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Karte der Kulturen

Auch kulturelle Unterschiede erfüllen Funktionen in unserer Gesellschaft und sollten nicht einfach mit Missverständnissen oder schlechtem Benehmen gleichgesetzt werden. In den folgenden drei Beiträgen geht es um Feiertage, Werte, Stereotypen und Missverständnisse.

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Das Erfolgsrezept für Humor?

Er ist ein gern gesehener Kamerad am abendlichen Stammtisch, die wahrscheinlich meistgeforderte Kategorie in Online-Datingplattformen und das wohl wirksamste Helferlein in peinlichen Situationen. Jeder kennt ihn, jeder liebt ihn, jeder braucht ihn.

„Humor ist ein unglaublich wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens.“ Davon ist auch Nils Kohn überzeugt. Der junge Diplompsychologe befasst sich seit Abschluss seines Studiums vor knapp zehn Jahren mit dem Thema Humor. Als abstrakten Gegenstand des täglichen Lebens, als typisch menschliches Phänomen, als therapeutische Heilungsmethode. Humor könne das Leben in vielen Situationen erleichtern, Spannung abbauen und schließlich glücklicher machen.

„Humor hat sehr viele Funktionen für den Menschen“, Kohn möchte drei seiner Meinung nach besonders wichtige herausstellen.

Humor im alltäglichen Leben

Wir kennen die positive Wirkungsweise von Humor. Lachen macht fröhlich und jeder schmunzelt gerne über einen gelungenen Witz.

Den Beweis liefern, wie für alles von Relevanz und Aktualität, die Medien. Aus diesen nämlich ist eine humoristische Perspektive nicht mehr wegzudenken. Ob unterhaltsame Glossen in den Qualitätszeitungen, Comedy-Live-Übertragungen zur Prime-Time im Fernsehen oder politische Satire-Nachrichten, es gibt kaum ein Medium, das die Heiterkeit meidet. Inhaltlicher Gegenstand kann dabei alles und jeder sein, denn es existiert genauso wenig eine Thematik, die nicht, wie sagt man so schön, durch den Kakao gezogen wird. Und das paradoxerweise offensichtlich gerade wegen globaler politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten.

Schwierigen Situationen mit einer gelassenen Haltung zu begegnen, ist keine Erscheinung der Postmoderne: Humor ist nicht weniger alt als die Kommunikation und somit der Mensch selbst. Überlieferungen datieren den ältesten Witz auf etwa 1900 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Damals, so fanden britische Wissenschaftler heraus, wurde herzhaft über diese Scherzfrage gelacht:

Du kannst über diesen Witz nicht lachen? Warum das womöglich so ist, wird dir in diesem Video erklärt.

Die Wissenschaft beschäftigt sich mit der Thematik ebenfalls seit geraumer Zeit. Als einer der ersten Humortheoretiker gilt der antike Philosoph Aristoteles.

Humor was ist das eigentlich?

Während Aristoteles Humor als positive Lebenseinstellung definierte, umfasst das Wort in heutigen Bedeutungs- und Begriffsbestimmungen mehr als nur das. Der Duden ergänzt die jahrtausendealte Definition des Philosophen, welche hier als „gute Laune, fröhliche Stimmung“ aufgenommen wurde, um zwei weitere Bedeutungsebenen: die Fähigkeit zur Produktion von Humor einerseits und zur Rezeption andererseits. Humor ist somit Eigenschaft und Fähigkeit zugleich. „Begabung ist Humor jedenfalls nicht“, konstatiert der Psychologe Kohn und bestätigt somit die Erlernbarkeit.

„Es hat etwas mit Flexibilität zu tun“, erklärt er und weist hiermit auf den Perspektivenwechsel hin. Wer in der Lage ist, Dinge oder Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, wird diese auch in humorvollem Licht sehen können. „Und das kann man üben.“

Wenn sich eine humorvolle Sichtweise auf das Leben also recht einfach trainieren lässt, wie sieht es dann mit dem anderen Aspekt aus, der Humorproduktion?

