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Allgemein, Verschworene Gemeinschaften

HEXEN OHNE KESSEL

Wer ist heute eigentlich noch normal? Wahrscheinlich niemand, der zaubern kann. Niemand, der mit Bäumen spricht. Niemand, der in altertümlichen Kutten germanische Götter anbetet. Das würden die Meisten sagen. Trotzdem gibt es Zehntausende, die eben das tun. Und es werden immer mehr. Zu Besuch bei einem Hexenritual.

MEIN REICH KOMME

„Zwei Meter hoher Zaun, Mauer rundherum. Zwanzig Meter freie Fläche bis zum Haus. Wir konnten seine Frau vor der Tür in ein Gespräch verwickeln. Doch dann hörten wir, wie jemand über die Gegensprechanlage zuhört. Durch die Ablenkung der Frau konnte das SEK den Offizier festnehmen.“, erzählt ein Kommissariatsleiter vom „Polizeilichen Staatsschutz“. Der Offizier war und ist es wahrscheinlich bis heute: ein Reichsbürger. Das ist kein Einzelfall – oft neigen Personen, die im Beruf eine hohe Position innehatten, im Alter dazu, sich der Reichsbürgerbewegung anzuschließen.

Doch welche Persönlichkeiten verbergen sich hinter den Reichsbürgern? Welche Gründe bewegen die Menschen dazu, sich einem solchen Milieu anzuschließen? Besteht eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft?
Experten, wie Politikwissenschaftler Jan Rathje oder Bildungsreferentin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung, teilen die Reichsbürger in vier Gruppen auf:



Rechtsextreme sind der Auffassung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich immer noch existiert. Als Anhänger können die Sozialistische Reichspartei und Teile der NPD gesehen werden.


Auch Reichsbürger sind der Meinung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich weiterhin existiert. Sie gründen zum Beispiel Kommissarische Reichsregierungen, um ihr eigenes Reich führen zu können.


Die Selbstverwalter gehen ebenfalls davon aus, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist. Als Beispiel können hier die Germanitier herangeführt werden. Zudem gibt es sogenannte „Freie Gemeinden“, die sich selbst verwalten. Nach außen hin vermitteln die Anhänger oft das Bild von einem harmonischen Zusammenleben mit Familien in der Natur. Diese Splittergruppen wirken auf den ersten Blick sehr modern – auf den zweiten erkennt man aber oft antisemitisches Gedankengut.


Souveränitätsfordernde glauben, dass die BRD kein legitimer Staat ist. Zu den Anhängern zählt das COMPACT Magazin, Teile der AfD und Pegida und Xavier Naidoo, der 2014 vor dem Reichstag in Berlin bei einer Reichsbürger-Veranstaltung auftrat.

WO HAT DIE REICHSBÜRGERBEWEGUNG IHREN URSPRUNG?

Inzwischen leben laut Verfassungsschutz 18.400 Reichsbürger in Deutschland, 900 davon sind rechtsextrem.

Die verschworene Gemeinschaft ist äußerst heterogen und nicht einheitlich organisiert. Der rechtsextreme Teil besteht seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945. Dieses Submilieu geht fest davon aus, dass das Deutsche Reich immer noch existiert.

Der bekennende Neonazi und Holocaustleugner Manfred Roeder verlieh sich 1974 den Titel „Reichsverweser“ und wurde somit erster Reichsbürger. Wolfgang Günter Ebel trieb die Bewegung voran und leitete 1985 die erste „Kommissarische Reichsregierung“ unter der Weimarer Verfassung. Er verkaufte selbstgedruckte Dokumente und Ausweise und ging das erste Mal gegen die Bundesrepublik juristisch vor. Danach bildeten sich viele verschiedene Reiche und Gruppen wie die „Germanitien“, das „DHPW“ – das Deutsche „Polizei-Hilfswerk“ – oder das „Deutsche Königreich“.

  • Peter Fitzek: König des "Königreichs Deutschland" (Quelle: YouTube)
  • Germanitien: Fantasiestaat in Baden-Württemberg (Quelle: YouTube)
  • Burghard Bangert: "Nazi-Druide" (Quelle: YouTube)
  • Wolfgang Günter Ebel: erster Leiter einer "Kommissarischen Reichsregierung" (Quelle: YouTube)

Die zweite große Gruppe, die „Selbstverwalter“, tritt aus der Bundesrepublik Deutschland aus und markiert ihre Hoheitsgebiete durch bunte Linien auf Fahrbahnen, Grundstücksgrenzen oder Fantasieflaggen mit Familienwappen.

Ich will doch keine Steuern an ein Land ohne Verfassung zahlen. Ich bin ein Mensch und kein Sklave!

sagt ein Reichsbürger zu Tobias Ginsburg, der undercover für ein halbes Jahr in die Reichsbürgerbewegung abgetaucht ist („Die Reise ins Reich“, Tobias Ginsburg). 

