AM ENDE BLEIBT NUR DAS ELEND

Die Sucht einer nahestehenden Person kann ihre Mitmenschen stark mitnehmen. Nichts übersteigt den Wunsch der Angehörigen, dass sich der Betroffene von seiner Abhängigkeit löst. Sie versuchen, dem Suchtkranken zu helfen und ihn in Schutz zu nehmen. Ehe man sichs versieht, ist man in der Co-Abhängigkeit gefangen.

DAS SCHLITTERN IN DIE SUCHT

Wenn Hannah ihren Mann Rudolf auf den Alkohol anspricht, wird er wütend. „Ich trinke überhaupt nicht viel! Stell dich doch nicht so an“, entgegnet er immer. Eigentlich haben sie es doch so schön. Rudolf hat einen guten Job, sie haben eine nette Wohnung und das junge Ehepaar liebt sich von Herzen. Wenn doch nur dieser dumme Alkohol nicht wäre. Rudolf redet sich selbst ein, er habe alles unter Kontrolle. Jeder genehmige sich doch mal ein oder zwei Feierabendbiere und wache mal mit einem dicken Schädel auf. Er bemerkt weder die steigenden Alkoholmengen, noch die Regelmäßigkeit seines Konsums. Die Kontrolle über sein Trinkverhalten hat Rudolf längst verloren.

Rudolf ist bewusst, dass er seine Frau verletzt. Und trotzdem ist sein Verlangen nach Alkohol stärker, seine Sucht übersteigt alles. Wenn Hannah weint, weil sich ihr Mann mal wieder volllaufen lässt, kann sich Rudolf am nächsten Tag meist nur an Schnipsel erinnern. Er will seine Frau beschwichtigen und kauft ihr einen Strauß Blumen. „Ja Schatzi, es wird schon wieder besser. Es soll nicht mehr vorkommen“, tröstet er sie. Das schlechte Gewissen hält nicht lange und Rudolf hängt wieder an der Flasche.

Es ist Samstagabend, 18 Uhr. Erst heute hat Hannah einen Kasten Bier eingekauft. Im Fernsehen läuft die Sportschau, Rudolf sitzt auf dem Sofa und hat ein Bier in der Hand. Seine Frau sitzt aufmerksam neben ihm. Sie beginnt zu zählen. Erst ein Bier, dann ein Zweites, es werden immer mehr. Ihr gefällt es überhaupt nicht, dass ihr Mann nur mit Alkohol in der Hand zufrieden ist. Oft wird sie deswegen wütend und schreit Rudolf zusammen, er solle nicht so viel Alkohol trinken. An anderen Tagen versucht sie es mit ihrer Liebe und Zuneigung: „Ach komm mein Schatz, das kriegen wir schon hin, trink doch ein bisschen weniger“. Sie lässt nichts unversucht: sie ignoriert ihn, sie bittet, bettelt, weint.

DIE SUCHT DER ANDEREN

Julius Krieg, Leiter der psychosozialen Beratung und Behandlung der Caritas, beschreibt Co-Abhängigkeit als ein Phänomen, das sehr einfach entsteht und, wenn man nicht genau hinsieht, so leicht auch nicht zu besiegen ist.

Rudolf fühlt sich umsorgt. Er hat ein schönes Heim und durch seine Tätigkeit im Außendient ein sicheres Einkommen. Seine Frau bekocht ihn regelmäßig und kümmert sich um ihre zwei Töchter. Es läuft alles. Der Alkoholiker sieht überhaupt keinen Grund, sein Leben zu verändern. Hannah weiß sich nicht zu helfen. Konflikten mit ihr versucht Rudolf nur immer aus dem Weg zu gehen. Er versteckt seine Alkoholflaschen in der Werkstatt oder in seiner Arbeitstasche. Gegenüber Hannah behauptet er, kaum etwas getrunken zu haben. Doch sie kann den Alkoholgestank in seinem Atem riechen. Egal was sie sagt, es wirkt nicht. Wut und Verzweiflung kochen sich in ihr zusammen. Ihre Bedenken spielt Rudolf nur herunter.

