MEIN REICH KOMME

„Zwei Meter hoher Zaun, Mauer rundherum. Zwanzig Meter freie Fläche bis zum Haus. Wir konnten seine Frau vor der Tür in ein Gespräch verwickeln. Doch dann hörten wir, wie jemand über die Gegensprechanlage zuhört. Durch die Ablenkung der Frau konnte das SEK den Offizier festnehmen.“, erzählt ein Kommissariatsleiter vom „Polizeilichen Staatsschutz“. Der Offizier war und ist es wahrscheinlich bis heute: ein Reichsbürger. Das ist kein Einzelfall – oft neigen Personen, die im Beruf eine hohe Position innehatten, im Alter dazu, sich der Reichsbürgerbewegung anzuschließen.

Doch welche Persönlichkeiten verbergen sich hinter den Reichsbürgern? Welche Gründe bewegen die Menschen dazu, sich einem solchen Milieu anzuschließen? Besteht eine ernsthafte Bedrohung für die Gesellschaft?
Experten, wie Politikwissenschaftler Jan Rathje oder Bildungsreferentin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung, teilen die Reichsbürger in vier Gruppen auf:



Rechtsextreme sind der Auffassung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich immer noch existiert. Als Anhänger können die Sozialistische Reichspartei und Teile der NPD gesehen werden.


Auch Reichsbürger sind der Meinung, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist und das Deutsche Reich weiterhin existiert. Sie gründen zum Beispiel Kommissarische Reichsregierungen, um ihr eigenes Reich führen zu können.


Die Selbstverwalter gehen ebenfalls davon aus, dass die BRD kein legaler und legitimer Staat ist. Als Beispiel können hier die Germanitier herangeführt werden. Zudem gibt es sogenannte „Freie Gemeinden“, die sich selbst verwalten. Nach außen hin vermitteln die Anhänger oft das Bild von einem harmonischen Zusammenleben mit Familien in der Natur. Diese Splittergruppen wirken auf den ersten Blick sehr modern – auf den zweiten erkennt man aber oft antisemitisches Gedankengut.


Souveränitätsfordernde glauben, dass die BRD kein legitimer Staat ist. Zu den Anhängern zählt das COMPACT Magazin, Teile der AfD und Pegida und Xavier Naidoo, der 2014 vor dem Reichstag in Berlin bei einer Reichsbürger-Veranstaltung auftrat.

WO HAT DIE REICHSBÜRGERBEWEGUNG IHREN URSPRUNG?

Inzwischen leben laut Verfassungsschutz 18.400 Reichsbürger in Deutschland, 900 davon sind rechtsextrem.

Die verschworene Gemeinschaft ist äußerst heterogen und nicht einheitlich organisiert. Der rechtsextreme Teil besteht seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945. Dieses Submilieu geht fest davon aus, dass das Deutsche Reich immer noch existiert.

Der bekennende Neonazi und Holocaustleugner Manfred Roeder verlieh sich 1974 den Titel „Reichsverweser“ und wurde somit erster Reichsbürger. Wolfgang Günter Ebel trieb die Bewegung voran und leitete 1985 die erste „Kommissarische Reichsregierung“ unter der Weimarer Verfassung. Er verkaufte selbstgedruckte Dokumente und Ausweise und ging das erste Mal gegen die Bundesrepublik juristisch vor. Danach bildeten sich viele verschiedene Reiche und Gruppen wie die „Germanitien“, das „DHPW“ – das Deutsche „Polizei-Hilfswerk“ – oder das „Deutsche Königreich“.

  • Peter Fitzek: König des "Königreichs Deutschland" (Quelle: YouTube)
  • Germanitien: Fantasiestaat in Baden-Württemberg (Quelle: YouTube)
  • Burghard Bangert: "Nazi-Druide" (Quelle: YouTube)
  • Wolfgang Günter Ebel: erster Leiter einer "Kommissarischen Reichsregierung" (Quelle: YouTube)

Die zweite große Gruppe, die „Selbstverwalter“, tritt aus der Bundesrepublik Deutschland aus und markiert ihre Hoheitsgebiete durch bunte Linien auf Fahrbahnen, Grundstücksgrenzen oder Fantasieflaggen mit Familienwappen.

