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Der Lebenskreisläufer

Im Bayerischen Wald hat es minus 10 Grad. Die Kälte schneidet in die Haut und hinterlässt brennende Röte. Das Knirschen der wadenhohen Schneedecke unter den Schuhen vermischt sich mit dem schweren Atem, der sich als weißer Dampf in der Luft verflüchtigt. Wolfgang Schreil macht das nichts aus. Ohne Handschuhe, aber mit einem Wanderstock in der Rechten stapft er zielstrebig und doch gemütlich zwischen den Baumstämmen hindurch. Zeitdruck gibt es bei ihm nicht, eine Uhr trägt er nicht. Einige Meter entfernt taucht ein Bauwagen auf, der inmitten der Schneekugellandschaft wie das weiß bestäubte Häuschen der sieben Zwerge wirkt, inklusive kleinem Wegzaun. „Hereinspaziert, i hab‘ euch schon eingeheizt“, sagt Wolfgang. Er öffnet die Tür — warme Luft und ein Geruch nach Ofenfeuer und Nichtstun fluten heraus.

Wolfgang Schreil (42), der von allen nur Woid Woife genannt wird, war früher Bodybuilder und gehörte zu den stärksten Männern der Welt. Bei den bekannten Strongmen-Wettbewerben zog er Lastwägen, trug Baggerschaufeln und 180-Kilo-Steine. Heute ist der Bauwagen sein Rückzugsort vor der lauten Geschäftigkeit in seinem Geburtsdorf, dem Tourismusort Bodenmais, wo er mit seiner Ehefrau auch noch einen ganz normalen Haushalt teilt. Lieber ist er aber hier, eins mit der Natur.

Ich muss jeden Tag ausbrechen aus dieser Welt. Was für euch normal ist, ist für mich der Wahnsinn.

Einsam fühlt er sich dabei nicht, das ist für ihn genau das Attraktive. Trotzdem freut er sich immer über Besuch, der sich mit einer Fahrradklingel an der Tür anmelden kann. Denn Strom gibt es nicht. „I hab‘ a Tradition: Jeder, der mich hier besucht, bekommt ein Stamperl von meinem selbstgemachten Kräuterschnaps und wer mag, was von meinem Schnupftabak.“ Der Schnaps beißt sich in die Geschmacksknospen und zündet ein warmes Feuer im Magen an. Der Ofen knistert vor sich hin, auf der schmalen, gepolsterten Sitzbank um den kleinen Tisch mit den erstarrten Kerzenwachskrümeln darauf kann man mit Woife stundenlang reden — oder einfach schweigen, umgeben von einem Sammelsurium an Gegenständen, die er über die Jahre angesammelt hat. Ein kleines Museum.

Ein buntes Sammelsurium — Entdeckungsreise in Woifes Bauwagen

Doch er bekommt nicht nur menschlichen Besuch. Von Zeit zu Zeit teilt sich Woife sein Domizil auch mit verletzten Wildtieren, die er im Wald findet oder die ihm gebracht werden. Hier pflegt er sie gesund. „Oft bin ich lieber bei Tieren als bei Menschen, weil i deren Verhalten versteh. Bei den Menschen gibt es Abgründe“, erklärt Woife. Der 1,85 Meter große Mann mit dem gemütlichen Schmerbauch und zarte Tierchen wie Eichhörnchen und Rehkitze, das passt perfekt zusammen. Oft kommen die Tiere sogar wieder und lassen sich von ihm berühren, obwohl sie bereits wieder ausgewildert sind. Sie danken es ihm. Und was macht er, wenn nicht gerade ein Tier zu versorgen ist? Woife stutzt kurz, als würde sich die Frage für ihn gar nicht stellen: „Ja mei, a so mach i oft mal einfach gar nichts. Des find i am allerschönsten, nix tun, einfach an nix denken, den Vögeln zuschauen und lauschen.“

Wenn seine Frau Sabine nicht wäre, würde er seine gesamte Zeit im Bauwagen verbringen. Sie ist seine große Liebe und versteht genau deswegen, warum es ihn oft von dem gemeinsamen Leben weg in den Wald zieht. Doch neben ihr und Hündin Else wartet in der Alltagswelt auch ein Beruf auf ihn. Auf dem Friedhof steht er mit einer Schaufel und einem mit Erde befüllten Schubkarren zwischen den Gräberreihen. Verschiedene Steine, manche glänzend mit akkurat geschliffenen Kanten, andere matt und naturbelassen, die Pflanzen auf den Gräbern, die Mamorplatten mit den Namen der Verstorbenen — all das ist heute unter Schnee begraben. Auf einem der Grabsteine steht „Ruhestätte“, daneben eine Marienfigur mit selig geschlossenen Augen und gefalteten Händen. Woife verhilft nicht nur Tieren zu einem guten Leben, sondern bringt auch Leute unter die Erde. Sein eigentlicher Beruf ist Totengräber. Was für andere ein Widerspruch ist, ist für ihn natürlich. „In meinem Rahmen versuch i, Leben zu retten und gleichzeitig stirbt aber jedes Lebewesen. Und i find, genauso soll es sein. Weil wir alle vergänglich sind, wie a Blatt, des im Herbst runterfällt. Menschen möchten so gern unsterblich sein, aber wir sind auch nur ein Tier und Lebewesen auf der Welt. Und wir sterben“, erklärt er.