Zu Hause ist das Leben für die Angehörigen, die sich co-abhängig verhalten die Hölle. Sie haben nichts mehr von ihrem Partner, nur das Elend. Sie können nicht verstehen warum der Partner trinkt, warum er sich so verhält. Sie fangen an sich selbst Schuld zuzuweisen. Den Mitbetroffenen geht es oft viel, viel schlechter als den Abhängigen selber. Sie stellen fest, dass sie nichts mehr haben und können diese Welt nicht mehr verstehen. Währenddessen hat der Abhängige immer noch seine Flasche Bier. - Julius Krieg

Hannah hat Angst, dass alles kaputt geht. Wenn sie jetzt zum Telefon greift und alle über den Zustand von Rudolf aufklärt, dann wird er vielleicht entlassen oder die Verwandtschaft bricht den Kontakt ab. Was würde sie nur tun, wenn sie alleine dasteht mit zwei Kindern? Die Angst davor, dass alles zerbricht, begleitet Hannah täglich.

Innerlich ist Hannah kaputt, aber sie darf es nach außen hin nicht zeigen. Sie hat Angst, den Wohlstand, in dem sie nach außen hin lebt, zu zerstören. Julius Krieg stellt durch seine tägliche Arbeit mit Suchtkranken und deren Angehörigen fest, dass es durchaus ratsam sein kann, sinnbildlich gesprochen die Türen und Fenster aufzureißen und allen da draußen zu sagen: „Schaut’s rein, was ich für einen Sack hier sitzen habe. Seht her, wie der trinkt, wie der sich verhält.“ Aus Angst davor, ihre Familie könne zerbrechen, traut sich das Hannah eine lange Zeit lang nicht.

Hannah erinnert sich an Zeiten, in denen Rudolf nur abends trank. Mittlerweile muss er auch morgens seine Ration an Alkohol haben. Es ist früh am Morgen, sechs Uhr. Hannah wird von einem Klirren geweckt. Sie folgt dem Geräusch in die Küche und trifft auf ihren Mann am Kühlschrank ─ in seiner Hand eine Flasche Bier. „Mei Rudi, warum machst du das denn?“, fragt Hannah enttäuscht. Ihre Blicke treffen sich. Sein müdes Gesicht ist tieftraurig. Er antwortet aufrichtig: „Ich möchte ja aufhören, aber ich kann nicht.“ In diesem Moment begreift Hannah, was „Sucht“ bedeutet. Sie erkennt, dass der Alkohol Rudolf gefangen hält, dass sein Körper nur noch nach diesem Stoff schreit. Hannahs Gedanken drehen sich mittlerweile nur noch um die Sucht ihres Mannes. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie in den Hintergrund.

Der Diplompädagoge betont, wie wichtig es ist, der suchtkranken Person klarzumachen, dass man für ihn da ist – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Der Alkohol dürfe nicht mehr das gemeinsame Leben bestimmen. Als Angehöriger muss man das Ziel einfordern, dass der Betroffene ohne Alkohol lebt. Letztendlich müsse der Betroffene aber zeigen, dass er es selbst will. Das können die Angehörigen nicht übernehmen.

Beim Blauen Kreuz lernt Hannah, Abstand von der Sucht ihres Partners zu gewinnen, ohne sich von ihm selbst zu entfernen. Es sei wichtig, sich von allem zu distanzieren, das die Sucht des Partners fördern könne. Es müsse ein deutliches „Nein“ gegenüber der Sucht ausgesprochen werden. Die Trennung der Sucht und des Menschen an sich müsse klargestellt werden.

