DIE REVOLUTION IN ÖL

„SCHWUR DER HORATIER“ – DAS GEMÄLDE

Es war ein Bruch mit allen Normen des 18. Jahrhunderts. Besonders in diesen spannungsgeladenen Jahren, unmittelbar vor Ausbruch der französischen Revolution, rief ein Künstler mit seinen Bildern zur politischen Freiheit und Patriotismus auf. Obwohl nicht klar ist, ob Jacques-Louis David diese Interpretation intendiert hatte, wirkte sein Ölgemälde „Der Schwur der Horatier“ wie ein Aufruf zum Widerstand gegen staatliche Autorität und Willkür. Das Gemälde wurde zu einem Programmbild der Französischen Revolution, die fünf Jahre später ausbrach. Am Ende brachte es David sogar einen Sitz im Nationalkonvent ein. Heute hängt das Bild im Eingangsbereich des Louvres.

„Liberté, égalité, fraternité“. Ein Leitspruch, unter dem von 1789 bis 1799 die feudal-absolutistischen Stände durch die französische Revolution abgeschafft wurden. Bereits 1874 pochten Philosophen wie Rousseau, Diderot oder Voltaire besonders auf die Ablösung der Tradition und Kirche. Eine Kritik an der Sinnhaftigkeit der heiligen Kirche und eine Forderung nach Rationalität. Ein ganzes Land war in Dynamik. In dieser vorrevolutionären und unruhigen Phase malt Jacques-Louis David sein Bild.
Dabei folgte der Künstler, ob gewollt oder nicht, in seiner Malerei den politischen Kritikern. Denn der eigentlich vorherrschende Kunststil im vorrevolutionären Frankreich war seit 1720 das Rokoko. Eine Kunstgattung, die von fantasievoller und dekorativer Eleganz in der Bilddarstellung durchzogen war. Eine Verschmelzung von Architektur, Malerei und Skulptur. Ein Streben nach einem Gesamtkunstwerk.
Der Stil wurde besonders von Künstlern wie Francois Boucher (z. B. Die Toilette der Venus, 1751) oder Jean-Honoré Fragonard (z. B. Das Treffen, 1771) vertreten. Damit sprachen die damaligen Maler besonders den Geschmack der Adligen und der Oberschicht an. Das Rokoko wurde jedoch langsam, besonders mit dem Erwachen der Skeptiker, träge. Kritiker wie Denis Diderot forderten bereits zu dieser Zeit eine Neuorientierung der Kunst. Eine Orientierung hin zum Abbilden von heldenhaftem Verhalten. Davids Werk „Der Schwur der Horatier“ erfüllte als erstes die Forderungen dieser Kunstkritiker und etablierte so eine neue Art der Kunststilistik. Eine Kunstrichtung, die stark beeinflusst von Geschichten aus der Antike war, den sogenannten Neoklassizismus.
Kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 stellt Jacques-Louis David das Gemälde fertig. Das Ölbild wurde 1785, nur vier Jahre vor der Revolution, im „Salon“ ausgestellt und erhielt große Anerkennung. Heutige Experten sind sich einig: „Der Schwur der Horatier“ stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Malerei dar. Das Gemälde wird als „das neoklassisches Bild schlechthin“ bezeichnet. Der Grund für die Erstellung des Bildes war jedoch kein Revolutionsgedanke.
Vielmehr war das Werk eine Auftragsarbeit. Die bestehende Monarchie um König Ludwig XVI bestand auf eine staatliche Kunstreform in Frankreich.

 

Erreicht werden sollte die Neuorientierung durch mehrere Maßnahmen: Eine davon war eine Reform und Straffung der Ausbildung der Künstler und der Auftragsvergabe an Künstler durch den Staat. In diesem Rahmen wurde ein Programm entworfen, in dem verschiedene Auftragskataloge aufgesetzt wurden. Diese sollten innerhalb von 15 Jahren durchgeführt werden. Besonders die Künstler der staatlichen Kunstakademie in Paris wurden dafür angeworben. Zu diesem Kreis der Künstler gehörte auch der Franzose Jaques-Louis David.