Das Experiment

Plötzlich spüre ich das Herzklopfen. Bisher hatte ich gar keine Zeit, aufgeregt zu sein. Doch jetzt stehe ich hier. Alleine im Scheinwerferlicht. Letztes, vereinzeltes Klatschen weicht einer erwartungsvollen Stille. Große Augen blicken mich gespannt von unten an. Ich hole noch einmal tief Luft und trete an das Mikrofon. Die nächsten sieben Minuten gehören Yvonne.

20.15 Uhr auf RTL: Ein bisschen Musik, tosender Applaus und eine gigantische Bühne. Mario Barth muss nur angekündigt werden und die Menschen beginnen zu lachen. Seit Jahren bereits gelingt ihm mit einfachen Worten und ein bisschen Show die Unterhaltung von großen Massen. Wie macht er das? Man kann nun Fan von Mario Barth sein oder nicht, aber eines muss man ihm lassen: Er versteht sein Handwerk – oder die Kunst?

Das ist die entscheidende Frage, die wir hier beantworten möchten: Kann man die Humorproduktion auch erlernen – oder ist jemand „lustig geboren“? Gibt es womöglich sogar ein “Erfolgsrezept” für Humor?

Um das herauszufinden, eröffnet sich nur eine optimale Möglichkeit: Der Weg auf eine eigene Bühne. Mit Hilfe von Comedy-Experten, etwas Kreativität und kurzem Training planen wir ein Experiment, ein eigenes kleines Stand-up-Comedy-Programm.

Die erste Stufe auf der Treppe ins Rampenlicht ist die Themenfindung.

Dazu befragen wir einen Fachmann: Christian Eisert ist ausgebildeter Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler, verfasst Sachbücher zu komödiantischen und satirischen Themen, gibt zu verschiedenen Anlässen Comedy-Coachings und arbeitet seit 2004 in Berlin als Gag-Schreiber für verschiedene Comedians, Programmmacher und Fernsehregien. Er muss wissen, welche Themen ein breites Publikum zum Lachen bringen.

Doch so populär diese Thematik auch zu sein scheint, so oft ist sie schon ausführlich in Szene gesetzt worden – und das nicht nur vom “Comedy-König” Mario Barth. Uns, als absoluten Humor-Anfängern, rät Eisert darum zu einem komödiantisch unverbrauchten, aber dennoch für unser Publikum relevanten Thema. Nur wenn der Witz die Erfahrungswelt des Zuschauers berührt, wird dieser die Pointe verstehen. Denn, so betont Eisert immer wieder:

Allein das Publikum entscheidet, was lustig ist, und das muss man dann bedienen.

Seine drei wichtigsten Tipps:

Auf der zweiten Stufe konzentrieren wir uns auf die Formulierung von Witzen, die Wortwahl, den Satzbau, die Pointe.

Der Linguist Geert Brône aus Antwerpen, Belgien kann uns hier helfen. Im Zuge seiner Promotion begann er, sich intensiv mit einer kognitiv-linguistischen Herangehensweise an den verbalen Humor zu beschäftigen und hat seitdem zahlreiche Sachbücher zu diesem Thema publiziert. “Humor hat sehr viel mit sprachlicher Kreativität zu tun”, erklärt Brône den Kern seiner Arbeit, “dabei geht es um den Überraschungseffekt, um ein Element des Unerwarteten.” Wir amüsieren uns über das Ungewöhnliche, nicht selten gewissermaßen Subversive, die inhärente Doppeldeutigkeit unserer Sprache – und das unabhängig davon, ob wir über Wortspiele, Ironie oder klassische Witze reden.

Das schematische Schubladendenken wäre im Bezug auf verschiedene Ausprägungsformen von Humor sowieso ungeeignet: “Denn wo zieht man die Grenze zwischen Ironie und Sarkasmus?”

