ABSEITS VOM MAINSTREAM

Verschwörungstheorie, die. Substantiv, femininem. Vorstellung, Annahme, dass eine Verschwörung, eine verschwörerische Unternehmung Ausgangspunkt von etwas sei.

Die Verrückten mit den Aluhüten

Drei Jahre lang war Stephanie Wittschier in der Verschwörungsszene aktiv. Alles begann 2010, als sie eine Dokumentation über den 11. September 2001 sah, in der einige Unstimmigkeiten aufgezeigt wurden. „Das hat mich damals so neugierig gemacht, dass ich mich daraufhin an unseren Computer setzte, um weiter in der Richtung nachzuforschen. Dabei kam ich auf viele dubiose Seiten,“ schreibt Stephanie Wittschier heute auf ihrem Blog. Wenige Tage später glaubte sie bereits an Chemtrails: Daran, dass Kondensstreifen in Wirklichkeit giftige Chemikalien sind, mit denen eine mächtige Elite das Wetter steuert, uns Menschen vergiftet und dadurch die ganze Welt kontrolliert.

Erst als sie sich genauer mit der Thematik beschäftige und sich richtig informierte, erkannte sie, „was das doch alles für ein großer Schwachsinn ist. Heute kann ich gar nicht verstehen, wie dumm ich doch damals war.“ Mittlerweile spricht sie offen über ihre Erfahrungen: Der Zusammenhalt in der Szene, ihren von Rückfällen gefährdeter Ausstieg, Morddrohungen und Suizidgedanken. Mit ihrem Blog „Die lockere Schraube“ möchte sie über die Verschwörungsszene aufklären: „Seitdem mir klar wurde, an was für einen Schund ich da geglaubt habe, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, andere vor den möglichen Gefahren, die hinter so mancher Verschwörungsideologie stehen, zu bewahren. Ich möchte die Menschen aufklären, so dass sie nicht, anders als ich, auf den ganzen Müll hereinfallen.“

Warum wir dazu neigen, den ganzen Schwachsinn zu glauben

Verschwörungstheorien sind ebenso abstrus wie faszinierend. Über das Internet verbreiten sich diese Gedanken rasant auf der ganzen Welt. Doch woher kommt die Faszination für Verschwörungstheorien? Wie ist dieses Phänomen  psychologisch und soziologisch erklärbar?

Das Verhalten, Muster zu suchen und Zusammenhänge zu sehen, wo vielleicht auch keine existieren, sei erstmal ein gesunder menschlicher Mechanismus. Der Psychologie Marius Raab bezeichnet ihn sogar als eine Fähigkeit, welche die menschliche Intelligenz zu etwas besonderem macht: Die Fähigkeit, Analogien zu bilden – also Strukturen von einem Lebens- oder Realitätsbereich auf einen anderen zu übertragen.

Wenn wir bemerken, dass wir etwas nicht begreifen können, versuchen wir, wieder Ordnung herzustellen und Zusammenhänge zu finden. Dieser Wunsch nach Struktur kann uns dann Muster erkennen lassen, wenn eigentlich gar keine da sind. Wir konzentrieren uns auf die Informationen, die wir sehen wollen, während alles andere ausgeblendet wird. Bei Verschwörungstheorien kommt es also zu einem omnipräsenten Bestätigungsfehler, bei dem wir nur solche Informationen auswählen, suchen und interpretieren, die unsere eigenen Ideen und Erwartungen unterstützen und bestätigen. Beweise, die im Widerspruch dazu stehen, werden ignoriert. Vor allem Menschen mit intensiven Gefühlen von Unsicherheit, Machtlosigkeit und Kontrollverlust sind anfälliger für Verschwörungstheorien sind und Muster sehen, wo keine existieren, erklärt Raab.

 

Was die Anhänger von Verschwörungstheorien fasziniert, ist, dass sie sich durch diese aus der breiten Masse herausheben können. Man ist plötzlich einer der wenigen, die verstanden haben, wie die Welt wirklich funktioniert, während die breite Masse angeblich schlafend und mit geschlossenen Augen durchs Leben läuft. Michael Butter, Amerikanist mit Forschungsschwerpunkt Verschwörungstheorien
 

Unser Hirn funktioniert nun mal so, ob wir daran glauben oder nicht. Zum Beispiel neigen wir dazu, hinter Ereignissen eher Absichten als Zufälle zu sehen. Nur so konnte sich unsere Spezies durch die Evolution erfolgreich entwickeln: Wer sich mit Unwissen abfindet, lernt auch nicht, die Welt besser zu verstehen und sich auf sie einzustellen. Rob Brotherton, US- Psychologe