Nach Jahren des Austauschs in ihrer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen und Angehörigen stellen Hannah und Rudolf heute fest, dass die Süchtigen meistens durch einen Tiefpunkt im Leben wachgerüttelt werden. Das kann ein selbstverursachter Autounfall sein und der Führerschein ist plötzlich weg, die Frau hat seine Koffer vor die Tür gesetzt, die Kinder werden einem weggenommen. Das ist ein Schock für den Alkoholiker. Egal wie dieser Tiefpunkt aussehen mag, viele Betroffene benötigen den Knall, um das eigene Trinkverhalten in Frage stellen zu können. Erst dann können sie sich vom Alkohol lösen.

Rudolf steht in der Küche, er kann seine Gedanken nicht von der knallharten Aussage seines Hausarztes losreißen. Die Worte haben sich in seinen Kopf gebrannt: „Rudi, trink nur so weiter. Ich gebe dir noch ein halbes Jahr, dann bist du tot.“ Er ist gerade zum dritten Mal Vater geworden. Rudolf fasst einen Entschluss. Er greift zu einer Bierdose im Kühlschrank. Beim Öffnen hört Rudolf das vertraute Zischen. Er geht zum Spülbecken und leert die Dose aus. Es folgen Bierflaschen, Schnäpse und sämtliche Weinflaschen aus ihrem Keller. Der Mann ist wildentschlossen, alles in seiner Wohnung zu vernichten, das in Verbindung mit Alkohol steht. Vielleicht würde er es am nächsten Morgen bereuen, doch das war ihm in dem Moment egal.

Hannah jubiliert innerlich. Diesmal ist sie sich sicher: er meint es wirklich ernst. Rudolf wirkt so entschlossen, eine so klare Sicht auf sein Leben scheint er seit Langem nicht mehr gehabt zu haben. Hannah weiß, viel länger hätte sie seiner Sucht nicht mehr standhalten können. Er hält die Flaschen mit einem festen Griff in seinen Händen. Bier, Wein und Schnaps, es macht keinen Unterschied. Alles wird weggeschüttet, jegliche physische Verbindung zu der berauschenden Flüssigkeit gekappt. Was ist das für ein euphorisches Gefühl, das sich in ihr ausbreitet? Hoffnung?

LERNEN WIEDER ZU VERTRAUEN

Die Angehörigen stehen vor einer harten Herausforderung. Für sie kann es sehr schwierig sein, sich zu überwinden in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Für sie bedeutet Selbsthilfe sich mit der Krankheit des Betroffenen ein Stück weit zu identifizieren. Das fällt vielen Menschen schwer. - Julius Krieg

Heute, nach 18 Jahren der Abstinenz, betont Rudolf die Wichtigkeit, sich helfen zu lassen. Hilfe kann von vielen Seiten kommen, vom Arzt des Vertrauens, einem Psychologen oder einer Selbsthilfegruppe. In diesen Gruppen helfen Menschen einander, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, wie man selbst. Was in den Gruppensitzungen besprochen wird, dringt nicht in die Außenwelt. Man hat die Möglichkeit sich fallen zu lassen, einen Teil der eigenen Last abzugeben. Hier stellt niemand Gebote auf. Stattdessen findet ein reger Austausch zwischen Betroffenen und Mitbetroffenen statt. Was einem selbst geholfen hat, um dem Suchtdruck zu widerstehen, kann für einen anderen eine wertvolle Hilfestellung sein. Tag für Tag, Woche für Woche erarbeitet sich der Betroffene so das Vertrauen seiner Familie zurück.

Der Co-Abhängige lernt, dass die Alkoholabhängigkeit keine Charakterschwäche ist, sondern eine Krankheit. - Rudolf

Die Vergangenheit soll aufgearbeitet und nicht verdrängt werden. Krieg empfiehlt Angehörigen, frühzeitig Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle aufzunehmen und Hilfe anzunehmen. Es sei wichtig, dass sich ein Mitbetroffener gut auskennt. Der Co-Abhängige lernt auch, mal wieder an sich selbst zu denken. Er muss wieder sein eigenes Leben  leben. Dies sei nicht mit Egoismus zu verwechseln, da es darum geht, sich selbst wiederzufinden, zurück zu seiner eigenen Person zu finden.