Letztendlich, so Brône, kommt es jedoch immer in erster Linie auf die Präsentation des Witzes an. Die Art und Weise, wie Wort- und Satzstruktur dargeboten werden, bestimmt über deren Effekt beim Hörer. “Als Erzähler eines Witzes kann ich dafür sorgen, dass der Hörer genau die Interpretation wählt, die ich mir an diesem bestimmten Punkt wünsche.” Für die Erstellung unserer Textgrundlage gibt uns der Linguist…

… seine drei wichtigsten Tipps:


Und doch haben wir es nun immer wieder gehört: „Performance ist bei Comedy alles“. Die beachtliche Wirkung nonverbaler Kommunikationselemente – Gestik, Mimik, Körpersprache – sehen auch einige Studien, wie die berühmt-berüchtigte 7-38-55-Regel des amerikanischen Psychologen Albert Mehrabian, als bestätigt. Seinem Leitsatz zufolge beeinflusst der Inhalt des Gesagten nur zu 7 Prozent, die Körpersprache hingegen zu 55 Prozent das emotionale Empfinden, den Eindruck auf der Bühne. Die Zahlen sind umstritten, die Tendenz jedoch ist eindeutig.

Wir fragen Sebastian Ruppert, Schauspieler mit Leidenschaft, Theaterregisseur an der Universität Passau und seit einem halben Jahr Regieassistent im Stadttheater.

Ruppert hat es immer wieder betont: Gute Vorbereitung und Training sind das A und O. Er zeigt uns hierfür einige Warm-up-Übungen, die auch professionelle Schauspieler für jede Art von Auftritt nutzen.

Seine drei wichtigsten Tipps:

Mit all den Expertentipps an der Hand machen wir uns nun an die Arbeit. Wir haben nicht mehr lange Zeit. Innerhalb von vier Tagen überlegen wir uns gemeinsam einen Text, der aufgrund von Aktualität, Relevanz, Inkongruenzen und Wortspielen lustig sein könnte, sowie einen Charakter, der diesen auf der Bühne vortragen soll: Yvonne nennen wir unseren “Versuchscomedian”. MuK-Studentin, 22, unmotiviert und eine gepflegte, entschuldige bitte den Ausdruck, ‘Scheiß-Drauf-Haltung’, gespielt von Catharina, die das große Los gezogen hat.

Bevor sich Yvonne auf die Bühne traut, holen wir uns eine letzte Meinung vom Profi: dem Kabarettisten Martin Großmann. Zwar ist Kabarett nicht Comedy, aber er kennt das Auftreten, das erzwungene Lustigsein, er kennt die Bühne und das Rampenlicht. Wir fragen ihn nach seinem wichtigsten persönlichen Erfahrungswert:

Seine drei wichtigsten Tipps:

Wir entscheiden uns, aufgrund der Kürze des Stücks sowie des gefährlich großen Risikos zu scheitern, auf Tragik besser zu verzichten – und dass Yvonne ins kalte Wasser geschmissen wird, empfinden wir als tragisch genug.

Ein Comedy-Programm nach knapp zwei Wochen, ob das überhaupt funktionieren kann? Wir sind uns da nicht so sicher, was meinen denn unsere Experten?

Schließlich bleibt nichts mehr zu sagen, als: Bühne frei für ‘Yvonnes komische 7 Minuten’

Das Fazit

Zum geplanten Lustigsein benötigt es offenbar mehr als nur einen guten Sketch. Es geht nicht nur um die Themen, den Inhalt, den Vortrag und das richtige Timing. Auch der Zuschauer ist ein entscheidender Faktor, denn dieser müsse sich darauf einstellen, dass das, was auf der Bühne präsentiert wird, ‚zum Lachen ist‘, so die Stimmen aus dem Publikum. Das Stand-up sei dafür zu kurz gewesen, Yvonne zu unbekannt und die Zuschaueranzahl zu gering. Es habe sich außerdem kaum einer getraut, laut zu lachen. Denn wer alleine in einer größeren Gruppe lacht, fühlt sich bloßgestellt. Auch das hat etwas mit sozialer Umgebung, Erfahrung und dem Wesen des Menschen zu tun, doch dazu ein andermal.