Ich will doch keine Steuern an ein Land ohne Verfassung zahlen. Ich bin ein Mensch und kein Sklave!

sagt ein Reichsbürger zu Tobias Ginsburg, der undercover für ein halbes Jahr in die Reichsbürgerbewegung abgetaucht ist („Die Reise ins Reich“, Tobias Ginsburg). 

Sie zahlen keine Steuern, geben ihren Personalausweis ab und überschütten die Behörden mit Massen an Briefen und Faxen. In einer Sache sind sich aber alle Teilgruppen einig: „Eine fremde Macht beherrscht Deutschland und zieht im Hintergrund die Fäden.“

Völkischer Nationalismus wird bei Reichsbürgern großgeschrieben. Sie gehen von einer widerspruchsfreien homogenen Gemeinschaft aus, in der sie in ihrer Rolle völlig aufgehen können. Dabei sind sie in ihren Vorstellungen äußerst rückwärtsgewandt. Expertin Melanie Hermann von der Amadeu-Antonio-Stiftung meint damit, dass diese extrem konservativ, zum Teil auch mit einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit, sind. „Sie beziehen sich auf etwas, das es so nie gegeben hat, anstatt sich mit dem auseinander zu setzen, was ist, um es dann besser zu machen“, sagt Hermann. Reichsbürger setzen auf Autorität. Ein hierarchisches System, klare Strukturen und Führung sind wichtig. Angst und Hass gegen Pluralismus ist dabei ihr ständiger Begleiter.

WAS KENNZEICHNET EINEN TYPISCHEN REICHSBÜRGER? 

Mitte 50 – Tendenz steigend, alleinstehend, möglicherweise arbeitslos. Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil bezeichnet das als „Radikalisierung der zweiten Lebenshälfte“. Wenn man sich allerdings YouTube-Blogs anschaut, merkt man schnell, dass das Milieu auch junge Anhänger hat, die offen gegen die Bundesrepublik Deutschland hetzen. Ein verzerrtes Bild könne entstehen, da der Verfassungsschutz und andere staatliche Behörden „durch die Scheuklappen“ allein die strafrechtlichen Handlungen beobachten und daran das Alter messen, vermutet Politikwissenschaftler Rathje. „Wenn man das Milieu dann etwas größer fasst und die Esoterik dazuzählt, finden das auch jüngere Menschen interessant“, meint auch Expertin Hermann.

  • Stephanie Schulz: rechtsextreme Internetaktivistin (Quelle: YouTube)
  • Monika Unger: östereichische Reichsbürgerin (Quelle: YouTube)

Vater-Sohn-, Mann-Frau-Beziehungen oder komplette Familien sind keine Einzelfälle. Frauen sind außerdem im Gegensatz zu anderen rechten Gruppen überproportional bei Straftaten vertreten. Sie machen 20 bis 30 Prozent aus und haben, anders als man erwartet, oftmals eine starke Position in ihrer Gruppe. Mütter spielen immer zentrale Rollen und werden als sehr wichtig angesehen. Sie beschweren sich zum Beispiel in Videoblogs darüber, dass ihre Kinder in der Schule zu früh sexualisiert werden und ihnen im Geschichtsunterricht Unwahrheiten über einen angeblichen Friedensvertrag und die Grenzen von Deutschland erzählt werden. Dass die Sprache gegendert wird und dass es mehr als zwei Geschlechter geben soll, möchte kein Reichsbürger an seine Kinder weitergeben.

WIESO SCHLIEßT MAN SICH DEM MILIEU AN?

