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Allgemein, Verschworene Gemeinschaften

HEXEN OHNE KESSEL

Wer ist heute eigentlich noch normal? Wahrscheinlich niemand, der zaubern kann. Niemand, der mit Bäumen spricht. Niemand, der in altertümlichen Kutten germanische Götter anbetet. Das würden die Meisten sagen. Trotzdem gibt es Zehntausende, die eben das tun. Und es werden immer mehr. Zu Besuch bei einem Hexenritual.

ALTERNATIVES KLIMA

Gibt es den Klimawandel überhaupt? Und wenn ja, welchen Einfluss hat der Mensch auf das Klima? Es herrschen viele Meinungen zum Klimawandel. Die einen bezeichnen ihn als größte Herausforderung der Menschheit des 21. Jahrhunderts, die anderen als reines Naturphänomen, auf das der Mensch keinen Einfluss hat.

Was stimmt denn nun?

Wir wollten es ganz genau wissen und haben uns auf Recherchereise in den Norden Deutschlands begeben. Dabei haben wir zwei Experten getroffen, die verschiedene Ansichten zum Klimawandel haben.

Zuerst machten wir hier Halt:

Mit Dr. Tobias Bayr haben wir folgendes besprochen:

Summer School: Herr Bayr, Sie sind Meteorologe am renommierten Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Ihr Fachgebiet sind natürliche und menschenverursachte Klimaschwankungen. Deshalb eine einfache Frage: Hat der Mensch wirklich Einfluss auf das Klima oder ist die derzeitige Erwärmung nur ein Naturphänomen?

Dr. Tobias Bayr:  Die Erde hat sich in den letzten 150 Jahren sehr stark erwärmt. Und dafür sind wir Menschen verantwortlich. Und die menschengemachten Treibhausgasemissionen sind für diese Entwicklung verantwortlich. Dazu muss man nur den Bericht des internationalen Klimarats (IPCC) lesen. Es gibt natürliche Schwankungen. Diese gab es schon immer. Aber der Mensch verstärkt diese und macht sie so extremer.

Das kann man sich wie das Zinken eines Würfels vorstellen. So ein heißer Sommer, wie wir ihn jetzt hatten, ist die sechs auf einem Würfel. Durch die Erderhitzung ist der Würfel so gezinkt, dass die sechs häufiger kommt. Und wenn man dann würfelt und die sechs kommt, weiß man nicht, ob dies aufgrund normaler statistischer Werte aufgetreten ist oder ob das Zinken des Würfels dazu geführt hat. Aber schlussendlich wird die sechs häufiger gewürfelt.

Summer School: Bräuchte es nicht eine neue Wirtschaftsordnung gegen den Klimawandel? 

Bayr: Ja, da gibt es auch schon ganz gute Ansätze. Teilweise schon umgesetzt wird der „Cradle-to-Cradle-Ansatz“. Das bedeutet übersetzt: „von der Wiege zur Wiege“. Damit ist gemeint, dass man Produkte so designed, dass man sich schon beim Herstellen die Frage stellt: Wie kann ich das Material am Ende wiederverwerten?

Da gibt es ein schönes Beispiel aus der Natur. Oft wird gesagt, dass wir zu viele Menschen auf der Erde sind und dass wir deshalb diese Naturprobleme haben. Wenn man aber alle Ameisen dieser Welt auf eine Waage packt und daneben alle Menschen auf eine andere Waage, wiegen Ameisen viel mehr als wir – und Ameisen machen überhaupt keine Umweltprobleme.

Das liegt daran, dass die in Kreisläufen arbeiten. Wir tun das nicht. Wenn wir in Kreisläufen arbeiten würden, vergleichbar mit dem „Cradle-to-Cradle-Ansatz“, wären  sieben bis neun Milliarden Menschen kein Problem für die Erde.

Summer School: 2015 beschlossen 195 Staaten das Pariser Klimaabkommen. Dieses gilt als historisch bedeutsam im Kampf gegen die Erderwärmung. Wie stehen Sie dazu und glauben Sie, dass es ein gutes Werkzeug ist, um das Klima zu retten?

Bayr: Es ist auf jeden Fall schon mal super, dass 195 Staaten sich bei diesem Thema einig geworden sind. Das ist auf jeden Fall wegweisen, da es ein klares Signal an die Welt gesetzt hat. Und trotzdem ist es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass Paris allein nicht automatisch zu mehr Klimaschutz führt. Letztendlich müssen die Ziele, die im Abkommen vereinbart wurden, auch umgesetzt werden. Und da sehe ich das große Problem.

