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ALTERNATIVES KLIMA

Gibt es den Klimawandel überhaupt? Und wenn ja, welchen Einfluss hat der Mensch auf das Klima? Es herrschen viele Meinungen zum Klimawandel. Die einen bezeichnen ihn als größte Herausforderung der Menschheit des 21. Jahrhunderts, die anderen als reines Naturphänomen, auf das der Mensch keinen Einfluss hat.

Was stimmt denn nun?

Wir wollten es ganz genau wissen und haben uns auf Recherchereise in den Norden Deutschlands begeben. Dabei haben wir zwei Experten getroffen, die verschiedene Ansichten zum Klimawandel haben.

Zuerst machten wir hier Halt:

Mit Dr. Tobias Bayr haben wir folgendes besprochen:

Summer School: Herr Bayr, Sie sind Meteorologe am renommierten Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Ihr Fachgebiet sind natürliche und menschenverursachte Klimaschwankungen. Deshalb eine einfache Frage: Hat der Mensch wirklich Einfluss auf das Klima oder ist die derzeitige Erwärmung nur ein Naturphänomen?

Dr. Tobias Bayr:  Die Erde hat sich in den letzten 150 Jahren sehr stark erwärmt. Und dafür sind wir Menschen verantwortlich. Und die menschengemachten Treibhausgasemissionen sind für diese Entwicklung verantwortlich. Dazu muss man nur den Bericht des internationalen Klimarats (IPCC) lesen. Es gibt natürliche Schwankungen. Diese gab es schon immer. Aber der Mensch verstärkt diese und macht sie so extremer.

Das kann man sich wie das Zinken eines Würfels vorstellen. So ein heißer Sommer, wie wir ihn jetzt hatten, ist die sechs auf einem Würfel. Durch die Erderhitzung ist der Würfel so gezinkt, dass die sechs häufiger kommt. Und wenn man dann würfelt und die sechs kommt, weiß man nicht, ob dies aufgrund normaler statistischer Werte aufgetreten ist oder ob das Zinken des Würfels dazu geführt hat. Aber schlussendlich wird die sechs häufiger gewürfelt.

Summer School: Bräuchte es nicht eine neue Wirtschaftsordnung gegen den Klimawandel? 

Bayr: Ja, da gibt es auch schon ganz gute Ansätze. Teilweise schon umgesetzt wird der „Cradle-to-Cradle-Ansatz“. Das bedeutet übersetzt: „von der Wiege zur Wiege“. Damit ist gemeint, dass man Produkte so designed, dass man sich schon beim Herstellen die Frage stellt: Wie kann ich das Material am Ende wiederverwerten?

Da gibt es ein schönes Beispiel aus der Natur. Oft wird gesagt, dass wir zu viele Menschen auf der Erde sind und dass wir deshalb diese Naturprobleme haben. Wenn man aber alle Ameisen dieser Welt auf eine Waage packt und daneben alle Menschen auf eine andere Waage, wiegen Ameisen viel mehr als wir – und Ameisen machen überhaupt keine Umweltprobleme.

Das liegt daran, dass die in Kreisläufen arbeiten. Wir tun das nicht. Wenn wir in Kreisläufen arbeiten würden, vergleichbar mit dem „Cradle-to-Cradle-Ansatz“, wären  sieben bis neun Milliarden Menschen kein Problem für die Erde.

Summer School: 2015 beschlossen 195 Staaten das Pariser Klimaabkommen. Dieses gilt als historisch bedeutsam im Kampf gegen die Erderwärmung. Wie stehen Sie dazu und glauben Sie, dass es ein gutes Werkzeug ist, um das Klima zu retten?

Bayr: Es ist auf jeden Fall schon mal super, dass 195 Staaten sich bei diesem Thema einig geworden sind. Das ist auf jeden Fall wegweisen, da es ein klares Signal an die Welt gesetzt hat. Und trotzdem ist es wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass Paris allein nicht automatisch zu mehr Klimaschutz führt. Letztendlich müssen die Ziele, die im Abkommen vereinbart wurden, auch umgesetzt werden. Und da sehe ich das große Problem.

Um es bildlich zu beschreiben: Man kann sich unser Klima wie einen großen Tanker vorstellen. Tanker deswegen, weil diese super träge sind. Wenn so ein Tanker erstmal so richtig in Fahrt ist, braucht er sehr sehr lange, um zum Stillstand zu kommen. Im Moment ist es so, dass wir diesen Tanker immer weiter beschleunigen. Wir wissen aber genau, dass wir genau auf ein Feld aus Eisbergen zufährt. Und 195 Leute alias Staaten stehen auf der Brücke und haben jetzt mit dem Pariser Abkommen folgendes bemerkt: „Ja, es könnte durchaus gefährlich werden, wenn man mit Vollgas durch dieses Eisbergfeld fährt. Lasst uns mal beschließen, dass wir nicht weiter beschleunigen.“ Das ist das Pariser Abkommen.

Summer School: Ist das Ziel des Pariser Abkommens, die Erde bis 2100 auf 1,5 beziehungsweise zwei Grad zu begrenzen, realistisch? 

Bayr: Bei dem 1,5-Grad-Ziel gab es vor kurzen eine Studie, die besagt, dass das 1,5-Grad-Ziel eigentlich utopisch ist. Das können wir nicht mehr einhalten. Vor allem nicht mit dem aktuellen US-Präsidenten. Das Zwei-Grad-Ziel ist noch möglich, aber dafür sind die nächsten 10-20 Jahre entscheidend. 

Summer School: Wie schauen Sie in die Zukunft? Glauben Sie, dass das Klima noch zu retten ist?

Bayr: Von der politischen Seite her stimmt mich die Zukunft eher sorgenvoll. Was mir auf der anderen Seite Hoffnung macht, ist sozusagen, dass was von unten passiert. Es gibt viele kleine Initiativen, die sich für den Umweltschutz engagieren. In der Bevölkerung könnte dann ein größeres Bewusstsein für dieses Thema entstehen, wenn es immer Menschen gibt, die vorangehen und sagen, dass sie etwas tun wollen. Sie zeigen, dass man nicht immer warten muss,  bis die Politik den Klimaschutz in Angriff nimmt. 

Letztendlich leben wir nämlich in einem gekoppelten System, also zwischen Regierungsebene und Bevölkerungsebene. Wenn mehr Druck von unten ensteht, dann wird sich auch die Regierung irgendwann anders verhalten. Und wenn sich die Bevölkerung klarer zu mehr Klimaschutz positioniert, dann wird auf Dauer auf politischer Ebene mehr passieren. Wir unterschätzen unsere eigene Wirksamkeit. Denn wir sind ja keine isolierten Wesen. 

Nachdem wir das interessante Gespräch mit Dr. Bayr geführt haben, ging es sofort weiter zur nächsten Station:

Prof. Dr. Hans von Storch hat eine sehr prägnante Meinung zum Klimageschehen. In Teilen der Öffentlichkeit wird er sogar als Klimawandelskeptiker bezeichnet. Wie er sich dazu und zum Klimawandel geäußert hat, erfahrt ihr hier:

Zurück in Passau haben wir uns nochmal intensiv Gedanken über den Klimawandel gemacht und dieses Fazit gezogen:

„WAS DER BISCHOF NICHT WEISS, MACHT DEN BISCHOF NICHT HEISS“

Kirche und Homosexualität klingt für viele wie ein Oxymoron – das eine schließt das andere aus. Doch nach dem Bundestagsbeschluss der Ehe für alle gibt es auch in der katholischen Kirche Bewegung und die Diskussion ist entfacht. Viele gleichgeschlechtliche christliche Paare wünschen sich eine Bestätigung ihrer Partnerschaft in Form einer Segensfeier. Offiziell sind diese nicht möglich. Noch nicht.

Kirchenglocken läuten. Die Gäste warten gespannt. Ein gut geputzter Wagen fährt vor. Die Kirchenbänke sind mit bunten Blumensträußen geschmückt. Der Bräutigam steht vor dem Altar. Orgelklänge. Ein Pfarrer predigt. Diese Bilder schießen einem in den Kopf, wenn man das Wort Hochzeit hört. Kirchliche Hochzeit. Auf diese musste Peter Hinze verzichten. Und das nur, weil er einen Mann heiratete.