Sie zahlen keine Steuern, geben ihren Personalausweis ab und überschütten die Behörden mit Massen an Briefen und Faxen. In einer Sache sind sich aber alle Teilgruppen einig: „Eine fremde Macht beherrscht Deutschland und zieht im Hintergrund die Fäden.“

Völkischer Nationalismus wird bei Reichsbürgern großgeschrieben. Sie gehen von einer widerspruchsfreien homogenen Gemeinschaft aus, in der sie in ihrer Rolle völlig aufgehen können. Dabei sind sie in ihren Vorstellungen äußerst rückwärtsgewandt. Expertin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung meint damit, dass diese extrem konservativ, zum Teil auch mit einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit, sind. „Sie beziehen sich auf etwas, das es so nie gegeben hat, anstatt sich mit dem auseinander zu setzen, was ist, um es dann besser zu machen“, sagt Hermann. Reichsbürger setzen auf Autorität. Ein hierarchisches System, klare Strukturen und Führung sind wichtig. Angst und Hass gegen Pluralismus ist dabei ihr ständiger Begleiter.

WAS KENNZEICHNET EINEN TYPISCHEN REICHSBÜRGER? 

Mitte 50 – Tendenz steigend, alleinstehend, möglicherweise arbeitslos. Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil bezeichnet das als „Radikalisierung der zweiten Lebenshälfte“. Wenn man sich allerdings YouTube-Blogs anschaut, merkt man schnell, dass das Milieu auch junge Anhänger hat, die offen gegen die Bundesrepublik Deutschland hetzen. Ein verzerrtes Bild könne entstehen, da der Verfassungsschutz und andere staatliche Behörden „durch die Scheuklappen“ allein die strafrechtlichen Handlungen beobachten und daran das Alter messen, vermutet Politikwissenschaftler Rathje. „Wenn man das Milieu dann etwas größer fasst und die Esoterik dazuzählt, finden das auch jüngere Menschen interessant“, meint auch Expertin Hermann.

  • Stephanie Schulz: rechtsextreme Internetaktivistin (Quelle: YouTube)
  • Monika Unger: östereichische Reichsbürgerin (Quelle: YouTube)

Vater-Sohn-, Mann-Frau-Beziehungen oder komplette Familien sind keine Einzelfälle. Frauen sind außerdem im Gegensatz zu anderen rechten Gruppen überproportional bei Straftaten vertreten. Sie machen 20 bis 30 Prozent aus und haben, anders als man erwartet, oftmals eine starke Position in ihrer Gruppe. Mütter spielen immer zentrale Rollen und werden als sehr wichtig angesehen. Sie beschweren sich zum Beispiel in Videoblogs darüber, dass ihre Kinder in der Schule zu früh sexualisiert werden und ihnen im Geschichtsunterricht Unwahrheiten über einen angeblichen Friedensvertrag und die Grenzen von Deutschland erzählt werden. Dass die Sprache gegendert wird und dass es mehr als zwei Geschlechter geben soll, möchte kein Reichsbürger an seine Kinder weitergeben.

WIESO SCHLIEßT MAN SICH DEM MILIEU AN?

Viele Anhänger der Reichsbürger haben ein „schwaches Ich“, sagt Kriminalpsychologe Keil. In der normalen Gesellschaft fällt es ihnen schwer, Halt zu finden oder Anerkennung zu bekommen. Im Milieu wird den Menschen eine wichtige Position zugeschrieben – sie werden gebraucht. Oft treibt sie aber auch eine finanzielle Notlage in die Gemeinschaft. Sie erhoffen sich, dass Lösungen für ihre Probleme gefunden werden. Schnell steht der Sündenbock für ihre missliche Lage fest: der Staat. Keil beschreibt die Szene deshalb auch als Selbsthilfegruppe oder Sekte: „Oben ist ein Guru, unten sind seine Follower.“

Ein Grund für den Anschluss kann aber auch ein Vorruhestand sein. Betroffene fühlten sich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht und wertgeschätzt. Womöglich hatten sie eine wichtige Aufgabe, die sie nun nicht mehr ausführen dürfen.

GIBT ES MACHTKÄMPFE ZWISCHEN DEN GRUPPIERUNGEN? 

Um alleine herrschen zu können, sprechen sie sich gegenseitig die Legitimation ab. Könige, Reichskanzler und Kaiser beanspruchen Deutschland, oder zumindest Teile davon, für sich.  Es kommt sogar so weit, dass sie sich als Verräter bezeichnen, sich Hochverratsvorwürfe machen und Todesurteile aussprechen.

Selbstverwalter dagegen haben kein Problem damit, einander zu helfen. Diese Beobachtung konnte man 2016 bei der Zusammenrottung von Adrian Ursaches Gesinnungsgenossen beobachten. Er gründete auf dem Grundstück seiner Schwiegereltern den Fantasiestaat „Ur“. Da er mehreren Gläubigern Geld in Höhe von 150.000 Euro schuldete, sollte das Haus zwangsversteigert werden. Daraufhin wurde er von vielen Sympathisanten durch Demonstrationen vor einer Zwangsräumung geschützt. Selbstverwalter verabreden sich in solchen Fällen oft über das Internet und WhatsApp-Gruppen oder veranstalten Treffen wie Stammtische in Gasthäusern. Das SEK räumte trotzdem das Haus, wobei es zu Schüssen zwischen Ursache und der Polizei kam. Der Reichsbürger wurde schwer verletzt, aber überlebte.

WELCHE ROLLE SPIELEN VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN BEI DEN REICHSBÜRGERN?