Um es bildlich zu beschreiben: Man kann sich unser Klima wie einen großen Tanker vorstellen. Tanker deswegen, weil diese super träge sind. Wenn so ein Tanker erstmal so richtig in Fahrt ist, braucht er sehr sehr lange, um zum Stillstand zu kommen. Im Moment ist es so, dass wir diesen Tanker immer weiter beschleunigen. Wir wissen aber genau, dass wir genau auf ein Feld aus Eisbergen zufährt. Und 195 Leute alias Staaten stehen auf der Brücke und haben jetzt mit dem Pariser Abkommen folgendes bemerkt: „Ja, es könnte durchaus gefährlich werden, wenn man mit Vollgas durch dieses Eisbergfeld fährt. Lasst uns mal beschließen, dass wir nicht weiter beschleunigen.“ Das ist das Pariser Abkommen.

Summer School: Ist das Ziel des Pariser Abkommens, die Erde bis 2100 auf 1,5 beziehungsweise zwei Grad zu begrenzen, realistisch? 

Bayr: Bei dem 1,5-Grad-Ziel gab es vor kurzen eine Studie, die besagt, dass das 1,5-Grad-Ziel eigentlich utopisch ist. Das können wir nicht mehr einhalten. Vor allem nicht mit dem aktuellen US-Präsidenten. Das Zwei-Grad-Ziel ist noch möglich, aber dafür sind die nächsten 10-20 Jahre entscheidend. 

Summer School: Wie schauen Sie in die Zukunft? Glauben Sie, dass das Klima noch zu retten ist?

Bayr: Von der politischen Seite her stimmt mich die Zukunft eher sorgenvoll. Was mir auf der anderen Seite Hoffnung macht, ist sozusagen, dass was von unten passiert. Es gibt viele kleine Initiativen, die sich für den Umweltschutz engagieren. In der Bevölkerung könnte dann ein größeres Bewusstsein für dieses Thema entstehen, wenn es immer Menschen gibt, die vorangehen und sagen, dass sie etwas tun wollen. Sie zeigen, dass man nicht immer warten muss,  bis die Politik den Klimaschutz in Angriff nimmt. 

Letztendlich leben wir nämlich in einem gekoppelten System, also zwischen Regierungsebene und Bevölkerungsebene. Wenn mehr Druck von unten ensteht, dann wird sich auch die Regierung irgendwann anders verhalten. Und wenn sich die Bevölkerung klarer zu mehr Klimaschutz positioniert, dann wird auf Dauer auf politischer Ebene mehr passieren. Wir unterschätzen unsere eigene Wirksamkeit. Denn wir sind ja keine isolierten Wesen. 

Nachdem wir das interessante Gespräch mit Dr. Bayr geführt haben, ging es sofort weiter zur nächsten Station:

Prof. Dr. Hans von Storch hat eine sehr prägnante Meinung zum Klimageschehen. In Teilen der Öffentlichkeit wird er sogar als Klimawandelskeptiker bezeichnet. Wie er sich dazu und zum Klimawandel geäußert hat, erfahrt ihr hier:

Zurück in Passau haben wir uns nochmal intensiv Gedanken über den Klimawandel gemacht und dieses Fazit gezogen:

„WAS DER BISCHOF NICHT WEISS, MACHT DEN BISCHOF NICHT HEISS“

Kirche und Homosexualität klingt für viele wie ein Oxymoron – das eine schließt das andere aus. Doch nach dem Bundestagsbeschluss der Ehe für alle gibt es auch in der katholischen Kirche Bewegung und die Diskussion ist entfacht. Viele gleichgeschlechtliche christliche Paare wünschen sich eine Bestätigung ihrer Partnerschaft in Form einer Segensfeier. Offiziell sind diese nicht möglich. Noch nicht.

Kirchenglocken läuten. Die Gäste warten gespannt. Ein gut geputzter Wagen fährt vor. Die Kirchenbänke sind mit bunten Blumensträußen geschmückt. Der Bräutigam steht vor dem Altar. Orgelklänge. Ein Pfarrer predigt. Diese Bilder schießen einem in den Kopf, wenn man das Wort Hochzeit hört. Kirchliche Hochzeit. Auf diese musste Peter Hinze verzichten. Und das nur, weil er einen Mann heiratete.

Am 30. September 2017 gaben sich Peter Hinze und sein Partner Hubertus Pooth das Jawort im Standesamt. Aber eben nur im Standesamt. Geplant hatten die beiden, ihre Ehe auch in der Kirche zu feiern. Nicht, wie es Mann und Frau tun. Diese Möglichkeit einer Trauung besteht für gleichgeschlechtliche Paare nicht. Es sollte eher wie ein Besuch in der Kirche sein, an diesem besonderen Tag. „Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, bei der das Brautpaar von hinten in die Kirche einmarschiert und dann vorm Altar stehen bleibt“, so Hinze.

Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, das wollten wir gar nicht. Peter Hinze

Der Pfarrer der Gemeinde, Stefan Sühling, gilt eigentlich als sehr konservativ. Trotzdem erklärte er sich bereit, einen Gottesdienst für die beiden abzuhalten. Er wollte um den Segen Gottes bitten für Menschen in Beziehungen. Ganz allgemein. Wie eine Trauung sollte es nicht ablaufen. Aber er wollte sich dem Wunsch des Paares nicht verweigern.

