Tag Archives: Audio

ZWEI SEITEN EINER MEDAILLE

Zwei verschiedene Männer sitzen 120 Kilometer voneinander entfernt jeweils an einem Tisch und erzählen ihre Geschichte. Bei beiden beginnt sie mit einem militärischen Schwur, jedoch endet sie bei dem einen mit einem „ja auf jeden Fall“ und bei dem anderen mit einem „nein, niemals“. Es sind weit mehr als 120 Kilometer, die diese Männer voneinander trennen. Es ist die unterschiedliche Erinnerung an ihre Zeit bei den Grenzern in der DDR.

Jürgen F. und Christian U. wurden beide zu mindestens achtzehn Monaten Wehrdienst verpflichtet. So war es zu dieser Zeit in der DDR üblich.


 

ES STAND DIE TODESSTRAFE AUF DIE WEHRDIENSTENTZIEHUNG UND WEHRDIENSTVERWEIGERUNG IN DER DDR


Für den einen eine Chance, für den anderen eine Pflicht. Jürgen F. entschied sich, anders als Christian U., zu einer Laufbahn als Offizier auf Zeit – 38 anstatt 18 Monate.

In der DDR erhielten junge Männer, die diese Laufbahn einschlugen, monatlich 100 Mark mehr Zuschuss für das nachfolgende Studium als diejenigen, die nur die Pflichtmonate ableisteten. Viel Geld für die damalige Zeit.

Jürgen F. erinnert sich genau an die feierliche Zeremonie des Fahnenschwurs und die Vereidigung zum Offizier. Detailliert berichtet er von diesem Erlebnis.

In Christian Us. Erzählungen hingegen schwingt vom feierlichen Charakter nur wenig mit.

Doch der Fahneneid verpflichtete beide Männer, der Deutschen Demokratischen Republik zu dienen. Auch unter Einsatz ihres Lebens. Ein Schwur in Anlehnung an die Maxime der Roten Armee von 1918.

„Ihm zu dienen heißt, dem gesamten werktätigen Volk zu dienen. Es verraten heißt, das Volk zu verraten. Seine Feinde sind deine Feinde, sein Sieg ist dein Sieg… das Vaterland bist du selbst, diene ihm wie dir selbst.“

Das Glück des Einzelnen wurde an die Existenz der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik gebunden. Opferbereitschaft wurde eingefordert oder durch entsprechende Strukturen forciert.


 

ES STAND DIE TODESSTRAFE AUF DIE BEFEHLSVERWEIGERUNG ODER NICHTAUSFÜHRUNG EINES BEFEHLS


Die Grenzsoldaten erhielten den klaren Befehl, „Grenzverletzer aufzuspüren oder zu vernichten“. Dieser Befehlsempfang nannte sich Vergatterung und wurde vor jeder Schicht von dem diensthabenden Offizier durchgeführt und mit dem Kommando „Stillgestanden, Vergatterung!“ beendet.

Jürgen F. hat selbst hunderte Male die ihm unterstehenden Grenzsoldaten vergattert, bevor es zur Kontrolle an das 24 Kilometer lange Grenzstück ging. Dabei stand nicht der Schutz nach außen im Vordergrund, sondern der Schutz nach innen.

„In Wirklichkeit saßen doch die ganzen Soldaten mit dem Rücken zur Grenze, dass ja kein Grenzverletzer kommt“, sagt Jürgen F.. Trotzdem, betont er, „musste sich im Einzelfall jeder selbst entscheiden, wie er handelte“, wenn ein Republikfluchtversuch eintrat.

Das heißt, ich musste die Waffe anwenden; aber erst mal aufhalten und nicht totschießen, erst mal auf die Beine schießen für denjenigen, der des Zielens mächtig war. Wenn etwas passiert ist - jemand tödlich getroffen wurde - gab es keinen Vorwurf.

fasst Jürgen F. im lockeren Ton zusammen.

„Man konnte nicht nachweisen, ob jemand aus Versehen danebengeschossen hat oder mit Absicht. Diesen Ausweg hatte jeder.“  Aber auf eine größere Entfernung konnte nicht garantiert werden, nur die Beine eines Ziels zu treffen. Eine Eventualität, die man in Kauf nehmen musste und die jedem bewusst war.

Lebend waren Republikfeinde wertvoller, da sie mögliche Informationen über andere potentielle Grenzflüchtige hatten. Dennoch war das Leben der Republikflüchtigen geringer einzuschätzen als die Unverletzlichkeit der Grenze.

„Wenn es nicht anders gegangen wäre, hätte ich es zumindest gemacht. Dann hätte ich geschossen.“ gibt Jürgen F. offen zu.

Gelang es, eine Grenzflucht zu vereiteln, erhielt der Grenzposten Sonderurlaub oder eine andere Belobigung.

Arno Polzin, der sich in seinem Buch „Mythos Schwedt“ detailliert mit dem Militärgefängnis Schwedt auseinandergesetzt hat, verweist auch auf ein besonderes Drohpotenzial in der NVA.

Die Angehörigen der Grenztruppen wurden auf Verhinderung jeglicher Grenzdurchbrüche gedrillt.

Gelang einem Republikflüchtigen der Grenzdurchbruch, wurde durch eine interne Untersuchung genau ermittelt, wie dies geschehen konnte. „Die Nichtanzeige von Erkenntnissen zu Republik- und Fahnenfluchten oder die Duldung von Grenzdurchbrüchen waren Straftatbestände, die bei einer entsprechenden Verurteilung nach ‚Schwedt‘ führen konnten.“

Christian U. erinnert sich an einen Unteroffizier, der aufgrund einer unbekannten Regelverletzung für sechs Monate in Schwedt inhaftiert wurde.

„Da haben die den gebrochen. Da ging gar nichts mehr. Der hat nie wieder etwas erzählt. Der war weg, der Mann. Den konnten sie nur noch zu den Kanonen stecken. Kanonenfutter nannte sich das dann. Das war schlimm. Da spricht aber keiner darüber. Die, die da gewesen sind in Schwedt.“

120 Kilometer entfernt erzählt der ehemalige Offizier Jürgen F. von einem Unteroffizier, der in einen Brief an die Freundin die vage Andeutung eines Fluchtwunsches äußerte. Ein Gedankenspiel, das zu einer sofortigen Abholung aus dem Heimaturlaub durch Jürgen F. führte.

„Der wurde in Unehren nach eineinhalb Jahren entlassen. Hat Glück gehabt. Musste nicht drei Jahre in seinem Elend dienen. Kein Gefängnis oder sonst irgendwas.“

Die omnipräsente Überwachung war Alltag.

Post wurde sowieso kontrolliert, und wenn jemand im Urlaub war, wurden anschließend Gespräche geführt. In jedem Zug gab es Leute, von denen du nicht wusstest, dass sie von der Staatssicherheit sind.

sagt Jürgen F..

Besonders Grenzsoldaten wurden genauestens überprüft und hatten strikten Verhaltensregeln zu folgen. „Keine dienstlichen Unterhaltungen in Familien- oder Verwandtenkreis führen. Keine Rundfunk- und Fernsehsendungen kapitalistischer und anderer nicht sozialistischer Staaten. Kein Kontakt mit Bekannten in der BRD.“

Die Liste im Handbuch für militärisches Grundwissen der Nationalen Volksarmee ist lang.

Auch Christian U. berichtet von Strukturen der absoluten Kontrolle.

„Die haben alles überwacht. Telefonieren mit Zuhause durften wir nur über den Funkbunker und da sind die Tonbänder mit gelaufen. Wenn da irgendein falsches Wort dabei war, wurdest du eine Stunde später vorzitiert. Das war so, das wusste jeder.“

Dazu eine systematische Indoktrination mit sozialistischem Gedankengut und unnachgiebige Sanktionierungen. Daraus erwuchsen Frustration und Angst. Eine Situation, die Menschen zu Verzweiflungstaten treiben konnte.

Jürgen F. plaudert im lockeren Ton von seinen Schichten im Grenzdienst. „Grenzposten waren immer zu zweit. Damit der eine Grenzposten den anderen absichert und auf den aufpasst. War kein Beobachtungsgefühl, man hatte halt jemanden zum reden“, schildert Jürgen F. die Situation. Verweist jedoch im Anschluss auf Vorfälle, die das zuvor gesagte wie eine Bagatellisierung klingen lassen.

„Man durfte nicht einschlafen und sich auf den zweiten Posten verlassen. Dieser hätte die Chance nutzen können, um in der Schlafenszeit abzuhauen oder noch schlimmer. Es gab ja auch Fälle, dass untereinander die Kameraden erschossen wurden und der Schütze dann abgehauen ist. Man musste also immer wachsam sein.“

Eine Bedrohungssituation, der nicht jeder standhalten konnte.

„Erwachsene Männer haben geheult wie kleine Kinder“, kommentiert Christian U. die Situation unter den Soldaten.

Für einige untragbar.

14 Tage nach der Postenübernahme hat sich mein Nachfolger im Bett erschossen. Er hatte Angst, dass er der Sache nicht gewachsen ist.

Erinnert sich Jürgen F..

Die Selbstmordrate war in der DDR eineinhalb Mal höher als in der BRD, gesehen auf die Gesamtbevölkerung. Man konnte den Dienst an der Waffe verweigern. Das war jedoch sehr schwer durchzusetzen und bedeutete mehrfache Verhöre, um die Beweggründe zu ermitteln. Druck, der an Zwang erinnert.

„Die wurden dann aber drangsaliert. Die mussten den Eid nicht ertragen, aber dafür anderes“, betont Jürgen F..

Doch auch Grenzer hatten es laut Christian U. nicht leicht. Ausgänge seien zum einen aus Kontrollgründen immer nur zu zweit gestattet gewesen, trugen aber auch zur Sicherheit der Ausgehenden bei.

Feindseligkeiten der Bevölkerung gingen teilweise über verbale Beleidigungen hinaus. „Ein Grenzer wurde in einer Bar zusammengeschlagen, weil er so geprahlt hat“, erzählt Jürgen F.. Dennoch, betont er, seien Grenzsoldaten sehr angesehen gewesen.

Vermutlich waren es gerade Aussagen wie diese,

War interessant, wenn man einen festgenommen hatte. Alle wollten den Grenzverletzer sehen. Das war ein ganz normaler Mensch wie du und ich. Ein ganz normaler Mensch war das. Der wurde dann von der StaSi abgeholt und wurde vernommen.

die in einer gefangenen Gesellschaft für Unmut sorgten.

An der 1.378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze wurde zwischen 1976 und 1988 38.063 gescheiterte Fluchtversuche registriert.

„Das hört sich alles schlimmer an, als es war“, versucht Jürgen F. die Schärfe aus seinen Erzählungen zu nehmen.

Dem gegenüber steht der Satz von Christian U.: „Das ganze Schlimme hat man viel verdrängt und vergessen.“

Hätte Jürgen F. damals die Wahl bei der Vereidigung durch den Fahnenschwur gehabt, wäre seine Antwort ein klares „Ja auf jeden Fall“ gewesen. Seine Zeit als Offizier scheint für ihn eine Chance und ein Gewinn gewesen zu sein.

120 Kilometer entfernt antwortet Christian U. auf diese Frage mit einem klaren „Nein, niemals“. Nicht aufgrund des Wortlautes, sondern aufgrund allem, wofür dieser Wortlaut steht. Er beschnitt einen Menschen in seiner Freiheit, nein zu sagen und schnürte ein Korsett aus Zwang und Furcht. Er schaffte einen Bund vor dem Gesetz.

Vergrößern

2Richtungenweiß
Zwei Soldaten, zwei Erinnerungen

VERSCHWÖRERISCHE FREQUENZEN

 

Vom Tod berühmter Persönlichkeiten wie Elvis oder Tupac bis hin zu erschütternden Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York. Verschwörungstheorien sind allgegenwärtig in allen Gesellschaftsbereichen. Manchmal scheinen sie nur zur eigenen Belustigung zu entstehen. Dass Hitler noch lebt und heimlich seine Rückkehr plant, kann zumindest schon aus biologischer Sicht nur belächelt werden. Ganz abgesehen von der Sinnhaftigkeit dieses Versteckspiels.

Es gibt aber auch Verschwörungstheorien, die deutlich seriöser und glaubhafter erscheinen wollen. Sie erklären Szenarien und Ereignisse, die manche Menschen nicht als zufällig abtun wollen. Transportieren diese Theorien nur überschüssige Informationen und machen es für empfängliche Persönlichkeiten „leichter“, die Welt zu verstehen oder sind sie auch Werkzeuge, um konkrete Ziele umzusetzen?

Der Germanist Sören Stumpf und der Sozial- und Rechtspsychologe Roland Imhoff beschäftigen sich in ihren jeweiligen Forschungen mit Verschwörungstheorien und wie diese verbreitet und ausgebaut werden. Allerdings nach unterschiedlichen Gesichtspunkten. Während sich Herr Imhoff mit dem Individuum und der Verschwörungsmentalität auseinandersetzt, hat sich Herr Stumpf mit der Kommunikation im Internet beschäftigt. Genauer gesagt: mit den Kommentarspalten auf YouTube.

———–

Sören Stumpf über Verschwörungstheorien und wie sie verbreitet werden.

————–

Roland Imhoff über die Verschwörungsmentalität des Einzelnen.

——

Mehr zum Thema findest du hier:
Abseits vom Mainstream und Hetzerkollektiv.

„WAS DER BISCHOF NICHT WEISS, MACHT DEN BISCHOF NICHT HEISS“

Kirche und Homosexualität klingt für viele wie ein Oxymoron – das eine schließt das andere aus. Doch nach dem Bundestagsbeschluss der Ehe für alle gibt es auch in der katholischen Kirche Bewegung und die Diskussion ist entfacht. Viele gleichgeschlechtliche christliche Paare wünschen sich eine Bestätigung ihrer Partnerschaft in Form einer Segensfeier. Offiziell sind diese nicht möglich. Noch nicht.

Kirchenglocken läuten. Die Gäste warten gespannt. Ein gut geputzter Wagen fährt vor. Die Kirchenbänke sind mit bunten Blumensträußen geschmückt. Der Bräutigam steht vor dem Altar. Orgelklänge. Ein Pfarrer predigt. Diese Bilder schießen einem in den Kopf, wenn man das Wort Hochzeit hört. Kirchliche Hochzeit. Auf diese musste Peter Hinze verzichten. Und das nur, weil er einen Mann heiratete.

Am 30. September 2017 gaben sich Peter Hinze und sein Partner Hubertus Pooth das Jawort im Standesamt. Aber eben nur im Standesamt. Geplant hatten die beiden, ihre Ehe auch in der Kirche zu feiern. Nicht, wie es Mann und Frau tun. Diese Möglichkeit einer Trauung besteht für gleichgeschlechtliche Paare nicht. Es sollte eher wie ein Besuch in der Kirche sein, an diesem besonderen Tag. „Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, bei der das Brautpaar von hinten in die Kirche einmarschiert und dann vorm Altar stehen bleibt“, so Hinze.