Vergrößern

Friedhof-Herbst-Frauenau

Foto: Schreil

So trägt Woife seinen Teil zu allen Stationen eines Lebenskreislaufs bei. Und findet alle völlig in Ordnung. Seine Tätigkeit als Bestattungshelfer deckt nicht nur eine wichtige Funktion in der Gesellschaft ab, sie bedeutet ihm auch aus anderen Gründen viel: „Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein erdender Beruf. Ned nur, weil i in der Erde wühle, sondern weil i geerdet werde.“ Er hebt die Arme, zeigt große, kräftige Hände mit rauer, wettergegerbter Haut. „I arbeit hart mit meinen Händen und find es gut. I bleib a Arbeiter.“ Wie zur Bestätigung schlägt die Glocke der gelben Friedhofskirche zur vollen Stunde.

Vor harter Arbeit hat sich Woife schon in jungen Jahren nie gescheut. Seine Devise: „Wenn dann gscheid.“ Woife ist 14, ein „kleiner Waidler“. Es ist die Zeit von populären Bodybuildern wie Arnold Schwarzenegger, Manfred Höberl und Heinz Ollesch. Ihn fasziniert diese Stärke. Körperliche Kraft und Männlichkeit, das, findet er, gehört zusammen. Der für ihn natürliche Umkehrschluss: Er geht ins Fitnessstudio, fängt an zu trainieren. Ohne Rücksicht auf Verluste schont er sich nicht, mit 17 steht er bereits mit erwachsenen Männern bei regionalen Herrenwettbewerben auf der Bühne. Sie posieren in Badehosen, eingeölte Herkuleskörper glänzen mit den Pokalen um die Wette.

Doch das reicht ihm bald nicht mehr. Er will noch mehr Kraft, noch stärker sein, immer mehr und immer weiter. Und alles ohne Trainer und am besten so schnell wie möglich. Dass er in seinem Leben zu Extremen neigt, ja, das gibt er selbst zu. So kommt er zum Steinheben, der Volkssportart im Bayerischen Wald. Skateboards hätten sie nicht gekannt, aber Steine hätte es gegeben. Mit 19 wird er internationaler deutscher Meister. Das Motto: „Blut und Schweiß.“ Von Steinen ist es nicht mehr weit bis zum Baumstämme wuchten und Autos anheben. Die nächste Station: Strongmen-Wettbewerbe. Das bedeutet noch mehr Training, Muskelpräparate und eine Zufuhr von bis zu 9.000 Kalorien am Tag. Und dann ganz plötzlich ist Schluss. Woife ist auf einer Meisterschaft in Fulda, der Deutschlandcup der starken Männer. Überall Männer, die ihre Muskeln schwellen lassen, herumspazieren „wie Gickerl“ und versuchen, ihre Gegner durch Protzen und Psychospielchen zu beeinflussen — und er gehört selber dazu. Das will er nicht mehr. Woife schaut seine Frau an und sagt:

Sabine, ich möchte jetzt lieber im Wald sein. Des ist doch Wahnsinn, was wir hier treiben.

Es folgt noch ein Wettbewerb und dann das Ende. Er fühlt sich befreit. Und so nimmt die Natur, immer ein Teil seines Lebens, den Platz des Leistungssportes ein – ganz oder gar nicht. Jetzt sitzt Woife auf der Eckbank in seiner Bodenmaisener Wohnung, Else die französische Bulldogge im Arm. Vor ihm liegen Fotos aus dieser Zeit. Auf ihnen ist er kaum mehr wiederzuerkennen. Kein struppiger Bart, kein Bauch, sondern straffe Muskeln. Nur die blauen Augen blitzen damals genauso unter dem Lockenkopf hervor wie heute unter der Hutkrempe. Dennoch merkt man, dass er sich damit immer noch identifiziert, auf diese Leistungen immer noch stolz ist.

Jetzt ist Woife immer noch sehr stark, aber auf eine andere Weise. Für seinen Schatz, die Natur, geht er auch auf die Barrikaden. Mit Fotos belegte er die Existenz der vom Aussterben bedrohten Vogelarten Auerhahn und Haselhuhn und verhinderte so den Bau einer Seilbahn für Touristen auf seinen geliebten Berg Hochzell. Das wofür ihn andere ablehnten, macht er zu seinem neuen Hobby, der Fotografie. Aktuell gibt es im Alten Rathaus in Bodenmais eine Ausstellung. Nur die Spitze des Eisbergs, Woifes eigene Sammlung umfasst circa 8.000 Bilder. Die Fotos belegen seine bezaubernde, beinahe schon merkwürdige Verbindung zu Tieren. Mit nur einem kleinen Objektiv kommt er fast nah genug zum Anfassen an sie heran. Auf den Bildern wirkt es, als würden die Tiere ihn als einen von ihnen wahrnehmen und fühlten sich deshalb nicht gestört. Warum das so ist, kann er sich oft selber nicht erklären. „I glaub, des liegt an meiner Körpersprache und daran, dass i mit der Natur aufgewachsen bin“, überlegt er.