Peter Hinze ist Bürgermeister von Emmerich. Ein Mann der Öffentlichkeit. Sonst wäre über seine Hochzeit wohl gar nicht berichtet worden. Doch genau dieser Bericht führte dazu, dass der geplante Wortgottesdienst zu seiner Hochzeit abgesagt wurde. Auslöser für den Widerspruch des Bischofs war eine irreführende Überschrift eines Artikels in der Weseler Ausgabe der Rheinischen Post. Der Autor betitelte die Ankündigung der Segensfeier mit „Vermählung“ statt mit „Wortgottesdienst“.

Aus dem Artikel ging klar hervor, dass es sich nicht um eine traditionelle kirchliche Hochzeit handeln sollte. Lediglich um einen Gottesdienst mit einer Segnung des Brautpaars. Trotzdem sah der Münsteraner Bischof Felix Genn die Gefahr, dass es zu einer Verwechslung mit dem heiligen Sakrament der Ehe kommen könnte. Das ist der Partnerschaft von Mann und Frau vorbehalten.

Drei Tage vor der geplanten Feier untersagte der Münsteraner Bischof den Gottesdienst. Er wollte nicht der erste Bischof sein, der das öffentlich zulässt. Segnungen für Autos, Tiere und Eier an Ostern werden jedoch ohne Zögern durchgeführt.

Der Bürgermeister selbst ist gar nicht so gläubig. „Mein Partner ist der katholischen Kirche zugewandter als ich, für ihn wollte ich das machen.“ Pooth wuchs neben einer Kirche auf. Sie war fester Bestandteil seines Lebens. Und sollte auch ein Teil des Beginns dieses neuen Lebensabschnittes sein. 

Immer wieder finden Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare statt. Wenn man sucht, findet man auch einen Pfarrer. Diese Feiern müssen jedoch eher verdeckt ablaufen. Sobald man sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt oder eben, wie Peter Hinze, in der Öffentlichkeit steht, gibt es Probleme. „Was der Bischof nicht weiß, macht den Bischof nicht heiß“, beschreibt Hinze die derzeitige Situation. Das Problem sei dabei nicht die Basis, also die Pfarrer in der katholischen Kirche, sondern das Bistum. Nur von oben könne sich eine Veränderung vollziehen.

Der Bürgermeister ist  selbst als Standesbeamter tätig. Seit die Ehe für Homosexuelle rechtlich möglich ist, hat er schon einige gleichgeschlechtliche Paare auf dem Papier getraut. „Keins dieser Paare äußerte im Vorgespräch den Wunsch, auch kirchlich zu heiraten. Wahrscheinlich, weil die meisten wissen, wie kritisch die Kirche dem gegenübersteht.“ Bald ist der Bürgermeister wieder  bei einer Haussegnung mit dabei. Häuser werden also gesegnet.

Stefan Diefenbach war Ordenspriester, als ihm klar wurde, dass er schwul ist. Heute ist er mit seinem Partner verheiratet und setzt sich dafür ein, dass Segensfeiern in der katholischen Kirche legitimiert werden. Er bedauert, dass der Bischof bei Hinze diesen Schritt gehen musste. Man müsse aber auch bedenken, dass Bischöfe nicht völlig autonom handeln können und auch sie den Anweisungen der Kirche folgen müssen. 

Thomas Schüller, Professor für katholisches Kirchenrecht, erklärt, dass es nie gut sei, wenn eine Praxis besteht, die versteckt abläuft. Es müsse eine offizielle Anordnung geben, wie mit Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren umgegangen werden soll, die sich eine Segensfeier wünschen. So eine klare Ordnung sei nötig, um Fälle wie den von Peter Hinze in Zukunft zu vermeiden.

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Homosexualität gilt in der katholischen Kirche für viele noch als Sünde. Im April 2016 veröffentlichte Papst Franziskus das Schreiben „Amoris laetitia“. Es behandelt die Themen Ehe und Familie. Auch über Homosexualität ist ein kurzer Absatz geschrieben. Dort heißt es, dass Homosexuellen mit Mitgefühl und Respekt begegnet werden soll und sie in keiner Weise zurückzusetzen sind. Im weiteren Verlauf heißt es jedoch, dass „eine respektvolle Begleitung zu gewährleisten ist, damit diejenigen, welche die homosexuelle Tendenz zeigen, die notwendigen Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen.“

Eine Paarbeziehung von Homosexuellen fällt somit für das Oberhaupt der katholischen Kirche weiterhin nicht unter den Willen Gottes. Das Ausleben von Sexualität ist in der katholischen Kirche nicht in Ordnung, wenn es nicht offen ist für das Leben. Also für die Zeugung von Nachkommen. Diese Bewertung von Homosexualität des kirchlichen Lehramts spricht zurzeit noch gegen die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Zuerst müsste diese Grundeinstellung geändert werden, bevor es zu weiteren Schritten kommen kann.

