht auf ihre Kontaktversuche. Freunde hat sie nur wenige. Die mickrige Erwerbsunfähigkeitsrente und das Geld aus kleineren Jobs steckt sie in ihre Therapieversuche. Sie reist sogar nach Indien, um eine Ayuveda-Kur zu machen. Ein letzter Versuch. Er scheitert. Wenn Turowski darüber spricht, wirkt er nachdenklich, lässt sich Zeit, um sich die Geschehnisse ins Gedächtnis zu rufen. „Als Arzt ist man da genauso hilflos. Wenn einer kommt, der in großer körperlicher und seelischer Not ist und kein Versuch, ihm oder ihr zu helfen, fruchtet, das ist schon sehr deprimierend.“

Nach einem einjährigen Aufenthalt in einer Spezialpraxis wechselt Anja wieder zurück zu Turowski. In einem jener Gespräche teilt sie ihm mit, dass sie sterben möchte. Ein paar Mal habe sie es schon versucht. Dieses Mal soll es klappen, das Loch im Zaun der Berliner S-Bahn hat sie dafür schon gefunden. Sie will eine der 10 000 werden, die sich jedes Jahr in Deutschland selbst umbringen.

Turowski zögert nicht: „Da ist man als Arzt gefordert. Da muss man Rückgrat zeigen und Courage.“

Da ist man als Arzt gefordert.
Da muss man Rückgrat zeigen und Courage.

Seine Hilfe sieht er als Gebot der Christlichen Nächstenliebe und der Humanität. „Sie kannte meine Einstellung zum Leben und Sterben und ich habe signalisiert, dass ich sie nicht alleine lasse”, erinnert sich Turowski an die Entscheidung, Anja auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Die Hände ruhen in seinem Schoß, gefaltet. Als Zeichen seines Glaubens prangt ein etwa kopfgroßes Kreuz aus braunen Holz neben der Tür zum Wohn und Esszimmer, schmucklos, wie Turowski selbst: ein Ehering, keine Uhr. Immer wieder betont er die Bedeutung von christlichen Werten wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit für den Beruf des Arztes.

Das tun seine Gegner aber auch. Für Frank Ulrich Montgomery, den Präsidenten der Bundesärztekammer, bedeuten diese Werte jedoch etwas anderes. Ein barmherziger Arzt solle seinen Patienten mit Palliativmedizin und guter Hospizarbeit ins Lebensende begleiten.

Wieder andere berufen sich auf den Hippokratischen Eid, einen Eid, den Turowski nie geschworen hat. Den auch sonst kein Mediziner mehr schwört. Es ist ein Überbleibsel aus antiken Zeiten, als Ärzte noch die Götter anriefen und Frauen der Zugang zu diesem Beruf verwehrt blieb. Schon seit 1948 existiert eine moderne Neufassung in Form der Genfer Deklaration. Letztmalig im Oktober 2017 aktualisiert heißt es darin: „Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.“ Für den Arzt ein unschlagbares Argument, auch den Sterbewillen eines Patienten zu achten.

Trotzdem berufen sich die Gegner der Sterbehilfe noch heute auf diesen 2000 Jahre alten Schwur. Turowski ist das unverständlich. Für ihn ist diese Referenz „nicht mehr als ein leeres Schlagwort, eine hohle Formel“. Zwar wird der Hippokratische Eid noch auf Abschlussfeiern von Medizinstudenten gelesen und sei im Rahmen einer solchen Feierlichkeit sicherlich angemessen, aber: „Letztlich sind es die Fragen des ärztlichen Gewissens, die man sich im Beruf stellen und beantworten muss.”  2013 hat er diese Frage mit „Ja“ beantwortet. Denn er orientiere sich am lateinischen Leitsatz „Salus aegroti suprema lex“, übersetzt: Das Heil des Kranken ist das oberste Gebot „und danach muss man sich als Arzt richten“.

Ein früher Samstagabend in Berlin. Während das Nachtleben langsam erwacht, beginnt Anjas letzter Abend. Wie die anderen Nachtschwärmer zieht auch sie sich etwas Nettes an, schminkt sich und öffnet eine Flasche Rotwein. Nach einigen Schlucken öffnet sie eine Packung mit Schlaftabletten, dann die nächste, dann die nächste. Am Ende sind es 150 Stück.

Als Turowski die SMS in seinem Nachrichteneingang sieht, weiß er Bescheid und verschafft sich kurze Zeit später mit Hilfe des Zweitschlüssels Zugang zur Wohnung. Dort prüft er regelmäßig Anjas Vitalfunktionen, sie soll im Tod auf keinen Fall leiden. Bis zum Schluss kehrt er insgesamt zehnmal zurück.

Nach 56 Stunden ist Anja von ihrem Leid erlöst. Turowski füllt den Totenschein selbst aus, seine Handschrift ist eng, spitz und leicht nach rechts geneigt.Ehrlich füllt er ihn aus, wie er sagt. „Natürliche Todesursache durch Tablettenintoxikation.“ Das macht den Amtsarzt, der den Totenschein vor der Einäscherung der Leiche sichtet, stutzig. Er informiert die Kripo. Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf.