Das Milieu möchte Ressentiments und Affekte ausleben. Es geht darum, einen Sündenbock zu finden. Reichsbürger sind davon überzeugt, dass ausschließlich das absolut Böse an allem schuld sei. Exemplarisch hierfür ist ein Vorfall in Balem bei Berlin: An der U-Bahnstation bieten Bänke Sitzmöglichkeiten für wartende Passanten. Es sind keine normalen Stühle, wie man sie kennt, sondern modellierte Menschen mit sichtbaren Genitalien. Eine „freie Gemeinde“ der Reichsbürger sieht hinter diesem Kunstprojekt einen Plan der jüdischen Weltverschwörung. Angeblich würden die Kinder so früh sexualisiert werden. Das Ziel der Juden sei, am Untergang des Landes zu arbeiten und das deutsche Volk zu vernichten. Horst Mahler, ein bekennender Holocaustleugner und Reichsbürger-Anhänger, sagt ebenfalls, dass die jüdische Weltverschwörung wahr sei.

WARUM SIND REICHSBÜRGER ESOTERISCH? 

Esoterik und Reichsbürgerei haben durchaus Überschneidungen, denn beide behandeln Weltverschwörungsideologien und versprechen Heilung und Macht. Ginsburg traf einen Reichsbürger, der behauptete:

Ich war schon oft tot, habe die materielle Ebene verlassen, ich kenne die Struktur des Universums.

„Reichskanzler“ Norbert Schittke betreibt gerne Werbung für sein Reich an keltischen Steinkreisen auf Esoterik-Veranstaltungen. Burkhard Bangert, bekennender „Nazi-Druide“, glaubt, Nachfahre Merlins zu sein und feierte an einem keltischen Steinkreis in Bischofsheim an der Rhön regelmäßig Feste. Peter Fitzek hatte vor seinem Königdasein einen Esoterik-Bedarfsladen. Er geht davon aus, dass er Kontakt zu Engeln und anderen höheren Wesen hat. Dadurch soll er eine andere Form der Erleuchtung haben und deshalb eine gute Führerfigur für seine Anhängerschaft sein.

WIE IST DIE PSYCHOLOGISCHE SICHT AUF REICHSBÜRGER?

Die Psyche spielt bei vielen Reichsbürgern eine ausschlaggebende Rolle.

Meine Familie, meine Freunde und Bekannten sind alle hirngewaschen und kaputt, völlig kaputt, machen sich über mich lustig und nennen mich einen Verschwörungstheoretiker.

sagte ein Reichsbürger zu Ginsburg. Diskussionen seien zwecklos, die Anhänger dagegen resistent. Kriminalpsychologe Keil erklärt sich dieses Phänomen so, dass viele unter Größen-, Verfolgungswahn oder Narzissmus leiden. Oft haben die Betroffenen schon vor dem Anschluss Depressionen, die sich sich durch das eingeschränkte Weltbild der Reichsbürgerideologie weiterentwickeln. Auch Demenz kann dafür verantwortlich sein, dass ein Wahn erst gegen Lebensende entsteht. Keil sagt, dass man dies Erkrankten erst therapieren müsste, um sie aus diesem Milieu zu ziehen.

Der Kriminalpsychologe behauptet, dass bei Führerpersonen, wie Königen oder Kanzlern, sich der Prozess des Wahns aufschaukele. Die Realitätseinsicht des Anführers sei irgendwann so getrübt, dass er sein Umfeld nur noch mit seinen selbst konstruierten Vorstellungen wahrnehme.

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WELCHE GEFAHR GEHT VON DEN REICHSBÜRGERN AUS? 

Heute geht die Mehrzahl der Experten davon aus, dass die Reichsbürgerideologie nicht nur antidemokratisch, sondern in ihrem Kern auch antisemitisch ist. Der Repressionsdruck auf die Reichsbürger wächst seit den Vorfällen 2016 in Georgensgmünd und Adrian Ursache immer mehr. Lange Zeit wurde die Gefährlichkeit der Reichsbürger von Behörden, wie Polizei und Verfassungsschutz, unterschätzt. Vor allem in Bayern schenkte man dem Milieu nahezu keine Aufmerksamkeit, was sich in den Zahlen bemerkbar macht – Bayern verzeichnet nach dem Verfassungsschutz am meisten Reichsbürger. Erst nach dem Polizistenmord in Georgensgmünd wurde eine zuständige Abteilung für Reichsbürger in Oberfranken erschlossen.

Kriminalkommissar Achim Dowerg stuft sie als verfassungsfeindlich Extremisten ein. 98 bis 99 Prozent der Reichsbürger sind laut Polizei verbal aggressiv und versuchen, Behörden mit ihren Schriftstücken lahmzulegen. Diese würden häufig gezielt in ihrer Arbeit gehindert und von den Bürgern dann als „nicht effizient und versagend“ wahrgenommen, sagt Kriminalpsychologe Keil.

Was zusätzlich beunruhigt: zehn Prozent aller Reichsbürger sind im Besitz legaler Waffen. Im Vergleich: „Nur drei bis vier Prozent der normalen Bevölkerung sind Waffenbesitzer“, sagt der Verfassungsschutz. Das liege daran, dass im ländlicheren Raum, wo es die meisten Reichsbürger gibt, mehr Waffenbesitzer wohnen als in der Stadt. Die zusätzliche Bewaffnung vieler Reichsbürger stelle eine ernsthafte Bedrohung dar, meint Kriminalhauptkommissar Dowerg.