Am 30. September 2017 gaben sich Peter Hinze und sein Partner Hubertus Pooth das Jawort im Standesamt. Aber eben nur im Standesamt. Geplant hatten die beiden, ihre Ehe auch in der Kirche zu feiern. Nicht, wie es Mann und Frau tun. Diese Möglichkeit einer Trauung besteht für gleichgeschlechtliche Paare nicht. Es sollte eher wie ein Besuch in der Kirche sein, an diesem besonderen Tag. „Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, bei der das Brautpaar von hinten in die Kirche einmarschiert und dann vorm Altar stehen bleibt“, so Hinze.

Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, das wollten wir gar nicht. Peter Hinze

Der Pfarrer der Gemeinde, Stefan Sühling, gilt eigentlich als sehr konservativ. Trotzdem erklärte er sich bereit, einen Gottesdienst für die beiden abzuhalten. Er wollte um den Segen Gottes bitten für Menschen in Beziehungen. Ganz allgemein. Wie eine Trauung sollte es nicht ablaufen. Aber er wollte sich dem Wunsch des Paares nicht verweigern.

Peter Hinze ist Bürgermeister von Emmerich. Ein Mann der Öffentlichkeit. Sonst wäre über seine Hochzeit wohl gar nicht berichtet worden. Doch genau dieser Bericht führte dazu, dass der geplante Wortgottesdienst zu seiner Hochzeit abgesagt wurde. Auslöser für den Widerspruch des Bischofs war eine irreführende Überschrift eines Artikels in der Weseler Ausgabe der Rheinischen Post. Der Autor betitelte die Ankündigung der Segensfeier mit „Vermählung“ statt mit „Wortgottesdienst“.

Aus dem Artikel ging klar hervor, dass es sich nicht um eine traditionelle kirchliche Hochzeit handeln sollte. Lediglich um einen Gottesdienst mit einer Segnung des Brautpaars. Trotzdem sah der Münsteraner Bischof Felix Genn die Gefahr, dass es zu einer Verwechslung mit dem heiligen Sakrament der Ehe kommen könnte. Das ist der Partnerschaft von Mann und Frau vorbehalten.

Drei Tage vor der geplanten Feier untersagte der Münsteraner Bischof den Gottesdienst. Er wollte nicht der erste Bischof sein, der das öffentlich zulässt. Segnungen für Autos, Tiere und Eier an Ostern werden jedoch ohne Zögern durchgeführt.

Der Bürgermeister selbst ist gar nicht so gläubig. „Mein Partner ist der katholischen Kirche zugewandter als ich, für ihn wollte ich das machen.“ Pooth wuchs neben einer Kirche auf. Sie war fester Bestandteil seines Lebens. Und sollte auch ein Teil des Beginns dieses neuen Lebensabschnittes sein. 

Immer wieder finden Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare statt. Wenn man sucht, findet man auch einen Pfarrer. Diese Feiern müssen jedoch eher verdeckt ablaufen. Sobald man sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt oder eben, wie Peter Hinze, in der Öffentlichkeit steht, gibt es Probleme. „Was der Bischof nicht weiß, macht den Bischof nicht heiß“, beschreibt Hinze die derzeitige Situation. Das Problem sei dabei nicht die Basis, also die Pfarrer in der katholischen Kirche, sondern das Bistum. Nur von oben könne sich eine Veränderung vollziehen.

Der Bürgermeister ist  selbst als Standesbeamter tätig. Seit die Ehe für Homosexuelle rechtlich möglich ist, hat er schon einige gleichgeschlechtliche Paare auf dem Papier getraut. „Keins dieser Paare äußerte im Vorgespräch den Wunsch, auch kirchlich zu heiraten. Wahrscheinlich, weil die meisten wissen, wie kritisch die Kirche dem gegenübersteht.“ Bald ist der Bürgermeister wieder  bei einer Haussegnung mit dabei. Häuser werden also gesegnet.

Stefan Diefenbach war Ordenspriester, als ihm klar wurde, dass er schwul ist. Heute ist er mit seinem Partner verheiratet und setzt sich dafür ein, dass Segensfeiern in der katholischen Kirche legitimiert werden. Er bedauert, dass der Bischof bei Hinze diesen Schritt gehen musste. Man müsse aber auch bedenken, dass Bischöfe nicht völlig autonom handeln können und auch sie den Anweisungen der Kirche folgen müssen. 

Thomas Schüller, Professor für katholisches Kirchenrecht, erklärt, dass es nie gut sei, wenn eine Praxis besteht, die versteckt abläuft. Es müsse eine offizielle Anordnung geben, wie mit Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren umgegangen werden soll, die sich eine Segensfeier wünschen. So eine klare Ordnung sei nötig, um Fälle wie den von Peter Hinze in Zukunft zu vermeiden.

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Homosexualität gilt in der katholischen Kirche für viele noch als Sünde. Im April 2016 veröffentlichte Papst Franziskus das Schreiben „Amoris laetitia“. Es behandelt die Themen Ehe und Familie. Auch über Homosexualität ist ein kurzer Absatz geschrieben. Dort heißt es, dass Homosexuellen mit Mitgefühl und Respekt begegnet werden soll und sie in keiner Weise zurückzusetzen sind. Im weiteren Verlauf heißt es jedoch, dass „eine respektvolle Begleitung zu gewährleisten ist, damit diejenigen, welche die homosexuelle Tendenz zeigen, die notwendigen Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen.“

Eine Paarbeziehung von Homosexuellen fällt somit für das Oberhaupt der katholischen Kirche weiterhin nicht unter den Willen Gottes. Das Ausleben von Sexualität ist in der katholischen Kirche nicht in Ordnung, wenn es nicht offen ist für das Leben. Also für die Zeugung von Nachkommen. Diese Bewertung von Homosexualität des kirchlichen Lehramts spricht zurzeit noch gegen die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Zuerst müsste diese Grundeinstellung geändert werden, bevor es zu weiteren Schritten kommen kann.

Der Papst räumte den nationalen Bischofskonferenzen allerdings auch mehr Spielräume ein, wenn es um die praktische Auslegung moralischer Normen auf dem Gebiet der Sexualität geht. Die westliche Welt kommt nach den Ergebnissen der modernen Humanwissenschaften zu einer positiveren Bewertung von Homosexualität als andere christliche Länder. Es kann also auch lokale Lösungen geben. Es sei an der Zeit, sagt Diefenbach.   

IST EINE ÖFFNUNG RECHTLICH ÜBERHAUPT MÖGLICH?

Auch das Kirchenrecht lässt Spielräume offen. Die Benediktionale, eine Liste des Vatikans, zeigt alle erlaubten Segenshandlungen auf. Von der Segnung des Adventskranzes bis zu der eines Flugzeuges. Eine Segnung für gleichgeschlechtliche Paare sieht die Benediktionale nicht vor. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht aber eine Ausnahme: Bischöfe seien bemächtigt, für entsprechende Anlässe eigene liturgische Normen zu erlassen. So könnten auch die geforderten Segensformulare erstellt werden. Nach Stefan Diefenbach muss es Bewegung geben, damit die Kirche nicht erstarrt.

Viele Gläubige sind dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Auch 70 Prozent der Katholiken sehen da kein Problem. In den anderen Konfessionen weicht die Meinung etwas ab.

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Das Bistum Osnabrück zeigt, dass ein Umdenken von den traditionellen Mustern möglich ist. Schon seit längerer Zeit wird hier über Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren diskutiert. Der stellvertretende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Franz Josef Bode, stellte sich im Januar 2018 erstmals gegen die bislang vorherrschende Haltung in der katholischen Kirche. Man müsse sehen, dass es auch solche Paare gibt, die kommen und sich den Segen wünschen, die ein Interesse an der Kirche haben. Es gehe nicht, dass ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen werde. Man müsse in diesem Feld weiterdenken und es müsse endlich eine Entwicklung geben.