Es sollte gar nicht wie eine Trauung aussehen, das wollten wir gar nicht. Peter Hinze

Der Pfarrer der Gemeinde, Stefan Sühling, gilt eigentlich als sehr konservativ. Trotzdem erklärte er sich bereit, einen Gottesdienst für die beiden abzuhalten. Er wollte um den Segen Gottes bitten für Menschen in Beziehungen. Ganz allgemein. Wie eine Trauung sollte es nicht ablaufen. Aber er wollte sich dem Wunsch des Paares nicht verweigern.

Peter Hinze ist Bürgermeister von Emmerich. Ein Mann der Öffentlichkeit. Sonst wäre über seine Hochzeit wohl gar nicht berichtet worden. Doch genau dieser Bericht führte dazu, dass der geplante Wortgottesdienst zu seiner Hochzeit abgesagt wurde. Auslöser für den Widerspruch des Bischofs war eine irreführende Überschrift eines Artikels in der Weseler Ausgabe der Rheinischen Post. Der Autor betitelte die Ankündigung der Segensfeier mit „Vermählung“ statt mit „Wortgottesdienst“.

Aus dem Artikel ging klar hervor, dass es sich nicht um eine traditionelle kirchliche Hochzeit handeln sollte. Lediglich um einen Gottesdienst mit einer Segnung des Brautpaars. Trotzdem sah der Münsteraner Bischof Felix Genn die Gefahr, dass es zu einer Verwechslung mit dem heiligen Sakrament der Ehe kommen könnte. Das ist der Partnerschaft von Mann und Frau vorbehalten.

Drei Tage vor der geplanten Feier untersagte der Münsteraner Bischof den Gottesdienst. Er wollte nicht der erste Bischof sein, der das öffentlich zulässt. Segnungen für Autos, Tiere und Eier an Ostern werden jedoch ohne Zögern durchgeführt.

Der Bürgermeister selbst ist gar nicht so gläubig. „Mein Partner ist der katholischen Kirche zugewandter als ich, für ihn wollte ich das machen.“ Pooth wuchs neben einer Kirche auf. Sie war fester Bestandteil seines Lebens. Und sollte auch ein Teil des Beginns dieses neuen Lebensabschnittes sein. 

Immer wieder finden Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare statt. Wenn man sucht, findet man auch einen Pfarrer. Diese Feiern müssen jedoch eher verdeckt ablaufen. Sobald man sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt oder eben, wie Peter Hinze, in der Öffentlichkeit steht, gibt es Probleme. „Was der Bischof nicht weiß, macht den Bischof nicht heiß“, beschreibt Hinze die derzeitige Situation. Das Problem sei dabei nicht die Basis, also die Pfarrer in der katholischen Kirche, sondern das Bistum. Nur von oben könne sich eine Veränderung vollziehen.

Der Bürgermeister ist  selbst als Standesbeamter tätig. Seit die Ehe für Homosexuelle rechtlich möglich ist, hat er schon einige gleichgeschlechtliche Paare auf dem Papier getraut. „Keins dieser Paare äußerte im Vorgespräch den Wunsch, auch kirchlich zu heiraten. Wahrscheinlich, weil die meisten wissen, wie kritisch die Kirche dem gegenübersteht.“ Bald ist der Bürgermeister wieder  bei einer Haussegnung mit dabei. Häuser werden also gesegnet.

Stefan Diefenbach war Ordenspriester, als ihm klar wurde, dass er schwul ist. Heute ist er mit seinem Partner verheiratet und setzt sich dafür ein, dass Segensfeiern in der katholischen Kirche legitimiert werden. Er bedauert, dass der Bischof bei Hinze diesen Schritt gehen musste. Man müsse aber auch bedenken, dass Bischöfe nicht völlig autonom handeln können und auch sie den Anweisungen der Kirche folgen müssen. 

Thomas Schüller, Professor für katholisches Kirchenrecht, erklärt, dass es nie gut sei, wenn eine Praxis besteht, die versteckt abläuft. Es müsse eine offizielle Anordnung geben, wie mit Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren umgegangen werden soll, die sich eine Segensfeier wünschen. So eine klare Ordnung sei nötig, um Fälle wie den von Peter Hinze in Zukunft zu vermeiden.

Wasdagegen.jpg

Homosexualität gilt in der katholischen Kirche für viele noch als Sünde. Im April 2016 veröffentlichte Papst Franziskus das Schreiben „Amoris laetitia“. Es behandelt die Themen Ehe und Familie. Auch über Homosexualität ist ein kurzer Absatz geschrieben. Dort heißt es, dass Homosexuellen mit Mitgefühl und Respekt begegnet werden soll und sie in keiner Weise zurückzusetzen sind. Im weiteren Verlauf heißt es jedoch, dass „eine respektvolle Begleitung zu gewährleisten ist, damit diejenigen, welche die homosexuelle Tendenz zeigen, die notwendigen Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen.“

Eine Paarbeziehung von Homosexuellen fällt somit für das Oberhaupt der katholischen Kirche weiterhin nicht unter den Willen Gottes. Das Ausleben von Sexualität ist in der katholischen Kirche nicht in Ordnung, wenn es nicht offen ist für das Leben. Also für die Zeugung von Nachkommen. Diese Bewertung von Homosexualität des kirchlichen Lehramts spricht zurzeit noch gegen die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Zuerst müsste diese Grundeinstellung geändert werden, bevor es zu weiteren Schritten kommen kann.

Der Papst räumte den nationalen Bischofskonferenzen allerdings auch mehr Spielräume ein, wenn es um die praktische Auslegung moralischer Normen auf dem Gebiet der Sexualität geht. Die westliche Welt kommt nach den Ergebnissen der modernen Humanwissenschaften zu einer positiveren Bewertung von Homosexualität als andere christliche Länder. Es kann also auch lokale Lösungen geben. Es sei an der Zeit, sagt Diefenbach.   

IST EINE ÖFFNUNG RECHTLICH ÜBERHAUPT MÖGLICH?

Auch das Kirchenrecht lässt Spielräume offen. Die Benediktionale, eine Liste des Vatikans, zeigt alle erlaubten Segenshandlungen auf. Von der Segnung des Adventskranzes bis zu der eines Flugzeuges. Eine Segnung für gleichgeschlechtliche Paare sieht die Benediktionale nicht vor. Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht aber eine Ausnahme: Bischöfe seien bemächtigt, für entsprechende Anlässe eigene liturgische Normen zu erlassen. So könnten auch die geforderten Segensformulare erstellt werden. Nach Stefan Diefenbach muss es Bewegung geben, damit die Kirche nicht erstarrt.

Viele Gläubige sind dafür, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. Auch 70 Prozent der Katholiken sehen da kein Problem. In den anderen Konfessionen weicht die Meinung etwas ab.

segengelb.jpg

Das Bistum Osnabrück zeigt, dass ein Umdenken von den traditionellen Mustern möglich ist. Schon seit längerer Zeit wird hier über Segensfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren diskutiert. Der stellvertretende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Franz Josef Bode, stellte sich im Januar 2018 erstmals gegen die bislang vorherrschende Haltung in der katholischen Kirche. Man müsse sehen, dass es auch solche Paare gibt, die kommen und sich den Segen wünschen, die ein Interesse an der Kirche haben. Es gehe nicht, dass ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen werde. Man müsse in diesem Feld weiterdenken und es müsse endlich eine Entwicklung geben.

Bruder Thomas Abrell ist im Bistum Osnabrück verantwortlich für Fragen rund um das Thema Homosexualität in der Kirche. Der Franziskaner ist Bildungsreferent im Haus Ohrbeck und leitet den Arbeitskreis „Kreuz und queer“. Bereits vor fünf Jahren hatte Bischof Bode ihn gebeten diese Aufgabe zu übernehmen. Von da an wurde in Osnabrück an der Akzeptanz von homosexuellen Katholiken gearbeitet. Auch bei Mitarbeitern des Bistums sei es kein Problem, wenn diese offen homosexuell leben.

Trotz der Offenheit Bodes sind Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare auch in Osnabrück noch nicht offiziell erlaubt. Ohne Konsens in der Bischofskonferenz ist das fast nicht möglich. Aber hier im Bistum brauchen sich die Paare nicht mehr verstecken. Sie müssen keine Angst haben, dass der Bischof ihre Feier untersagt. Das sei im Bistum Osnabrück noch nie vorgekommen. Bruder Thomas selbst, führte letzten Sommer seine erste Segensfeier für ein homosexuelles Paar durch. Für ihn war das überhaupt kein Konflikt mit seinem Glauben. Auch der Bischof wusste von der Feier. Und auch sonst sind solche Segnungen nicht mehr der Einzelfall.

In anderen Bistümern müssen Segnungsfeiern teilweise sogar unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, um nicht die Aufmerksamkeit eines Bischofs zu gewinnen. Aber sie finden statt. Die Praxis ist da. Und das schon seit längerer Zeit. Aber eben nicht offiziell. So gibt es noch keine allgemeine Regelung, jedes Bistum hat da seine eigene. Von daher sei es schwierig zu sagen, wie viele Bischöfe wirklich dafür sind, meint Bruder Thomas. Es seien aber mehrere, die von Segnungsfeiern in ihrem Bistum wissen und diese dulden.

Auch in den einzelnen Gemeinden sind eine liberalere und eine konservative Linie erkennbar. Wie auch in anderen umstrittenen Punkten in der katholischen Kirche. Ein Teil beharrt auf die traditionelle christliche Weltsicht und damit auf ein traditionelles Familienbild. Andere wünschen sich einen Fortschritt und die Akzeptanz von alternativen Lebensmodellen. 

Laut Bruder Thomas gehen viele Menschen immer noch davon aus, dass man Homosexualität erlernen kann oder dass es eine Krankheit ist. Nach diesen alten Klischees wäre Homosexualität etwas Widernatürliches. Der heutige Stand der Humanwissenschaften belegt jedoch, dass es dabei um Veranlagung geht. Und was zur Veranlagung gehört, gehört auch zum Menschsein dazu. In der Kirche gilt Homosexualität für viele noch als Sünde. Auch hier denkt das Bistum Osnabrück schon weiter.

Aufklärung sei hier der Schlüssel zur Veränderung. Bode habe gemerkt, dass dort Menschen sind, die auf der Suche sind und mit einem Wunsch an die Kirche herantreten. Entsprechend müsse mit den Menschen auch umgegangen werden. Für seinen Vorstoß bekam Bode viele Reaktionen aus aller Welt. Und zwar überwiegend positive.

Trotzdem ist es noch ein langer Weg bis zur allgemeinen Akzeptanz von Homosexualität in der Kirche. Osnabrück ist da erst der Anfang. Selbst wenn ganz Deutschland nachzieht, wäre das auch nur ein Sprachraum. In einem Großteil der Welt werden Homosexuelle noch verfolgt. Der Papst ermutigt aber dazu, Fragestellungen, die nicht gesamtkirchlich geklärt werden können, vor Ort zu klären. Osnabrück ist nur der Anfang. Vielleicht merken so die anderen Bistümer: Es tut ja gar nicht weh.

Homosexuelle müssten in der Kirche so manchen Schlag zurückstecken, meint Diefenbach. Ein Austritt ist für ihn dennoch keine Option.

gaypride.jpg

IN WELCHEN LÄNDERN IST DIE EHE FÜR ALLE MÖGLICH?

Seit einem Jahr gibt es die Ehe für alle auch in Deutschland. Wie viele gleichgeschlechtliche Paare sich seit dem 01. Oktober 2017 standesamtlich trauen ließen, zeigt eine bundesweite Umfrage der deutschen Presseagentur bei Standesämtern. Insgesamt ließen sich mehr als 10.000 homosexuelle Paare verheiraten. Ein großer Teil davon waren Umwandlungen von eingetragenen Lebenspartnerschaften.

 DIE BELIEBTESTEN STÄDTE FÜR DIE EHE FÜR ALLE

Einige Standesämter erheben gleichgeschlechtliche Ehen nicht gesondert. Ehe für alle hieße gleiches Recht für alle. Somit werden auch auf dem Papier keine Unterschiede gemacht. Eine detaillierte Erhebung des statistischen Bundesamtes wird voraussichtlich Mitte des Jahres 2019 veröffentlicht.

Bei der Abstimmung im Bundestag am 30. Juni 2017 stimmten auch einige katholische Abgeordnete für das Gesetz der Ehe für alle. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) spricht sich offen für die Einführung von klaren Regelungen für Segensfeiern gleichgeschlechtlicher Paare aus. Auch Mitglieder der Laienorganisation stimmten bei der Abstimmung mit „Ja“. Von den insgesamt 393 Befürwortern sitzen fünf auch im ZdK. Drei der ZdK-Mitglieder stimmten mit „Nein“.

 

Maria Böhmer (CDU) ist Mitglied des Bundestags und des Zentralkomitees deutscher Katholiken. Sie stimmte während der Abstimmung am 30. Juni 2017 mit ‚Ja‘ für die Ehe für alle.  In einer öffentlichen Erklärung nahm sie Stellung zu ihrer Entscheidung.

Seit knapp einem Jahr ist die „Ehe für alle“ politische Realität. Nun müssen die Kirchen eine Lösung finden, um die Paare auch theologisch und liturgisch zu unterstützen.

figurmale.jpg

Die evangelische Kirche geht mit Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare deutlich offener um. In einem Großteil der Landeskirchen können Schwule und Lesben ihre Partnerschaft öffentlich im Gottesdienst segnen lassen. Diese Feiern laufen genauso ab, wie Trauungen heterosexueller Paare. Nur die Bezeichnung ist anders. Im April 2018 veröffentlichte die Landeskirche Hessen und Nassau ein neues Kirchengesetz, nach welchem auch die Bezeichnung angepasst wird. Es gibt somit keinerlei Unterschiede zwischen Trauungen homosexueller und heterosexueller Paare mehr.

In der evangelischen Kirche Hessen und Nassau sind gleichberechtigte Trauungen von homosexuellen Paaren möglich. Diese machen ungefähr 25-30 Trauungen von mehr als 5000 traditionellen Trauungen aus.

AM ENDE BLEIBT NUR DAS ELEND

Die Sucht einer nahestehenden Person kann ihre Mitmenschen stark mitnehmen. Nichts übersteigt den Wunsch der Angehörigen, dass sich der Betroffene von seiner Abhängigkeit löst. Sie versuchen, dem Suchtkranken zu helfen und ihn in Schutz zu nehmen. Ehe man sichs versieht, ist man in der Co-Abhängigkeit gefangen.