„Wir entdeckten eine geladene Jagdbüchse neben dem Schlafzimmerfenster und einen Revolver in der Sockenkiste. Wir waren froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist, als wenn wir im Morgengrauen gekommen wären und der Offizier das Feuer aus dem Schlafzimmerfenster eröffnet hätte. Das sind so Momente, wo es prickelt: „Gott sei Dank, gut gegangen.“ Dieser Reichsbürger-Fall wird dem Kommissariatsleiter immer in Erinnerung bleiben.

ZWISCHEN TRADITION UND THEATER

Auf ein Kommando heben sich die Arme der jungen Männer. Im nächsten Moment fliegen die stumpfen Degen durch die Luft und treffen klirrend aufeinander.

Überbegriff für die Zusammenschlüsse von Studenten zu konfessionellen Verbindungen, Corps, Landsmannschaften, Sängerschaften, Turnerschaften, Burschenschaften, Damenverbindungen und Sonstigen.

Tradierte Form von Studentenverbindung. Während der inhaltliche Bezug stark variiert, bekennen sich alle zu den Prinzipien der Urburschenschaft von 1815.


DAS FECHTEN

Hier wird gerade geübt. Die Burschen der fakultativ schlagenden Verbindung Hanseatia bereiten sich auf die Mensur vor. Der Begriff Mensur beschreibt beim Fechten den Abstand, in dem sich die zwei Paukanten gegenüberstehen. Er bemisst eine Degenlänge von Brustbein zu Brustbein. Im Verbindungswesen ist damit der studentische Fechtkampf zweier Burschen mit scharfem Degen oder Säbel gemeint. Die Mensur wird nach strengen Regeln und einem vorgegebenen Ablauf gefochten. Den Mitgliedern der Burschenschaft Hanseatia wird die Wahl gelassen, ob sie die Mensur fechten möchten oder nicht. Anders sieht es bei den schlagenden Verbindungen aus, in denen jeder Bursche im Laufe der Mitgliedschaft an Pflichtmensuren teilnehmen muss.

Alexander Leu ist momentan Senior der Burschenschaft. Er leitet mindestens ein Semester lang die Verbindung in Passau und vertritt sie nach außen. Im November wird er selbst zum ersten Mal eine scharfe Partie fechten.

Wenn man keinen Fehler macht, bekommt man ja nichts ab. Man muss halt mit den Konsequenzen rechnen.

Alexander Leu, Senior der Burschenschaft Hanseatia

Kommt es bei der Mensur zu einem Fehler, so kann einer der Teilnehmenden am Kopf verletzt werden. Davon behält man den berüchtigten Schmiss, eine Narbe im Gesicht, zurück.

Um lebensbedrohliche Situationen zu verhindern, sind immer Ärzte anwesend, wenn mit scharfen Klingen gefochten wird. Ähnlich wie bei offiziellen Boxkämpfen. Trotzdem tun sich Außenstehende schwer, den Fechtkampf juristisch einzuordnen. Beim Fechten mit scharfen Waffen ist eine Körperverletzung nicht ausgeschlossen. Verbindungen veranstalten die Mensur unter unterschiedlichen Bedingungen. 

Es mutet seltsam an, dass Ärzte sich bereit erklären, eine in Kauf genommene Körperverletzung zu betreuen. Das mag auch daran liegen, dass zu diesen geschlossenen Fechtveranstaltungen kein Außenstehender Zutritt erlangt. Bei den Ärzten handelt es sich meist um Mitglieder der Verbindung, so genannte Bundesbrüder.

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

Er war zwei Jahre lang Mitglied in einer Landsmannschaft. Nach dem Austritt hat sich sein Bild über das Verbindungsleben noch einmal völlig verändert. Er möchte anonym bleiben. 

> Wie kommt es zu solchen verbotenen Ehrkämpfen?

Wenn sich jemand in seiner Ehre entwürdigt fühlt, kann man den anderen zum Zweikampf herausfordern. Natürlich wird es nicht offiziell Duell genannt. Einmal hat eine Verbindungen was entehrendes in das Gästebuch von einer anderen reingeschrieben. „Penis“ oder so. Auf diese kindische Provokation sind die dann halt eingegangen.

DIE POLITIK

Nach den Befreiungskriegen gegen die französischen Vorherrschaft unter Napoleon Bonaparte gründeten verschiedene Landsmannschaften in Jena die Urburschenschaft. Der Zusammenschluss war motiviert durch den aufkeimenden Patriotismus bei deutschen Studenten. Das Ziel der Urburschenschaft war es, die Mentalität des Volkes zu stärken und die Deutschen Einzelstaaten wieder zu vereinen. Nach französischem Vorbild wollte sie diese Territorien unter einer freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinen. 

Jakob Mosler, Bursche in der Hanseatia

Die Werte aller Burschenschaften orientieren sich an denen der Jenaer Urburschenschaft von 1815: Ehre, Freiheit, Vaterland.

Viele Verbindungen schließen sich aufgrund ähnlicher Interessen unter einem Dachverband zusammen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz existieren etwa 100. Der größte Verband für Burschenschaften ist die Deutsche Burschenschaft (DB).