Bruder Thomas Abrell ist im Bistum Osnabrück verantwortlich für Fragen rund um das Thema Homosexualität in der Kirche. Der Franziskaner ist Bildungsreferent im Haus Ohrbeck und leitet den Arbeitskreis „Kreuz und queer“. Bereits vor fünf Jahren hatte Bischof Bode ihn gebeten diese Aufgabe zu übernehmen. Von da an wurde in Osnabrück an der Akzeptanz von homosexuellen Katholiken gearbeitet. Auch bei Mitarbeitern des Bistums sei es kein Problem, wenn diese offen homosexuell leben.

Trotz der Offenheit Bodes sind Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare auch in Osnabrück noch nicht offiziell erlaubt. Ohne Konsens in der Bischofskonferenz ist das fast nicht möglich. Aber hier im Bistum brauchen sich die Paare nicht mehr verstecken. Sie müssen keine Angst haben, dass der Bischof ihre Feier untersagt. Das sei im Bistum Osnabrück noch nie vorgekommen. Bruder Thomas selbst, führte letzten Sommer seine erste Segensfeier für ein homosexuelles Paar durch. Für ihn war das überhaupt kein Konflikt mit seinem Glauben. Auch der Bischof wusste von der Feier. Und auch sonst sind solche Segnungen nicht mehr der Einzelfall.

In anderen Bistümern müssen Segnungsfeiern teilweise sogar unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, um nicht die Aufmerksamkeit eines Bischofs zu gewinnen. Aber sie finden statt. Die Praxis ist da. Und das schon seit längerer Zeit. Aber eben nicht offiziell. So gibt es noch keine allgemeine Regelung, jedes Bistum hat da seine eigene. Von daher sei es schwierig zu sagen, wie viele Bischöfe wirklich dafür sind, meint Bruder Thomas. Es seien aber mehrere, die von Segnungsfeiern in ihrem Bistum wissen und diese dulden.

Auch in den einzelnen Gemeinden sind eine liberalere und eine konservative Linie erkennbar. Wie auch in anderen umstrittenen Punkten in der katholischen Kirche. Ein Teil beharrt auf die traditionelle christliche Weltsicht und damit auf ein traditionelles Familienbild. Andere wünschen sich einen Fortschritt und die Akzeptanz von alternativen Lebensmodellen. 

Laut Bruder Thomas gehen viele Menschen immer noch davon aus, dass man Homosexualität erlernen kann oder dass es eine Krankheit ist. Nach diesen alten Klischees wäre Homosexualität etwas Widernatürliches. Der heutige Stand der Humanwissenschaften belegt jedoch, dass es dabei um Veranlagung geht. Und was zur Veranlagung gehört, gehört auch zum Menschsein dazu. In der Kirche gilt Homosexualität für viele noch als Sünde. Auch hier denkt das Bistum Osnabrück schon weiter.

Aufklärung sei hier der Schlüssel zur Veränderung. Bode habe gemerkt, dass dort Menschen sind, die auf der Suche sind und mit einem Wunsch an die Kirche herantreten. Entsprechend müsse mit den Menschen auch umgegangen werden. Für seinen Vorstoß bekam Bode viele Reaktionen aus aller Welt. Und zwar überwiegend positive.

Trotzdem ist es noch ein langer Weg bis zur allgemeinen Akzeptanz von Homosexualität in der Kirche. Osnabrück ist da erst der Anfang. Selbst wenn ganz Deutschland nachzieht, wäre das auch nur ein Sprachraum. In einem Großteil der Welt werden Homosexuelle noch verfolgt. Der Papst ermutigt aber dazu, Fragestellungen, die nicht gesamtkirchlich geklärt werden können, vor Ort zu klären. Osnabrück ist nur der Anfang. Vielleicht merken so die anderen Bistümer: Es tut ja gar nicht weh.

Homosexuelle müssten in der Kirche so manchen Schlag zurückstecken, meint Diefenbach. Ein Austritt ist für ihn dennoch keine Option.

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IN WELCHEN LÄNDERN IST DIE EHE FÜR ALLE MÖGLICH?

Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle auch in Deutschland. Wie viele gleichgeschlechtliche Paare sich seit dem 01. Oktober 2017 standesamtlich trauen ließen, zeigt eine bundesweite Umfrage der deutschen Presseagentur bei Standesämtern. Insgesamt ließen sich mehr als 10.000 homosexuelle Paare verheiraten. Ein großer Teil davon waren Umwandlungen von eingetragenen Lebenspartnerschaften.

 DIE BELIEBTESTEN STÄDTE FÜR DIE EHE FÜR ALLE

Einige Standesämter erheben gleichgeschlechtliche Ehen nicht gesondert. Ehe für alle hieße gleiches Recht für alle. Somit werden auch auf dem Papier keine Unterschiede gemacht. Eine detaillierte Erhebung des statistischen Bundesamtes wird voraussichtlich Mitte des Jahres 2019 veröffentlicht.

Bei der Abstimmung im Bundestag am 30. Juni 2017 stimmten auch einige katholische Abgeordnete für das Gesetz der Ehe für alle. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) spricht sich offen für die Einführung von klaren Regelungen für Segensfeiern gleichgeschlechtlicher Paare aus. Auch Mitglieder der Laienorganisation stimmten bei der Abstimmung mit „Ja“. Von den insgesamt 393 Befürwortern sitzen fünf auch im ZdK. Drei der ZdK-Mitglieder stimmten mit „Nein“.

 

Maria Böhmer (CDU) ist Mitglied des Bundestags und des Zentralkomitees deutscher Katholiken. Sie stimmte während der Abstimmung am 30. Juni 2017 mit ‚Ja‘ für die Ehe für alle.  In einer öffentlichen Erklärung nahm sie Stellung zu ihrer Entscheidung.

Seit knapp einem Jahr ist die „Ehe für alle“ politische Realität. Nun müssen die Kirchen eine Lösung finden, um die Paare auch theologisch und liturgisch zu unterstützen.

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Die evangelische Kirche geht mit Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare deutlich offener um. In einem Großteil der Landeskirchen können Schwule und Lesben ihre Partnerschaft öffentlich im Gottesdienst segnen lassen. Diese Feiern laufen genauso ab, wie Trauungen heterosexueller Paare. Nur die Bezeichnung ist anders. Im April 2018 veröffentlichte die Landeskirche Hessen und Nassau ein neues Kirchengesetz, nach welchem auch die Bezeichnung angepasst wird. Es gibt somit keinerlei Unterschiede zwischen Trauungen homosexueller und heterosexueller Paare mehr.

In der evangelischen Kirche Hessen und Nassau sind gleichberechtigte Trauungen von homosexuellen Paaren möglich. Diese machen ungefähr 25-30 Trauungen von mehr als 5000 traditionellen Trauungen aus.

AM ENDE BLEIBT NUR DAS ELEND

Die Sucht einer nahestehenden Person kann ihre Mitmenschen stark mitnehmen. Nichts übersteigt den Wunsch der Angehörigen, dass sich der Betroffene von seiner Abhängigkeit löst. Sie versuchen, dem Suchtkranken zu helfen und ihn in Schutz zu nehmen. Ehe man sichs versieht, ist man in der Co-Abhängigkeit gefangen.

DAS SCHLITTERN IN DIE SUCHT

Wenn Hannah ihren Mann Rudolf auf den Alkohol anspricht, wird er wütend. „Ich trinke überhaupt nicht viel! Stell dich doch nicht so an“, entgegnet er immer. Eigentlich haben sie es doch so schön. Rudolf hat einen guten Job, sie haben eine nette Wohnung und das junge Ehepaar liebt sich von Herzen. Wenn doch nur dieser dumme Alkohol nicht wäre. Rudolf redet sich selbst ein, er habe alles unter Kontrolle. Jeder genehmige sich doch mal ein oder zwei Feierabendbiere und wache mal mit einem dicken Schädel auf. Er bemerkt weder die steigenden Alkoholmengen, noch die Regelmäßigkeit seines Konsums. Die Kontrolle über sein Trinkverhalten hat Rudolf längst verloren.