Der Papst räumte den nationalen Bischofskonferenzen allerdings auch mehr Spielräume ein, wenn es um die praktische Auslegung moralischer Normen auf dem Gebiet der Sexualität geht. Die westliche Welt kommt nach den Ergebnissen der modernen Humanwissenschaften zu einer positiveren Bewertung von Homosexualität als andere christliche Länder. Es kann also auch lokale Lösungen geben. Es sei an der Zeit, sagt Diefenbach.   

IST EINE ÖFFNUNG RECHTLICH ÜBERHAUPT MÖGLICH?

Auch das Kirchenrecht lässt Spielräume offen. Die Benediktionale, eine Liste des Vatikans, zeigt alle erlaubten Segenshandlungen auf. Von der Segnung des Adventskranzes bis zu der eines Flugzeuges. Eine Segnung für gleichgeschlechtliche Paare sieht die Benediktionale nicht vor. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht aber eine Ausnahme: Bischöfe seien bemächtigt, für entsprechende Anlässe eigene liturgische Normen zu erlassen. So könnten auch die geforderten Segensformulare erstellt werden. Nach Stefan Diefenbach muss es Bewegung geben, damit die Kirche nicht erstarrt.

Viele Gläubige sind dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Auch 70 Prozent der Katholiken sehen da kein Problem. In den anderen Konfessionen weicht die Meinung etwas ab.

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Das Bistum Osnabrück zeigt, dass ein Umdenken von den traditionellen Mustern möglich ist. Schon seit längerer Zeit wird hier über Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren diskutiert. Der stellvertretende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Franz Josef Bode, stellte sich im Januar 2018 erstmals gegen die bislang vorherrschende Haltung in der katholischen Kirche. Man müsse sehen, dass es auch solche Paare gibt, die kommen und sich den Segen wünschen, die ein Interesse an der Kirche haben. Es gehe nicht, dass ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen werde. Man müsse in diesem Feld weiterdenken und es müsse endlich eine Entwicklung geben.

Bruder Thomas Abrell ist im Bistum Osnabrück verantwortlich für Fragen rund um das Thema Homosexualität in der Kirche. Der Franziskaner ist Bildungsreferent im Haus Ohrbeck und leitet den Arbeitskreis „Kreuz und queer“. Bereits vor fünf Jahren hatte Bischof Bode ihn gebeten diese Aufgabe zu übernehmen. Von da an wurde in Osnabrück an der Akzeptanz von homosexuellen Katholiken gearbeitet. Auch bei Mitarbeitern des Bistums sei es kein Problem, wenn diese offen homosexuell leben.

Trotz der Offenheit Bodes sind Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare auch in Osnabrück noch nicht offiziell erlaubt. Ohne Konsens in der Bischofskonferenz ist das fast nicht möglich. Aber hier im Bistum brauchen sich die Paare nicht mehr verstecken. Sie müssen keine Angst haben, dass der Bischof ihre Feier untersagt. Das sei im Bistum Osnabrück noch nie vorgekommen. Bruder Thomas selbst, führte letzten Sommer seine erste Segensfeier für ein homosexuelles Paar durch. Für ihn war das überhaupt kein Konflikt mit seinem Glauben. Auch der Bischof wusste von der Feier. Und auch sonst sind solche Segnungen nicht mehr der Einzelfall.

In anderen Bistümern müssen Segnungsfeiern teilweise sogar unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, um nicht die Aufmerksamkeit eines Bischofs zu gewinnen. Aber sie finden statt. Die Praxis ist da. Und das schon seit längerer Zeit. Aber eben nicht offiziell. So gibt es noch keine allgemeine Regelung, jedes Bistum hat da seine eigene. Von daher sei es schwierig zu sagen, wie viele Bischöfe wirklich dafür sind, meint Bruder Thomas. Es seien aber mehrere, die von Segnungsfeiern in ihrem Bistum wissen und diese dulden.

Auch in den einzelnen Gemeinden sind eine liberalere und eine konservative Linie erkennbar. Wie auch in anderen umstrittenen Punkten in der katholischen Kirche. Ein Teil beharrt auf die traditionelle christliche Weltsicht und damit auf ein traditionelles Familienbild. Andere wünschen sich einen Fortschritt und die Akzeptanz von alternativen Lebensmodellen. 

Laut Bruder Thomas gehen viele Menschen immer noch davon aus, dass man Homosexualität erlernen kann oder dass es eine Krankheit ist. Nach diesen alten Klischees wäre Homosexualität etwas Widernatürliches. Der heutige Stand der Humanwissenschaften belegt jedoch, dass es dabei um Veranlagung geht. Und was zur Veranlagung gehört, gehört auch zum Menschsein dazu. In der Kirche gilt Homosexualität für viele noch als Sünde. Auch hier denkt das Bistum Osnabrück schon weiter.

Aufklärung sei hier der Schlüssel zur Veränderung. Bode habe gemerkt, dass dort Menschen sind, die auf der Suche sind und mit einem Wunsch an die Kirche herantreten. Entsprechend müsse mit den Menschen auch umgegangen werden. Für seinen Vorstoß bekam Bode viele Reaktionen aus aller Welt. Und zwar überwiegend positive.