Humor auf der Bühne ist weniger mit einer fröhlichen Lebenseinstellung als mit Schauspiel vergleichbar und somit doch ein wenig Begabung, Charakterstärke und unbedingt Übungssache. Vielleicht entdeckst auch du irgendwann eine versteckte Yvonne in dir, auf jeden Fall mit Erfolg trainieren lässt sich aber, wie wir bereits erfahren haben, die humorvolle Sichtweise auf das Leben – die Fähigkeit, über Yvonne zu schmunzeln. Und das lohnt sich zu üben. Trau dich, lustig zu sein, Dinge humorvoll zu nehmen und lauthals darüber zu lachen. Denn, wie sagte Charles Dickens so schön:

Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?

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Zweite Chance für das Leben

Was macht man, wenn Organe nicht mehr so funktionieren wie sie sollen? In Deutschland warten mehr als 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Demgegenüber stagniert die Zahl der Spender in den letzten Jahren immer mehr. Wartelisten regeln, wer eine zweite Chance fürs Leben bekommt und wer nicht.

Doch wie funktioniert das Wartelistensystem überhaupt? Ist so etwas gerecht? Welche Auswirkungen haben Organspendeskandale auf die Spendebereitschaft? Und wie fühlen sich Betroffene, die auf einen Organspender angewiesen sind? Was wenn man ganz hinten auf der Spenderliste steht und das Warten aussichtslos ist? Ist ein illegales Organ aus dem Ausland dann der einzige Ausweg?

Ein lebenswichtiges Thema – vier verschiedene Blickwinkel.

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Ruhestand… und dann?!

„Jetzt heiz‘ ihn an, deinen heißen Ofen!“ ruft Willi Kloss seinem Kollegen Rudi Geiger hinterher. Lachend steigt der 64-Jährige in seinen neuen Laster, lässt sich in den Sitz fallen und macht sich auf den Weg zu einem Kunden. Die beiden Männer arbeiten inzwischen seit fast vier Jahren zusammen. Während Rudi sich um genau solche Lieferungen kümmert, ist Willi als Maler und Lackierer in der Firma beschäftigt. Eins hatten die beiden bei ihrem „Einzug“ in die Firma aber auf jeden Fall gemeinsam: Sie waren eigentlich schon seit mehreren Jahren in Rente und kein Teil der Arbeitswelt mehr.

Vor einigen Jahren sind die drei Firmeninhaber des Bauunternehmens auf die Idee gekommen, dort wo keine Vollzeitkräfte benötigt werden, Senioren auf 450 Euro Basis einzustellen.  Innerhalb der Firma werden die Rentner auch das “RED-Team” genannt, in Anlehnung an den Film “RED: Älter, Härter, Besser”. Genauso wie die Figuren im Film bringen auch die "echten" Rentner viel Erfahrung mit, so der Mitinhaber Ullrich Vieregg.

Im Ruhestand noch einmal zu arbeiten ist für viele Senioren in Deutschland durchaus eine Option, vor allem Selbständige entscheiden sich immer häufiger dazu. Im Gegensatz zu früher haben sich die Umstände auch deutlich verändert. Die Rentenbezugsdauer hat sich in den letzten fünfzig Jahren fast verdoppelt: Im Schnitt leben Senioren fast 20 Jahre lang im Ruhestand und sind oftmals bis ins hohe Alter körperlich und geistig noch sehr fit. In der Forschung ist deshalb sogar von einem “dritten Lebensalter” die Rede.

Euro Rente im Monat
Jahre Zeit

Diese Zahlen zeigen ziemlich deutlich, was einen im Ruhestand womöglich erwartet. Doch wie stellen sich junge Menschen ihre Zukunft vor? Freuen sie sich auf die Rente oder lösen diese Zahlen eher Unsicherheit bei ihnen aus?

