DAS PFLICHTZÖLIBAT – SEGEN ODER FLUCH DER KATHOLISCHEN KIRCHE?

Stephan Oster, 53, Bischof von Passau, vertritt als geistliche und administrative Leitung des
Bistums die Kirche nach außen

Sigrun Rupp, 46, Psychotherapeutin in Wien, ist unter anderem Expertin  für Sexualtherapie und begleitet Priester und ihre Partnerinnen durch schwierige Zeiten

Josef Wagner, 20, Seminarist im Priesterseminar Augsburg, ist in der Ausbildung zum Priester und bloggt auf Instragram über seinen Alltag

Martina Gmelch, 36, Gesamtschullehrerin in Neu-Ulm, hat nach 7 Jahren heimlicher Beziehung einen Priester geheiratet

Was ist das Zölibat?

Das Zölibat in der katholischen Kirche bezeichnet die sexuelle Enthaltsamkeit von kirchlichen Amtsträgern. Seit dem Mittelalter ist es ein verpflichtender Schwur für alle Priester.

Der Zölibat-Schwur wird bei der Weihe zum Diakon feierlich abgelegt. Jeder, der nach seiner Tätigkeit als Diakon noch Priester werden will, muss auf die Frage des Bischofs „Seid ihr bereit, dem Zeichen der Hingabe an Christus, den Herrn, um des Himmelreiches Willen ehelos zu leben und für immer eurem Vorsatz treu zu bleiben, in dieser Lebensform Gott und den Menschen zu dienen?“ mit „Ja, ich bin bereit“ antworten. Dieses Versprechen ist Teil von insgesamt sieben Weiheversprechen bei der Diakonenweihe.

Wann entscheidet man sich fürs Zölibat?

Mit dem Eintritt ins Priesterseminar streben junge Männer die Priesterweihe an. Muss man sich also vor dem Eintritt ins Seminar schon fest entschieden haben, dass man zölibatär leben will?

Priesteramtskandidat Josef Wagner hat sich noch nicht entschieden, und erklärt, dass es keinen festgelegten Zeitpunkt für diese Entscheidung gibt.

Wo liegt der Ursprung des Zölibats? 

Laut Psychotherapeutin Sigrun Rupp hat die Entstehung des Zölibat nichts natürliches an sich:

Die Päpste früher hatten ja ihre Huren und ihre Konkubinen. Und irgendwann haben sie gemeint, sie müssen aufpassen, denn durch die vielen Nachkommen verlieren sie ihre Pfründe. Also kam das Zölibat. Damals hat es auch nicht aufgehört, dass die Priester ihre Kinder hatten oder, dass sie Sex hatten. Sondern die Besitztümer konnten nicht mehr so verteilt werden.

Das waren ursprünglich nur pragmatische Gründe, keine natürlichen.

Was ist beim Zölibat verboten? 

Im genauen Wortlaut des Schwurs versprechen angehende Priester die „Ehelosigkeit“. Was umfasst die Ehelosigkeit also genau?

Bischof Oster erklärt, dass der Begriff durchaus streng gefasst ist. Außerdem gehe es beim Zölibat nicht um das Verbot von Sex sondern um den inneren Sinn dieser Lebensform, für die Vielen offen und liebesfähig zu sein.

Gilt das Zölibat schon während der Ausbildung? Wann fängt ein Priester konkret an, enthaltsam zu sein?

Josef Wagner offenbart, dass er von anderen Seminaristen gar nicht wirklich weiß, wieweit sie das Zölibat bereits leben. Er betont aber, dass man es nach Möglichkeit bereits im Seminar einhalten sollte.

Ist das Pflichtzölibat sinnvoll? 

Das Zölibat steht heutzutage immer wieder in der Debatte. Es wird fortlaufend diskutiert, ob das Zölibat sinnvoll sei oder doch nur Leiden bringe. Als Papst Franziskus im Jahr 2014 erwähnte, dass das Zölibat nur eine Vorschrift sei, die auch geändert werden könne, vermuteten viele, dass der Schwur bald abgeschafft werden würde. Jedoch rückte Franziskus im Laufe der Zeit wieder davon ab und betonte, dass eine Abschaffung ausgeschlossen sei. Doch ist die Verpflichtung zum Zölibat wirklich sinnvoll?

Sigrun Rupp stellt sich vehement gegen das Pflichtzölibat:

„Man muss etwas vorgegebenes schwören, damit man den Beruf ergreifen kann, egal wie die Disposition der Sexualität ist. Das bringt mit sich, dass man sich einer Instanz oder Institution sich unterwirft und sich einem Gesetz fügt, das für einen vorgeschrieben ist. Und das bietet einen geschützten Rahmen für Abgründe.

Wenn ich aus freien Stücken jeden Morgen entscheide, dass ich Priester sein will. Wenn ich mich an das Zölibat halten will und keinen Sex brauche, dann kann ich mich in Freiheit jeden Tag neu entscheiden. Da braucht es keinen Schwur.“

Bischof Oster spricht sich deutlich dafür aus, das Pflichtzölibat zu belassen. Er stellt jedoch infrage, ob es der Kirche gelingt, die Sinnhaftigkeit des Zölibats an die Menschen mit ihrer heutigen eher oberflächlichen Lebensweise zu vermitteln.