Trotzdem ist es noch ein langer Weg bis zur allgemeinen Akzeptanz von Homosexualität in der Kirche. Osnabrück ist da erst der Anfang. Selbst wenn ganz Deutschland nachzieht, wäre das auch nur ein Sprachraum. In einem Großteil der Welt werden Homosexuelle noch verfolgt. Der Papst ermutigt aber dazu, Fragestellungen, die nicht gesamtkirchlich geklärt werden können, vor Ort zu klären. Osnabrück ist nur der Anfang. Vielleicht merken so die anderen Bistümer: Es tut ja gar nicht weh.

Homosexuelle müssten in der Kirche so manchen Schlag zurückstecken, meint Diefenbach. Ein Austritt ist für ihn dennoch keine Option.

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IN WELCHEN LÄNDERN IST DIE EHE FÜR ALLE MÖGLICH?

Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle auch in Deutschland. Wie viele gleichgeschlechtliche Paare sich seit dem 01. Oktober 2017 standesamtlich trauen ließen, zeigt eine bundesweite Umfrage der deutschen Presseagentur bei Standesämtern. Insgesamt ließen sich mehr als 10.000 homosexuelle Paare verheiraten. Ein großer Teil davon waren Umwandlungen von eingetragenen Lebenspartnerschaften.

 DIE BELIEBTESTEN STÄDTE FÜR DIE EHE FÜR ALLE

Einige Standesämter erheben gleichgeschlechtliche Ehen nicht gesondert. Ehe für alle hieße gleiches Recht für alle. Somit werden auch auf dem Papier keine Unterschiede gemacht. Eine detaillierte Erhebung des statistischen Bundesamtes wird voraussichtlich Mitte des Jahres 2019 veröffentlicht.

Bei der Abstimmung im Bundestag am 30. Juni 2017 stimmten auch einige katholische Abgeordnete für das Gesetz der Ehe für alle. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) spricht sich offen für die Einführung von klaren Regelungen für Segensfeiern gleichgeschlechtlicher Paare aus. Auch Mitglieder der Laienorganisation stimmten bei der Abstimmung mit „Ja“. Von den insgesamt 393 Befürwortern sitzen fünf auch im ZdK. Drei der ZdK-Mitglieder stimmten mit „Nein“.

 

Maria Böhmer (CDU) ist Mitglied des Bundestags und des Zentralkomitees deutscher Katholiken. Sie stimmte während der Abstimmung am 30. Juni 2017 mit ‚Ja‘ für die Ehe für alle.  In einer öffentlichen Erklärung nahm sie Stellung zu ihrer Entscheidung.

Seit knapp einem Jahr ist die „Ehe für alle“ politische Realität. Nun müssen die Kirchen eine Lösung finden, um die Paare auch theologisch und liturgisch zu unterstützen.

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Die evangelische Kirche geht mit Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare deutlich offener um. In einem Großteil der Landeskirchen können Schwule und Lesben ihre Partnerschaft öffentlich im Gottesdienst segnen lassen. Diese Feiern laufen genauso ab, wie Trauungen heterosexueller Paare. Nur die Bezeichnung ist anders. Im April 2018 veröffentlichte die Landeskirche Hessen und Nassau ein neues Kirchengesetz, nach welchem auch die Bezeichnung angepasst wird. Es gibt somit keinerlei Unterschiede zwischen Trauungen homosexueller und heterosexueller Paare mehr.

In der evangelischen Kirche Hessen und Nassau sind gleichberechtigte Trauungen von homosexuellen Paaren möglich. Diese machen ungefähr 25-30 Trauungen von mehr als 5000 traditionellen Trauungen aus.

MEIN REICH KOMME

„Zwei Meter hoher Zaun, Mauer rundherum. Zwanzig Meter freie Fläche bis zum Haus. Wir konnten seine Frau vor der Tür in ein Gespräch verwickeln. Doch dann hörten wir, wie jemand über die Gegensprechanlage zuhört. Durch die Ablenkung der Frau konnte das SEK den Offizier festnehmen.“, erzählt ein Kommissariatsleiter vom „Polizeilichen Staatsschutz“. Der Offizier war und ist es wahrscheinlich bis heute: ein Reichsbürger. Das ist kein Einzelfall – oft neigen Personen, die im Beruf eine hohe Position innehatten, im Alter dazu, sich der Reichsbürgerbewegung anzuschließen.

Doch welche Persönlichkeiten verbergen sich hinter den Reichsbürgern? Welche Gründe bewegen die Menschen dazu, sich einem solchen Milieu anzuschließen? Besteht eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft?
Experten, wie Politikwissenschaftler Jan Rathje oder Bildungsreferentin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung, teilen die Reichsbürger in vier Gruppen auf:



Rechtsextreme sind der Auffassung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich immer noch existiert. Als Anhänger können die Sozialistische Reichspartei und Teile der NPD gesehen werden.