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Josef
"Ich sitz’ in meinem Wintergarten, trink’ Bier und reise viel."
Josef (19)
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"Einerseits fürchte ich mich vor dem Verlust meiner Gesundheit, andererseits freu ich mich und werde versuchen die Zeit die mir bleibt so gut es geht zu genießen."
Annika (20)
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"Ich will viel reisen und neue Orte sehen, vielleicht hab ich ja ein Haus am Meer."
Paula (22)
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"Reisen, viel reisen… und vielleicht ehrenamtlich in einer Suppenküche arbeiten, das ist doch was Gutes."
Merlin (23)

 

Was es aber tatsächlich bedeutet, in Rente zu gehen und auf einmal “offiziell” alt zu sein, darüber machen sich wohl die wenigsten Gedanken. Viele Menschen verlieren mit dem Eintritt in den Ruhestand einen großen Teil ihrer Aufgaben im Leben und damit oft auch den Kontakt zu großen Teilen ihrer Umwelt. Nach jahrelanger Arbeit gibt es plötzlich keinen Grund mehr, sich den Wecker früh morgens zu stellen oder abends auf dem Heimweg noch schnell in den Supermarkt zu eilen. Das ist wohl eine der größten Veränderungen, die der Ruhestand mit sich bringt: Auf einmal hat man wahnsinnig viel Zeit für sich und auch für alles andere. Zeit fürs Motorradfahren, fürs Wandern, fürs Radfahren. So war es jedenfalls bei Rudi. Er hatte sich schon auf seinen Ruhestand gefreut und am Anfang lief auch alles so, wie er es sich vorgestellt hatte. Doch nach einem dreiviertel Jahr hatte Rudi genug  davon.

Seinem neuen Arbeitskollegen Willi erging es in dieser Sache ähnlich. Der gelernte Maler und Lackierer kam 2012 in Rente und das mit einem guten Gefühl. An seinen ersten Tag im Ruhestand kann sich der 64-Jährige noch gut erinnern: "Ich habe sehr gut geschlafen und dann die ganze Hausarbeit alleine gemacht." Abgesehen vom Haushalt konnte sich Willi endlich mehr Zeit für seine kranke Frau und auch für seine große Leidenschaft, das Radfahren, nehmen. Die viele freie Zeit schien ein wahrer Segen zu sein. Doch ein knappes Jahr später veränderte sich etwas. Langsam aber sicher fiel Willi die Decke auf den Kopf und er wusste nicht mehr wirklich viel mit sich anztufangen. Enkelkinder, um die er sich kümmern könnte, hat er keine, mit dem Fahrrad ist er schon viele Strecken gefahren. Nach nicht mal zwölf Monaten Ruhestand entdeckte Willi die Anfrage des Bauunternehmens in der Zeitung und zögerte nicht lange.

 

Jetzt arbeiten die beiden etwa 39 Stunden im Monat, mal mehrere Tage hintereinander, mal mit ein paar Wochen Pause dazwischen. Der Job bedeutet ihnen natürlich nicht alles, aber Rudi und Willi sehen mehr darin, als nur einen finanziellen Zuschuss: Sie kommen durch die Arbeit häufiger raus, sehen andere Leute und haben wieder mehr Abwechslung in ihrem Tag.

Die Lebensfreude ist einfach größer.

Wenn die Gesundheit mitspielt, will Rudi auf jeden Fall noch zwei, drei Jahre weiter arbeiten und dann aber auch wirklich seine freie Zeit genießen. Vor kurzem hat er sich einen Roller gekauft. Gemeinsam mit seinen Freunden will er durch die Eifel und Südtirol fahren. Willi stellt sich seine Zukunft ein bisschen anders vor, auch wenn er weiß, dass das Alter ihn irgendwann in der Arbeit einschränken wird.

Rudi und Willi sind keine Ausnahme, inzwischen suchen sich knapp 11,6 Prozent (2014) der Rentner in Deutschland noch mal einen Job. Immer mehr Menschen wollen oder müssen auch im Ruhestand noch weiterarbeiten.

Warum arbeiten Rentner noch?