DAS SCHLITTERN IN DIE SUCHT

Wenn Hannah ihren Mann Rudolf auf den Alkohol anspricht, wird er wütend. „Ich trinke überhaupt nicht viel! Stell dich doch nicht so an“, entgegnet er immer. Eigentlich haben sie es doch so schön. Rudolf hat einen guten Job, sie haben eine nette Wohnung und das junge Ehepaar liebt sich von Herzen. Wenn doch nur dieser dumme Alkohol nicht wäre. Rudolf redet sich selbst ein, er habe alles unter Kontrolle. Jeder genehmige sich doch mal ein oder zwei Feierabendbiere und wache mal mit einem dicken Schädel auf. Er bemerkt weder die steigenden Alkoholmengen, noch die Regelmäßigkeit seines Konsums. Die Kontrolle über sein Trinkverhalten hat Rudolf längst verloren.

Rudolf ist bewusst, dass er seine Frau verletzt. Und trotzdem ist sein Verlangen nach Alkohol stärker, seine Sucht übersteigt alles. Wenn Hannah weint, weil sich ihr Mann mal wieder volllaufen lässt, kann sich Rudolf am nächsten Tag meist nur an Schnipsel erinnern. Er will seine Frau beschwichtigen und kauft ihr einen Strauß Blumen. „Ja Schatzi, es wird schon wieder besser. Es soll nicht mehr vorkommen“, tröstet er sie. Das schlechte Gewissen hält nicht lange und Rudolf hängt wieder an der Flasche.

Es ist Samstagabend, 18 Uhr. Erst heute hat Hannah einen Kasten Bier eingekauft. Im Fernsehen läuft die Sportschau, Rudolf sitzt auf dem Sofa und hat ein Bier in der Hand. Seine Frau sitzt aufmerksam neben ihm. Sie beginnt zu zählen. Erst ein Bier, dann ein Zweites, es werden immer mehr. Ihr gefällt es überhaupt nicht, dass ihr Mann nur mit Alkohol in der Hand zufrieden ist. Oft wird sie deswegen wütend und schreit Rudolf zusammen, er solle nicht so viel Alkohol trinken. An anderen Tagen versucht sie es mit ihrer Liebe und Zuneigung: „Ach komm mein Schatz, das kriegen wir schon hin, trink doch ein bisschen weniger“. Sie lässt nichts unversucht: sie ignoriert ihn, sie bittet, bettelt, weint.

DIE SUCHT DER ANDEREN

Julius Krieg, Leiter der psychosozialen Beratung und Behandlung der Caritas, beschreibt Co-Abhängigkeit als ein Phänomen, das sehr einfach entsteht und, wenn man nicht genau hinsieht, so leicht auch nicht zu besiegen ist.

Rudolf fühlt sich umsorgt. Er hat ein schönes Heim und durch seine Tätigkeit im Außendient ein sicheres Einkommen. Seine Frau bekocht ihn regelmäßig und kümmert sich um ihre zwei Töchter. Es läuft alles. Der Alkoholiker sieht überhaupt keinen Grund, sein Leben zu verändern. Hannah weiß sich nicht zu helfen. Konflikten mit ihr versucht Rudolf nur immer aus dem Weg zu gehen. Er versteckt seine Alkoholflaschen in der Werkstatt oder in seiner Arbeitstasche. Gegenüber Hannah behauptet er, kaum etwas getrunken zu haben. Doch sie kann den Alkoholgestank in seinem Atem riechen. Egal was sie sagt, es wirkt nicht. Wut und Verzweiflung kochen sich in ihr zusammen. Ihre Bedenken spielt Rudolf nur herunter.

Zu Hause ist das Leben für die Angehörigen, die sich co-abhängig verhalten die Hölle. Sie haben nichts mehr von ihrem Partner, nur das Elend. Sie können nicht verstehen warum der Partner trinkt, warum er sich so verhält. Sie fangen an sich selbst Schuld zuzuweisen. Den Mitbetroffenen geht es oft viel, viel schlechter als den Abhängigen selber. Sie stellen fest, dass sie nichts mehr haben und können diese Welt nicht mehr verstehen. Währenddessen hat der Abhängige immer noch seine Flasche Bier. - Julius Krieg

Hannah hat Angst, dass alles kaputt geht. Wenn sie jetzt zum Telefon greift und alle über den Zustand von Rudolf aufklärt, dann wird er vielleicht entlassen oder die Verwandtschaft bricht den Kontakt ab. Was würde sie nur tun, wenn sie alleine dasteht mit zwei Kindern? Die Angst davor, dass alles zerbricht, begleitet Hannah täglich.

Innerlich ist Hannah kaputt, aber sie darf es nach außen hin nicht zeigen. Sie hat Angst, den Wohlstand, in dem sie nach außen hin lebt, zu zerstören. Julius Krieg stellt durch seine tägliche Arbeit mit Suchtkranken und deren Angehörigen fest, dass es durchaus ratsam sein kann, sinnbildlich gesprochen die Türen und Fenster aufzureißen und allen da draußen zu sagen: „Schaut’s rein, was ich für einen Sack hier sitzen habe. Seht her, wie der trinkt, wie der sich verhält.“ Aus Angst davor, ihre Familie könne zerbrechen, traut sich das Hannah eine lange Zeit lang nicht.

Hannah erinnert sich an Zeiten, in denen Rudolf nur abends trank. Mittlerweile muss er auch morgens seine Ration an Alkohol haben. Es ist früh am Morgen, sechs Uhr. Hannah wird von einem Klirren geweckt. Sie folgt dem Geräusch in die Küche und trifft auf ihren Mann am Kühlschrank ─ in seiner Hand eine Flasche Bier. „Mei Rudi, warum machst du das denn?“, fragt Hannah enttäuscht. Ihre Blicke treffen sich. Sein müdes Gesicht ist tieftraurig. Er antwortet aufrichtig: „Ich möchte ja aufhören, aber ich kann nicht.“ In diesem Moment begreift Hannah, was „Sucht“ bedeutet. Sie erkennt, dass der Alkohol Rudolf gefangen hält, dass sein Körper nur noch nach diesem Stoff schreit. Hannahs Gedanken drehen sich mittlerweile nur noch um die Sucht ihres Mannes. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie in den Hintergrund.

Der Diplompädagoge betont, wie wichtig es ist, der suchtkranken Person klarzumachen, dass man für ihn da ist – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Der Alkohol dürfe nicht mehr das gemeinsame Leben bestimmen. Als Angehöriger muss man das Ziel einfordern, dass der Betroffene ohne Alkohol lebt. Letztendlich müsse der Betroffene aber zeigen, dass er es selbst will. Das können die Angehörigen nicht übernehmen.

Beim Blauen Kreuz lernt Hannah, Abstand von der Sucht ihres Partners zu gewinnen, ohne sich von ihm selbst zu entfernen. Es sei wichtig, sich von allem zu distanzieren, das die Sucht des Partners fördern könne. Es müsse ein deutliches „Nein“ gegenüber der Sucht ausgesprochen werden. Die Trennung der Sucht und des Menschen an sich müsse klargestellt werden.

Nach Jahren des Austauschs in ihrer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen und Angehörigen stellen Hannah und Rudolf heute fest, dass die Süchtigen meistens durch einen Tiefpunkt im Leben wachgerüttelt werden. Das kann ein selbstverursachter Autounfall sein und der Führerschein ist plötzlich weg, die Frau hat seine Koffer vor die Tür gesetzt, die Kinder werden einem weggenommen. Das ist ein Schock für den Alkoholiker. Egal wie dieser Tiefpunkt aussehen mag, viele Betroffene benötigen den Knall, um das eigene Trinkverhalten in Frage stellen zu können. Erst dann können sie sich vom Alkohol lösen.

Rudolf steht in der Küche, er kann seine Gedanken nicht von der knallharten Aussage seines Hausarztes losreißen. Die Worte haben sich in seinen Kopf gebrannt: „Rudi, trink nur so weiter. Ich gebe dir noch ein halbes Jahr, dann bist du tot.“ Er ist gerade zum dritten Mal Vater geworden. Rudolf fasst einen Entschluss. Er greift zu einer Bierdose im Kühlschrank. Beim Öffnen hört Rudolf das vertraute Zischen. Er geht zum Spülbecken und leert die Dose aus. Es folgen Bierflaschen, Schnäpse und sämtliche Weinflaschen aus ihrem Keller. Der Mann ist wildentschlossen, alles in seiner Wohnung zu vernichten, das in Verbindung mit Alkohol steht. Vielleicht würde er es am nächsten Morgen bereuen, doch das war ihm in dem Moment egal.

Hannah jubiliert innerlich. Diesmal ist sie sich sicher: er meint es wirklich ernst. Rudolf wirkt so entschlossen, eine so klare Sicht auf sein Leben scheint er seit Langem nicht mehr gehabt zu haben. Hannah weiß, viel länger hätte sie seiner Sucht nicht mehr standhalten können. Er hält die Flaschen mit einem festen Griff in seinen Händen. Bier, Wein und Schnaps, es macht keinen Unterschied. Alles wird weggeschüttet, jegliche physische Verbindung zu der berauschenden Flüssigkeit gekappt. Was ist das für ein euphorisches Gefühl, das sich in ihr ausbreitet? Hoffnung?

LERNEN WIEDER ZU VERTRAUEN

Die Angehörigen stehen vor einer harten Herausforderung. Für sie kann es sehr schwierig sein, sich zu überwinden in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Für sie bedeutet Selbsthilfe sich mit der Krankheit des Betroffenen ein Stück weit zu identifizieren. Das fällt vielen Menschen schwer. - Julius Krieg

Heute, nach 18 Jahren der Abstinenz, betont Rudolf die Wichtigkeit, sich helfen zu lassen. Hilfe kann von vielen Seiten kommen, vom Arzt des Vertrauens, einem Psychologen oder einer Selbsthilfegruppe. In diesen Gruppen helfen Menschen einander, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, wie man selbst. Was in den Gruppensitzungen besprochen wird, dringt nicht in die Außenwelt. Man hat die Möglichkeit sich fallen zu lassen, einen Teil der eigenen Last abzugeben. Hier stellt niemand Gebote auf. Stattdessen findet ein reger Austausch zwischen Betroffenen und Mitbetroffenen statt. Was einem selbst geholfen hat, um dem Suchtdruck zu widerstehen, kann für einen anderen eine wertvolle Hilfestellung sein. Tag für Tag, Woche für Woche erarbeitet sich der Betroffene so das Vertrauen seiner Familie zurück.

Der Co-Abhängige lernt, dass die Alkoholabhängigkeit keine Charakterschwäche ist, sondern eine Krankheit. - Rudolf

Die Vergangenheit soll aufgearbeitet und nicht verdrängt werden. Krieg empfiehlt Angehörigen, frühzeitig Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle aufzunehmen und Hilfe anzunehmen. Es sei wichtig, dass sich ein Mitbetroffener gut auskennt. Der Co-Abhängige lernt auch, mal wieder an sich selbst zu denken. Er muss wieder sein eigenes Leben  leben. Dies sei nicht mit Egoismus zu verwechseln, da es darum geht, sich selbst wiederzufinden, zurück zu seiner eigenen Person zu finden.

MEIN REICH KOMME

„Zwei Meter hoher Zaun, Mauer rundherum. Zwanzig Meter freie Fläche bis zum Haus. Wir konnten seine Frau vor der Tür in ein Gespräch verwickeln. Doch dann hörten wir, wie jemand über die Gegensprechanlage zuhört. Durch die Ablenkung der Frau konnte das SEK den Offizier festnehmen.“, erzählt ein Kommissariatsleiter vom „Polizeilichen Staatsschutz“. Der Offizier war und ist es wahrscheinlich bis heute: ein Reichsbürger. Das ist kein Einzelfall – oft neigen Personen, die im Beruf eine hohe Position innehatten, im Alter dazu, sich der Reichsbürgerbewegung anzuschließen.

Doch welche Persönlichkeiten verbergen sich hinter den Reichsbürgern? Welche Gründe bewegen die Menschen dazu, sich einem solchen Milieu anzuschließen? Besteht eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft?
Experten, wie Politikwissenschaftler Jan Rathje oder Bildungsreferentin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung, teilen die Reichsbürger in vier Gruppen auf:



Rechtsextreme sind der Auffassung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich immer noch existiert. Als Anhänger können die Sozialistische Reichspartei und Teile der NPD gesehen werden.


Auch Reichsbürger sind der Meinung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich weiterhin existiert. Sie gründen zum Beispiel Kommissarische Reichsregierungen, um ihr eigenes Reich führen zu können.


Die Selbstverwalter gehen ebenfalls davon aus, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist. Als Beispiel können hier die Germanitier herangeführt werden. Zudem gibt es sogenannte „Freie Gemeinden“, die sich selbst verwalten. Nach außen hin vermitteln die Anhänger oft das Bild von einem harmonischen Zusammenleben mit Familien in der Natur. Diese Splittergruppen wirken auf den ersten Blick sehr modern – auf den zweiten erkennt man aber oft antisemitisches Gedankengut.


Souveränitätsfordernde glauben, dass die BRD kein legitimer Staat ist. Zu den Anhängern zählt das COMPACT Magazin, Teile der AfD und Pegida und Xavier Naidoo, der 2014 vor dem Reichstag in Berlin bei einer Reichsbürger-Veranstaltung auftrat.

WO HAT DIE REICHSBÜRGERBEWEGUNG IHREN URSPRUNG?

Inzwischen leben laut Verfassungsschutz 18.400 Reichsbürger in Deutschland, 900 davon sind rechtsextrem.

Die verschworene Gemeinschaft ist äußerst heterogen und nicht einheitlich organisiert. Der rechtsextreme Teil besteht seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945. Dieses Submilieu geht fest davon aus, dass das Deutsche Reich immer noch existiert.

Der bekennende Neonazi und Holocaustleugner Manfred Roeder verlieh sich 1974 den Titel „Reichsverweser“ und wurde somit erster Reichsbürger. Wolfgang Günter Ebel trieb die Bewegung voran und leitete 1985 die erste „Kommissarische Reichsregierung“ unter der Weimarer Verfassung. Er verkaufte selbstgedruckte Dokumente und Ausweise und ging das erste Mal gegen die Bundesrepublik juristisch vor. Danach bildeten sich viele verschiedene Reiche und Gruppen wie die „Germanitien“, das „DHPW“ – das Deutsche „Polizei-Hilfswerk“ – oder das „Deutsche Königreich“.

  • Peter Fitzek: König des "Königreichs Deutschland" (Quelle: YouTube)
  • Germanitien: Fantasiestaat in Baden-Württemberg (Quelle: YouTube)
  • Burghard Bangert: "Nazi-Druide" (Quelle: YouTube)
  • Wolfgang Günter Ebel: erster Leiter einer "Kommissarischen Reichsregierung" (Quelle: YouTube)

Die zweite große Gruppe, die „Selbstverwalter“, tritt aus der Bundesrepublik Deutschland aus und markiert ihre Hoheitsgebiete durch bunte Linien auf Fahrbahnen, Grundstücksgrenzen oder Fantasieflaggen mit Familienwappen.