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Man sagt ja Verbindungen oft nach, dass sie politisch und vor allem konservativ sind. Wie hat sich das für dich geäußert?

Verbindungen sind tendenziell, da man diese Traditionen hat, schon eher rechts. Wie die CDU/CSU. Ich war da jemand besonderes, weil ich mich politisch eher auf der anderen Seite einordnen würde. Ich bin in einer Fachschaft, dem Klischee nach auch eher eine linke Studentengruppe. Aber die Verbindung war da für alles offen. Ich kenne nur einen aus einer Burschenschaft, der war definitiv am rechten Rand und auch Sympathisant der AfD.

DER LEBENSBUND

Was alle Verbindungsarten gemeinsam haben, ist das Lebensbundprinzip. 

Hat man die Probezeit als Fuchs überstanden und die Burschen-Prüfung abgelegt, ist man vollwertiges Mitglied. Sobald man nach dem Studium ein geregeltes Einkommen hat, wird man philistriert und gilt als Alter Herr. Dann zahlt man jedes Jahr einen Beitrag, der den Jüngeren zugutekommt. Die Berufe der Älteren kommen allen Mitgliedern zugute. 

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Wobei konkret unterstützt denn die Verbindung ihre Mitglieder?

Gerade wenn man aus der Schule rauskommt, ist man ja noch ein Bübchen. Dann ist es vielleicht gut, in einem Elternhaus 2.0 unterzukommen. Die sind da, unterstützen dich, zeigen dir die Uni. Geben dir ihre Unterlagen für Prüfungen. Die haben wirklich unheimlich viel Unterstützung für Studenten, das kommt vielen jungen Leuten natürlich gerade recht.

> Wie war es dann für dich, die Landsmannschaft zu verlassen?

Im Nachhinein fragt man sich, warum man da so lange gebraucht hat. Es fiel mir wirklich schwer. Weil ich einfach auch das Potential gesehen habe und das in meiner Vorstellung romantisiert habe: Unzerbrechliche Freundschaften aufbauen, die Verbundenheit, die über Generationen hinweg hält. Nach meinem Austritt bin ich ja sehr schnell verrufen worden. Da waren einige, die plötzlich schlecht über mich geredet haben. Manche kannten mich nicht mal richtig. Diese Freundschaften, die ich meinte gehabt zu haben, waren einfach weg. Bei manchen war ich schon ziemlich enttäuscht.

DIE TRADITION

Bis heute orientieren sich die meisten Verbindungen an alten Statuten. So nehmen viele keine Frauen, Ausländer oder Nicht-Studenten auf. Das läge ja schon im Namen, argumentieren einige. Außerdem gäbe es ja auch andere Vereine und sogar reine Damenverbindungen. Die Hanseatia nimmt nur männliche, immatrikulierte Studenten der Universität Passau mit der deutschen Staatsbürgerschaft auf. 

Bei offiziellen Anlässen tragen Burschen ihre formelle Kleidung mit den Verbindungsfarben, den Vollwichs. Ihre Farben wählt sich jede Verbindung selbst.

Studentenverbindungen unterscheiden sich von anderen Hochschulgruppen durch klare Hierarchien. Jedes Mitglied hat seinen Platz und damit verbundene Rechte und Pflichten. Groß zu hinterfragen und zu diskutieren ist bei einem Burschen aber nicht erwünscht. Einige tun sich schwer, Autoritäten anzuerkennen. Für andere ist die klare Struktur genau das Richtige. 

 FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Wieso spielen da so viele junge Menschen mit und beugen sich Traditionen, mit denen sie nicht aufgewachsen sind?

Junge Menschen haben es oft an sich, sehr unbeholfen und unerfahren zu sein. Da kommt so ein fester Rahmen gerade recht. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich mich auf die anderen verlassen kann. Ich war Teil des Ganzen. Es ist beeindruckend, was da für eine starke Kameradschaft herrscht und wie dich das als Individuum stärkt. Manche kommen auch da rein, weil ihr Vater schon drinnen war und die in diese Tradition hinein erzogen werden.

> Diese Einigkeit wird ja auch durch die starren Strukturen gefördert. Zieht das eine bestimmte Art Mensch an?

Auf jeden Fall, definitiv. Warum ich nicht länger drinnen geblieben bin war auch, dass ich ein ganz großes Problem mit Autoritäten habe. Wenn die nur existieren weil sie existieren, dann verliere ich ganz schnell den Respekt. Das war natürlich problematisch. Wenn der Chef was sagt, wird das so gemacht. Hier passt der Vergleich zur Bundeswehr ganz gut. Wenn man dafür mal was rumtragen muss, dann macht man das halt. Manche finden das sogar angenehm, nicht selber nachdenken zu müssen.

> Ist es nicht widersprüchlich, sich als gebildeter Verbund zu präsentieren aber zu erwarten, dass man Anweisungen nicht hinterfragt?

Sinn und Zweck ist es, ein Bündnis auf Lebenszeit zu schaffen. Gemeinschaft, Zusammenhalt, Ehre, all diese Sachen. Es gilt aber nicht, das zu hinterfragen. Das Bündnis soll eben, koste was es wolle, sag ich mal, bestehen.