Bei manchen reicht die Rente oder das eigene Vermögen einfach nicht aus, um ohne zu arbeiten gut über die Runden zu kommen. Doch die meisten der Senioren sind finanziell nicht von ihrem Job abhängig, sondern wollen sich wahrscheinlich einfach wieder mehr in die Gesellschaft einbringen oder ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben.

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Kollege oder Konkurrent?

 

 

Wie die Industrie 4.0 unsere Arbeitswelt verändert

 

Eine fensterlose, dunkle Fabrik. Maschinen rattern, Computer surren, Fließbänder brummen. Ansonsten sind keine Schritte, kein Gespräch, kein klingelndes Handy zu hören. Die Lampen an der Decke starren mit toten Augen herab. Sie bleiben auch heute ausgeschaltet. Das Licht ist hier nie an – wozu auch? Schließlich arbeitet in dieser vollautomatischen Fabrik kein einziger lebendiger Mensch mehr. Und Maschinen haben keine Augen.

Diese sogenannten „Dark Factories“ (engl.: Dunkle Fabriken) sind eines der Schreckensgespenster, die der Begriff Industrie 4.0 suggeriert. Studien warnen, durch den Einsatz neuer Technologien könnten rund 50% der Stellen in Deutschland verloren gehen. Besonders Tätigkeiten in der industriellen Fertigung sollen bald überwiegend von Maschinen übernommen werden. Die Befürchtung: Massenarbeitslosigkeit durch die Modernisierung.  Der Mensch scheint den Wettkampf gegen die Maschinen zu verlieren.

Eines Abends im November 1811 marschierte eine Gruppe maskierter Weber, mit Vorschlaghämmern bewaffnet, in das Haus des Meisterwebers Edward Hollingsworth und zerstörte die Webstühle. Eine Woche später kehrten die Männer zurück und zündeten sein Haus an. Die Attacken breiteten sich in den folgenden Wochen in England aus. Das Muster blieb dabei gleich: Maskierte Mobs stürmten Fabriken und Häuser und zerschlugen die Webstühle mit Hämmern.

Die Erfindung, die viele Weber in die Armut trieb: Der Webstuhl.

Die Weber wünschten sich ihr altes Leben zurück. Noch vor wenigen Jahren, vor Beginn der ersten Industrialisierung, gab es keine Fabriken. Weber, Spinner und Schneider arbeiteten von Zuhause aus. Sie belieferten sich gegenseitig und verkauften die fertigen Produkte auf Märkten an Großhändler. Diese Form der Arbeit bedeutete für Weber ein hohes Maß an Kontrolle über die eigenen Arbeitszeiten, ein gesichertes Einkommen und zahlreiche Feiertage. Manche „arbeiteten selten mehr als drei Tage in der Woche”, notierte der Strumpfmacher William Gardiner. So galt nicht nur das Wochenende als Feiertag, sondern viele Arbeiter nahmen sich auch den Montag frei, um ihn betrunken als „St. Monday“ zu feiern.

Mit der Industrialisierung änderte sich das Leben der Arbeiter grundlegend:  Neuartige Webstühle, mit denen effektiver und schneller gearbeitet werden konnte, wurden nun eingesetzt. Erstmals wurden große Fabriken gebaut, in denen die Angestellten unter harschen Arbeitsbedingungen in 14-Stunden Schichten schufteten. Der Beginn der industriellen Fertigung – und das Ende der zahlreichen Feiertage und fröhlicher, betrunkener Montage. Eine Besserung der Arbeitsbedingungen schien ausgeschlossen, scheiterten doch alle Verhandlungsversuche der Weber. So gingen die Männer auf die Barrikaden.

Doch so viele Webstühle die Arbeiter in ihrer Verzweiflung auch zerschlugen, so viele Werkstätten sie auch in Brand setzten: Am Ende gewann die unaufhaltsam fortschreitende Industrialisierung. Eine Industrialisierung, die auch heute noch nicht ihr Ende gefunden hat.