Ich will doch keine Steuern an ein Land ohne Verfassung zahlen. Ich bin ein Mensch und kein Sklave!

sagt ein Reichsbürger zu Tobias Ginsburg, der undercover für ein halbes Jahr in die Reichsbürgerbewegung abgetaucht ist („Die Reise ins Reich“, Tobias Ginsburg). 

Sie zahlen keine Steuern, geben ihren Personalausweis ab und überschütten die Behörden mit Massen an Briefen und Faxen. In einer Sache sind sich aber alle Teilgruppen einig: „Eine fremde Macht beherrscht Deutschland und zieht im Hintergrund die Fäden.“

Völkischer Nationalismus wird bei Reichsbürgern großgeschrieben. Sie gehen von einer widerspruchsfreien homogenen Gemeinschaft aus, in der sie in ihrer Rolle völlig aufgehen können. Dabei sind sie in ihren Vorstellungen äußerst rückwärtsgewandt. Expertin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung meint damit, dass diese extrem konservativ, zum Teil auch mit einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit, sind. „Sie beziehen sich auf etwas, das es so nie gegeben hat, anstatt sich mit dem auseinander zu setzen, was ist, um es dann besser zu machen“, sagt Hermann. Reichsbürger setzen auf Autorität. Ein hierarchisches System, klare Strukturen und Führung sind wichtig. Angst und Hass gegen Pluralismus ist dabei ihr ständiger Begleiter.

WAS KENNZEICHNET EINEN TYPISCHEN REICHSBÜRGER? 

Mitte 50 – Tendenz steigend, alleinstehend, möglicherweise arbeitslos. Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil bezeichnet das als „Radikalisierung der zweiten Lebenshälfte“. Wenn man sich allerdings YouTube-Blogs anschaut, merkt man schnell, dass das Milieu auch junge Anhänger hat, die offen gegen die Bundesrepublik Deutschland hetzen. Ein verzerrtes Bild könne entstehen, da der Verfassungsschutz und andere staatliche Behörden „durch die Scheuklappen“ allein die strafrechtlichen Handlungen beobachten und daran das Alter messen, vermutet Politikwissenschaftler Rathje. „Wenn man das Milieu dann etwas größer fasst und die Esoterik dazuzählt, finden das auch jüngere Menschen interessant“, meint auch Expertin Hermann.

  • Stephanie Schulz: rechtsextreme Internetaktivistin (Quelle: YouTube)
  • Monika Unger: östereichische Reichsbürgerin (Quelle: YouTube)

Vater-Sohn-, Mann-Frau-Beziehungen oder komplette Familien sind keine Einzelfälle. Frauen sind außerdem im Gegensatz zu anderen rechten Gruppen überproportional bei Straftaten vertreten. Sie machen 20 bis 30 Prozent aus und haben, anders als man erwartet, oftmals eine starke Position in ihrer Gruppe. Mütter spielen immer zentrale Rollen und werden als sehr wichtig angesehen. Sie beschweren sich zum Beispiel in Videoblogs darüber, dass ihre Kinder in der Schule zu früh sexualisiert werden und ihnen im Geschichtsunterricht Unwahrheiten über einen angeblichen Friedensvertrag und die Grenzen von Deutschland erzählt werden. Dass die Sprache gegendert wird und dass es mehr als zwei Geschlechter geben soll, möchte kein Reichsbürger an seine Kinder weitergeben.

WIESO SCHLIEßT MAN SICH DEM MILIEU AN?

Viele Anhänger der Reichsbürger haben ein „schwaches Ich“, sagt Kriminalpsychologe Keil. In der normalen Gesellschaft fällt es ihnen schwer, Halt zu finden oder Anerkennung zu bekommen. Im Milieu wird den Menschen eine wichtige Position zugeschrieben – sie werden gebraucht. Oft treibt sie aber auch eine finanzielle Notlage in die Gemeinschaft. Sie erhoffen sich, dass Lösungen für ihre Probleme gefunden werden. Schnell steht der Sündenbock für ihre missliche Lage fest: der Staat. Keil beschreibt die Szene deshalb auch als Selbsthilfegruppe oder Sekte: „Oben ist ein Guru, unten sind seine Follower.“

Ein Grund für den Anschluss kann aber auch ein Vorruhestand sein. Betroffene fühlten sich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht und wertgeschätzt. Womöglich hatten sie eine wichtige Aufgabe, die sie nun nicht mehr ausführen dürfen.

GIBT ES MACHTKÄMPFE ZWISCHEN DEN GRUPPIERUNGEN? 

Um alleine herrschen zu können, sprechen sie sich gegenseitig die Legitimation ab. Könige, Reichskanzler und Kaiser beanspruchen Deutschland, oder zumindest Teile davon, für sich.  Es kommt sogar so weit, dass sie sich als Verräter bezeichnen, sich Hochverratsvorwürfe machen und Todesurteile aussprechen.

Selbstverwalter dagegen haben kein Problem damit, einander zu helfen. Diese Beobachtung konnte man 2016 bei der Zusammenrottung von Adrian Ursaches Gesinnungsgenossen beobachten. Er gründete auf dem Grundstück seiner Schwiegereltern den Fantasiestaat „Ur“. Da er mehreren Gläubigern Geld in Höhe von 150.000 Euro schuldete, sollte das Haus zwangsversteigert werden. Daraufhin wurde er von vielen Sympathisanten durch Demonstrationen vor einer Zwangsräumung geschützt. Selbstverwalter verabreden sich in solchen Fällen oft über das Internet und WhatsApp-Gruppen oder veranstalten Treffen wie Stammtische in Gasthäusern. Das SEK räumte trotzdem das Haus, wobei es zu Schüssen zwischen Ursache und der Polizei kam. Der Reichsbürger wurde schwer verletzt, aber überlebte.

WELCHE ROLLE SPIELEN VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN BEI DEN REICHSBÜRGERN?

Das Milieu möchte Ressentiments und Affekte ausleben. Es geht darum, einen Sündenbock zu finden. Reichsbürger sind davon überzeugt, dass ausschließlich das absolut Böse an allem schuld sei. Exemplarisch hierfür ist ein Vorfall in Balem bei Berlin: An der U-Bahnstation bieten Bänke Sitzmöglichkeiten für wartende Passanten. Es sind keine normalen Stühle, wie man sie kennt, sondern modellierte Menschen mit sichtbaren Genitalien. Eine „freie Gemeinde“ der Reichsbürger sieht hinter diesem Kunstprojekt einen Plan der jüdischen Weltverschwörung. Angeblich würden die Kinder so früh sexualisiert werden. Das Ziel der Juden sei, am Untergang des Landes zu arbeiten und das deutsche Volk zu vernichten. Horst Mahler, ein bekennender Holocaustleugner und Reichsbürger-Anhänger, sagt ebenfalls, dass die jüdische Weltverschwörung wahr sei.

WARUM SIND REICHSBÜRGER ESOTERISCH? 

Esoterik und Reichsbürgerei haben durchaus Überschneidungen, denn beide behandeln Weltverschwörungsideologien und versprechen Heilung und Macht. Ginsburg traf einen Reichsbürger, der behauptete:

Ich war schon oft tot, habe die materielle Ebene verlassen, ich kenne die Struktur des Universums.

„Reichskanzler“ Norbert Schittke betreibt gerne Werbung für sein Reich an keltischen Steinkreisen auf Esoterik-Veranstaltungen. Burkhard Bangert, bekennender „Nazi-Druide“, glaubt, Nachfahre Merlins zu sein und feierte an einem keltischen Steinkreis in Bischofsheim an der Rhön regelmäßig Feste. Peter Fitzek hatte vor seinem Königdasein einen Esoterik-Bedarfsladen. Er geht davon aus, dass er Kontakt zu Engeln und anderen höheren Wesen hat. Dadurch soll er eine andere Form der Erleuchtung haben und deshalb eine gute Führerfigur für seine Anhängerschaft sein.

WIE IST DIE PSYCHOLOGISCHE SICHT AUF REICHSBÜRGER?

Die Psyche spielt bei vielen Reichsbürgern eine ausschlaggebende Rolle.

Meine Familie, meine Freunde und Bekannten sind alle hirngewaschen und kaputt, völlig kaputt, machen sich über mich lustig und nennen mich einen Verschwörungstheoretiker.

sagte ein Reichsbürger zu Ginsburg. Diskussionen seien zwecklos, die Anhänger dagegen resistent. Kriminalpsychologe Keil erklärt sich dieses Phänomen so, dass viele unter Größen-, Verfolgungswahn oder Narzissmus leiden. Oft haben die Betroffenen schon vor dem Anschluss Depressionen, die sich sich durch das eingeschränkte Weltbild der Reichsbürgerideologie weiterentwickeln. Auch Demenz kann dafür verantwortlich sein, dass ein Wahn erst gegen Lebensende entsteht. Keil sagt, dass man dies Erkrankten erst therapieren müsste, um sie aus diesem Milieu zu ziehen.

Der Kriminalpsychologe behauptet, dass bei Führerpersonen, wie Königen oder Kanzlern, sich der Prozess des Wahns aufschaukele. Die Realitätseinsicht des Anführers sei irgendwann so getrübt, dass er sein Umfeld nur noch mit seinen selbst konstruierten Vorstellungen wahrnehme.

COLOURBOX553542.jpg

WELCHE GEFAHR GEHT VON DEN REICHSBÜRGERN AUS? 

Heute geht die Mehrzahl der Experten davon aus, dass die Reichsbürgerideologie nicht nur antidemokratisch, sondern in ihrem Kern auch antisemitisch ist. Der Repressionsdruck auf die Reichsbürger wächst seit den Vorfällen 2016 in Georgensgmünd und Adrian Ursache immer mehr. Lange Zeit wurde die Gefährlichkeit der Reichsbürger von Behörden, wie Polizei und Verfassungsschutz, unterschätzt. Vor allem in Bayern schenkte man dem Milieu nahezu keine Aufmerksamkeit, was sich in den Zahlen bemerkbar macht – Bayern verzeichnet nach dem Verfassungsschutz am meisten Reichsbürger. Erst nach dem Polizistenmord in Georgensgmünd wurde eine zuständige Abteilung für Reichsbürger in Oberfranken erschlossen.

Kriminalkommissar Achim Dowerg stuft sie als verfassungsfeindlich Extremisten ein. 98 bis 99 Prozent der Reichsbürger sind laut Polizei verbal aggressiv und versuchen, Behörden mit ihren Schriftstücken lahmzulegen. Diese würden häufig gezielt in ihrer Arbeit gehindert und von den Bürgern dann als „nicht effizient und versagend“ wahrgenommen, sagt Kriminalpsychologe Keil.

Was zusätzlich beunruhigt: zehn Prozent aller Reichsbürger sind im Besitz legaler Waffen. Im Vergleich: „Nur drei bis vier Prozent der normalen Bevölkerung sind Waffenbesitzer“, sagt der Verfassungsschutz. Das liege daran, dass im ländlicheren Raum, wo es die meisten Reichsbürger gibt, mehr Waffenbesitzer wohnen als in der Stadt. Die zusätzliche Bewaffnung vieler Reichsbürger stelle eine ernsthafte Bedrohung dar, meint Kriminalhauptkommissar Dowerg.

„Wir entdeckten eine geladene Jagdbüchse neben dem Schlafzimmerfenster und einen Revolver in der Sockenkiste. Wir waren froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist, als wenn wir im Morgengrauen gekommen wären und der Offizier das Feuer aus dem Schlafzimmerfenster eröffnet hätte. Das sind so Momente, wo es prickelt: „Gott sei Dank, gut gegangen.“ Dieser Reichsbürger-Fall wird dem Kommissariatsleiter immer in Erinnerung bleiben.

UNTER HIPPOKRATES‘ AUGEN

Der Hippokratische Eid, für viele Menschen steht er als der Inbegriff eines ärztlichen Ehrenkodex. Wie falsch dieses Bild sein kann zeigen Handlungen, wie die des Christoph Turowski.

Auf dem Tisch stehen selbstgebackener Pflaumenkuchen, Sahne, die eigens aufgeschlagen wurde, und eine Kanne Tee, deren schnelles Abkühlen von einem Teelicht unter einem Stövchen verhindert werden soll. Auf dem Biedermeier-Stuhl sitzt Christoph Turowski, um die 70, das dünne grau-blonde Haar in akkuraten Strähnen gekämmt, die Straßenschuhe hat er nicht ausgezogen. „So etwas machen wir hier nicht.“ Beim Gedanken an das, was ihn vor einigen Monaten von einem normalen Rentner zu einer Gallionsfigur der Pro-Sterbehilfe-Bewegung gemacht hat, läuft ein verschmitztes Grinsen über die dünnen Lippen. Auf ein Stück Pflaumenkuchen mit „Dr. Tod“.

Natürlich ist Christoph Turowski nicht in eine Reihe zu stellen mit den bisher „Dr. Tod“ genannten Leuten wie dem Leichenkonservator Gunther van Hagens oder dem KZ-Arzt Josef Mengele. Trotzdem hat ihn die Presse so betitelt. Denn laut eier Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Berlin hat er das Leben eines Menschen auf dem Gewissen. Genauer: „Den Tod eines Menschen auf Verlangen durch Unterlassen.“ Doch das Gewissen des 69-Jährigen ist rein, immer wieder gabelt er kleine Bissen auf. In einem zweieinhalb Jahre andauernden Rechtsstreit hat er im März 2018 einen Freispruch erstritten. Es war einer der meistdiskutierten Prozesse der vergangenen Jahre.

29 Jahre lang war Turowski Hausarzt in Berlin. „Menschen zu helfen, das hat mich schon als kleiner Junge interessiert. Ich war auch bei den Pfadfindern schon immer der Sanitäter mit dem Pflasterköfferchen”, erinnert er sich lachend.

Auf die Pfadfinderei folgt der klassische Werdegang eines Mediziners: 1970 macht er das Abitur, dann studiert er Medizin in Berlin, schließt das Studium 1977 mit dem Staatsexamen ab. Nach bestandener Facharztausbildung für innere Medizin übernimmt er eine Hausarztpraxis und macht sich selbstständig. Es folgt ein geschäftiges Arbeitsleben: Sprechstunden, Hausbesuche, Papierkram, eine 50-Stunden-Woche. Turowski freut sich auf die Ruhe als Rentner. Jetzt, wo es so weit sein sollte, wartet er auf diese Ruhe immer noch. Denn mit dem Freispruch ist die Angelegenheit noch nicht beendet.

Für den pensionierten Mediziner ist ein Patient mehr als ein Name in einer Akte, das zeigt sich an seiner überschaubaren Patientenkartei. „Mittelgroß und gut zu bewältigen, sodass noch genug Zeit für ein Gespräch mit den Patienten bleibt.“ Das ist  selten geworden in Zeiten eines ökonomisierten Gesundheitswesens, in dem die Betreuung immer anonymer und die Kontaktzeit immer kürzer wird.