> Warum habt ihr keine Frauen aufgenommen?

Einfach nur aus Tradition. Und weil nur unter Männern ein anderes Klima herrscht als wenn Frauen dabei sind. Ein Grund, den ich ziemlich banal finde. Und wenn ich im Nachhinein drüber nachdenke: überhaupt nicht meine Weltansicht. (lacht ungläubig)
Also meiner Ansicht nach kann es nichts kluges sein, was du gerade redest, wenn nicht mal eine Frau dabei sein darf.

> Dürfen deshalb auch keine Außenstehenden teilnehmen – weil die Männer sich so daneben benehmen?

Mhm ja zum Beispiel gibt’s das Papsten. Das kommt zum Einsatz, wenn man zum Beispiel einer anderer Verbindung Couleur-Gegenstände klaut. Sachen wo die Farben drauf sind: Flagge, Krüge oder so. Dann müssen die ein gewisses Äquivalent freitrinken, je nachdem wie wichtig der Gegenstand ist. Wenn die Flagge geklaut wurde, dann muss die Verbindung 60 Liter Bier trinken um das wieder frei zu kaufen. Meistens endet das so, dass man das nicht schafft. Dann muss man sich halt ins Kotzbecken, den Papst, übergeben, damit man noch mehr Bier trinken kann. Totale Verschwendung. Gott, so profan, so klein und billig. (lacht hilfesuchend)
Das Absurde ist, dass auch einige der Burschen das als unangenehme und schlechtere Tradition sehen, aber es halt machen, damit die Tradition bestehen bleibt. Für viele ist das eine Show.

DAS VERSCHWORENE

Bei den traditionellen Festen werden feierliche Reden gehalten, Lieder gesungen und die Verbrüderung gefestigt. Immer dabei: der Alkohol. Darauf bezieht sich ein Großteil der Traditionen.

Es gibt einen ganzen Katalog an Trinkspielen und Wettkämpfen. Diese kommen meistens zum Einsatz, wenn Verbindungen sich untereinander besuchen. Auch durch die gemeinsam durchzechten Nächte wird der Bund zwischen den Burschen gestärkt. 

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Was denkst du, warum man Verbindungen als verschworene Gemeinschaften einordnet?

In den Verbindungen gibt es schon echt nette Leute. Aber sie geben sich halt als sehr geschlossene Gruppe.  Bei uns war es auch Voraussetzung, dass man studiert und auch erwünscht, dass man gute Leistungen in der Uni erbringt. Wenn du exmatrikuliert wirst, fliegst du aus der Verbindung. Zwar mit Bedauern, aber so sind halt die Regeln. Lustiger weise hat ein Großteil überhaupt keine guten Leistungen erbracht, weil eben für die Verbindung so unglaublich viel Zeit drauf geht.

> Wie äußert sich denn diese Geschlossenheit?

Es gibt immer wieder die so genannten Kneipen. Dabei ist alles ziemlich feierlich, man trägt spezielle Gewänder und  Degen, es herrscht nur schummriges Licht. Es war schon sehr traditionell aber auch beängstigend. Gerade wegen der Waffen. Dabei kommt einem schnell der Vergleich in den Kopf, dass das wie bei einer Sekte wirkt. Wie das so abläuft, kann man ja nachlesen. Aber als Außenstehender muss man immer wieder Einzelteile zusammentragen, es wird doch ein sehr großes Geheimnis drum gemacht.

> Wenn man dich nach einer schnellen Antwort fragt, sollte man einer Verbindung beitreten oder nicht?

Also wenn es eine JA/Nein Frage ist, dann würde ich sagen Nein. Sonst würde ich fragen, ob du Traditionen und Gemeinschaft magst, dich unterordnen kannst und mit Regeln zurechtkommst. Damit passt du rein. Wenn du ein Freigeist bist, das Neue liebst eigene Entscheidungen treffen willst, dann eher nicht.


10 ERKLÄRUNGEN ZUM VERBINDUNGSJARGON

VOM GLAUBEN BESOFFEN

Die Zeugen Jehovas klingeln an der Haustür und drängen dir ihre Lehre auf, Tom Cruise ist Mitglied bei Scientology und die Zwölf Stämme machen Schlagzeilen mit Missbrauchsvorfällen: Geschichten über Sekten gibt es viele und eigentlich will niemand etwas damit zu tun haben. Bei der Neureligion Shinchonji ist es aber gar nicht so einfach zu erkennen, dass man gerade etwas mit einer Sekte zu tun hat. Die meisten wissen erst, dass sie existiert, wenn sie schon in ihren Strukturen stecken.

Wie die Strukturen funktionieren und an was die südkoreanische Sekte glaubt, erklären wir euch im folgenden Video.

Seit der Gründung von Shinchonji 1984 breitet sich die Gemeinschaft von Südkorea bis nach Europa und in die USA aus. Sie ist seit 2006 auch in Deutschland aktiv und wird immer größer.