Dort, wo früher der Webstuhl und später auch die Dampfmaschine als bahnbrechende Neuerung in Sachen Automatisierung galten, folgten schon bald weitere technische Entwicklungsschritte.

Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr die Industrie einen neuen Antrieb: Die Elektrizität. Diese neue Energieform erlaubt nicht nur eine stärkere Automatisierung durch den Einsatz von Fließbändern und längere Arbeitszeiten durch künstliche Beleuchtungen, sondern auch die Nutzung neuer Kommunikationsmittel wie Telegram und Telefon.

Es sollte über 150 Jahre dauern, bis die Industrie einen weiteren Entwicklungsschritt machte. So wurden in den 1970er Jahren erstmals Computer und damit auch Robotik, Planungssysteme und effizientere Fabriken eingesetzt.

Am Ende dieser industriellen Revolutionen steht nun die Entwicklung, die heute beobachtet werden kann: Die Industrie 4.0.

Industrie 4.0 ist in erster Linie eine Internettechnologie, deren Ziel die Automatisierung, Digitalisierung und Vernetzung von allen an der Wertschöpfung beteiligten Akteuren ist.

Eingesetzt werden die neuen Technologien von rund der Hälfte aller Unternehmen in Deutschland, nur 12% halten sie auch in Zukunft für nicht relevant. Dabei spielt die Digitalisierung besonders bei größeren Betrieben eine zentrale Rolle. So auch bei der Zahnradfabrik (ZF) , einem der weltgrößten Automobilzulieferern, die mit rund 135.000 Mitarbeitern an über 230 Standorten in 40 Ländern vertreten ist. Laut Alois Arnberger, der für die digitale Entwicklung bei ZF am Standort Passau zuständig ist, stellt die Industrie 4.0 für den Konzern einen von mehreren Wegen zur Steigerung der Effizienz dar.

Alois Amberger (ZF)

Doch bedeutet eine Steigerung der Effizienz auch automatisch das Ersetzen von Angestellten durch Apparate und damit den Wegfall von Arbeitsplätzen?

Eine Studie im Auftrag der Bankengruppe ING-DiBa sieht 18,3 Millionen Arbeitsplätzen, also rund 59% der Stellen, durch die Modernisierung bedroht. Eine Zukunftsprognose, die die Angst bei den Angestellten schürt.

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) relativiert diese Furcht.

Die Schockstatistiken entstünden durch die Übertragung von Zahlenmaterial aus den USA auf Deutschland – obwohl man die beiden Märkte nicht miteinander vergleichen könnte. So weisen maximal 15% der Stellen in Deutschland ein grundsätzliches Potential für Automatisierungsprozesse auf. Dieses Potential bedeute jedoch keinesfalls ein automatisches Wegfallen der Stelle–vielmehr hängt der Einsatz von neuer Technik von den tatsächlichen Tätigkeitsstrukturen ab. Und diese seien so unterschiedlich, dass die tatsächliche Reduzierung von Stellen noch weitaus geringer sei. Dieser Einschätzung schließt sich auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung an, das lediglich bei 9% der Arbeitsplätzen das Risiko einer Automatisierung der Tätigkeit sieht.

Auch die Geschichte stützt die positiven Einschätzungen: Seit der industriellen Revolution sind durch die technischen Neuerungen stets mehr Arbeitsplätze geschaffen worden.

Quelle: IFR

Auch Obermaier schätzt die Industrie 4.0 nicht als Tor zur Massenarbeitslosigkeit ein.

Eine Verschiebung der Tätigkeiten und die Entstehung neuer Arbeitsfelder vermutet auch die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Arbeitsmarktprognose für das Jahr 2030. So sollen besonders im verarbeitendem Gewerbe, im Handel, im Verkehr und in der öffentlichen Verwaltung Stellen wegfallen. Dafür sollen aber in den Branchen der Dienstleistungen, Finanzdiensten und dem Gesundheits- und Sozialwesen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Von einem massiven Stellenabbau durch die Industrie 4.0 ist nicht die Rede.
Bei ZF seien die meisten Tätigkeiten ohnehin zu komplex und unterschiedlich, als dass sie ohne weiteres von Maschinen übernommen werden könnten, betont Arnberger. Er sieht in den neuen Technologien vielmehr einen Unterstützungsfaktor, als eine Bedrohung für Beschäftigte.