Dabei hat sie noch keine Rechtsbasis dafür. Paragraph 217 StGB, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung regeln soll, wird erst zwei Jahre später inkrafttreten. Bis dahin wird Suizidhilfe nicht sanktioniert.Angeklagt wird Turowski trotzdem. „Tötung auf Verlangen durch Unterlassen“, steht im Schreiben der Staatsanwaltschaft. Eine empörende Formulierung, wie er findet. Dadurch bleibe vor allem das Wort „Tötung“ beim Lesen der Anklage hängen, nicht seine eigentliche Tat, das „Unterlassen“. Sein Ärger sagt viel über das Selbstverständnis des Mannes. Er sieht sich nicht als Täter, sondern als einer, der geholfen hat.

80 Prozent der Deutschen befürworten laut Turowski ein selbstbestimmtes Sterben mit ärztlicher Begleitung bei unerträglichen Leiden. Wie zur Untermauerung seiner These holt er Bücher aus dem Arbeitszimmer. Sein Gang ist gemächlich, der alte Holzboden knarzt unter seinen bequemen Schuhen. Die Buchdeckel lesen sich wie das kleine Einmaleins der Pro-Sterbehilfe-Literatur. Darunter Hans Küng, katholischer Priester, Theologe und Turowskis Bestätigung für eine Vereinbarkeit von Glaube und Sterbehilfe. Ebenfalls dabei ist das Buch  „Letzte Hilfe” von Uwe Christian Arnold, Deutschlands prominentestem Vertreter für das „Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende“. Mit beiden steht Turowski im Kontakt.

Auf die Bücher stößt er erst während seines Prozesses. Um sich moralische Unterstützung zu holen und zur Bestätigung, dass er mit seiner Meinung und seinem Fall nicht alleine ist. Vorher habe er sich nie wirklich mit Sterbehilfe befasst. „In die Thematik wächst man dann ja hinein”, sagt ein Mann, der nie in die Öffentlichkeit wollte, es jetzt aber ist. Sein Bedürfnis nach Privatsphäre stellt er zurück. Für ein höheres Ziel, wie er sagt.

Er wird freigesprochen. Begeisterter Applaus brandet im Saal des Kriminalgerichts Moabit auf. Wo sonst Gewaltverbrechen verhandelt werden, empfängt Turowski seinen Freispruch. Nicht nur Fachpublikum ist anwesend, auch Patienten aus der ehemaligen Praxis. Die Erleichterung, aber auch die Rührung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Wenn er über diese Szenen spricht, lacht er, ein Funkeln tritt in seine Augen. Die Kraft für seinen Kampf schöpft er aus den positiven Reaktionen auf dieses Urteil. Sogar die Ordensschwestern der benachbarten Kirche umarmen ihn nach seinem Gerichtstermin, und der Pfarrer der Gemeinde spricht ihm noch im Sitzungssaal seine Glückwünsche aus.

Ich könnte auch mit einer Neuformulierung leben,
die es Ärzten ermöglicht, im Einzelfall , ihre Patienten bis zuletzt zu begleiten

Die Freude währt jedoch nur kurz. Die Staatsanwaltschaft hat bereits Berufung eingelegt. Der neue Prozess wird vor dem Bundesgerichtshof in Leipzig verhandelt. Für Turowski und seine Unterstützer liegt die Vermutung nahe, dass damit in einer fast 30 Jahre alten Rechtssprechung neue Verhältnisse geschaffen werden sollen. 1984 hat der Bundesgerichtshof im Fall des Dr. Herbert Wittig ein Urteil gefällt. Der hatte laut Akte eine bewusstlos angetroffene Suizidpatientin auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin sterben lassen. Das Gericht erkannte den ausdrücklichen Sterbewillen der Patientin nicht an, sprach den Arzt aufgrund der Unumkehrbarkeit der Situation aber dennoch frei. Mit Einführung der Patientenverfügung im Jahr 2009 ist dieses Urteil endgültig überholt. So benötigt die Staatsanwaltschaft nun allerdings ein den heutigen Umständen angepasstes höchstrichterliches Urteil zur Orientierung. Aus diesem Grund scheint sie den Fall durch alle Instanzen peitschen zu wollen. Turowski fühlt sich als Bauernopfer in einem teuren Prozess, aber nimmt das in Kauf, um seine Ziele zu erreichen.

Für die Zukunft wünscht sich Turowski nicht viel. „Fürs erste natürlich einen Freispruch vor dem Bundesgerichtshof im Dienste der Sache“, sagt er und lacht dabei. Für den wird er sich auch weiter als Privatperson in die Öffentlichkeit stellen. Aber natürlich ist da auch noch der Wunsch nach der Streichung des Paragraphen 217 StGB. „Ich könnte auch mit einer Neuformulierung leben, die es Ärzten ermöglicht, im Einzelfall , ihre Patienten bis zuletzt zu begleiten.“ So, wie er es selbst getan hat.

Vorerst sitzt Christoph Turowski jedoch auf dem Biedermaier-Stuhl in dem schönen Gründerzeithaus hinter den hohen Mauern, und das letzte Stück Pflaumenkuchen mit Sahne verschwindet in seinem Mund. Man mag kaum glauben, dass ein Mann, der so offensichtlich die Ruhe sucht, bereit ist, sich derart in die Öffentlichkeit zu stellen, wie er es tut. Doch er scheint bereit zu sein, diesen Weg bis zum Ende zu gehen – vor Gericht ebenso konsequent wie als Arzt mit seiner Patientin Anja.