Martina Gmelch kämpft seit Jahren gegen das Pflichtzölibat. Über sieben Jahre hinweg führte sie eine heimliche Beziehung mit dem Pfarrer ihrer Heimatgemeinde, bevor sich die beiden öffentlich zueinander bekannten. Auch noch heute, wo sie offen mit Frank verheiratet ist. Auf dem letztjährigen Katholikentag sammelte sie Stimmen und schickte diese an alle Bistümer Deutschlands.

„Das ist ein Leid, dass sich kein Mädchen in seinen 20ern wünscht. Ich war verliebt und wollte mich offen zu dieser Liebe bekennen. Doch offiziell gab es mich nicht. Ich hatte panische Angstzustände, zum Beispiel, wenn Frank abends nicht wie abgemacht anrief. Ich wusste ja, dass mir keiner Bescheid geben würde, wenn ihm etwas passiert.“

Pflichtzölibat – nur eine Fiktion? 

Wie enthaltsam leben katholische Priester tatsächlich? Wird das Zölibat wirklich gelebt oder ist der Schwur nur eine Fiktion, vor der die Kirche seine Augen verschließt?

Sigrun Rupp erklärt, dass das Zölibat Schutz bietet für jegliche sexuellen Neigungen.

Für einen Menschen, der zum Beispiel das Zölibat schwört, nicht unbedingt das Zölibat lebt, – sprich enthaltsam ist – bietet die Kirche einen Raum, wo Menschen sich einfach zurückziehen können. Sie bietet einen Raum für verdrängte oder projizierte Gefühle. So wird das Zölibat ein Boden für Sucht, Macht und Gewalt“

Bischof Oster ist sich bewusst, dass es vereinzelt Priester gibt, die Vater sind. Er setzt sich aber dem Vorurteil entgegen, dass diese von der Kirche gedeckt und die Kinder mitfinanziert werden.

Was passiert nach dem Zölibatsbruch? 

Beschließt ein Priester, sein Zölibat zu beenden und sich offen zu seiner Partnerin zu bekennen, wird er von der Kirche suspendiert und exkommuniziert. Die Kirche kommt dann als Arbeitgeber nicht mehr infrage. Aus diesem Grund stehen die ehemaligen Priester oftmals vor einem großen Problem. Wo bewirbt man sich als ausgebildeter Theologe, wenn nicht bei der Kirche oder in kirchlichen Einrichtungen?

Martina Gmelch, Frau eines ehemaligen Priesters, berichtet über ihre Erfahrung:

„Wir wurden beide von der Kirche exkommuniziert. Danach musste ich selber noch aktiv austreten, sonst hätte ich die Kirchensteuer noch weiter bezahlt. Und das wollte ich vom Prinzip her nicht, an eine Institution, die mir ihre Höchststrafe erteilt hat.“

Ein Ausblick in die Zukunft 

Die Entscheidung, ob das Zölibat auch in Zukunft noch verpflichtende Auflage katholischer Priester ist, liegt in den Händen der kirchlichen Amtsträger.

Bis zur Abschaffung dieses Schwurs wird es jedoch sicherlich noch viel Leid geben.  Auch, wenn man die sexuelle Enthaltsamkeit aus dem Glauben heraus begründen kann und das zölibatäre Leben manche Priester erfüllen mag, ist der Schwur für alle anderen Beteiligten stets mit sehr großem Leid verbunden. Von manchen als sinnlos und unnatürlich angesehen, für andere Grund für eine eingeschränkte Liebe, bringt er Priestern und deren Mitmenschen unausweichlich Konflikte und überschattet deren Leben wie ein Fluch.

Die Meinungen im Überblick

Stefan Oster Sigrun Rupp Josef Wagner Martina Gmelch
PRO ZÖLIBAT CONTRA ZÖLIBAT NOCH UNENTSCHLOSSEN CONTRA ZÖLIBAT
„Die katholische Kirche ist überzeugt, dass die Vorteile des zölibatären Lebens die Schwierigkeiten, die es sicherlich auch gibt, überwiegen“ „Das Pflichtzölibat gehört unbedingt weg. Es treibt meiner Meinung nach Blüten, die es nicht geben sollte auf dieser Welt.“ „Das Thema ist zu spezifisch, da kann ich jetzt gar nichts sagen.“ „Das Zölibat war immer das einzige Thema, was bei uns Streit auslöste.“

Das Zölibat betrifft weit mehr Personen als nur Priester. In den deutschsprachigen Ländern gibt es mehrere Initiativgruppen, welche Betroffene unterstützen. Die Vereinigung vom Zölibat betroffener Frauen verzeichnet an die 200 Frauen in ihrem Register. Sie alle haben Beziehungen mit zölibatär lebenden Partnern .

Auch die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen bietet eine Plattform für alle, die in Beziehungen mit geistlichen leben. Hier findest du auch weiterführende Informationen zum Zölibat, seiner Entstehung und zur Bewilligung von Ausnahme Genehmigungen.