Viele Anhänger der Reichsbürger haben ein „schwaches Ich“, sagt Kriminalpsychologe Keil. In der normalen Gesellschaft fällt es ihnen schwer, Halt zu finden oder Anerkennung zu bekommen. Im Milieu wird den Menschen eine wichtige Position zugeschrieben – sie werden gebraucht. Oft treibt sie aber auch eine finanzielle Notlage in die Gemeinschaft. Sie erhoffen sich, dass Lösungen für ihre Probleme gefunden werden. Schnell steht der Sündenbock für ihre missliche Lage fest: der Staat. Keil beschreibt die Szene deshalb auch als Selbsthilfegruppe oder Sekte: „Oben ist ein Guru, unten sind seine Follower.“

Ein Grund für den Anschluss kann aber auch ein Vorruhestand sein. Betroffene fühlten sich von der Gesellschaft nicht mehr gebraucht und wertgeschätzt. Womöglich hatten sie eine wichtige Aufgabe, die sie nun nicht mehr ausführen dürfen.

GIBT ES MACHTKÄMPFE ZWISCHEN DEN GRUPPIERUNGEN? 

Um alleine herrschen zu können, sprechen sie sich gegenseitig die Legitimation ab. Könige, Reichskanzler und Kaiser beanspruchen Deutschland, oder zumindest Teile davon, für sich.  Es kommt sogar so weit, dass sie sich als Verräter bezeichnen, sich Hochverratsvorwürfe machen und Todesurteile aussprechen.

Selbstverwalter dagegen haben kein Problem damit, einander zu helfen. Diese Beobachtung konnte man 2016 bei der Zusammenrottung von Adrian Ursaches Gesinnungsgenossen beobachten. Er gründete auf dem Grundstück seiner Schwiegereltern den Fantasiestaat „Ur“. Da er mehreren Gläubigern Geld in Höhe von 150.000 Euro schuldete, sollte das Haus zwangsversteigert werden. Daraufhin wurde er von vielen Sympathisanten durch Demonstrationen vor einer Zwangsräumung geschützt. Selbstverwalter verabreden sich in solchen Fällen oft über das Internet und WhatsApp-Gruppen oder veranstalten Treffen wie Stammtische in Gasthäusern. Das SEK räumte trotzdem das Haus, wobei es zu Schüssen zwischen Ursache und der Polizei kam. Der Reichsbürger wurde schwer verletzt, aber überlebte.

WELCHE ROLLE SPIELEN VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN BEI DEN REICHSBÜRGERN?

Das Milieu möchte Ressentiments und Affekte ausleben. Es geht darum, einen Sündenbock zu finden. Reichsbürger sind davon überzeugt, dass ausschließlich das absolut Böse an allem schuld sei. Exemplarisch hierfür ist ein Vorfall in Balem bei Berlin: An der U-Bahnstation bieten Bänke Sitzmöglichkeiten für wartende Passanten. Es sind keine normalen Stühle, wie man sie kennt, sondern modellierte Menschen mit sichtbaren Genitalien. Eine „freie Gemeinde“ der Reichsbürger sieht hinter diesem Kunstprojekt einen Plan der jüdischen Weltverschwörung. Angeblich würden die Kinder so früh sexualisiert werden. Das Ziel der Juden sei, am Untergang des Landes zu arbeiten und das deutsche Volk zu vernichten. Horst Mahler, ein bekennender Holocaustleugner und Reichsbürger-Anhänger, sagt ebenfalls, dass die jüdische Weltverschwörung wahr sei.

WARUM SIND REICHSBÜRGER ESOTERISCH? 

Esoterik und Reichsbürgerei haben durchaus Überschneidungen, denn beide behandeln Weltverschwörungsideologien und versprechen Heilung und Macht. Ginsburg traf einen Reichsbürger, der behauptete:

Ich war schon oft tot, habe die materielle Ebene verlassen, ich kenne die Struktur des Universums.

„Reichskanzler“ Norbert Schittke betreibt gerne Werbung für sein Reich an keltischen Steinkreisen auf Esoterik-Veranstaltungen. Burkhard Bangert, bekennender „Nazi-Druide“, glaubt, Nachfahre Merlins zu sein und feierte an einem keltischen Steinkreis in Bischofsheim an der Rhön regelmäßig Feste. Peter Fitzek hatte vor seinem Königdasein einen Esoterik-Bedarfsladen. Er geht davon aus, dass er Kontakt zu Engeln und anderen höheren Wesen hat. Dadurch soll er eine andere Form der Erleuchtung haben und deshalb eine gute Führerfigur für seine Anhängerschaft sein.