Rudolf ist bewusst, dass er seine Frau verletzt. Und trotzdem ist sein Verlangen nach Alkohol stärker, seine Sucht übersteigt alles. Wenn Hannah weint, weil sich ihr Mann mal wieder volllaufen lässt, kann sich Rudolf am nächsten Tag meist nur an Schnipsel erinnern. Er will seine Frau beschwichtigen und kauft ihr einen Strauß Blumen. „Ja Schatzi, es wird schon wieder besser. Es soll nicht mehr vorkommen“, tröstet er sie. Das schlechte Gewissen hält nicht lange und Rudolf hängt wieder an der Flasche.

Es ist Samstagabend, 18 Uhr. Erst heute hat Hannah einen Kasten Bier eingekauft. Im Fernsehen läuft die Sportschau, Rudolf sitzt auf dem Sofa und hat ein Bier in der Hand. Seine Frau sitzt aufmerksam neben ihm. Sie beginnt zu zählen. Erst ein Bier, dann ein Zweites, es werden immer mehr. Ihr gefällt es überhaupt nicht, dass ihr Mann nur mit Alkohol in der Hand zufrieden ist. Oft wird sie deswegen wütend und schreit Rudolf zusammen, er solle nicht so viel Alkohol trinken. An anderen Tagen versucht sie es mit ihrer Liebe und Zuneigung: „Ach komm mein Schatz, das kriegen wir schon hin, trink doch ein bisschen weniger“. Sie lässt nichts unversucht: sie ignoriert ihn, sie bittet, bettelt, weint.

DIE SUCHT DER ANDEREN

Julius Krieg, Leiter der psychosozialen Beratung und Behandlung der Caritas, beschreibt Co-Abhängigkeit als ein Phänomen, das sehr einfach entsteht und, wenn man nicht genau hinsieht, so leicht auch nicht zu besiegen ist.

Rudolf fühlt sich umsorgt. Er hat ein schönes Heim und durch seine Tätigkeit im Außendient ein sicheres Einkommen. Seine Frau bekocht ihn regelmäßig und kümmert sich um ihre zwei Töchter. Es läuft alles. Der Alkoholiker sieht überhaupt keinen Grund, sein Leben zu verändern. Hannah weiß sich nicht zu helfen. Konflikten mit ihr versucht Rudolf nur immer aus dem Weg zu gehen. Er versteckt seine Alkoholflaschen in der Werkstatt oder in seiner Arbeitstasche. Gegenüber Hannah behauptet er, kaum etwas getrunken zu haben. Doch sie kann den Alkoholgestank in seinem Atem riechen. Egal was sie sagt, es wirkt nicht. Wut und Verzweiflung kochen sich in ihr zusammen. Ihre Bedenken spielt Rudolf nur herunter.

Zu Hause ist das Leben für die Angehörigen, die sich co-abhängig verhalten die Hölle. Sie haben nichts mehr von ihrem Partner, nur das Elend. Sie können nicht verstehen warum der Partner trinkt, warum er sich so verhält. Sie fangen an sich selbst Schuld zuzuweisen. Den Mitbetroffenen geht es oft viel, viel schlechter als den Abhängigen selber. Sie stellen fest, dass sie nichts mehr haben und können diese Welt nicht mehr verstehen. Währenddessen hat der Abhängige immer noch seine Flasche Bier. - Julius Krieg

Hannah hat Angst, dass alles kaputt geht. Wenn sie jetzt zum Telefon greift und alle über den Zustand von Rudolf aufklärt, dann wird er vielleicht entlassen oder die Verwandtschaft bricht den Kontakt ab. Was würde sie nur tun, wenn sie alleine dasteht mit zwei Kindern? Die Angst davor, dass alles zerbricht, begleitet Hannah täglich.

Innerlich ist Hannah kaputt, aber sie darf es nach außen hin nicht zeigen. Sie hat Angst, den Wohlstand, in dem sie nach außen hin lebt, zu zerstören. Julius Krieg stellt durch seine tägliche Arbeit mit Suchtkranken und deren Angehörigen fest, dass es durchaus ratsam sein kann, sinnbildlich gesprochen die Türen und Fenster aufzureißen und allen da draußen zu sagen: „Schaut’s rein, was ich für einen Sack hier sitzen habe. Seht her, wie der trinkt, wie der sich verhält.“ Aus Angst davor, ihre Familie könne zerbrechen, traut sich das Hannah eine lange Zeit lang nicht.

Hannah erinnert sich an Zeiten, in denen Rudolf nur abends trank. Mittlerweile muss er auch morgens seine Ration an Alkohol haben. Es ist früh am Morgen, sechs Uhr. Hannah wird von einem Klirren geweckt. Sie folgt dem Geräusch in die Küche und trifft auf ihren Mann am Kühlschrank ─ in seiner Hand eine Flasche Bier. „Mei Rudi, warum machst du das denn?“, fragt Hannah enttäuscht. Ihre Blicke treffen sich. Sein müdes Gesicht ist tieftraurig. Er antwortet aufrichtig: „Ich möchte ja aufhören, aber ich kann nicht.“ In diesem Moment begreift Hannah, was „Sucht“ bedeutet. Sie erkennt, dass der Alkohol Rudolf gefangen hält, dass sein Körper nur noch nach diesem Stoff schreit. Hannahs Gedanken drehen sich mittlerweile nur noch um die Sucht ihres Mannes. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie in den Hintergrund.

Der Diplompädagoge betont, wie wichtig es ist, der suchtkranken Person klarzumachen, dass man für ihn da ist – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Der Alkohol dürfe nicht mehr das gemeinsame Leben bestimmen. Als Angehöriger muss man das Ziel einfordern, dass der Betroffene ohne Alkohol lebt. Letztendlich müsse der Betroffene aber zeigen, dass er es selbst will. Das können die Angehörigen nicht übernehmen.

Beim Blauen Kreuz lernt Hannah, Abstand von der Sucht ihres Partners zu gewinnen, ohne sich von ihm selbst zu entfernen. Es sei wichtig, sich von allem zu distanzieren, das die Sucht des Partners fördern könne. Es müsse ein deutliches „Nein“ gegenüber der Sucht ausgesprochen werden. Die Trennung der Sucht und des Menschen an sich müsse klargestellt werden.

Nach Jahren des Austauschs in ihrer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen und Angehörigen stellen Hannah und Rudolf heute fest, dass die Süchtigen meistens durch einen Tiefpunkt im Leben wachgerüttelt werden. Das kann ein selbstverursachter Autounfall sein und der Führerschein ist plötzlich weg, die Frau hat seine Koffer vor die Tür gesetzt, die Kinder werden einem weggenommen. Das ist ein Schock für den Alkoholiker. Egal wie dieser Tiefpunkt aussehen mag, viele Betroffene benötigen den Knall, um das eigene Trinkverhalten in Frage stellen zu können. Erst dann können sie sich vom Alkohol lösen.

Rudolf steht in der Küche, er kann seine Gedanken nicht von der knallharten Aussage seines Hausarztes losreißen. Die Worte haben sich in seinen Kopf gebrannt: „Rudi, trink nur so weiter. Ich gebe dir noch ein halbes Jahr, dann bist du tot.“ Er ist gerade zum dritten Mal Vater geworden. Rudolf fasst einen Entschluss. Er greift zu einer Bierdose im Kühlschrank. Beim Öffnen hört Rudolf das vertraute Zischen. Er geht zum Spülbecken und leert die Dose aus. Es folgen Bierflaschen, Schnäpse und sämtliche Weinflaschen aus ihrem Keller. Der Mann ist wildentschlossen, alles in seiner Wohnung zu vernichten, das in Verbindung mit Alkohol steht. Vielleicht würde er es am nächsten Morgen bereuen, doch das war ihm in dem Moment egal.

Hannah jubiliert innerlich. Diesmal ist sie sich sicher: er meint es wirklich ernst. Rudolf wirkt so entschlossen, eine so klare Sicht auf sein Leben scheint er seit Langem nicht mehr gehabt zu haben. Hannah weiß, viel länger hätte sie seiner Sucht nicht mehr standhalten können. Er hält die Flaschen mit einem festen Griff in seinen Händen. Bier, Wein und Schnaps, es macht keinen Unterschied. Alles wird weggeschüttet, jegliche physische Verbindung zu der berauschenden Flüssigkeit gekappt. Was ist das für ein euphorisches Gefühl, das sich in ihr ausbreitet? Hoffnung?