Anja betreut er 13 Jahre lang. Sie ist eine von vielen, für die er sich diese Zeit nimmt. Ihretwegen werden sie ihn „Dr. Tod“ nennen. Seit sie 17 ist, leidet die 44-Jährige an einer chronischen Darmkrankheit. Turowski legt ihre Termine deshalb immer an das Ende seiner Sprechstunden. Ihre Gespräche drehen sich um Qualen und Vereinsamung. Die Mutter lebt nicht in Berlin, der Sohn reagiert zwei Jahre nicht auf ihre Kontaktversuche. Freunde hat sie nur wenige. Die mickrige Erwerbsunfähigkeitsrente und das Geld aus kleineren Jobs steckt sie in ihre Therapieversuche. Sie reist sogar nach Indien, um eine Ayuveda-Kur zu machen. Ein letzter Versuch. Er scheitert. Wenn Turowski darüber spricht, wirkt er nachdenklich, lässt sich Zeit, um sich die Geschehnisse ins Gedächtnis zu rufen. „Als Arzt ist man da genauso hilflos. Wenn einer kommt, der in großer körperlicher und seelischer Not ist und kein Versuch, ihm oder ihr zu helfen, fruchtet, das ist schon sehr deprimierend.“

Nach einem einjährigen Aufenthalt in einer Spezialpraxis wechselt Anja wieder zurück zu Turowski. In einem jener Gespräche teilt sie ihm mit, dass sie sterben möchte. Ein paar Mal habe sie es schon versucht. Dieses Mal soll es klappen, das Loch im Zaun der Berliner S-Bahn hat sie dafür schon gefunden. Sie will eine der 10 000 werden, die sich jedes Jahr in Deutschland selbst umbringen.

Turowski zögert nicht: „Da ist man als Arzt gefordert. Da muss man Rückgrat zeigen und Courage.“

Da ist man als Arzt gefordert.
Da muss man Rückgrat zeigen und Courage.

Seine Hilfe sieht er als Gebot der Christlichen Nächstenliebe und der Humanität. „Sie kannte meine Einstellung zum Leben und Sterben und ich habe signalisiert, dass ich sie nicht alleine lasse”, erinnert sich Turowski an die Entscheidung, Anja auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Die Hände ruhen in seinem Schoß, gefaltet. Als Zeichen seines Glaubens prangt ein etwa kopfgroßes Kreuz aus braunen Holz neben der Tür zum Wohn und Esszimmer, schmucklos, wie Turowski selbst: ein Ehering, keine Uhr. Immer wieder betont er die Bedeutung von christlichen Werten wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit für den Beruf des Arztes.

Das tun seine Gegner aber auch. Für Frank Ulrich Montgomery, den Präsidenten der Bundesärztekammer, bedeuten diese Werte jedoch etwas anderes. Ein barmherziger Arzt solle seinen Patienten mit Palliativmedizin und guter Hospizarbeit ins Lebensende begleiten.

Wieder andere berufen sich auf den Hippokratischen Eid, einen Eid, den Turowski nie geschworen hat. Den auch sonst kein Mediziner mehr schwört. Es ist ein Überbleibsel aus antiken Zeiten, als Ärzte noch die Götter anriefen und Frauen der Zugang zu diesem Beruf verwehrt blieb. Schon seit 1948 existiert eine moderne Neufassung in Form der Genfer Deklaration. Letztmalig im Oktober 2017 aktualisiert heißt es darin: „Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.“ Für den Arzt ein unschlagbares Argument, auch den Sterbewillen eines Patienten zu achten.

Trotzdem berufen sich die Gegner der Sterbehilfe noch heute auf diesen 2000 Jahre alten Schwur. Turowski ist das unverständlich. Für ihn ist diese Referenz „nicht mehr als ein leeres Schlagwort, eine hohle Formel“. Zwar wird der Hippokratische Eid noch auf Abschlussfeiern von Medizinstudenten gelesen und sei im Rahmen einer solchen Feierlichkeit sicherlich angemessen, aber: „Letztlich sind es die Fragen des ärztlichen Gewissens, die man sich im Beruf stellen und beantworten muss.”  2013 hat er diese Frage mit „Ja“ beantwortet. Denn er orientiere sich am lateinischen Leitsatz „Salus aegroti suprema lex“, übersetzt: Das Heil des Kranken ist das oberste Gebot „und danach muss man sich als Arzt richten“.

Ein früher Samstagabend in Berlin. Während das Nachtleben langsam erwacht, beginnt Anjas letzter Abend. Wie die anderen Nachtschwärmer zieht auch sie sich etwas Nettes an, schminkt sich und öffnet eine Flasche Rotwein. Nach einigen Schlucken öffnet sie eine Packung mit Schlaftabletten, dann die nächste, dann die nächste. Am Ende sind es 150 Stück.

Als Turowski die SMS in seinem Nachrichteneingang sieht, weiß er Bescheid und verschafft sich kurze Zeit später mit Hilfe des Zweitschlüssels Zugang zur Wohnung. Dort prüft er regelmäßig Anjas Vitalfunktionen, sie soll im Tod auf keinen Fall leiden. Bis zum Schluss kehrt er insgesamt zehnmal zurück.

Nach 56 Stunden ist Anja von ihrem Leid erlöst. Turowski füllt den Totenschein selbst aus, seine Handschrift ist eng, spitz und leicht nach rechts geneigt.Ehrlich füllt er ihn aus, wie er sagt. „Natürliche Todesursache durch Tablettenintoxikation.“ Das macht den Amtsarzt, der den Totenschein vor der Einäscherung der Leiche sichtet, stutzig. Er informiert die Kripo. Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf.

Dabei hat sie noch keine Rechtsbasis dafür. Paragraph 217 StGB, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung regeln soll, wird erst zwei Jahre später inkrafttreten. Bis dahin wird Suizidhilfe nicht sanktioniert.Angeklagt wird Turowski trotzdem. „Tötung auf Verlangen durch Unterlassen“, steht im Schreiben der Staatsanwaltschaft. Eine empörende Formulierung, wie er findet. Dadurch bleibe vor allem das Wort „Tötung“ beim Lesen der Anklage hängen, nicht seine eigentliche Tat, das „Unterlassen“. Sein Ärger sagt viel über das Selbstverständnis des Mannes. Er sieht sich nicht als Täter, sondern als einer, der geholfen hat.

80 Prozent der Deutschen befürworten laut Turowski ein selbstbestimmtes Sterben mit ärztlicher Begleitung bei unerträglichen Leiden. Wie zur Untermauerung seiner These holt er Bücher aus dem Arbeitszimmer. Sein Gang ist gemächlich, der alte Holzboden knarzt unter seinen bequemen Schuhen. Die Buchdeckel lesen sich wie das kleine Einmaleins der Pro-Sterbehilfe-Literatur. Darunter Hans Küng, katholischer Priester, Theologe und Turowskis Bestätigung für eine Vereinbarkeit von Glaube und Sterbehilfe. Ebenfalls dabei ist das Buch  „Letzte Hilfe” von Uwe Christian Arnold, Deutschlands prominentestem Vertreter für das „Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende“. Mit beiden steht Turowski im Kontakt.

Auf die Bücher stößt er erst während seines Prozesses. Um sich moralische Unterstützung zu holen und zur Bestätigung, dass er mit seiner Meinung und seinem Fall nicht alleine ist. Vorher habe er sich nie wirklich mit Sterbehilfe befasst. „In die Thematik wächst man dann ja hinein”, sagt ein Mann, der nie in die Öffentlichkeit wollte, es jetzt aber ist. Sein Bedürfnis nach Privatsphäre stellt er zurück. Für ein höheres Ziel, wie er sagt.

Er wird freigesprochen. Begeisterter Applaus brandet im Saal des Kriminalgerichts Moabit auf. Wo sonst Gewaltverbrechen verhandelt werden, empfängt Turowski seinen Freispruch. Nicht nur Fachpublikum ist anwesend, auch Patienten aus der ehemaligen Praxis. Die Erleichterung, aber auch die Rührung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Wenn er über diese Szenen spricht, lacht er, ein Funkeln tritt in seine Augen. Die Kraft für seinen Kampf schöpft er aus den positiven Reaktionen auf dieses Urteil. Sogar die Ordensschwestern der benachbarten Kirche umarmen ihn nach seinem Gerichtstermin, und der Pfarrer der Gemeinde spricht ihm noch im Sitzungssaal seine Glückwünsche aus.

Ich könnte auch mit einer Neuformulierung leben,
die es Ärzten ermöglicht, im Einzelfall , ihre Patienten bis zuletzt zu begleiten

Die Freude währt jedoch nur kurz. Die Staatsanwaltschaft hat bereits Berufung eingelegt. Der neue Prozess wird vor dem Bundesgerichtshof in Leipzig verhandelt. Für Turowski und seine Unterstützer liegt die Vermutung nahe, dass damit in einer fast 30 Jahre alten Rechtssprechung neue Verhältnisse geschaffen werden sollen. 1984 hat der Bundesgerichtshof im Fall des Dr. Herbert Wittig ein Urteil gefällt. Der hatte laut Akte eine bewusstlos angetroffene Suizidpatientin auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin sterben lassen. Das Gericht erkannte den ausdrücklichen Sterbewillen der Patientin nicht an, sprach den Arzt aufgrund der Unumkehrbarkeit der Situation aber dennoch frei. Mit Einführung der Patientenverfügung im Jahr 2009 ist dieses Urteil endgültig überholt. So benötigt die Staatsanwaltschaft nun allerdings ein den heutigen Umständen angepasstes höchstrichterliches Urteil zur Orientierung. Aus diesem Grund scheint sie den Fall durch alle Instanzen peitschen zu wollen. Turowski fühlt sich als Bauernopfer in einem teuren Prozess, aber nimmt das in Kauf, um seine Ziele zu erreichen.

Für die Zukunft wünscht sich Turowski nicht viel. „Fürs erste natürlich einen Freispruch vor dem Bundesgerichtshof im Dienste der Sache“, sagt er und lacht dabei. Für den wird er sich auch weiter als Privatperson in die Öffentlichkeit stellen. Aber natürlich ist da auch noch der Wunsch nach der Streichung des Paragraphen 217 StGB. „Ich könnte auch mit einer Neuformulierung leben, die es Ärzten ermöglicht, im Einzelfall , ihre Patienten bis zuletzt zu begleiten.“ So, wie er es selbst getan hat.

Vorerst sitzt Christoph Turowski jedoch auf dem Biedermaier-Stuhl in dem schönen Gründerzeithaus hinter den hohen Mauern, und das letzte Stück Pflaumenkuchen mit Sahne verschwindet in seinem Mund. Man mag kaum glauben, dass ein Mann, der so offensichtlich die Ruhe sucht, bereit ist, sich derart in die Öffentlichkeit zu stellen, wie er es tut. Doch er scheint bereit zu sein, diesen Weg bis zum Ende zu gehen – vor Gericht ebenso konsequent wie als Arzt mit seiner Patientin Anja.

DAS PFLICHTZÖLIBAT – SEGEN ODER FLUCH DER KATHOLISCHEN KIRCHE?

Stephan Oster, 53, Bischof von Passau, vertritt als geistliche und administrative Leitung des
Bistums die Kirche nach außen

Sigrun Rupp, 51, Psychotherapeutin in Wien, ist unter anderem Expertin  für Sexualtherapie und begleitet Priester und ihre Partnerinnen durch schwierige Zeiten

Josef Wagner, 20, Seminarist im Priesterseminar Augsburg, ist in der Ausbildung zum Priester und bloggt auf Instragram über seinen Alltag

Martina Gmelch, 36, Gesamtschullehrerin in Neu-Ulm, hat nach 7 Jahren heimlicher Beziehung einen Priester geheiratet

Was ist das Zölibat?

Das Zölibat in der katholischen Kirche bezeichnet die sexuelle Enthaltsamkeit von kirchlichen Amtsträgern. Seit dem Mittelalter ist es ein verpflichtender Schwur für alle Priester.

Der Zölibat-Schwur wird bei der Weihe zum Diakon feierlich abgelegt. Jeder, der nach seiner Tätigkeit als Diakon noch Priester werden will, muss auf die Frage des Bischofs „Seid ihr bereit, dem Zeichen der Hingabe an Christus, den Herrn, um des Himmelreiches Willen ehelos zu leben und für immer eurem Vorsatz treu zu bleiben, in dieser Lebensform Gott und den Menschen zu dienen?“ mit „Ja, ich bin bereit“ antworten. Dieses Versprechen ist Teil von insgesamt sieben Weiheversprechen bei der Diakonenweihe.

Wann entscheidet man sich fürs Zölibat?

Mit dem Eintritt ins Priesterseminar streben junge Männer die Priesterweihe an. Muss man sich also vor dem Eintritt ins Seminar schon fest entschieden haben, dass man zölibatär leben will?

Priesteramtskandidat Josef Wagner hat sich noch nicht entschieden, und erklärt, dass es keinen festgelegten Zeitpunkt für diese Entscheidung gibt.

Wo liegt der Ursprung des Zölibats? 

Laut Psychotherapeutin Sigrun Rupp hat die Entstehung des Zölibats nichts natürliches an sich:

Klerus in jedem Stand hatte vor der Zeit des Zölibats Frauen bzw. Konkubinen. Das war völlig normal. Allerdings gingen durch das Erbrecht die Besitztümer der Kirche an die Kinder verloren. Dies musste man stoppen. Also führte man das Zölibat ein. Damit hat es jedoch nicht aufgehört, dass Priester Sex hatten und Kinder gezeugt haben, doch die Besitztümer blieben Eigentum der Kirche.

Das waren ursprünglich nur pragmatische Gründe, keine natürlichen.

Was ist beim Zölibat verboten? 

Im genauen Wortlaut des Schwurs versprechen angehende Priester die „Ehelosigkeit“. Was umfasst die Ehelosigkeit also genau?

Bischof Oster erklärt, dass der Begriff durchaus streng gefasst ist. Außerdem gehe es beim Zölibat nicht um das Verbot von Sex sondern um den inneren Sinn dieser Lebensform, für die Vielen offen und liebesfähig zu sein.

Gilt das Zölibat schon während der Ausbildung? Wann fängt ein Priester konkret an, enthaltsam zu sein?

Josef Wagner offenbart, dass er von anderen Seminaristen gar nicht wirklich weiß, wieweit sie das Zölibat bereits leben. Er betont aber, dass man es nach Möglichkeit bereits im Seminar einhalten sollte.

Ist das Pflichtzölibat sinnvoll? 