MISSIONIERUNGSSTRATEGIE

Laut Oliver Koch, Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche, verfolgt die Sekte drei Missionierungsstrategien in Deutschland, die auf verschiedenen Ebenen ablaufen. Zum einen gehen Shinchonji-Mitglieder in Gottesdienste bestehender christlicher Gemeinden und sprechen dort gezielt Personen an, die alleine sitzen. Viele Aussteiger berichten, dass sie die Sektenmitglieder von Anfang an sympathisch fanden, da sie sehr offen und freundlich auftreten. Wie Koch erzählt versuchen sie schnell, einen persönlichen Kontakt zum „Missionsobjekt“ herzustellen, bis sie es zu einem Bibelkurs einladen.

Die 27-Jährige Anna ist Aussteigerin aus der Sekte. Sie kam über eine Freundin zu den Bibelkursen von Shinchonji. Ihre Freundin wurde auf der Straße von einer fremden Frau angesprochen, die angeblich ein Interview zum Thema „Religion und Glaube im Alltag“ machte. Das ist die zweite Methode, mit der Shinchonji neue Mitglieder generiert. Schnell intensivierte sich der Kontakt und Anna lernte die Frau kennen. Beide begannen, über die Bibel zu sprechen, bis sie die „Lehrerin“ recht bald zu einem Bibelkurs einlud. Anna wunderte sich über das enorme Interesse an ihrer Person.

Das starke Interesse äußert sich schon bald dadurch, dass den Teilnehmern mehr und mehr abverlangt wird. Die Strukturen werden starr.

Die ersten beiden Methoden funktionieren vorwiegend bei Menschen, die sich mit Glaubensfragen beschäftigen und Interesse daran haben, mehr über die Bibel zu lernen. So wie Anna und ihre Freundin. Die dritte Missionierungsstrategie hingegen geschieht über Tarnorganisationen, wie zum Beispiel die „Frankfurter Friedensgemeinde“ und die „International Womens Peace Group“. Es geht so weit, dass diese Institutionen Feste planen, zu denen auch bekannte Persönlichkeiten eingeladen werden. Der Name Shinchonji fällt nie.

INSTRUMENTALISIERUNG

Koch betont, wie wichtig es ist, immer wieder kritisch zu sein und zu überprüfen, was für eine Organisation hinter Veranstaltungen steht, bei denen für Frieden und Gerechtigkeit geworben wird. Ab und zu wird das vernachlässigt. 2013 trat der Gründer von Shinchonji, Man-hee Lee, beispielsweise auf die Bühne des Leipziger Friedensforums und hielt eine Rede. Die Organisatoren erfuhren erst nach der Veranstaltung, welche Hintergründe ihr internationaler Gast hatte.

Mit Hilfe der Tarnorganisationen bekommt Shinchonji Kontakt zu berühmten Persönlichkeiten, Politikern und Vertretern unterschiedlichster Glaubensgemeinschaften. Sie laden solche Personen unter dem Vorwand von Friedensaktivitäten nach Korea ein. Auch in Frankfurt gibt es immer wieder Kongresse, die sich zum Beispiel „World Alliance of religious Peace“ nennen, kurz WARP. Bei diesen Veranstaltungen unterschreiben Teilnehmer wie Politiker oder Vertreter von Kirchen Kongregationen, auf denen im Kleingedruckten steht: „You are now a part of WARP“, also Mitglied einer Tarnorganisation von Shinchonji. Sie tun das im Glauben daran, einem friedvollen Miteinander zuzustimmen. Solche Veranstaltungen nutzt Shinchonji, um in der Medienöffentlichkeit aufzutauchen – wenn auch mit anderen Namen.

Shinchonji tritt nie mit ihrem echten Namen auf. Oliver Koch berichtet von seiner Reise nach Südkorea, dass sich selbst am Headquarter der Sekte in Seoul kein Erkennungszeichen befindet. Das erlaubt ihnen, die Namen der Tarnorganisationen zu ändern, sobald kritische Informationen an die Öffentlichkeit geraten. Anschließend sind sie im Prinzip verschwunden. In Frankfurt hießen sie schon „Frankfurt Korea Internationale Missionsgemeinde“, „Frankfurter Friedensgemeinde“, „Bible Center“, „Bible College“ und „International Bible College“. Shinchonji hat den Namen immer wieder geändert und wird ihn wohl auch in der Zukunft noch öfter wechseln. Eines haben aber alle Namen gemeinsam: Sie vermitteln ein harmloses Bild der Organisation verbergen ihre Verbindung zu Shinchonji. Aussteiger berichten, dass ihnen am Anfang vor allem das internationale und junge Umfeld in den Kursen zugesagt hat.

MANIPULATION

Aussteiger sind meistens allein, wenn sie sich zum Schritt aus den Fängen der Sekte entscheiden. Die engeren Bindungen, die bestehen, sind oftmals mit der manipulativen Gemeinschaft verwoben.