Auch Reichsbürger sind der Meinung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich weiterhin existiert. Sie gründen zum Beispiel Kommissarische Reichsregierungen, um ihr eigenes Reich führen zu können.


Die Selbstverwalter gehen ebenfalls davon aus, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist. Als Beispiel können hier die Germanitier herangeführt werden. Zudem gibt es sogenannte „Freie Gemeinden“, die sich selbst verwalten. Nach außen hin vermitteln die Anhänger oft das Bild von einem harmonischen Zusammenleben mit Familien in der Natur. Diese Splittergruppen wirken auf den ersten Blick sehr modern – auf den zweiten erkennt man aber oft antisemitisches Gedankengut.


Souveränitätsfordernde glauben, dass die BRD kein legitimer Staat ist. Zu den Anhängern zählt das COMPACT Magazin, Teile der AfD und Pegida und Xavier Naidoo, der 2014 vor dem Reichstag in Berlin bei einer Reichsbürger-Veranstaltung auftrat.

WO HAT DIE REICHSBÜRGERBEWEGUNG IHREN URSPRUNG?

Inzwischen leben laut Verfassungsschutz 18.400 Reichsbürger in Deutschland, 900 davon sind rechtsextrem.

Die verschworene Gemeinschaft ist äußerst heterogen und nicht einheitlich organisiert. Der rechtsextreme Teil besteht seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945. Dieses Submilieu geht fest davon aus, dass das Deutsche Reich immer noch existiert.

Der bekennende Neonazi und Holocaustleugner Manfred Roeder verlieh sich 1974 den Titel „Reichsverweser“ und wurde somit erster Reichsbürger. Wolfgang Günter Ebel trieb die Bewegung voran und leitete 1985 die erste „Kommissarische Reichsregierung“ unter der Weimarer Verfassung. Er verkaufte selbstgedruckte Dokumente und Ausweise und ging das erste Mal gegen die Bundesrepublik juristisch vor. Danach bildeten sich viele verschiedene Reiche und Gruppen wie die „Germanitien“, das „DHPW“ – das Deutsche „Polizei-Hilfswerk“ – oder das „Deutsche Königreich“.

  • Peter Fitzek: König des "Königreichs Deutschland" (Quelle: YouTube)
  • Germanitien: Fantasiestaat in Baden-Württemberg (Quelle: YouTube)
  • Burghard Bangert: "Nazi-Druide" (Quelle: YouTube)
  • Wolfgang Günter Ebel: erster Leiter einer "Kommissarischen Reichsregierung" (Quelle: YouTube)

Die zweite große Gruppe, die „Selbstverwalter“, tritt aus der Bundesrepublik Deutschland aus und markiert ihre Hoheitsgebiete durch bunte Linien auf Fahrbahnen, Grundstücksgrenzen oder Fantasieflaggen mit Familienwappen.

Ich will doch keine Steuern an ein Land ohne Verfassung zahlen. Ich bin ein Mensch und kein Sklave!

sagt ein Reichsbürger zu Tobias Ginsburg, der undercover für ein halbes Jahr in die Reichsbürgerbewegung abgetaucht ist („Die Reise ins Reich“, Tobias Ginsburg). 

Sie zahlen keine Steuern, geben ihren Personalausweis ab und überschütten die Behörden mit Massen an Briefen und Faxen. In einer Sache sind sich aber alle Teilgruppen einig: „Eine fremde Macht beherrscht Deutschland und zieht im Hintergrund die Fäden.“

Völkischer Nationalismus wird bei Reichsbürgern großgeschrieben. Sie gehen von einer widerspruchsfreien homogenen Gemeinschaft aus, in der sie in ihrer Rolle völlig aufgehen können. Dabei sind sie in ihren Vorstellungen äußerst rückwärtsgewandt. Expertin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung meint damit, dass diese extrem konservativ, zum Teil auch mit einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit, sind. „Sie beziehen sich auf etwas, das es so nie gegeben hat, anstatt sich mit dem auseinander zu setzen, was ist, um es dann besser zu machen“, sagt Hermann. Reichsbürger setzen auf Autorität. Ein hierarchisches System, klare Strukturen und Führung sind wichtig. Angst und Hass gegen Pluralismus ist dabei ihr ständiger Begleiter.

WAS KENNZEICHNET EINEN TYPISCHEN REICHSBÜRGER? 

Mitte 50 – Tendenz steigend, alleinstehend, möglicherweise arbeitslos. Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil bezeichnet das als „Radikalisierung der zweiten Lebenshälfte“. Wenn man sich allerdings YouTube-Blogs anschaut, merkt man schnell, dass das Milieu auch junge Anhänger hat, die offen gegen die Bundesrepublik Deutschland hetzen. Ein verzerrtes Bild könne entstehen, da der Verfassungsschutz und andere staatliche Behörden „durch die Scheuklappen“ allein die strafrechtlichen Handlungen beobachten und daran das Alter messen, vermutet Politikwissenschaftler Rathje. „Wenn man das Milieu dann etwas größer fasst und die Esoterik dazuzählt, finden das auch jüngere Menschen interessant“, meint auch Expertin Hermann.