LERNEN WIEDER ZU VERTRAUEN

Die Angehörigen stehen vor einer harten Herausforderung. Für sie kann es sehr schwierig sein, sich zu überwinden in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Für sie bedeutet Selbsthilfe sich mit der Krankheit des Betroffenen ein Stück weit zu identifizieren. Das fällt vielen Menschen schwer. - Julius Krieg

Heute, nach 18 Jahren der Abstinenz, betont Rudolf die Wichtigkeit, sich helfen zu lassen. Hilfe kann von vielen Seiten kommen, vom Arzt des Vertrauens, einem Psychologen oder einer Selbsthilfegruppe. In diesen Gruppen helfen Menschen einander, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, wie man selbst. Was in den Gruppensitzungen besprochen wird, dringt nicht in die Außenwelt. Man hat die Möglichkeit sich fallen zu lassen, einen Teil der eigenen Last abzugeben. Hier stellt niemand Gebote auf. Stattdessen findet ein reger Austausch zwischen Betroffenen und Mitbetroffenen statt. Was einem selbst geholfen hat, um dem Suchtdruck zu widerstehen, kann für einen anderen eine wertvolle Hilfestellung sein. Tag für Tag, Woche für Woche erarbeitet sich der Betroffene so das Vertrauen seiner Familie zurück.

Der Co-Abhängige lernt, dass die Alkoholabhängigkeit keine Charakterschwäche ist, sondern eine Krankheit. - Rudolf

Die Vergangenheit soll aufgearbeitet und nicht verdrängt werden. Krieg empfiehlt Angehörigen, frühzeitig Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle aufzunehmen und Hilfe anzunehmen. Es sei wichtig, dass sich ein Mitbetroffener gut auskennt. Der Co-Abhängige lernt auch, mal wieder an sich selbst zu denken. Er muss wieder sein eigenes Leben  leben. Dies sei nicht mit Egoismus zu verwechseln, da es darum geht, sich selbst wiederzufinden, zurück zu seiner eigenen Person zu finden.

MEIN REICH KOMME

„Zwei Meter hoher Zaun, Mauer rundherum. Zwanzig Meter freie Fläche bis zum Haus. Wir konnten seine Frau vor der Tür in ein Gespräch verwickeln. Doch dann hörten wir, wie jemand über die Gegensprechanlage zuhört. Durch die Ablenkung der Frau konnte das SEK den Offizier festnehmen.“, erzählt ein Kommissariatsleiter vom „Polizeilichen Staatsschutz“. Der Offizier war und ist es wahrscheinlich bis heute: ein Reichsbürger. Das ist kein Einzelfall – oft neigen Personen, die im Beruf eine hohe Position innehatten, im Alter dazu, sich der Reichsbürgerbewegung anzuschließen.

Doch welche Persönlichkeiten verbergen sich hinter den Reichsbürgern? Welche Gründe bewegen die Menschen dazu, sich einem solchen Milieu anzuschließen? Besteht eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft?
Experten, wie Politikwissenschaftler Jan Rathje oder Bildungsreferentin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung, teilen die Reichsbürger in vier Gruppen auf:



Rechtsextreme sind der Auffassung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich immer noch existiert. Als Anhänger können die Sozialistische Reichspartei und Teile der NPD gesehen werden.


Auch Reichsbürger sind der Meinung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich weiterhin existiert. Sie gründen zum Beispiel Kommissarische Reichsregierungen, um ihr eigenes Reich führen zu können.


Die Selbstverwalter gehen ebenfalls davon aus, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist. Als Beispiel können hier die Germanitier herangeführt werden. Zudem gibt es sogenannte „Freie Gemeinden“, die sich selbst verwalten. Nach außen hin vermitteln die Anhänger oft das Bild von einem harmonischen Zusammenleben mit Familien in der Natur. Diese Splittergruppen wirken auf den ersten Blick sehr modern – auf den zweiten erkennt man aber oft antisemitisches Gedankengut.


Souveränitätsfordernde glauben, dass die BRD kein legitimer Staat ist. Zu den Anhängern zählt das COMPACT Magazin, Teile der AfD und Pegida und Xavier Naidoo, der 2014 vor dem Reichstag in Berlin bei einer Reichsbürger-Veranstaltung auftrat.

WO HAT DIE REICHSBÜRGERBEWEGUNG IHREN URSPRUNG?

Inzwischen leben laut Verfassungsschutz 18.400 Reichsbürger in Deutschland, 900 davon sind rechtsextrem.

Die verschworene Gemeinschaft ist äußerst heterogen und nicht einheitlich organisiert. Der rechtsextreme Teil besteht seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945. Dieses Submilieu geht fest davon aus, dass das Deutsche Reich immer noch existiert.

Der bekennende Neonazi und Holocaustleugner Manfred Roeder verlieh sich 1974 den Titel „Reichsverweser“ und wurde somit erster Reichsbürger. Wolfgang Günter Ebel trieb die Bewegung voran und leitete 1985 die erste „Kommissarische Reichsregierung“ unter der Weimarer Verfassung. Er verkaufte selbstgedruckte Dokumente und Ausweise und ging das erste Mal gegen die Bundesrepublik juristisch vor. Danach bildeten sich viele verschiedene Reiche und Gruppen wie die „Germanitien“, das „DHPW“ – das Deutsche „Polizei-Hilfswerk“ – oder das „Deutsche Königreich“.

  • Peter Fitzek: König des "Königreichs Deutschland" (Quelle: YouTube)
  • Germanitien: Fantasiestaat in Baden-Württemberg (Quelle: YouTube)
  • Burghard Bangert: "Nazi-Druide" (Quelle: YouTube)
  • Wolfgang Günter Ebel: erster Leiter einer "Kommissarischen Reichsregierung" (Quelle: YouTube)

Die zweite große Gruppe, die „Selbstverwalter“, tritt aus der Bundesrepublik Deutschland aus und markiert ihre Hoheitsgebiete durch bunte Linien auf Fahrbahnen, Grundstücksgrenzen oder Fantasieflaggen mit Familienwappen.

Ich will doch keine Steuern an ein Land ohne Verfassung zahlen. Ich bin ein Mensch und kein Sklave!

sagt ein Reichsbürger zu Tobias Ginsburg, der undercover für ein halbes Jahr in die Reichsbürgerbewegung abgetaucht ist („Die Reise ins Reich“, Tobias Ginsburg). 

Sie zahlen keine Steuern, geben ihren Personalausweis ab und überschütten die Behörden mit Massen an Briefen und Faxen. In einer Sache sind sich aber alle Teilgruppen einig: „Eine fremde Macht beherrscht Deutschland und zieht im Hintergrund die Fäden.“

Völkischer Nationalismus wird bei Reichsbürgern großgeschrieben. Sie gehen von einer widerspruchsfreien homogenen Gemeinschaft aus, in der sie in ihrer Rolle völlig aufgehen können. Dabei sind sie in ihren Vorstellungen äußerst rückwärtsgewandt. Expertin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung meint damit, dass diese extrem konservativ, zum Teil auch mit einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit, sind. „Sie beziehen sich auf etwas, das es so nie gegeben hat, anstatt sich mit dem auseinander zu setzen, was ist, um es dann besser zu machen“, sagt Hermann. Reichsbürger setzen auf Autorität. Ein hierarchisches System, klare Strukturen und Führung sind wichtig. Angst und Hass gegen Pluralismus ist dabei ihr ständiger Begleiter.

WAS KENNZEICHNET EINEN TYPISCHEN REICHSBÜRGER? 