WIE IST DIE PSYCHOLOGISCHE SICHT AUF REICHSBÜRGER?

Die Psyche spielt bei vielen Reichsbürgern eine ausschlaggebende Rolle.

Meine Familie, meine Freunde und Bekannten sind alle hirngewaschen und kaputt, völlig kaputt, machen sich über mich lustig und nennen mich einen Verschwörungstheoretiker.

sagte ein Reichsbürger zu Ginsburg. Diskussionen seien zwecklos, die Anhänger dagegen resistent. Kriminalpsychologe Keil erklärt sich dieses Phänomen so, dass viele unter Größen-, Verfolgungswahn oder Narzissmus leiden. Oft haben die Betroffenen schon vor dem Anschluss Depressionen, die sich sich durch das eingeschränkte Weltbild der Reichsbürgerideologie weiterentwickeln. Auch Demenz kann dafür verantwortlich sein, dass ein Wahn erst gegen Lebensende entsteht. Keil sagt, dass man dies Erkrankten erst therapieren müsste, um sie aus diesem Milieu zu ziehen.

Der Kriminalpsychologe behauptet, dass bei Führerpersonen, wie Königen oder Kanzlern, sich der Prozess des Wahns aufschaukele. Die Realitätseinsicht des Anführers sei irgendwann so getrübt, dass er sein Umfeld nur noch mit seinen selbst konstruierten Vorstellungen wahrnehme.

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WELCHE GEFAHR GEHT VON DEN REICHSBÜRGERN AUS? 

Heute geht die Mehrzahl der Experten davon aus, dass die Reichsbürgerideologie nicht nur antidemokratisch, sondern in ihrem Kern auch antisemitisch ist. Der Repressionsdruck auf die Reichsbürger wächst seit den Vorfällen 2016 in Georgensgmünd und Adrian Ursache immer mehr. Lange Zeit wurde die Gefährlichkeit der Reichsbürger von Behörden, wie Polizei und Verfassungsschutz, unterschätzt. Vor allem in Bayern schenkte man dem Milieu nahezu keine Aufmerksamkeit, was sich in den Zahlen bemerkbar macht – Bayern verzeichnet nach dem Verfassungsschutz am meisten Reichsbürger. Erst nach dem Polizistenmord in Georgensgmünd wurde eine zuständige Abteilung für Reichsbürger in Oberfranken erschlossen.

Kriminalkommissar Achim Dowerg stuft sie als verfassungsfeindlich Extremisten ein. 98 bis 99 Prozent der Reichsbürger sind laut Polizei verbal aggressiv und versuchen, Behörden mit ihren Schriftstücken lahmzulegen. Diese würden häufig gezielt in ihrer Arbeit gehindert und von den Bürgern dann als „nicht effizient und versagend“ wahrgenommen, sagt Kriminalpsychologe Keil.

Was zusätzlich beunruhigt: zehn Prozent aller Reichsbürger sind im Besitz legaler Waffen. Im Vergleich: „Nur drei bis vier Prozent der normalen Bevölkerung sind Waffenbesitzer“, sagt der Verfassungsschutz. Das liege daran, dass im ländlicheren Raum, wo es die meisten Reichsbürger gibt, mehr Waffenbesitzer wohnen als in der Stadt. Die zusätzliche Bewaffnung vieler Reichsbürger stelle eine ernsthafte Bedrohung dar, meint Kriminalhauptkommissar Dowerg.

„Wir entdeckten eine geladene Jagdbüchse neben dem Schlafzimmerfenster und einen Revolver in der Sockenkiste. Wir waren froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist, als wenn wir im Morgengrauen gekommen wären und der Offizier das Feuer aus dem Schlafzimmerfenster eröffnet hätte. Das sind so Momente, wo es prickelt: „Gott sei Dank, gut gegangen.“ Dieser Reichsbürger-Fall wird dem Kommissariatsleiter immer in Erinnerung bleiben.