  • Stephanie Schulz: rechtsextreme Internetaktivistin (Quelle: YouTube)
  • Monika Unger: östereichische Reichsbürgerin (Quelle: YouTube)

Vater-Sohn-, Mann-Frau-Beziehungen oder komplette Familien sind keine Einzelfälle. Frauen sind außerdem im Gegensatz zu anderen rechten Gruppen überproportional bei Straftaten vertreten. Sie machen 20 bis 30 Prozent aus und haben, anders als man erwartet, oftmals eine starke Position in ihrer Gruppe. Mütter spielen immer zentrale Rollen und werden als sehr wichtig angesehen. Sie beschweren sich zum Beispiel in Videoblogs darüber, dass ihre Kinder in der Schule zu früh sexualisiert werden und ihnen im Geschichtsunterricht Unwahrheiten über einen angeblichen Friedensvertrag und die Grenzen von Deutschland erzählt werden. Dass die Sprache gegendert wird und dass es mehr als zwei Geschlechter geben soll, möchte kein Reichsbürger an seine Kinder weitergeben.

WIESO SCHLIEßT MAN SICH DEM MILIEU AN?

Viele Anhänger der Reichsbürger haben ein „schwaches Ich“, sagt Kriminalpsychologe Keil. In der normalen Gesellschaft fällt es ihnen schwer, Halt zu finden oder Anerkennung zu bekommen. Im Milieu wird den Menschen eine wichtige Position zugeschrieben – sie werden gebraucht. Oft treibt sie aber auch eine finanzielle Notlage in die Gemeinschaft. Sie erhoffen sich, dass Lösungen für ihre Probleme gefunden werden. Schnell steht der Sündenbock für ihre missliche Lage fest: der Staat. Keil beschreibt die Szene deshalb auch als Selbsthilfegruppe oder Sekte: „Oben ist ein Guru, unten sind seine Follower.“

Ein Grund für den Anschluss kann aber auch ein Vorruhestand sein. Betroffene fühlten sich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht und wertgeschätzt. Womöglich hatten sie eine wichtige Aufgabe, die sie nun nicht mehr ausführen dürfen.

GIBT ES MACHTKÄMPFE ZWISCHEN DEN GRUPPIERUNGEN? 

Um alleine herrschen zu können, sprechen sie sich gegenseitig die Legitimation ab. Könige, Reichskanzler und Kaiser beanspruchen Deutschland, oder zumindest Teile davon, für sich.  Es kommt sogar so weit, dass sie sich als Verräter bezeichnen, sich Hochverratsvorwürfe machen und Todesurteile aussprechen.

Selbstverwalter dagegen haben kein Problem damit, einander zu helfen. Diese Beobachtung konnte man 2016 bei der Zusammenrottung von Adrian Ursaches Gesinnungsgenossen beobachten. Er gründete auf dem Grundstück seiner Schwiegereltern den Fantasiestaat „Ur“. Da er mehreren Gläubigern Geld in Höhe von 150.000 Euro schuldete, sollte das Haus zwangsversteigert werden. Daraufhin wurde er von vielen Sympathisanten durch Demonstrationen vor einer Zwangsräumung geschützt. Selbstverwalter verabreden sich in solchen Fällen oft über das Internet und WhatsApp-Gruppen oder veranstalten Treffen wie Stammtische in Gasthäusern. Das SEK räumte trotzdem das Haus, wobei es zu Schüssen zwischen Ursache und der Polizei kam. Der Reichsbürger wurde schwer verletzt, aber überlebte.

WELCHE ROLLE SPIELEN VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN BEI DEN REICHSBÜRGERN?

Das Milieu möchte Ressentiments und Affekte ausleben. Es geht darum, einen Sündenbock zu finden. Reichsbürger sind davon überzeugt, dass ausschließlich das absolut Böse an allem schuld sei. Exemplarisch hierfür ist ein Vorfall in Balem bei Berlin: An der U-Bahnstation bieten Bänke Sitzmöglichkeiten für wartende Passanten. Es sind keine normalen Stühle, wie man sie kennt, sondern modellierte Menschen mit sichtbaren Genitalien. Eine „freie Gemeinde“ der Reichsbürger sieht hinter diesem Kunstprojekt einen Plan der jüdischen Weltverschwörung. Angeblich würden die Kinder so früh sexualisiert werden. Das Ziel der Juden sei, am Untergang des Landes zu arbeiten und das deutsche Volk zu vernichten. Horst Mahler, ein bekennender Holocaustleugner und Reichsbürger-Anhänger, sagt ebenfalls, dass die jüdische Weltverschwörung wahr sei.

WARUM SIND REICHSBÜRGER ESOTERISCH? 