Unsicherheit und Machtlosigkeit

Das Misstrauen in gesellschaftliche Institutionen geht oft mit der Vorstellung einher, dass andere Mächte in Wirklichkeit die Geschehnisse lenken. Laut der Studie “Die enthemmte Mitte” von Michael Blume aus dem Jahre 2016 denken mehr als die Hälfte aller deutschen Staatsangehörigen, dass es vernünftige Gründe gibt, Regierungen, Geheimdiensten oder Medien zu misstrauen. Ein Drittel wiederum glaubt, dass die meisten Menschen nicht erkennen, in welchem Ausmaß unser Leben durch geheime Verschwörungen bestimmt wird. Ebenfalls ein Drittel glauben sogar, dass Politiker und andere Führungspersönlichkeiten nur Marionetten von dahinterstehenden Mächten sind.

Mehr zu  rechten Verschwörungen findest Du hier: „Hetzerkollektiv“

Psychologen haben eine Vielzahl an Emotionen und Aspekten gefunden, welche in Zusammenhang mit dem Glauben an Verschwörungstheorien einhergehen könnten: Bildungsstand, Langeweile, Neigung zum Verfolgungswahn, politischer Extremismus, Bedürfnis nach Einzigartigkeit sowie Persönlichkeitsmerkmale wie Narzissmus oder Selbstbewusstsein. Ein bestehender Zusammenhang zwischen einer bestimmten Persönlichkeit und dem Glauben an Verschwörungstheorien konnte jedoch bisher nicht festgestellt werden.

Ebenso hat sich in den vergangen Jahren gezeigt, dass Menschen, die bereits an eine Verschwörungstheorie glauben, eher dazu neigen, an eine weitere zu glauben; selbst wenn sich diese widersprechen. Dies konnte bei einer Studie von Wood, Douglas und Sutton aus dem Jahre 2012 gezeigt werden: Je mehr ein Teilnehmer davon überzeugt war, dass Prinzessin Diana vom britischen M16 getötet wurde, desto sicherer war er sich, dass Lady Di ihren Tod vorgetäuscht hat.

Die Verrückten mit den Aluthüten? Die typische Verschwörungspersönlichkeit gibt es nicht!

Du willst noch mehr zum Thema erfahren? Dann schau bei „Verschwörerische Frequenzen“ vorbei und hör Dir unseren Podcast an.

Zwei Welten prallen aufeinander

Marius Raab arbeitet am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Bamberg. Dort hat er im Rahmen seiner Promotion zur Wahrnehmung und Informationsverarbeitung in Zusammenhang mit Verschwörungstheorien und Fake News geforscht.
Stephanie Wittschier wurde 2010 durch eine 9/11 Dokumentation zum ersten Mal auf die Verschwörungsszene aufmerksam. Heute redet sie offen über ihre Erfahrungen und möchte mit ihrem Blog „Die lockere Schraube“ über die Verschwörungsszene aufklären.
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Warum und wie glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Diese scheinbar einfache Frage wird auf den zweiten Blick kontroverser als gedacht. Was geht in den Köpfen von Verschwörungstheoretikern vor? Wie ticken sie? Wie sollte man mit Verschwörungen umgehen und sind sie eigentlich gefährlich?  Klare Antworten gibt es darauf (noch) nicht. EHRENWORT hat dazu den Psychologen Marius Raab und die Aussteigerin Stephanie Wittschier befragt. Deren Ansichten könnten unterschiedlicher nicht sein.

Dadurch, dass fast jeder die Erfahrung macht, dass etwas auf eine Art passiert, die man sich nicht erklären kann, ist es eigentlich nicht irrational, bei bestimmten Ereignissen verborgene Machenschaften anzunehmen. „Es ist oft sogar notwendig, um die Welt besser zu verstehen,“ erklärt Marius Raab. „Insofern brauchen wir manchmal auch Verschwörungstheorien oder Verschwörungstheoretiker. Leute, die unsere Weltsicht immer wieder herausfordern und in Frage stellen.“

Wenn sich jemand etwas auf eine Art erklären will, die zwar abseits vom Mainstream ist, aber niemandem schadet: Wieso nicht? Marius Raab