Als Anna und ihre Freundin tatsächlich den Bibelkurs besuchten, waren sie schon in einer Art Strudel, wie Oliver Koch es nennt. Sie hatten eine Freundschaft zu einem Shinchonji-Mitglied geschlossen und Vertrauen aufgebaut. Das sei typisch, erklärt Koch. Der Kurs findet viermal in der Woche statt und die Mitglieder versuchen, die „Neuen“ dazu zu bringen, nach und nach mehr Zeit in den Bibelkurs zu investieren. Die Sektenmitglieder fordern immer mehr. Die Kurse beginnen früher als angesetzt und enden oft spät am Abend. Bei kritischen Nachfragen, wie Anna sie oft stellte, verweisen die Lehrer oft auf den nächsten Tag, die nächste Woche oder entgegnen: „Hab Geduld, hab Geduld, du verstehst das noch nicht.“

Anna bekam immer seltener Antworten auf ihre Fragen und die Mitglieder verwickelten sie in andere Gespräche, um von kritischen Fragen abzulenken. Oliver Koch, Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche, erklärt, dass sich Kursbesucher in eine Art Abhängigkeit begeben. Ihnen wird versprochen, die Bibel zu verstehen. Aber erst am Ende des Kurses, weil sich einem erst dann die „ganze Wahrheit“ erschließt. Gleich zu Beginn des Kurses erklären die Lehrer, es sei wichtig, nicht mit anderen über das Erlernte im Kurs zu sprechen, das könnte die Teilnehmer verwirren. Auch Anna wurde geraten, nicht mit Freunden und Familie über den Kurs zu sprechen, da Satan sonst leicht auf sie Einfluss nehmen könne und sie abhalte, die Wahrheit zu lernen. Das könne er über die engsten Bezugspersonen besonders gut, da die emotionale Bindung hier am stärksten sei. Anna tat es trotzdem und erfuhr so von einer Frau aus ihrer Gemeinde, dass sie in einer Sekte ist.

Koch betont, dass das natürlich eine geschickte Strategie sei, um Menschen von Kritik abzuhalten.

Die Bibelkurse sind in Grundstufe, Mittelstufe und Hauptstufe eingeteilt. Jede Stufe müssen die Teilnehmer mit einer Prüfung abschließen, in der sie Bibelzitate wortwörtlich zitieren. Es gibt keine Transferfragen, sondern es geht um stupides Auswendiglernen. Wer eine Prüfung nicht besteht, muss einen Teil des Kurses wiederholen und sie nochmal schreiben. Zwischen der Mittelstufe und der Oberstufe werden die Teilnehmer „eingeweiht“. Das bedeutet, sie erfahren von Man Hee Lee, dem angeblichen verheißenen Pastor der Endzeit. Ab diesem Punkt steigt der Druck auf die Teilnehmer. Sie müssen mehr und mehr Zeit investieren und weitere Personen anwerben. Koch beschreibt das als einen „manipulativen Strudel“.

Sobald Mitglieder „versiegelt“, also eingeweiht sind in die Endzeitvorstellungen von Shinchonji, besuchen sie zusätzlich einen separaten Gottesdienst. Dort gibt es oft Liveübertragungen aus Südkorea, in denen Man Hee Lee beim Predigen zu sehen ist. Je nachdem, in welchem Teil der Erde sich die entsprechende Dependance von Shinchonji befindet, ist sie einem der zwölf Stämme aus der Bibel zugeordnet, die jeweils ihre spezifische Farbe haben. In Frankfurt ist das der Stamm des Simon mit der Farbe Gelb. Männer tragen bei Gottesdiensten eine gelbe Krawatte und Frauen ein gelbes Halstuch. Darauf ist die Unterschrift von Man-hee Lee eingestickt.

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Eine Krawatte von einem Shinchonji Mitglied aus Frankfurt.

In Frankfurt sind an Sonntagen die Fenster im 15. Stock des Gebäudes, in dem Shinchonji den Gottesdienst für die Eingeweihten feiert, mit gelben Tüchern verhangen.

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Nur am Sonntag sind die Fenster des 15. Stockwerks verhangen.

Die „Versiegelten“ müssen außerdem ihren Zehnten, also zehn Prozent ihres Nettoeinkommens, an Shinchonji abgeben. Wer wie viel gegeben hat, sehen die Mitglieder während des Gottesdienstes auf einem großen Bildschirm.

Letztlich führt die mangelnde freie Zeit dazu, dass sich die Mitglieder immer weiter abkapseln und den Anschluss zu ihren Angehörigen und Freunden verlieren.

ISOLATION

Oft brechen Mitglieder den Kontakt zu Außenstehenden ab. Alle Freunde und sozialen Kontakte leben innerhalb der Gruppierung. Kritische Stimmen verstehen Shinchonji Mitglieder als satanistische Versuche sie zu unterwandern und zu zerstören. Deswegen lassen sie Kritik sofort an sich abprallen, was es für Angehörige erschwert, Kontakt zu halten. So erging es auch der Mutter von Markus, der selbst ein Jahr lang Mitglied der Sekte Shinchonji war und eine Dependance in Stuttgart errichten sollte. Wie es der Familie in dieser Zeit ergangen ist, könnt ihr hier nachlesen.

Nur dann können Mitglieder die Kraft finden, aus der Sekte auszutreten. Doch eine endgültige Entscheidung kann den Betroffenen von niemandem abgenommen werden.

AUSSTIEG

Anna entscheidet sich aus eigenen Stücken für den Ausstieg. Obwohl sie nicht einmal einen Monat lang den Bibelkurs besucht hat, ist der Druck enorm und die Kritik der anderen Sektenmitglieder bleibt nicht aus.

Anna hat es geschafft und ist seitdem vorsichtiger, wenn sie anderen Menschen von ihrem Glauben erzählt. Ihre Offenheit und ihr Gottvertrauen hat sie aber behalten.