Esoterik und Reichsbürgerei haben durchaus Überschneidungen, denn beide behandeln Weltverschwörungsideologien und versprechen Heilung und Macht. Ginsburg traf einen Reichsbürger, der behauptete:

Ich war schon oft tot, habe die materielle Ebene verlassen, ich kenne die Struktur des Universums.

„Reichskanzler“ Norbert Schittke betreibt gerne Werbung für sein Reich an keltischen Steinkreisen auf Esoterik-Veranstaltungen. Burkhard Bangert, bekennender „Nazi-Druide“, glaubt, Nachfahre Merlins zu sein und feierte an einem keltischen Steinkreis in Bischofsheim an der Rhön regelmäßig Feste. Peter Fitzek hatte vor seinem Königdasein einen Esoterik-Bedarfsladen. Er geht davon aus, dass er Kontakt zu Engeln und anderen höheren Wesen hat. Dadurch soll er eine andere Form der Erleuchtung haben und deshalb eine gute Führerfigur für seine Anhängerschaft sein.

WIE IST DIE PSYCHOLOGISCHE SICHT AUF REICHSBÜRGER?

Die Psyche spielt bei vielen Reichsbürgern eine ausschlaggebende Rolle.

Meine Familie, meine Freunde und Bekannten sind alle hirngewaschen und kaputt, völlig kaputt, machen sich über mich lustig und nennen mich einen Verschwörungstheoretiker.

sagte ein Reichsbürger zu Ginsburg. Diskussionen seien zwecklos, die Anhänger dagegen resistent. Kriminalpsychologe Keil erklärt sich dieses Phänomen so, dass viele unter Größen-, Verfolgungswahn oder Narzissmus leiden. Oft haben die Betroffenen schon vor dem Anschluss Depressionen, die sich sich durch das eingeschränkte Weltbild der Reichsbürgerideologie weiterentwickeln. Auch Demenz kann dafür verantwortlich sein, dass ein Wahn erst gegen Lebensende entsteht. Keil sagt, dass man dies Erkrankten erst therapieren müsste, um sie aus diesem Milieu zu ziehen.

Der Kriminalpsychologe behauptet, dass bei Führerpersonen, wie Königen oder Kanzlern, sich der Prozess des Wahns aufschaukele. Die Realitätseinsicht des Anführers sei irgendwann so getrübt, dass er sein Umfeld nur noch mit seinen selbst konstruierten Vorstellungen wahrnehme.

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WELCHE GEFAHR GEHT VON DEN REICHSBÜRGERN AUS? 

Heute geht die Mehrzahl der Experten davon aus, dass die Reichsbürgerideologie nicht nur antidemokratisch, sondern in ihrem Kern auch antisemitisch ist. Der Repressionsdruck auf die Reichsbürger wächst seit den Vorfällen 2016 in Georgensgmünd und Adrian Ursache immer mehr. Lange Zeit wurde die Gefährlichkeit der Reichsbürger von Behörden, wie Polizei und Verfassungsschutz, unterschätzt. Vor allem in Bayern schenkte man dem Milieu nahezu keine Aufmerksamkeit, was sich in den Zahlen bemerkbar macht – Bayern verzeichnet nach dem Verfassungsschutz am meisten Reichsbürger. Erst nach dem Polizistenmord in Georgensgmünd wurde eine zuständige Abteilung für Reichsbürger in Oberfranken erschlossen.

Kriminalkommissar Achim Dowerg stuft sie als verfassungsfeindlich Extremisten ein. 98 bis 99 Prozent der Reichsbürger sind laut Polizei verbal aggressiv und versuchen, Behörden mit ihren Schriftstücken lahmzulegen. Diese würden häufig gezielt in ihrer Arbeit gehindert und von den Bürgern dann als „nicht effizient und versagend“ wahrgenommen, sagt Kriminalpsychologe Keil.

Was zusätzlich beunruhigt: zehn Prozent aller Reichsbürger sind im Besitz legaler Waffen. Im Vergleich: „Nur drei bis vier Prozent der normalen Bevölkerung sind Waffenbesitzer“, sagt der Verfassungsschutz. Das liege daran, dass im ländlicheren Raum, wo es die meisten Reichsbürger gibt, mehr Waffenbesitzer wohnen als in der Stadt. Die zusätzliche Bewaffnung vieler Reichsbürger stelle eine ernsthafte Bedrohung dar, meint Kriminalhauptkommissar Dowerg.

„Wir entdeckten eine geladene Jagdbüchse neben dem Schlafzimmerfenster und einen Revolver in der Sockenkiste. Wir waren froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist, als wenn wir im Morgengrauen gekommen wären und der Offizier das Feuer aus dem Schlafzimmerfenster eröffnet hätte. Das sind so Momente, wo es prickelt: „Gott sei Dank, gut gegangen.“ Dieser Reichsbürger-Fall wird dem Kommissariatsleiter immer in Erinnerung bleiben.

EINE ANGEHÖRIGE ERZÄHLT

Hier kommst du zurück zur Geschichte über Shinchonji.