Das Zölibat steht heutzutage immer wieder in der Debatte. Es wird fortlaufend diskutiert, ob das Zölibat sinnvoll sei oder doch nur Leiden bringe. Als Papst Franziskus im Jahr 2014 erwähnte, dass das Zölibat nur eine Vorschrift sei, die auch geändert werden könne, vermuteten viele, dass der Schwur bald abgeschafft werden würde. Jedoch rückte Franziskus im Laufe der Zeit wieder davon ab und betonte, dass eine Abschaffung ausgeschlossen sei. Doch ist die Verpflichtung zum Zölibat wirklich sinnvoll?

Sigrun Rupp stellt sich gegen das Pflichtzölibat:

„Man muss etwas Vorgegebenes schwören, damit man den Beruf ergreifen kann, egal wie die sexuelle Disposition ist. Das bringt mit sich, dass man sich einer Instanz und Institution unterwirft und sich damit einem vorgeschriebenen Gesetz fügt, jedoch heimlich trotzdem machen kann, was man will. Dies bietet einen geschützten Rahmen für Abgründe.

Wenn ich jedoch jeden Morgen aus freien Stücken entscheide, dass ich Priester sein will, der zölibatär lebt und keinen Sex braucht, lebe ich in Freiheit. Ich kann mich jeden Tag neu entscheiden. Da braucht es keinen Schwur.“

Bischof Oster spricht sich deutlich dafür aus, das Pflichtzölibat zu belassen. Er stellt jedoch infrage, ob es der Kirche gelingt, die Sinnhaftigkeit des Zölibats an die Menschen mit ihrer heutigen eher oberflächlichen Lebensweise zu vermitteln.

Martina Gmelch kämpft seit Jahren gegen das Pflichtzölibat. Über sieben Jahre hinweg führte sie eine heimliche Beziehung mit dem Pfarrer ihrer Heimatgemeinde, bevor sich die beiden öffentlich zueinander bekannten. Auch noch heute, wo sie offen mit Frank verheiratet ist. Auf dem letztjährigen Katholikentag sammelte sie Stimmen und schickte diese an alle Bistümer Deutschlands.

„Das ist ein Leid, dass sich kein Mädchen in seinen 20ern wünscht. Ich war verliebt und wollte mich offen zu dieser Liebe bekennen. Doch offiziell gab es mich nicht. Ich hatte panische Angstzustände, zum Beispiel, wenn Frank abends nicht wie abgemacht anrief. Ich wusste ja, dass mir keiner Bescheid geben würde, wenn ihm etwas passiert.“

Pflichtzölibat – nur eine Fiktion? 

Wie enthaltsam leben katholische Priester tatsächlich? Wird das Zölibat wirklich gelebt oder ist der Schwur nur eine Fiktion, vor der die Kirche seine Augen verschließt?

Sigrun Rupp erklärt, dass das Zölibat Schutz bietet für jegliche sexuellen Neigungen.

Für einen Menschen, der zum Beispiel das Zölibat schwört, nicht unbedingt das Zölibat lebt, – sprich enthaltsam ist – bietet die Kirche einen Raum, wo Menschen sich einfach zurückziehen können. Sie bietet einen Raum für verdrängte oder projizierte Gefühle. So wird das Zölibat ein Boden für Sucht, Macht und Gewalt“

Bischof Oster ist sich bewusst, dass es vereinzelt Priester gibt, die Vater sind. Er setzt sich aber dem Vorurteil entgegen, dass diese von der Kirche gedeckt und die Kinder mitfinanziert werden.

Was passiert nach dem Zölibatsbruch? 

Beschließt ein Priester, sein Zölibat zu beenden und sich offen zu seiner Partnerin zu bekennen, wird er von der Kirche suspendiert und exkommuniziert. Die Kirche kommt dann als Arbeitgeber nicht mehr infrage. Aus diesem Grund stehen die ehemaligen Priester oftmals vor einem großen Problem. Wo bewirbt man sich als ausgebildeter Theologe, wenn nicht bei der Kirche oder in kirchlichen Einrichtungen?

Martina Gmelch, Frau eines ehemaligen Priesters, berichtet über ihre Erfahrung:

„Wir wurden beide von der Kirche exkommuniziert. Danach musste ich selber noch aktiv austreten, sonst hätte ich die Kirchensteuer noch weiter bezahlt. Und das wollte ich vom Prinzip her nicht, an eine Institution, die mir ihre Höchststrafe erteilt hat.“

Ein Ausblick in die Zukunft 

Die Entscheidung, ob das Zölibat auch in Zukunft noch verpflichtende Auflage katholischer Priester ist, liegt in den Händen der kirchlichen Amtsträger.

Bis zur Abschaffung dieses Schwurs wird es jedoch sicherlich noch viel Leid geben.  Auch, wenn man die sexuelle Enthaltsamkeit aus dem Glauben heraus begründen kann und das zölibatäre Leben manche Priester erfüllen mag, ist der Schwur für alle anderen Beteiligten stets mit sehr großem Leid verbunden. Von manchen als sinnlos und unnatürlich angesehen, für andere Grund für eine eingeschränkte Liebe, bringt er Priestern und deren Mitmenschen unausweichlich Konflikte und überschattet deren Leben wie ein Fluch.

Die Meinungen im Überblick

Stefan Oster Sigrun Rupp Josef Wagner Martina Gmelch
PRO ZÖLIBAT CONTRA ZÖLIBAT NOCH UNENTSCHLOSSEN CONTRA ZÖLIBAT
„Die katholische Kirche ist überzeugt, dass die Vorteile des zölibatären Lebens die Schwierigkeiten, die es sicherlich auch gibt, überwiegen“ „Das Pflichtzölibat gehört unbedingt weg. Es treibt meiner Meinung nach Blüten, die es nicht geben sollte auf dieser Welt.“ „Das Thema ist zu spezifisch, da kann ich jetzt gar nichts sagen.“ „Das Zölibat war immer das einzige Thema, was bei uns Streit auslöste.“

Das Zölibat betrifft weit mehr Personen als nur Priester. In den deutschsprachigen Ländern gibt es mehrere Initiativgruppen, welche Betroffene unterstützen. Die Vereinigung vom Zölibat betroffener Frauen verzeichnet an die 200 Frauen in ihrem Register. Sie alle haben Beziehungen mit zölibatär lebenden Partnern .

Auch die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen bietet eine Plattform für alle, die in Beziehungen mit geistlichen leben. Hier findest du auch weiterführende Informationen zum Zölibat, seiner Entstehung und zur Bewilligung von Ausnahme Genehmigungen.

ZWISCHEN TRADITION UND THEATER

Auf ein Kommando heben sich die Arme der jungen Männer. Im nächsten Moment fliegen die stumpfen Degen durch die Luft und treffen klirrend aufeinander.

Überbegriff für die Zusammenschlüsse von Studenten zu konfessionellen Verbindungen, Corps, Landsmannschaften, Sängerschaften, Turnerschaften, Burschenschaften, Damenverbindungen und Sonstigen.

Tradierte Form von Studentenverbindung. Während der inhaltliche Bezug stark variiert, bekennen sich alle zu den Prinzipien der Urburschenschaft von 1815.


DAS FECHTEN

Hier wird gerade geübt. Die Burschen der fakultativ schlagenden Verbindung Hanseatia bereiten sich auf die Mensur vor. Der Begriff Mensur beschreibt beim Fechten den Abstand, in dem sich die zwei Paukanten gegenüberstehen. Er bemisst eine Degenlänge von Brustbein zu Brustbein. Im Verbindungswesen ist damit der studentische Fechtkampf zweier Burschen mit scharfem Degen oder Säbel gemeint. Die Mensur wird nach strengen Regeln und einem vorgegebenen Ablauf gefochten. Den Mitgliedern der Burschenschaft Hanseatia wird die Wahl gelassen, ob sie die Mensur fechten möchten oder nicht. Anders sieht es bei den schlagenden Verbindungen aus, in denen jeder Bursche im Laufe der Mitgliedschaft an Pflichtmensuren teilnehmen muss.

Alexander Leu ist momentan Senior der Burschenschaft. Er leitet mindestens ein Semester lang die Verbindung in Passau und vertritt sie nach außen. Im November wird er selbst zum ersten Mal eine scharfe Partie fechten.

Wenn man keinen Fehler macht, bekommt man ja nichts ab. Man muss halt mit den Konsequenzen rechnen.

Alexander Leu, Senior der Burschenschaft Hanseatia

Kommt es bei der Mensur zu einem Fehler, so kann einer der Teilnehmenden am Kopf verletzt werden. Davon behält man den berüchtigten Schmiss, eine Narbe im Gesicht, zurück.

Um lebensbedrohliche Situationen zu verhindern, sind immer Ärzte anwesend, wenn mit scharfen Klingen gefochten wird. Ähnlich wie bei offiziellen Boxkämpfen. Trotzdem tun sich Außenstehende schwer, den Fechtkampf juristisch einzuordnen. Beim Fechten mit scharfen Waffen ist eine Körperverletzung nicht ausgeschlossen. Verbindungen veranstalten die Mensur unter unterschiedlichen Bedingungen. 

Es mutet seltsam an, dass Ärzte sich bereit erklären, eine in Kauf genommene Körperverletzung zu betreuen. Das mag auch daran liegen, dass zu diesen geschlossenen Fechtveranstaltungen kein Außenstehender Zutritt erlangt. Bei den Ärzten handelt es sich meist um Mitglieder der Verbindung, so genannte Bundesbrüder.

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

Er war zwei Jahre lang Mitglied in einer Landsmannschaft. Nach dem Austritt hat sich sein Bild über das Verbindungsleben noch einmal völlig verändert. Er möchte anonym bleiben. 

> Wie kommt es zu solchen verbotenen Ehrkämpfen?

Wenn sich jemand in seiner Ehre entwürdigt fühlt, kann man den anderen zum Zweikampf herausfordern. Natürlich wird es nicht offiziell Duell genannt. Einmal hat eine Verbindungen was entehrendes in das Gästebuch von einer anderen reingeschrieben. „Penis“ oder so. Auf diese kindische Provokation sind die dann halt eingegangen.

DIE POLITIK

Nach den Befreiungskriegen gegen die französischen Vorherrschaft unter Napoleon Bonaparte gründeten verschiedene Landsmannschaften in Jena die Urburschenschaft. Der Zusammenschluss war motiviert durch den aufkeimenden Patriotismus bei deutschen Studenten. Das Ziel der Urburschenschaft war es, die Mentalität des Volkes zu stärken und die Deutschen Einzelstaaten wieder zu vereinen. Nach französischem Vorbild wollte sie diese Territorien unter einer freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinen. 

Jakob Mosler, Bursche in der Hanseatia

Die Werte aller Burschenschaften orientieren sich an denen der Jenaer Urburschenschaft von 1815: Ehre, Freiheit, Vaterland.

Viele Verbindungen schließen sich aufgrund ähnlicher Interessen unter einem Dachverband zusammen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz existieren etwa 100. Der größte Verband für Burschenschaften ist die Deutsche Burschenschaft (DB).

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Man sagt ja Verbindungen oft nach, dass sie politisch und vor allem konservativ sind. Wie hat sich das für dich geäußert?

Verbindungen sind tendenziell, da man diese Traditionen hat, schon eher rechts. Wie die CDU/CSU. Ich war da jemand besonderes, weil ich mich politisch eher auf der anderen Seite einordnen würde. Ich bin in einer Fachschaft, dem Klischee nach auch eher eine linke Studentengruppe. Aber die Verbindung war da für alles offen. Ich kenne nur einen aus einer Burschenschaft, der war definitiv am rechten Rand und auch Sympathisant der AfD.

DER LEBENSBUND

Was alle Verbindungsarten gemeinsam haben, ist das Lebensbundprinzip. 

Hat man die Probezeit als Fuchs überstanden und die Burschen-Prüfung abgelegt, ist man vollwertiges Mitglied. Sobald man nach dem Studium ein geregeltes Einkommen hat, wird man philistriert und gilt als Alter Herr. Dann zahlt man jedes Jahr einen Beitrag, der den Jüngeren zugutekommt. Die Berufe der Älteren kommen allen Mitgliedern zugute. 

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Wobei konkret unterstützt denn die Verbindung ihre Mitglieder?

Gerade wenn man aus der Schule rauskommt, ist man ja noch ein Bübchen. Dann ist es vielleicht gut, in einem Elternhaus 2.0 unterzukommen. Die sind da, unterstützen dich, zeigen dir die Uni. Geben dir ihre Unterlagen für Prüfungen. Die haben wirklich unheimlich viel Unterstützung für Studenten, das kommt vielen jungen Leuten natürlich gerade recht.

> Wie war es dann für dich, die Landsmannschaft zu verlassen?

Im Nachhinein fragt man sich, warum man da so lange gebraucht hat. Es fiel mir wirklich schwer. Weil ich einfach auch das Potential gesehen habe und das in meiner Vorstellung romantisiert habe: Unzerbrechliche Freundschaften aufbauen, die Verbundenheit, die über Generationen hinweg hält. Nach meinem Austritt bin ich ja sehr schnell verrufen worden. Da waren einige, die plötzlich schlecht über mich geredet haben. Manche kannten mich nicht mal richtig. Diese Freundschaften, die ich meinte gehabt zu haben, waren einfach weg. Bei manchen war ich schon ziemlich enttäuscht.

DIE TRADITION

Bis heute orientieren sich die meisten Verbindungen an alten Statuten. So nehmen viele keine Frauen, Ausländer oder Nicht-Studenten auf. Das läge ja schon im Namen, argumentieren einige. Außerdem gäbe es ja auch andere Vereine und sogar reine Damenverbindungen. Die Hanseatia nimmt nur männliche, immatrikulierte Studenten der Universität Passau mit der deutschen Staatsbürgerschaft auf. 

Bei offiziellen Anlässen tragen Burschen ihre formelle Kleidung mit den Verbindungsfarben, den Vollwichs. Ihre Farben wählt sich jede Verbindung selbst.

Studentenverbindungen unterscheiden sich von anderen Hochschulgruppen durch klare Hierarchien. Jedes Mitglied hat seinen Platz und damit verbundene Rechte und Pflichten. Groß zu hinterfragen und zu diskutieren ist bei einem Burschen aber nicht erwünscht. Einige tun sich schwer, Autoritäten anzuerkennen. Für andere ist die klare Struktur genau das Richtige. 

 FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Wieso spielen da so viele junge Menschen mit und beugen sich Traditionen, mit denen sie nicht aufgewachsen sind?

Junge Menschen haben es oft an sich, sehr unbeholfen und unerfahren zu sein. Da kommt so ein fester Rahmen gerade recht. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich mich auf die anderen verlassen kann. Ich war Teil des Ganzen. Es ist beeindruckend, was da für eine starke Kameradschaft herrscht und wie dich das als Individuum stärkt. Manche kommen auch da rein, weil ihr Vater schon drinnen war und die in diese Tradition hinein erzogen werden.

> Diese Einigkeit wird ja auch durch die starren Strukturen gefördert. Zieht das eine bestimmte Art Mensch an?