Das Etikett des „Tierflüsterer“ weist er weit von sich. Jetzt wirkt er zum ersten Mal unruhiger, er rutscht leicht auf seinem Stuhl herum, lüpft seinen Spitzhut, setzt ihn wieder auf. Das einzige Zeichen eines leichten Anflugs von Ärger. „I hab nie von mir behauptet, dass i des bin. Des haben immer andere behauptet“, bekräftigt er. „,Der Mann, der mit den Tieren spricht'“, murmelt er. „Für mi is des einfach gesunder Menschenverstand.“ Seine Meinung: Jeder Mensch wäre theoretisch dazu in der Lage, aber die meisten hätten sich zu weit von der Natur entfernt.

Bei seinen Fotos geht es ihm nicht darum, seinen Namen gedruckt zu sehen. Für ihn sind sie nur ein Grund mehr, in der Natur zu sein. Dennoch hat sich die Marke Woid Woife mittlerweile selbstständig gemacht. Wanderungen, Vorträge, Fanpost, bald kommt sein erstes Buch heraus. Kritiker könnten sagen, es gehe dabei um Geldmacherei. „I wollt des nie so haben, des hat sich verselbstständigt.“ Wieder ein Lüpfen des Spitzhutes. Kommerz ist ihm zuwider, auch der in seiner Heimat Bodenmais. „Der Mensch hat Zahlen erfunden, die man auf Papier druckt. Vorher schneidet man den Baum ab, damit man Papier machen kann und dann Geld, damit man wieder den Baum kaufen kann. Das ist Schwachsinn, i kann doch doch gleich den Baum benutzen. Und der, der die meisten Zahlen auf seiner Seite hat, ist der König. Alle Menschen, die glauben, dass Zahlen wichtig sind, die möcht‘ i mal sehen, was sie atmen wollen, wenn keine Natur mehr da ist.“ Aber lieber lasse er sich vermarkten, als die Natur, so könne er sich wenigstens für einen sanften Tourismus stark machen und seine Einstellung weitergeben. Und freuen tut es ihn doch auch: „Es zeigt, dass i was richtig gmacht hab‘.“

Dass er und seine Art zu leben so gut ankommen, beweist jedoch, dass die Menschen nach so etwas gieren. Etwas, das anders ist, für ihn jedoch völlig normal. Was sagt das über unserer Gesellschaft aus? Wohl dass viele das Gefühl haben, ein Mensch müsse Funktion bringen und wenn nicht, dann wird er aussortiert. Eine Entwicklung, die auch Woife bestätigen kann. Er bekommt immer mehr Zuschriften, vor allem von jungen Leuten, die klagen, dass ihnen alles zu viel wird. Auch Woife kennt den Gedanken des Funktionieren-Wollens aus seinem Sport. Mittlerweile sagt er: „Das Wichtigste, was i daraus gezogen hab‘, ist mentale Stärke, damit bin i viel gelassener.“ Er findet: ein bisschen Leistung schade nicht, aber es sei wichtig wegen was.

Ein Patentrezept hat aber auch er nicht. „Wir könnten’s anders machen, weil wir intelligent genug wären, machen’s aber ned.“ Er will sich kein Urteil erlauben über das Leben anderer. Er hält sich selbst nicht für perfekt und nimmt sich selbst auch nicht zu ernst. Auf den Hype um seinen angeblich alternativen Lebensentwurf gibt er nichts. „I glaub ganz persönlich, dass des, wie i leb, für die meisten scheißlangweilig ist. I find mi selbst eher talentfrei“, sagt er und lacht laut. Sein Bart bebt und die Lachfältchen um die Augen werden tiefer. Und dann kommt er doch noch ins Nachdenken und meint, das größte Problem der Menschheit ist vielleicht doch die gnadenlose Selbstüberschätzung. „Vielleicht ist des der richtige Weg, dass man damit aufhört und einfach sagt, i bin des, wos i edz bin: A Stück Fleisch mit ner Seele drin. Und i derf so und so lang auf der Welt zu Gast sein und dann ist aus. Und wennst des begriffen hast… Überschätzt euch ned zu damisch und nehmt’s euch ned zu wichtig. Für die Natur ist es egal, ob ein Habicht tot umfällt oder ein Mensch.“

Gäbe es den Inbegriff eines bayerischen Hippies, Wolfgang Schreil wäre es — mit Holzfällerhemd und Bärwurz-Schnaps. Ein Besuch bei ihm ist wie Kurzurlaub für die Seele. Seine Aussagen bleiben einem im Gedächtnis und im Herzen, auch Tage und Wochen danach. Nur acht Quadratmeter hat sein Bauwagen, wenig kleiner als ein typischer Gartenpavillon — „und doch ist es für mich oft die ganze Welt.“