Mitte 50 – Tendenz steigend, alleinstehend, möglicherweise arbeitslos. Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil bezeichnet das als „Radikalisierung der zweiten Lebenshälfte“. Wenn man sich allerdings YouTube-Blogs anschaut, merkt man schnell, dass das Milieu auch junge Anhänger hat, die offen gegen die Bundesrepublik Deutschland hetzen. Ein verzerrtes Bild könne entstehen, da der Verfassungsschutz und andere staatliche Behörden „durch die Scheuklappen“ allein die strafrechtlichen Handlungen beobachten und daran das Alter messen, vermutet Politikwissenschaftler Rathje. „Wenn man das Milieu dann etwas größer fasst und die Esoterik dazuzählt, finden das auch jüngere Menschen interessant“, meint auch Expertin Hermann.

  • Stephanie Schulz: rechtsextreme Internetaktivistin (Quelle: YouTube)
  • Monika Unger: östereichische Reichsbürgerin (Quelle: YouTube)

Vater-Sohn-, Mann-Frau-Beziehungen oder komplette Familien sind keine Einzelfälle. Frauen sind außerdem im Gegensatz zu anderen rechten Gruppen überproportional bei Straftaten vertreten. Sie machen 20 bis 30 Prozent aus und haben, anders als man erwartet, oftmals eine starke Position in ihrer Gruppe. Mütter spielen immer zentrale Rollen und werden als sehr wichtig angesehen. Sie beschweren sich zum Beispiel in Videoblogs darüber, dass ihre Kinder in der Schule zu früh sexualisiert werden und ihnen im Geschichtsunterricht Unwahrheiten über einen angeblichen Friedensvertrag und die Grenzen von Deutschland erzählt werden. Dass die Sprache gegendert wird und dass es mehr als zwei Geschlechter geben soll, möchte kein Reichsbürger an seine Kinder weitergeben.

WIESO SCHLIEßT MAN SICH DEM MILIEU AN?

Viele Anhänger der Reichsbürger haben ein „schwaches Ich“, sagt Kriminalpsychologe Keil. In der normalen Gesellschaft fällt es ihnen schwer, Halt zu finden oder Anerkennung zu bekommen. Im Milieu wird den Menschen eine wichtige Position zugeschrieben – sie werden gebraucht. Oft treibt sie aber auch eine finanzielle Notlage in die Gemeinschaft. Sie erhoffen sich, dass Lösungen für ihre Probleme gefunden werden. Schnell steht der Sündenbock für ihre missliche Lage fest: der Staat. Keil beschreibt die Szene deshalb auch als Selbsthilfegruppe oder Sekte: „Oben ist ein Guru, unten sind seine Follower.“

Ein Grund für den Anschluss kann aber auch ein Vorruhestand sein. Betroffene fühlten sich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht und wertgeschätzt. Womöglich hatten sie eine wichtige Aufgabe, die sie nun nicht mehr ausführen dürfen.

GIBT ES MACHTKÄMPFE ZWISCHEN DEN GRUPPIERUNGEN? 

Um alleine herrschen zu können, sprechen sie sich gegenseitig die Legitimation ab. Könige, Reichskanzler und Kaiser beanspruchen Deutschland, oder zumindest Teile davon, für sich.  Es kommt sogar so weit, dass sie sich als Verräter bezeichnen, sich Hochverratsvorwürfe machen und Todesurteile aussprechen.

Selbstverwalter dagegen haben kein Problem damit, einander zu helfen. Diese Beobachtung konnte man 2016 bei der Zusammenrottung von Adrian Ursaches Gesinnungsgenossen beobachten. Er gründete auf dem Grundstück seiner Schwiegereltern den Fantasiestaat „Ur“. Da er mehreren Gläubigern Geld in Höhe von 150.000 Euro schuldete, sollte das Haus zwangsversteigert werden. Daraufhin wurde er von vielen Sympathisanten durch Demonstrationen vor einer Zwangsräumung geschützt. Selbstverwalter verabreden sich in solchen Fällen oft über das Internet und WhatsApp-Gruppen oder veranstalten Treffen wie Stammtische in Gasthäusern. Das SEK räumte trotzdem das Haus, wobei es zu Schüssen zwischen Ursache und der Polizei kam. Der Reichsbürger wurde schwer verletzt, aber überlebte.

WELCHE ROLLE SPIELEN VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN BEI DEN REICHSBÜRGERN?

Das Milieu möchte Ressentiments und Affekte ausleben. Es geht darum, einen Sündenbock zu finden. Reichsbürger sind davon überzeugt, dass ausschließlich das absolut Böse an allem schuld sei. Exemplarisch hierfür ist ein Vorfall in Balem bei Berlin: An der U-Bahnstation bieten Bänke Sitzmöglichkeiten für wartende Passanten. Es sind keine normalen Stühle, wie man sie kennt, sondern modellierte Menschen mit sichtbaren Genitalien. Eine „freie Gemeinde“ der Reichsbürger sieht hinter diesem Kunstprojekt einen Plan der jüdischen Weltverschwörung. Angeblich würden die Kinder so früh sexualisiert werden. Das Ziel der Juden sei, am Untergang des Landes zu arbeiten und das deutsche Volk zu vernichten. Horst Mahler, ein bekennender Holocaustleugner und Reichsbürger-Anhänger, sagt ebenfalls, dass die jüdische Weltverschwörung wahr sei.

WARUM SIND REICHSBÜRGER ESOTERISCH? 

Esoterik und Reichsbürgerei haben durchaus Überschneidungen, denn beide behandeln Weltverschwörungsideologien und versprechen Heilung und Macht. Ginsburg traf einen Reichsbürger, der behauptete:

Ich war schon oft tot, habe die materielle Ebene verlassen, ich kenne die Struktur des Universums.

„Reichskanzler“ Norbert Schittke betreibt gerne Werbung für sein Reich an keltischen Steinkreisen auf Esoterik-Veranstaltungen. Burkhard Bangert, bekennender „Nazi-Druide“, glaubt, Nachfahre Merlins zu sein und feierte an einem keltischen Steinkreis in Bischofsheim an der Rhön regelmäßig Feste. Peter Fitzek hatte vor seinem Königdasein einen Esoterik-Bedarfsladen. Er geht davon aus, dass er Kontakt zu Engeln und anderen höheren Wesen hat. Dadurch soll er eine andere Form der Erleuchtung haben und deshalb eine gute Führerfigur für seine Anhängerschaft sein.

WIE IST DIE PSYCHOLOGISCHE SICHT AUF REICHSBÜRGER?

Die Psyche spielt bei vielen Reichsbürgern eine ausschlaggebende Rolle.

Meine Familie, meine Freunde und Bekannten sind alle hirngewaschen und kaputt, völlig kaputt, machen sich über mich lustig und nennen mich einen Verschwörungstheoretiker.

sagte ein Reichsbürger zu Ginsburg. Diskussionen seien zwecklos, die Anhänger dagegen resistent. Kriminalpsychologe Keil erklärt sich dieses Phänomen so, dass viele unter Größen-, Verfolgungswahn oder Narzissmus leiden. Oft haben die Betroffenen schon vor dem Anschluss Depressionen, die sich sich durch das eingeschränkte Weltbild der Reichsbürgerideologie weiterentwickeln. Auch Demenz kann dafür verantwortlich sein, dass ein Wahn erst gegen Lebensende entsteht. Keil sagt, dass man dies Erkrankten erst therapieren müsste, um sie aus diesem Milieu zu ziehen.

Der Kriminalpsychologe behauptet, dass bei Führerpersonen, wie Königen oder Kanzlern, sich der Prozess des Wahns aufschaukele. Die Realitätseinsicht des Anführers sei irgendwann so getrübt, dass er sein Umfeld nur noch mit seinen selbst konstruierten Vorstellungen wahrnehme.

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WELCHE GEFAHR GEHT VON DEN REICHSBÜRGERN AUS? 

Heute geht die Mehrzahl der Experten davon aus, dass die Reichsbürgerideologie nicht nur antidemokratisch, sondern in ihrem Kern auch antisemitisch ist. Der Repressionsdruck auf die Reichsbürger wächst seit den Vorfällen 2016 in Georgensgmünd und Adrian Ursache immer mehr. Lange Zeit wurde die Gefährlichkeit der Reichsbürger von Behörden, wie Polizei und Verfassungsschutz, unterschätzt. Vor allem in Bayern schenkte man dem Milieu nahezu keine Aufmerksamkeit, was sich in den Zahlen bemerkbar macht – Bayern verzeichnet nach dem Verfassungsschutz am meisten Reichsbürger. Erst nach dem Polizistenmord in Georgensgmünd wurde eine zuständige Abteilung für Reichsbürger in Oberfranken erschlossen.