Für Marius Raab ist Verschwörungstheorie nicht gleich Verschwörungstheorie: Zum einen gibt es die komplett harmlosen Verschwörungen, welche sogar gut für eine Demokratie sein können, zum Beispiel: „Werden  wir überwacht?“ Auf der anderen Seite stehen die gefährlichen, die politischen Minderheiten oft die Schuld an negativen Umständen geben. Doch auch bei diesen sieht Marius Raab das Problem nicht in der Verschwörungstheorie selbst, sondern in den Inhalten. Wichtig dabei ist, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und sie wie ganz normale Menschen zu behandeln: „Wenn ihre Ansichten schwierig sind, zum Beispiel antisemitisch oder hetzerisch, muss man diese natürlich angehen und sich damit auseinander setzen.“

Die Verschwörungsszene ist gefährlich, auch schon am Anfang! Stephanie Wittschier

Stephanie Wittschier sieht das anders. Im Laufe des Gesprächs betont sie immer wieder, wie gefährlich die Verschwörungsszene ist, auch schon am Anfang. Sie denkt, dass es oft an Langeweile oder schlechten Erfahrungen  im eigenen Leben liegt, dass man anfälliger für Verschwörungstheorien ist und an sie glaubt. Durch  ihre eigenen Erfahrungen erzählt sie, wie schnell man bei einer Theorie landet und dann von einer Szene in die nächste rutscht. Daher ist es ihr besonders wichtig, dass das Thema ernst genommen wird: „Es bleibt ja leider nicht bei einem Blödsinn. Wenn man an die flache Erde glaubt, glaubt man auch ganz schnell an allen anderen möglichen Blödsinn. Und am Schluss endet das immer in der braunen Szene.“

Vor allem nach ihrem Ausstieg zeigten sich die Gefahren der Szene deutlich: Von Morddrohungen bis hin zu Stalkern, „Sobald man aussteigt, ist man für die Szene der Satan schlechthin, der bekämpft werden muss.“ Ein Spezialrezept, Verschwörungstheorien aufzubrechen, gibt es laut Stephanie Wittschier nicht: „Da muss vielleicht schon so eine krasse Sache wie bei mir passieren, damit man überhaupt mal anfängt, umzudenken.“

Die ganze Interview-Reihe findest Du hier.

"Hätte ich so weiter gemacht, wäre ich wahrscheinlich in der Psychiatrie gelandet“

Wer sich einmal in der Verschwörungsszene befindet, kommt aus diesem Denkmuster nur schwer heraus. Konfrontation und Gegenwind aus der Verschwörungsszene. Scham und Angst, sich der Wahrheit zu stellen. Ein Schockmoment brachte Stephanie Wittschier schließlich zum Nachdenken und zurück in die Realität.

Nach und nach steigt Stephanie Wittschier aus der Verschwörungsszene aus. Ein Prozess, der nur langsam voranschreitet, denn immer wieder ist Stephanie kurz davor, aus Scham wieder in die Szene zurückzuflüchten.

All die positiven Erfahrungen, die sie zuvor mit der Szene gemacht hatte, wandeln sich dadurch ins Gegenteil. Sie wird verfolgt und bedroht: Angst begleitet sie bis heute. Dennoch ist es ihr wichtig, über die Verschwörungsszene aufzuklären.

"Eigentlich sind wir alle Verschwörungstheoretiker"

Mit diesen Worten beendet Marius Raab das Interview. Für ihn sind wir alle auf die eine oder andere Art und in dem einen oder anderen Gebiet Verschwörungstheoretiker, da fast jeder Mensch manchmal Ansichten hat, die als Verschwörungstheorien durchgehen könnten. „Jeder Mensch will die Welt, in der er lebt, verstehen.“

Vergleicht man die Forschung mit den Erzählungen der Aussteigerin, erhält man konträre Eindrücke. Während Psychologen die Thematik sehr sachlich erklären und erforschen, zeichnet sich bei den persönlichen Erzählungen ein anhaltendes Gefühl von Fassungslosigkeit, Unruhe und Nachdenklichkeit. Über eins sind sich jedoch beide Seiten einig: Es ist wichtig, einen Dialog untereinander zu finden.

 

Das Thema muss auf jeden Fall mehr in die Öffentlichkeit und einfach mehr beachtet werden. Da kann man nicht einfach sagen: „Ja, lasst die doch, die Spinner.“ Stephanie Wittschier
 

Wir müssen auf jeden Fall versuchen, irgendwie einen Dialog zu finden; auch mit Menschen, die jetzt aus unserer Sicht abseitige Erklärungsmodell haben. Wir müssen es schaffen, in Kontakt zu bleiben und zu verstehen, warum sehen diese Menschen ihre Welt so. Was ist vielleicht an meiner eigene Weltansicht manchmal auch unreflektiert oder einfach nur eine Vorannahme, die mich mit mir rumtrage. Dr. Raab