Jacques-Louis David, from Wikimedia Commons

Um den Auftrag bestmöglich zu erfüllen und die Stagnation in der Kunstszene aufzuheben, entschied sich David für eine Rückbesinnung auf die Antike. Davids Studium der römischen Kunst während seiner Zeit in Italien übte einen großen Einfluss auf seine Arbeit aus. Für die dargestellte Szene im „Der Schwur der Horatier“ nutzte David aber keine zeitlich aktuelle Geschichte. Vielmehr malt er eine Schwurszene. Zum Teil wohl inspiriert durch einen Bericht des römischen Dichters Livius. Dieser beschreibt in seinem Werk „Ab urbe condita“ den Streit zwischen den Städten Rom und Alba Longa zwischen 672 und 640 v. Chr. Um die Verluste zu begrenzen, hatten die beiden Parteien einen Stellvertreterkampf zwischen je drei Brüdern beschlossen. Für Rom wurde die Familie der Horatier bestimmt, Alba Longa schickte Angehörige der Curiatier in den Kampf. Das Tragische: Eine der Schwestern der Horatier war mit einem Curiatier verlobt, und die Ehefrau eines Römers war die Schwester eines Kämpfers aus Alba Longa. Die Horatier gewannen den Kampf, in dem nur der jüngste Bruder überlebte. Bei seiner Rückkehr betrauerte seine Schwester den Tod ihres Verlobten so tränenreich, dass ihr Bruder sie erschlug. Sie hätte persönliches Wohlergehen über das der Gemeinschaft gestellt. Jaques Louis David stellt nun in seinem Werk die Schwurszene der Horatier nach. Besondere Schwierigkeit beim Auftrag: eine ganze Geschichte in einem Bild zu zeigen.

Jacques-Louis David nutzt, um den Schwur visuell greifbar zu machen, den „Salute Romano“ – einen römischen Gruß, den der Maler wohl fälschlich als Schwurgestik auffasst. David ordnet die Menschen auf seinem Bild wie auf einer Bühne an. Bereits diese Entscheidung verstärkt den Rationalitätsgedanken. Den Mittelpunkt des Bildes dominiert der Vater der drei Horatier-Brüder. Er hat beide Arme erhoben. Seine linke Hand hält drei Schwerter in die Höhe, um den Schwur in Form des Waffengangs zu unterstreichen. Sie sind bereit, in den Kampf zu ziehen. Jeder streckt einen Arm in Richtung des Vaters. Es ist eine Form des römischen Grußes, versehen mit der Bedeutung eines Schwures: Die jungen Männer sind bereit, ihr Leben zu opfern. Zudem zeigt das Bild in seiner Komposition verschiedenste weitere Stilistiken. Der Künstler legt Wert auf Strenge und Stärke, der Raum ist perfekt und geometrisch, rational. David nutzt eine Dreier-Gruppierung. Drei Brüder stehen einem Vater mit drei Schwertern gegenüber, während im Hintergrund die drei Frauen trauern. Jede Personengruppe steht unter einem der drei Rundbögen. Diese Geometrie soll den Begriff der Rationalität evozieren. Zudem sind die Schwerter des Waffenganges zentral angeordnet und bilden so den Mittelpunkt. Außerdem nutzt David dorische Säulen. Diese Architektur ist eine der einfachsten Säulenformen in der Antike und gilt als die belastbarste Art der Baukunst. Die Säule nutzt der Maler, um so dem Raum ein Gefühl von Stärke und Belastbarkeit zu verleihen.

Zudem will sich David durch die Wahl des Raumes auch auf den Stil des Künstlers Nicolas Poussin beziehen. Dieser wählt einen ähnlich dunklen Raumabfall in seinen Werken. All diese Merkmale in ihrer Kombination unterscheiden das Bild von bisherigen Stilformen und Kunstströmungen. Sie lassen das Bild rational wirken – ebenso wie es die politischen Kritiker auch gesellschaftlich forderten.

Bei der genaueren Betrachtung der Geschichte stellt sich jedoch ein Problem heraus: Der in Davids „Der Schwur der Horatier“ so effektvoll in Szene gesetzte Eid kommt weder im Original bei Livius noch bei einem anderen Autor der Antike vor.

 