Kriminalkommissar Achim Dowerg stuft sie als verfassungsfeindlich Extremisten ein. 98 bis 99 Prozent der Reichsbürger sind laut Polizei verbal aggressiv und versuchen, Behörden mit ihren Schriftstücken lahmzulegen. Diese würden häufig gezielt in ihrer Arbeit gehindert und von den Bürgern dann als „nicht effizient und versagend“ wahrgenommen, sagt Kriminalpsychologe Keil.

Was zusätzlich beunruhigt: zehn Prozent aller Reichsbürger sind im Besitz legaler Waffen. Im Vergleich: „Nur drei bis vier Prozent der normalen Bevölkerung sind Waffenbesitzer“, sagt der Verfassungsschutz. Das liege daran, dass im ländlicheren Raum, wo es die meisten Reichsbürger gibt, mehr Waffenbesitzer wohnen als in der Stadt. Die zusätzliche Bewaffnung vieler Reichsbürger stelle eine ernsthafte Bedrohung dar, meint Kriminalhauptkommissar Dowerg.

„Wir entdeckten eine geladene Jagdbüchse neben dem Schlafzimmerfenster und einen Revolver in der Sockenkiste. Wir waren froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist, als wenn wir im Morgengrauen gekommen wären und der Offizier das Feuer aus dem Schlafzimmerfenster eröffnet hätte. Das sind so Momente, wo es prickelt: „Gott sei Dank, gut gegangen.“ Dieser Reichsbürger-Fall wird dem Kommissariatsleiter immer in Erinnerung bleiben.

UNTER HIPPOKRATES‘ AUGEN

Der Hippokratische Eid, für viele Menschen steht er als der Inbegriff eines ärztlichen Ehrenkodex. Wie falsch dieses Bild sein kann zeigen Handlungen, wie die des Christoph Turowski.

Auf dem Tisch stehen selbstgebackener Pflaumenkuchen, Sahne, die eigens aufgeschlagen wurde, und eine Kanne Tee, deren schnelles Abkühlen von einem Teelicht unter einem Stövchen verhindert werden soll. Auf dem Biedermeier-Stuhl sitzt Christoph Turowski, um die 70, das dünne grau-blonde Haar in akkuraten Strähnen gekämmt, die Straßenschuhe hat er nicht ausgezogen. „So etwas machen wir hier nicht.“ Beim Gedanken an das, was ihn vor einigen Monaten von einem normalen Rentner zu einer Gallionsfigur der Pro-Sterbehilfe-Bewegung gemacht hat, läuft ein verschmitztes Grinsen über die dünnen Lippen. Auf ein Stück Pflaumenkuchen mit „Dr. Tod“.

Natürlich ist Christoph Turowski nicht in eine Reihe zu stellen mit den bisher „Dr. Tod“ genannten Leuten wie dem Leichenkonservator Gunther van Hagens oder dem KZ-Arzt Josef Mengele. Trotzdem hat ihn die Presse so betitelt. Denn laut eier Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Berlin hat er das Leben eines Menschen auf dem Gewissen. Genauer: „Den Tod eines Menschen auf Verlangen durch Unterlassen.“ Doch das Gewissen des 69-Jährigen ist rein, immer wieder gabelt er kleine Bissen auf. In einem zweieinhalb Jahre andauernden Rechtsstreit hat er im März 2018 einen Freispruch erstritten. Es war einer der meistdiskutierten Prozesse der vergangenen Jahre.

29 Jahre lang war Turowski Hausarzt in Berlin. „Menschen zu helfen, das hat mich schon als kleiner Junge interessiert. Ich war auch bei den Pfadfindern schon immer der Sanitäter mit dem Pflasterköfferchen”, erinnert er sich lachend.

Auf die Pfadfinderei folgt der klassische Werdegang eines Mediziners: 1970 macht er das Abitur, dann studiert er Medizin in Berlin, schließt das Studium 1977 mit dem Staatsexamen ab. Nach bestandener Facharztausbildung für innere Medizin übernimmt er eine Hausarztpraxis und macht sich selbstständig. Es folgt ein geschäftiges Arbeitsleben: Sprechstunden, Hausbesuche, Papierkram, eine 50-Stunden-Woche. Turowski freut sich auf die Ruhe als Rentner. Jetzt, wo es so weit sein sollte, wartet er auf diese Ruhe immer noch. Denn mit dem Freispruch ist die Angelegenheit noch nicht beendet.

Für den pensionierten Mediziner ist ein Patient mehr als ein Name in einer Akte, das zeigt sich an seiner überschaubaren Patientenkartei. „Mittelgroß und gut zu bewältigen, sodass noch genug Zeit für ein Gespräch mit den Patienten bleibt.“ Das ist  selten geworden in Zeiten eines ökonomisierten Gesundheitswesens, in dem die Betreuung immer anonymer und die Kontaktzeit immer kürzer wird.

Anja betreut er 13 Jahre lang. Sie ist eine von vielen, für die er sich diese Zeit nimmt. Ihretwegen werden sie ihn „Dr. Tod“ nennen. Seit sie 17 ist, leidet die 44-Jährige an einer chronischen Darmkrankheit. Turowski legt ihre Termine deshalb immer an das Ende seiner Sprechstunden. Ihre Gespräche drehen sich um Qualen und Vereinsamung. Die Mutter lebt nicht in Berlin, der Sohn reagiert zwei Jahre nicht auf ihre Kontaktversuche. Freunde hat sie nur wenige. Die mickrige Erwerbsunfähigkeitsrente und das Geld aus kleineren Jobs steckt sie in ihre Therapieversuche. Sie reist sogar nach Indien, um eine Ayuveda-Kur zu machen. Ein letzter Versuch. Er scheitert. Wenn Turowski darüber spricht, wirkt er nachdenklich, lässt sich Zeit, um sich die Geschehnisse ins Gedächtnis zu rufen. „Als Arzt ist man da genauso hilflos. Wenn einer kommt, der in großer körperlicher und seelischer Not ist und kein Versuch, ihm oder ihr zu helfen, fruchtet, das ist schon sehr deprimierend.“

Nach einem einjährigen Aufenthalt in einer Spezialpraxis wechselt Anja wieder zurück zu Turowski. In einem jener Gespräche teilt sie ihm mit, dass sie sterben möchte. Ein paar Mal habe sie es schon versucht. Dieses Mal soll es klappen, das Loch im Zaun der Berliner S-Bahn hat sie dafür schon gefunden. Sie will eine der 10 000 werden, die sich jedes Jahr in Deutschland selbst umbringen.

Turowski zögert nicht: „Da ist man als Arzt gefordert. Da muss man Rückgrat zeigen und Courage.“

Da ist man als Arzt gefordert.
Da muss man Rückgrat zeigen und Courage.

Seine Hilfe sieht er als Gebot der Christlichen Nächstenliebe und der Humanität. „Sie kannte meine Einstellung zum Leben und Sterben und ich habe signalisiert, dass ich sie nicht alleine lasse”, erinnert sich Turowski an die Entscheidung, Anja auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Die Hände ruhen in seinem Schoß, gefaltet. Als Zeichen seines Glaubens prangt ein etwa kopfgroßes Kreuz aus braunen Holz neben der Tür zum Wohn und Esszimmer, schmucklos, wie Turowski selbst: ein Ehering, keine Uhr. Immer wieder betont er die Bedeutung von christlichen Werten wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit für den Beruf des Arztes.

Das tun seine Gegner aber auch. Für Frank Ulrich Montgomery, den Präsidenten der Bundesärztekammer, bedeuten diese Werte jedoch etwas anderes. Ein barmherziger Arzt solle seinen Patienten mit Palliativmedizin und guter Hospizarbeit ins Lebensende begleiten.