Auf jeden Fall, definitiv. Warum ich nicht länger drinnen geblieben bin war auch, dass ich ein ganz großes Problem mit Autoritäten habe. Wenn die nur existieren weil sie existieren, dann verliere ich ganz schnell den Respekt. Das war natürlich problematisch. Wenn der Chef was sagt, wird das so gemacht. Hier passt der Vergleich zur Bundeswehr ganz gut. Wenn man dafür mal was rumtragen muss, dann macht man das halt. Manche finden das sogar angenehm, nicht selber nachdenken zu müssen.

> Ist es nicht widersprüchlich, sich als gebildeter Verbund zu präsentieren aber zu erwarten, dass man Anweisungen nicht hinterfragt?

Sinn und Zweck ist es, ein Bündnis auf Lebenszeit zu schaffen. Gemeinschaft, Zusammenhalt, Ehre, all diese Sachen. Es gilt aber nicht, das zu hinterfragen. Das Bündnis soll eben, koste was es wolle, sag ich mal, bestehen.

> Warum habt ihr keine Frauen aufgenommen?

Einfach nur aus Tradition. Und weil nur unter Männern ein anderes Klima herrscht als wenn Frauen dabei sind. Ein Grund, den ich ziemlich banal finde. Und wenn ich im Nachhinein drüber nachdenke: überhaupt nicht meine Weltansicht. (lacht ungläubig)
Also meiner Ansicht nach kann es nichts kluges sein, was du gerade redest, wenn nicht mal eine Frau dabei sein darf.

> Dürfen deshalb auch keine Außenstehenden teilnehmen – weil die Männer sich so daneben benehmen?

Mhm ja zum Beispiel gibt’s das Papsten. Das kommt zum Einsatz, wenn man zum Beispiel einer anderer Verbindung Couleur-Gegenstände klaut. Sachen wo die Farben drauf sind: Flagge, Krüge oder so. Dann müssen die ein gewisses Äquivalent freitrinken, je nachdem wie wichtig der Gegenstand ist. Wenn die Flagge geklaut wurde, dann muss die Verbindung 60 Liter Bier trinken um das wieder frei zu kaufen. Meistens endet das so, dass man das nicht schafft. Dann muss man sich halt ins Kotzbecken, den Papst, übergeben, damit man noch mehr Bier trinken kann. Totale Verschwendung. Gott, so profan, so klein und billig. (lacht hilfesuchend)
Das Absurde ist, dass auch einige der Burschen das als unangenehme und schlechtere Tradition sehen, aber es halt machen, damit die Tradition bestehen bleibt. Für viele ist das eine Show.

DAS VERSCHWORENE

Bei den traditionellen Festen werden feierliche Reden gehalten, Lieder gesungen und die Verbrüderung gefestigt. Immer dabei: der Alkohol. Darauf bezieht sich ein Großteil der Traditionen.

Es gibt einen ganzen Katalog an Trinkspielen und Wettkämpfen. Diese kommen meistens zum Einsatz, wenn Verbindungen sich untereinander besuchen. Auch durch die gemeinsam durchzechten Nächte wird der Bund zwischen den Burschen gestärkt. 

FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

> Was denkst du, warum man Verbindungen als verschworene Gemeinschaften einordnet?

In den Verbindungen gibt es schon echt nette Leute. Aber sie geben sich halt als sehr geschlossene Gruppe.  Bei uns war es auch Voraussetzung, dass man studiert und auch erwünscht, dass man gute Leistungen in der Uni erbringt. Wenn du exmatrikuliert wirst, fliegst du aus der Verbindung. Zwar mit Bedauern, aber so sind halt die Regeln. Lustiger weise hat ein Großteil überhaupt keine guten Leistungen erbracht, weil eben für die Verbindung so unglaublich viel Zeit drauf geht.

> Wie äußert sich denn diese Geschlossenheit?

Es gibt immer wieder die so genannten Kneipen. Dabei ist alles ziemlich feierlich, man trägt spezielle Gewänder und  Degen, es herrscht nur schummriges Licht. Es war schon sehr traditionell aber auch beängstigend. Gerade wegen der Waffen. Dabei kommt einem schnell der Vergleich in den Kopf, dass das wie bei einer Sekte wirkt. Wie das so abläuft, kann man ja nachlesen. Aber als Außenstehender muss man immer wieder Einzelteile zusammentragen, es wird doch ein sehr großes Geheimnis drum gemacht.

> Wenn man dich nach einer schnellen Antwort fragt, sollte man einer Verbindung beitreten oder nicht?

Also wenn es eine JA/Nein Frage ist, dann würde ich sagen Nein. Sonst würde ich fragen, ob du Traditionen und Gemeinschaft magst, dich unterordnen kannst und mit Regeln zurechtkommst. Damit passt du rein. Wenn du ein Freigeist bist, das Neue liebst eigene Entscheidungen treffen willst, dann eher nicht.


10 ERKLÄRUNGEN ZUM VERBINDUNGSJARGON

VOM GLAUBEN BESOFFEN

Die Zeugen Jehovas klingeln an der Haustür und drängen dir ihre Lehre auf, Tom Cruise ist Mitglied bei Scientology und die Zwölf Stämme machen Schlagzeilen mit Missbrauchsvorfällen: Geschichten über Sekten gibt es viele und eigentlich will niemand etwas damit zu tun haben. Bei der Neureligion Shinchonji ist es aber gar nicht so einfach zu erkennen, dass man gerade etwas mit einer Sekte zu tun hat. Die meisten wissen erst, dass sie existiert, wenn sie schon in ihren Strukturen stecken.

Wie die Strukturen funktionieren und an was die südkoreanische Sekte glaubt, erklären wir euch im folgenden Video.

Seit der Gründung von Shinchonji 1984 breitet sich die Gemeinschaft von Südkorea bis nach Europa und in die USA aus. Sie ist seit 2006 auch in Deutschland aktiv und wird immer größer.

MISSIONIERUNGSSTRATEGIE

Laut Oliver Koch, Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche, verfolgt die Sekte drei Missionierungsstrategien in Deutschland, die auf verschiedenen Ebenen ablaufen. Zum einen gehen Shinchonji-Mitglieder in Gottesdienste bestehender christlicher Gemeinden und sprechen dort gezielt Personen an, die alleine sitzen. Viele Aussteiger berichten, dass sie die Sektenmitglieder von Anfang an sympathisch fanden, da sie sehr offen und freundlich auftreten. Wie Koch erzählt versuchen sie schnell, einen persönlichen Kontakt zum „Missionsobjekt“ herzustellen, bis sie es zu einem Bibelkurs einladen.

Die 27-Jährige Anna ist Aussteigerin aus der Sekte. Sie kam über eine Freundin zu den Bibelkursen von Shinchonji. Ihre Freundin wurde auf der Straße von einer fremden Frau angesprochen, die angeblich ein Interview zum Thema „Religion und Glaube im Alltag“ machte. Das ist die zweite Methode, mit der Shinchonji neue Mitglieder generiert. Schnell intensivierte sich der Kontakt und Anna lernte die Frau kennen. Beide begannen, über die Bibel zu sprechen, bis sie die „Lehrerin“ recht bald zu einem Bibelkurs einlud. Anna wunderte sich über das enorme Interesse an ihrer Person.

Das starke Interesse äußert sich schon bald dadurch, dass den Teilnehmern mehr und mehr abverlangt wird. Die Strukturen werden starr.

Die ersten beiden Methoden funktionieren vorwiegend bei Menschen, die sich mit Glaubensfragen beschäftigen und Interesse daran haben, mehr über die Bibel zu lernen. So wie Anna und ihre Freundin. Die dritte Missionierungsstrategie hingegen geschieht über Tarnorganisationen, wie zum Beispiel die „Frankfurter Friedensgemeinde“ und die „International Womens Peace Group“. Es geht so weit, dass diese Institutionen Feste planen, zu denen auch bekannte Persönlichkeiten eingeladen werden. Der Name Shinchonji fällt nie.

INSTRUMENTALISIERUNG

Koch betont, wie wichtig es ist, immer wieder kritisch zu sein und zu überprüfen, was für eine Organisation hinter Veranstaltungen steht, bei denen für Frieden und Gerechtigkeit geworben wird. Ab und zu wird das vernachlässigt. 2013 trat der Gründer von Shinchonji, Man-hee Lee, beispielsweise auf die Bühne des Leipziger Friedensforums und hielt eine Rede. Die Organisatoren erfuhren erst nach der Veranstaltung, welche Hintergründe ihr internationaler Gast hatte.

Mit Hilfe der Tarnorganisationen bekommt Shinchonji Kontakt zu berühmten Persönlichkeiten, Politikern und Vertretern unterschiedlichster Glaubensgemeinschaften. Sie laden solche Personen unter dem Vorwand von Friedensaktivitäten nach Korea ein. Auch in Frankfurt gibt es immer wieder Kongresse, die sich zum Beispiel „World Alliance of religious Peace“ nennen, kurz WARP. Bei diesen Veranstaltungen unterschreiben Teilnehmer wie Politiker oder Vertreter von Kirchen Kongregationen, auf denen im Kleingedruckten steht: „You are now a part of WARP“, also Mitglied einer Tarnorganisation von Shinchonji. Sie tun das im Glauben daran, einem friedvollen Miteinander zuzustimmen. Solche Veranstaltungen nutzt Shinchonji, um in der Medienöffentlichkeit aufzutauchen – wenn auch mit anderen Namen.

Shinchonji tritt nie mit ihrem echten Namen auf. Oliver Koch berichtet von seiner Reise nach Südkorea, dass sich selbst am Headquarter der Sekte in Seoul kein Erkennungszeichen befindet. Das erlaubt ihnen, die Namen der Tarnorganisationen zu ändern, sobald kritische Informationen an die Öffentlichkeit geraten. Anschließend sind sie im Prinzip verschwunden. In Frankfurt hießen sie schon „Frankfurt Korea Internationale Missionsgemeinde“, „Frankfurter Friedensgemeinde“, „Bible Center“, „Bible College“ und „International Bible College“. Shinchonji hat den Namen immer wieder geändert und wird ihn wohl auch in der Zukunft noch öfter wechseln. Eines haben aber alle Namen gemeinsam: Sie vermitteln ein harmloses Bild der Organisation verbergen ihre Verbindung zu Shinchonji. Aussteiger berichten, dass ihnen am Anfang vor allem das internationale und junge Umfeld in den Kursen zugesagt hat.

MANIPULATION

Aussteiger sind meistens allein, wenn sie sich zum Schritt aus den Fängen der Sekte entscheiden. Die engeren Bindungen, die bestehen, sind oftmals mit der manipulativen Gemeinschaft verwoben.

Als Anna und ihre Freundin tatsächlich den Bibelkurs besuchten, waren sie schon in einer Art Strudel, wie Oliver Koch es nennt. Sie hatten eine Freundschaft zu einem Shinchonji-Mitglied geschlossen und Vertrauen aufgebaut. Das sei typisch, erklärt Koch. Der Kurs findet viermal in der Woche statt und die Mitglieder versuchen, die „Neuen“ dazu zu bringen, nach und nach mehr Zeit in den Bibelkurs zu investieren. Die Sektenmitglieder fordern immer mehr. Die Kurse beginnen früher als angesetzt und enden oft spät am Abend. Bei kritischen Nachfragen, wie Anna sie oft stellte, verweisen die Lehrer oft auf den nächsten Tag, die nächste Woche oder entgegnen: „Hab Geduld, hab Geduld, du verstehst das noch nicht.“

Anna bekam immer seltener Antworten auf ihre Fragen und die Mitglieder verwickelten sie in andere Gespräche, um von kritischen Fragen abzulenken. Oliver Koch, Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche, erklärt, dass sich Kursbesucher in eine Art Abhängigkeit begeben. Ihnen wird versprochen, die Bibel zu verstehen. Aber erst am Ende des Kurses, weil sich einem erst dann die „ganze Wahrheit“ erschließt. Gleich zu Beginn des Kurses erklären die Lehrer, es sei wichtig, nicht mit anderen über das Erlernte im Kurs zu sprechen, das könnte die Teilnehmer verwirren. Auch Anna wurde geraten, nicht mit Freunden und Familie über den Kurs zu sprechen, da Satan sonst leicht auf sie Einfluss nehmen könne und sie abhalte, die Wahrheit zu lernen. Das könne er über die engsten Bezugspersonen besonders gut, da die emotionale Bindung hier am stärksten sei. Anna tat es trotzdem und erfuhr so von einer Frau aus ihrer Gemeinde, dass sie in einer Sekte ist.

Koch betont, dass das natürlich eine geschickte Strategie sei, um Menschen von Kritik abzuhalten.

Die Bibelkurse sind in Grundstufe, Mittelstufe und Hauptstufe eingeteilt. Jede Stufe müssen die Teilnehmer mit einer Prüfung abschließen, in der sie Bibelzitate wortwörtlich zitieren. Es gibt keine Transferfragen, sondern es geht um stupides Auswendiglernen. Wer eine Prüfung nicht besteht, muss einen Teil des Kurses wiederholen und sie nochmal schreiben. Zwischen der Mittelstufe und der Oberstufe werden die Teilnehmer „eingeweiht“. Das bedeutet, sie erfahren von Man Hee Lee, dem angeblichen verheißenen Pastor der Endzeit. Ab diesem Punkt steigt der Druck auf die Teilnehmer. Sie müssen mehr und mehr Zeit investieren und weitere Personen anwerben. Koch beschreibt das als einen „manipulativen Strudel“.

Sobald Mitglieder „versiegelt“, also eingeweiht sind in die Endzeitvorstellungen von Shinchonji, besuchen sie zusätzlich einen separaten Gottesdienst. Dort gibt es oft Liveübertragungen aus Südkorea, in denen Man Hee Lee beim Predigen zu sehen ist. Je nachdem, in welchem Teil der Erde sich die entsprechende Dependance von Shinchonji befindet, ist sie einem der zwölf Stämme aus der Bibel zugeordnet, die jeweils ihre spezifische Farbe haben. In Frankfurt ist das der Stamm des Simon mit der Farbe Gelb. Männer tragen bei Gottesdiensten eine gelbe Krawatte und Frauen ein gelbes Halstuch. Darauf ist die Unterschrift von Man-hee Lee eingestickt.

Vergrößern

DSC_0022
Eine Krawatte von einem Shinchonji Mitglied aus Frankfurt.

In Frankfurt sind an Sonntagen die Fenster im 15. Stock des Gebäudes, in dem Shinchonji den Gottesdienst für die Eingeweihten feiert, mit gelben Tüchern verhangen.

Vergrößern

DSC_0011
Nur am Sonntag sind die Fenster des 15. Stockwerks verhangen.

Die „Versiegelten“ müssen außerdem ihren Zehnten, also zehn Prozent ihres Nettoeinkommens, an Shinchonji abgeben. Wer wie viel gegeben hat, sehen die Mitglieder während des Gottesdienstes auf einem großen Bildschirm.