Ebenso zeigen nur wenige Relikte aus der römischen Zeit diese Art der Geste. Jacques-Louis David nutzte für sein Gemälde wohl eine andere Inspiration für den gehobenen Arm. Davids Schwurszene ist beispielsweise auf einigen antiken Münzen zu sehen. Bilder auf der Rückseite einer Münze, geprägt in Rom 225 bis 212 v. Chr., zeigen eine Schwurszene, in der zwei einander gegenüberstehende Krieger mit ihren Schwertern ein Schwein berühren, das von einer zwischen ihnen knienden Gestalt auf dem Boden gehalten wird. Eine andere mögliche, von Kunsthistorikern oft genannte, Quelle für den römischen Gruß bei David ist die Trajansäule. Die dort dargestellten Kämpfe sind jedoch nicht rühmend oder feierlich, sondern sehr realistisch. Das Relief ist wie eine antike Buchrolle um den Säulenschaft gewickelt. Die verschiedenen Handlungen der Kriege sind genau dargestellt und die Ereignisse in chronologischer Folge von unten nach oben abgebildet. Das Mahnmal hatte vor allem Propagandafunktion und verherrlichte die Person des Kaisers, welcher 60 Mal auf ihr dargestellt ist. Die Säule zeigt verschiedene Darstellungen von Soldaten, die die Hände in ähnlicher Manier erheben. Aber keiner tut dies in der Form, in welcher Jaques Louis David den Schwur in seinem Gemälde „Der Schwur der Horatier“ festhält. Jedoch ist bestätigt, dass es im alten Rom einen ähnlichen Gruß gegeben hat. Hier spricht man in der Kunstwissenschaft vom sogenannten römischen Kaisergruß „adlocutio“.

Das alte Rom war für Jacques-Louis David wohl nur Ideenquelle für das Gemälde. Kunsthistoriker gehen eher davon aus, dass sich der Künstler im Rahmen seines staatlichen Auftrags nicht nur von der Antike beeinflussen ließ. Es ist bekannt, dass David ein großer Theater- Theaterfreund war. Somit ist davon auszugehen, dass David in seinem Werk „Der Schwur der Horatier“ einen Teil des Theaterstückes „Horace“ verarbeitet. Dieses Bühnenstück von Pierre Corneilles, das im Jahr 1782 erstmals in Paris aufgeführt wurde, lehnt sich an den Kampf zwischen Alba Longa und Rom an, verknüpft es jedoch mit Zügen des Patriotismus und vorrevolutionären Gedanken. Es ist möglich, dass Jacques-Louis David eher dieses Stück als Vorlage nutzte als die antiken Darstellungen des römischen Grußes.

Welche Interpretation Jacques-Louis David genau angestrebt hatte, kann somit nicht final geklärt werden. Das Gemälde bleibt eine neoklassizistische Darstellung des Künstlers. Er verbindet verschiedene Stile und Geschichten, um sein Problem des Stilllebens eines Gemäldes in der Konzeption zu lösen und eine neue Stilrichtung zu schaffen. Es war in jedem Fall ein Bruch mit den Normen der Kunst am Ende des 18. Jahrhunderts. Das Gemälde transportiert in seiner Bildsprache einen rationalen Ansatz, Kritik und Patriotismus. Aus künstlerischer Sicht eine Abkehr vom Rokoko, aber ebenso eine Abkehr von absolutistischen Werten. Es ist jedoch fraglich, ob David bereits bei der Erstellung des Bildes eine politische Tendenz hatte.

David überträgt in den Folgejahren seinen Stil des Neoklassizismus in weitere seiner Werke. Besonders prägnant ist dabei sein Übertrag der Geste in seine Federzeichnung „Der Ballhausschwur“ von 1791. Das Werk zeigt die französischen Generalstände in Versailles 1789 und steht plakativ für die französisches Verfassung, die Abschaffung der Monarchie und die Volkssouveränität. Es war nicht zu erwarten, dass Davids Gemälde wechselnde politische Bedeutungen über die Jahrhunderte hinweg haben würde, lange nachdem David gestorben war – besonders durch die Darstellung des römischen Grußes, welcher am Ende zum Hitlergruß werden sollte.

WIE DER FASCHISMUS UND NATIONALISMUS DEN GRUSS NUTZT

Vergrößern

Hitler
Ein Ausschnitt aus dem Propagandafilm

 

Der römische Gruß der Antike hat jedoch in seiner Bedeutung nichts mit dem gestreckten rechten Arm mit flacher Hand auf Augenhöhe zu tun, den man aus der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus kennt. Die Geste sei, laut Kunsthistoriker Martin Winkler, in Wahrheit im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert über die Historienmalerei und das Theater in den Bewegtfilm (beispielsweise „Ben Hur“) gekommen. In die Politik kam der „römische Gruß“ schließlich durch den italienischen Schriftsteller und Faschist Gabriele D’Annunzio. Er verwendete den ausgestreckten Arm bei der Besetzung der Stadt Fiume um 1920 als politische Geste. Das erfolgreiche Historienepos „Cabiria“ von 1914, zu dem D’Annunzio das Drehbuch schrieb, hatte die Geste zuvor endgültig im Genre des Antikenfilms verankert. So kam der eigentlich antike Gruß in die Neuzeit. Lesen Sie in der folgenden Slideshow mehr über den Gruß in der Neuzeit:

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