Wieder andere berufen sich auf den Hippokratischen Eid, einen Eid, den Turowski nie geschworen hat. Den auch sonst kein Mediziner mehr schwört. Es ist ein Überbleibsel aus antiken Zeiten, als Ärzte noch die Götter anriefen und Frauen der Zugang zu diesem Beruf verwehrt blieb. Schon seit 1948 existiert eine moderne Neufassung in Form der Genfer Deklaration. Letztmalig im Oktober 2017 aktualisiert heißt es darin: „Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.“ Für den Arzt ein unschlagbares Argument, auch den Sterbewillen eines Patienten zu achten.

Trotzdem berufen sich die Gegner der Sterbehilfe noch heute auf diesen 2000 Jahre alten Schwur. Turowski ist das unverständlich. Für ihn ist diese Referenz „nicht mehr als ein leeres Schlagwort, eine hohle Formel“. Zwar wird der Hippokratische Eid noch auf Abschlussfeiern von Medizinstudenten gelesen und sei im Rahmen einer solchen Feierlichkeit sicherlich angemessen, aber: „Letztlich sind es die Fragen des ärztlichen Gewissens, die man sich im Beruf stellen und beantworten muss.”  2013 hat er diese Frage mit „Ja“ beantwortet. Denn er orientiere sich am lateinischen Leitsatz „Salus aegroti suprema lex“, übersetzt: Das Heil des Kranken ist das oberste Gebot „und danach muss man sich als Arzt richten“.

Ein früher Samstagabend in Berlin. Während das Nachtleben langsam erwacht, beginnt Anjas letzter Abend. Wie die anderen Nachtschwärmer zieht auch sie sich etwas Nettes an, schminkt sich und öffnet eine Flasche Rotwein. Nach einigen Schlucken öffnet sie eine Packung mit Schlaftabletten, dann die nächste, dann die nächste. Am Ende sind es 150 Stück.

Als Turowski die SMS in seinem Nachrichteneingang sieht, weiß er Bescheid und verschafft sich kurze Zeit später mit Hilfe des Zweitschlüssels Zugang zur Wohnung. Dort prüft er regelmäßig Anjas Vitalfunktionen, sie soll im Tod auf keinen Fall leiden. Bis zum Schluss kehrt er insgesamt zehnmal zurück.

Nach 56 Stunden ist Anja von ihrem Leid erlöst. Turowski füllt den Totenschein selbst aus, seine Handschrift ist eng, spitz und leicht nach rechts geneigt.Ehrlich füllt er ihn aus, wie er sagt. „Natürliche Todesursache durch Tablettenintoxikation.“ Das macht den Amtsarzt, der den Totenschein vor der Einäscherung der Leiche sichtet, stutzig. Er informiert die Kripo. Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf.

Dabei hat sie noch keine Rechtsbasis dafür. Paragraph 217 StGB, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung regeln soll, wird erst zwei Jahre später inkrafttreten. Bis dahin wird Suizidhilfe nicht sanktioniert.Angeklagt wird Turowski trotzdem. „Tötung auf Verlangen durch Unterlassen“, steht im Schreiben der Staatsanwaltschaft. Eine empörende Formulierung, wie er findet. Dadurch bleibe vor allem das Wort „Tötung“ beim Lesen der Anklage hängen, nicht seine eigentliche Tat, das „Unterlassen“. Sein Ärger sagt viel über das Selbstverständnis des Mannes. Er sieht sich nicht als Täter, sondern als einer, der geholfen hat.

80 Prozent der Deutschen befürworten laut Turowski ein selbstbestimmtes Sterben mit ärztlicher Begleitung bei unerträglichen Leiden. Wie zur Untermauerung seiner These holt er Bücher aus dem Arbeitszimmer. Sein Gang ist gemächlich, der alte Holzboden knarzt unter seinen bequemen Schuhen. Die Buchdeckel lesen sich wie das kleine Einmaleins der Pro-Sterbehilfe-Literatur. Darunter Hans Küng, katholischer Priester, Theologe und Turowskis Bestätigung für eine Vereinbarkeit von Glaube und Sterbehilfe. Ebenfalls dabei ist das Buch  „Letzte Hilfe” von Uwe Christian Arnold, Deutschlands prominentestem Vertreter für das „Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende“. Mit beiden steht Turowski im Kontakt.

Auf die Bücher stößt er erst während seines Prozesses. Um sich moralische Unterstützung zu holen und zur Bestätigung, dass er mit seiner Meinung und seinem Fall nicht alleine ist. Vorher habe er sich nie wirklich mit Sterbehilfe befasst. „In die Thematik wächst man dann ja hinein”, sagt ein Mann, der nie in die Öffentlichkeit wollte, es jetzt aber ist. Sein Bedürfnis nach Privatsphäre stellt er zurück. Für ein höheres Ziel, wie er sagt.

Er wird freigesprochen. Begeisterter Applaus brandet im Saal des Kriminalgerichts Moabit auf. Wo sonst Gewaltverbrechen verhandelt werden, empfängt Turowski seinen Freispruch. Nicht nur Fachpublikum ist anwesend, auch Patienten aus der ehemaligen Praxis. Die Erleichterung, aber auch die Rührung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Wenn er über diese Szenen spricht, lacht er, ein Funkeln tritt in seine Augen. Die Kraft für seinen Kampf schöpft er aus den positiven Reaktionen auf dieses Urteil. Sogar die Ordensschwestern der benachbarten Kirche umarmen ihn nach seinem Gerichtstermin, und der Pfarrer der Gemeinde spricht ihm noch im Sitzungssaal seine Glückwünsche aus.

Ich könnte auch mit einer Neuformulierung leben,
die es Ärzten ermöglicht, im Einzelfall , ihre Patienten bis zuletzt zu begleiten

Die Freude währt jedoch nur kurz. Die Staatsanwaltschaft hat bereits Berufung eingelegt. Der neue Prozess wird vor dem Bundesgerichtshof in Leipzig verhandelt. Für Turowski und seine Unterstützer liegt die Vermutung nahe, dass damit in einer fast 30 Jahre alten Rechtssprechung neue Verhältnisse geschaffen werden sollen. 1984 hat der Bundesgerichtshof im Fall des Dr. Herbert Wittig ein Urteil gefällt. Der hatte laut Akte eine bewusstlos angetroffene Suizidpatientin auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin sterben lassen. Das Gericht erkannte den ausdrücklichen Sterbewillen der Patientin nicht an, sprach den Arzt aufgrund der Unumkehrbarkeit der Situation aber dennoch frei. Mit Einführung der Patientenverfügung im Jahr 2009 ist dieses Urteil endgültig überholt. So benötigt die Staatsanwaltschaft nun allerdings ein den heutigen Umständen angepasstes höchstrichterliches Urteil zur Orientierung. Aus diesem Grund scheint sie den Fall durch alle Instanzen peitschen zu wollen. Turowski fühlt sich als Bauernopfer in einem teuren Prozess, aber nimmt das in Kauf, um seine Ziele zu erreichen.

Für die Zukunft wünscht sich Turowski nicht viel. „Fürs erste natürlich einen Freispruch vor dem Bundesgerichtshof im Dienste der Sache“, sagt er und lacht dabei. Für den wird er sich auch weiter als Privatperson in die Öffentlichkeit stellen. Aber natürlich ist da auch noch der Wunsch nach der Streichung des Paragraphen 217 StGB. „Ich könnte auch mit einer Neuformulierung leben, die es Ärzten ermöglicht, im Einzelfall , ihre Patienten bis zuletzt zu begleiten.“ So, wie er es selbst getan hat.

Vorerst sitzt Christoph Turowski jedoch auf dem Biedermaier-Stuhl in dem schönen Gründerzeithaus hinter den hohen Mauern, und das letzte Stück Pflaumenkuchen mit Sahne verschwindet in seinem Mund. Man mag kaum glauben, dass ein Mann, der so offensichtlich die Ruhe sucht, bereit ist, sich derart in die Öffentlichkeit zu stellen, wie er es tut. Doch er scheint bereit zu sein, diesen Weg bis zum Ende zu gehen – vor Gericht ebenso konsequent wie als Arzt mit seiner Patientin Anja.

EINE ANGEHÖRIGE ERZÄHLT

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