Letztlich führt die mangelnde freie Zeit dazu, dass sich die Mitglieder immer weiter abkapseln und den Anschluss zu ihren Angehörigen und Freunden verlieren.

ISOLATION

Oft brechen Mitglieder den Kontakt zu Außenstehenden ab. Alle Freunde und sozialen Kontakte leben innerhalb der Gruppierung. Kritische Stimmen verstehen Shinchonji Mitglieder als satanistische Versuche sie zu unterwandern und zu zerstören. Deswegen lassen sie Kritik sofort an sich abprallen, was es für Angehörige erschwert, Kontakt zu halten. So erging es auch der Mutter von Markus, der selbst ein Jahr lang Mitglied der Sekte Shinchonji war und eine Dependance in Stuttgart errichten sollte. Wie es der Familie in dieser Zeit ergangen ist, könnt ihr hier nachlesen.

Nur dann können Mitglieder die Kraft finden, aus der Sekte auszutreten. Doch eine endgültige Entscheidung kann den Betroffenen von niemandem abgenommen werden.

AUSSTIEG

Anna entscheidet sich aus eigenen Stücken für den Ausstieg. Obwohl sie nicht einmal einen Monat lang den Bibelkurs besucht hat, ist der Druck enorm und die Kritik der anderen Sektenmitglieder bleibt nicht aus.

Anna hat es geschafft und ist seitdem vorsichtiger, wenn sie anderen Menschen von ihrem Glauben erzählt. Ihre Offenheit und ihr Gottvertrauen hat sie aber behalten.

ABSEITS VOM MAINSTREAM

Verschwörungstheorie, die. Substantiv, femininem. Vorstellung, Annahme, dass eine Verschwörung, eine verschwörerische Unternehmung Ausgangspunkt von etwas sei.

Die Verrückten mit den Aluhüten

Drei Jahre lang war Stephanie Wittschier in der Verschwörungsszene aktiv. Alles begann 2010, als sie eine Dokumentation über den 11. September 2001 sah, in der einige Unstimmigkeiten aufgezeigt wurden. „Das hat mich damals so neugierig gemacht, dass ich mich daraufhin an unseren Computer setzte, um weiter in der Richtung nachzuforschen. Dabei kam ich auf viele dubiose Seiten,“ schreibt Stephanie Wittschier heute auf ihrem Blog. Wenige Tage später glaubte sie bereits an Chemtrails: Daran, dass Kondensstreifen in Wirklichkeit giftige Chemikalien sind, mit denen eine mächtige Elite das Wetter steuert, uns Menschen vergiftet und dadurch die ganze Welt kontrolliert.

Erst als sie sich genauer mit der Thematik beschäftige und sich richtig informierte, erkannte sie, „was das doch alles für ein großer Schwachsinn ist. Heute kann ich gar nicht verstehen, wie dumm ich doch damals war.“ Mittlerweile spricht sie offen über ihre Erfahrungen: Der Zusammenhalt in der Szene, ihren von Rückfällen gefährdeter Ausstieg, Morddrohungen und Suizidgedanken. Mit ihrem Blog „Die lockere Schraube“ möchte sie über die Verschwörungsszene aufklären: „Seitdem mir klar wurde, an was für einen Schund ich da geglaubt habe, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, andere vor den möglichen Gefahren, die hinter so mancher Verschwörungsideologie stehen, zu bewahren. Ich möchte die Menschen aufklären, so dass sie nicht, anders als ich, auf den ganzen Müll hereinfallen.“

Warum wir dazu neigen, den ganzen Schwachsinn zu glauben

Verschwörungstheorien sind ebenso abstrus wie faszinierend. Über das Internet verbreiten sich diese Gedanken rasant auf der ganzen Welt. Doch woher kommt die Faszination für Verschwörungstheorien? Wie ist dieses Phänomen  psychologisch und soziologisch erklärbar?

Das Verhalten, Muster zu suchen und Zusammenhänge zu sehen, wo vielleicht auch keine existieren, sei erstmal ein gesunder menschlicher Mechanismus. Der Psychologie Marius Raab bezeichnet ihn sogar als eine Fähigkeit, welche die menschliche Intelligenz zu etwas besonderem macht: Die Fähigkeit, Analogien zu bilden – also Strukturen von einem Lebens- oder Realitätsbereich auf einen anderen zu übertragen.

Wenn wir bemerken, dass wir etwas nicht begreifen können, versuchen wir, wieder Ordnung herzustellen und Zusammenhänge zu finden. Dieser Wunsch nach Struktur kann uns dann Muster erkennen lassen, wenn eigentlich gar keine da sind. Wir konzentrieren uns auf die Informationen, die wir sehen wollen, während alles andere ausgeblendet wird. Bei Verschwörungstheorien kommt es also zu einem omnipräsenten Bestätigungsfehler, bei dem wir nur solche Informationen auswählen, suchen und interpretieren, die unsere eigenen Ideen und Erwartungen unterstützen und bestätigen. Beweise, die im Widerspruch dazu stehen, werden ignoriert. Vor allem Menschen mit intensiven Gefühlen von Unsicherheit, Machtlosigkeit und Kontrollverlust sind anfälliger für Verschwörungstheorien sind und Muster sehen, wo keine existieren, erklärt Raab.

 

Was die Anhänger von Verschwörungstheorien fasziniert, ist, dass sie sich durch diese aus der breiten Masse herausheben können. Man ist plötzlich einer der wenigen, die verstanden haben, wie die Welt wirklich funktioniert, während die breite Masse angeblich schlafend und mit geschlossenen Augen durchs Leben läuft. Michael Butter, Amerikanist mit Forschungsschwerpunkt Verschwörungstheorien
 

Unser Hirn funktioniert nun mal so, ob wir daran glauben oder nicht. Zum Beispiel neigen wir dazu, hinter Ereignissen eher Absichten als Zufälle zu sehen. Nur so konnte sich unsere Spezies durch die Evolution erfolgreich entwickeln: Wer sich mit Unwissen abfindet, lernt auch nicht, die Welt besser zu verstehen und sich auf sie einzustellen. Rob Brotherton, US- Psychologe

Unsicherheit und Machtlosigkeit

Das Misstrauen in gesellschaftliche Institutionen geht oft mit der Vorstellung einher, dass andere Mächte in Wirklichkeit die Geschehnisse lenken. Laut der Studie “Die enthemmte Mitte” von Michael Blume aus dem Jahre 2016 denken mehr als die Hälfte aller deutschen Staatsangehörigen, dass es vernünftige Gründe gibt, Regierungen, Geheimdiensten oder Medien zu misstrauen. Ein Drittel wiederum glaubt, dass die meisten Menschen nicht erkennen, in welchem Ausmaß unser Leben durch geheime Verschwörungen bestimmt wird. Ebenfalls ein Drittel glauben sogar, dass Politiker und andere Führungspersönlichkeiten nur Marionetten von dahinterstehenden Mächten sind.

Mehr zu  rechten Verschwörungen findest Du hier: „Hetzerkollektiv“

Psychologen haben eine Vielzahl an Emotionen und Aspekten gefunden, welche in Zusammenhang mit dem Glauben an Verschwörungstheorien einhergehen könnten: Bildungsstand, Langeweile, Neigung zum Verfolgungswahn, politischer Extremismus, Bedürfnis nach Einzigartigkeit sowie Persönlichkeitsmerkmale wie Narzissmus oder Selbstbewusstsein. Ein bestehender Zusammenhang zwischen einer bestimmten Persönlichkeit und dem Glauben an Verschwörungstheorien konnte jedoch bisher nicht festgestellt werden.

Ebenso hat sich in den vergangen Jahren gezeigt, dass Menschen, die bereits an eine Verschwörungstheorie glauben, eher dazu neigen, an eine weitere zu glauben; selbst wenn sich diese widersprechen. Dies konnte bei einer Studie von Wood, Douglas und Sutton aus dem Jahre 2012 gezeigt werden: Je mehr ein Teilnehmer davon überzeugt war, dass Prinzessin Diana vom britischen M16 getötet wurde, desto sicherer war er sich, dass Lady Di ihren Tod vorgetäuscht hat.

Die Verrückten mit den Aluthüten? Die typische Verschwörungspersönlichkeit gibt es nicht!

Du willst noch mehr zum Thema erfahren? Dann schau bei „Verschwörerische Frequenzen“ vorbei und hör Dir unseren Podcast an.

Zwei Welten prallen aufeinander

Marius Raab arbeitet am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Bamberg. Dort hat er im Rahmen seiner Promotion zur Wahrnehmung und Informationsverarbeitung in Zusammenhang mit Verschwörungstheorien und Fake News geforscht.
Stephanie Wittschier wurde 2010 durch eine 9/11 Dokumentation zum ersten Mal auf die Verschwörungsszene aufmerksam. Heute redet sie offen über ihre Erfahrungen und möchte mit ihrem Blog „Die lockere Schraube“ über die Verschwörungsszene aufklären.
[/aesop_content]

Warum und wie glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Diese scheinbar einfache Frage wird auf den zweiten Blick kontroverser als gedacht. Was geht in den Köpfen von Verschwörungstheoretikern vor? Wie ticken sie? Wie sollte man mit Verschwörungen umgehen und sind sie eigentlich gefährlich?  Klare Antworten gibt es darauf (noch) nicht. EHRENWORT hat dazu den Psychologen Marius Raab und die Aussteigerin Stephanie Wittschier befragt. Deren Ansichten könnten unterschiedlicher nicht sein.

Dadurch, dass fast jeder die Erfahrung macht, dass etwas auf eine Art passiert, die man sich nicht erklären kann, ist es eigentlich nicht irrational, bei bestimmten Ereignissen verborgene Machenschaften anzunehmen. „Es ist oft sogar notwendig, um die Welt besser zu verstehen,“ erklärt Marius Raab. „Insofern brauchen wir manchmal auch Verschwörungstheorien oder Verschwörungstheoretiker. Leute, die unsere Weltsicht immer wieder herausfordern und in Frage stellen.“

Wenn sich jemand etwas auf eine Art erklären will, die zwar abseits vom Mainstream ist, aber niemandem schadet: Wieso nicht? Marius Raab

Für Marius Raab ist Verschwörungstheorie nicht gleich Verschwörungstheorie: Zum einen gibt es die komplett harmlosen Verschwörungen, welche sogar gut für eine Demokratie sein können, zum Beispiel: „Werden  wir überwacht?“ Auf der anderen Seite stehen die gefährlichen, die politischen Minderheiten oft die Schuld an negativen Umständen geben. Doch auch bei diesen sieht Marius Raab das Problem nicht in der Verschwörungstheorie selbst, sondern in den Inhalten. Wichtig dabei ist, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und sie wie ganz normale Menschen zu behandeln: „Wenn ihre Ansichten schwierig sind, zum Beispiel antisemitisch oder hetzerisch, muss man diese natürlich angehen und sich damit auseinander setzen.“

Die Verschwörungsszene ist gefährlich, auch schon am Anfang! Stephanie Wittschier

Stephanie Wittschier sieht das anders. Im Laufe des Gesprächs betont sie immer wieder, wie gefährlich die Verschwörungsszene ist, auch schon am Anfang. Sie denkt, dass es oft an Langeweile oder schlechten Erfahrungen  im eigenen Leben liegt, dass man anfälliger für Verschwörungstheorien ist und an sie glaubt. Durch  ihre eigenen Erfahrungen erzählt sie, wie schnell man bei einer Theorie landet und dann von einer Szene in die nächste rutscht. Daher ist es ihr besonders wichtig, dass das Thema ernst genommen wird: „Es bleibt ja leider nicht bei einem Blödsinn. Wenn man an die flache Erde glaubt, glaubt man auch ganz schnell an allen anderen möglichen Blödsinn. Und am Schluss endet das immer in der braunen Szene.“

Vor allem nach ihrem Ausstieg zeigten sich die Gefahren der Szene deutlich: Von Morddrohungen bis hin zu Stalkern, „Sobald man aussteigt, ist man für die Szene der Satan schlechthin, der bekämpft werden muss.“ Ein Spezialrezept, Verschwörungstheorien aufzubrechen, gibt es laut Stephanie Wittschier nicht: „Da muss vielleicht schon so eine krasse Sache wie bei mir passieren, damit man überhaupt mal anfängt, umzudenken.“

Die ganze Interview-Reihe findest Du hier.

"Hätte ich so weiter gemacht, wäre ich wahrscheinlich in der Psychiatrie gelandet“

Wer sich einmal in der Verschwörungsszene befindet, kommt aus diesem Denkmuster nur schwer heraus. Konfrontation und Gegenwind aus der Verschwörungsszene. Scham und Angst, sich der Wahrheit zu stellen. Ein Schockmoment brachte Stephanie Wittschier schließlich zum Nachdenken und zurück in die Realität.

Nach und nach steigt Stephanie Wittschier aus der Verschwörungsszene aus. Ein Prozess, der nur langsam voranschreitet, denn immer wieder ist Stephanie kurz davor, aus Scham wieder in die Szene zurückzuflüchten.

All die positiven Erfahrungen, die sie zuvor mit der Szene gemacht hatte, wandeln sich dadurch ins Gegenteil. Sie wird verfolgt und bedroht: Angst begleitet sie bis heute. Dennoch ist es ihr wichtig, über die Verschwörungsszene aufzuklären.

"Eigentlich sind wir alle Verschwörungstheoretiker"

Mit diesen Worten beendet Marius Raab das Interview. Für ihn sind wir alle auf die eine oder andere Art und in dem einen oder anderen Gebiet Verschwörungstheoretiker, da fast jeder Mensch manchmal Ansichten hat, die als Verschwörungstheorien durchgehen könnten. „Jeder Mensch will die Welt, in der er lebt, verstehen.“

Vergleicht man die Forschung mit den Erzählungen der Aussteigerin, erhält man konträre Eindrücke. Während Psychologen die Thematik sehr sachlich erklären und erforschen, zeichnet sich bei den persönlichen Erzählungen ein anhaltendes Gefühl von Fassungslosigkeit, Unruhe und Nachdenklichkeit. Über eins sind sich jedoch beide Seiten einig: Es ist wichtig, einen Dialog untereinander zu finden.

 

Das Thema muss auf jeden Fall mehr in die Öffentlichkeit und einfach mehr beachtet werden. Da kann man nicht einfach sagen: „Ja, lasst die doch, die Spinner.“ Stephanie Wittschier
 

Wir müssen auf jeden Fall versuchen, irgendwie einen Dialog zu finden; auch mit Menschen, die jetzt aus unserer Sicht abseitige Erklärungsmodell haben. Wir müssen es schaffen, in Kontakt zu bleiben und zu verstehen, warum sehen diese Menschen ihre Welt so. Was ist vielleicht an meiner eigene Weltansicht manchmal auch unreflektiert oder einfach nur eine Vorannahme, die mich mit mir rumtrage. Dr. Raab