Alois Amberger (ZF)

Dieser Unterstützungsfaktor ist insofern von zentraler Bedeutung, da die Aufgaben für die Arbeiter immer komplexer werden. Hier können laut Arnberger neue Technologien helfen, den Menschen zu entlasten und ihm erlauben, immer komplexere Tätigkeiten ausführen zu lassen. Auch der IAB betont, die Wichtigkeit dieser unterstützenden technischen Komponente, denn die Tätigkeiten würden bei rückläufigen Zahlen von Fachkräften in der Industrie immer anspruchsvoller werden.

Doch die Arbeitsplätze in Deutschland sind nicht nur in der Industrie zu finden. So sind rund 60% der Angestellten bei kleinen und mittleren Unternehmen tätig – Unternehmen, die sich nachweislich weniger mit dem Einsatz von Industrie 4.0 beschäftigen.

So auch bei der Schreinerei Smola in Tiefenbach im Raum Passau. Schon seit vier Generationen ist sie im Familienbesitz, neun Angestellte arbeiten dort. Die Auftragslage ist gut, der Betrieb wächst. Industrie 4.0 ist hier kein Thema, doch Maschinen werden schon seit rund 20 Jahren genutzt.

In keiner Zeit der Menschheitsgeschichte hat es so schnell so viele technische Neuerungen gegeben wie es derzeit der Fall ist. Diese verbesserte Technik ist eine Reaktion auf die immer komplexeren Arbeiten und den wachsenden Effizienzanspruch der Wirtschaft. Der Tenor in der Wirtschaft ist: Dort wo Arbeitsschritte von einer Maschine besser ausgeführt werden können, wird auch die entsprechende Technik eingesetzt werden. Betroffene Arbeitsplätze wird es dann in ihrer jetzigen Form nicht mehr geben. Doch bedeutet dies keinenfalls einen dauerhaften Stellenabbau, sondern vielmehr eine Verschiebung der Tätigkeitsfelder. Neue Techniken bringen neue Berufsfelder mit sich – und damit auch neue Jobs. Denn ebenso wie die Dampfmaschine keine Massenarbeitslosigkeit nach sich gezogen hat, werden verbesserte Digitalisierungsprozesse den Menschen nicht überflüssig machen.

Eine menschenleere Fabrik, selbstständige Maschinen, der Mensch zum Statisten in seinem eigenen Drehbuch verbannt. Wohl doch mehr der Stoff für einen Science-Fiction-Film als eine realistische Angst. Es wird wohl auch in Zukunft das Licht in den Fabriken brennen.

Alois Amberger (ZF)

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Ein unsichtbarer Beruf

Thomas Nigl übt einen Beruf aus, an den nicht viele Menschen denken. Aber ohne seine Tätigkeit könnte unser Leben nicht so funktionieren, wie wir es gewohnt sind:

Wir alle gehen jeden Tag auf das „stille Örtchen“. Der Toilettengang ist ein natürlicher Prozess, der uns unser ganzes Leben lang begleitet. Verwunderlich also, dass es eher ein Tabuthema in der Gesellschaft ist. Der Duden beschreibt die Toilette wie folgt:

“ein Becken, in das man die Blase und den Darm entleeren kann”

Das klingt eher nach einem maschinellen Vorgang als nach einem natürlichen Prozess. Wir selbst merken beim Verfassen dieses Magazinbeitrags, wie schwer es uns fällt, über den Toilettengang zu sprechen.

Wirft man einen Blick in die Kulturgeschichte des Sanitärbereiches, stellt man aber schnell fest, dass der Toilettengang nicht schon immer eine Peinlichkeit darstellt. Ganz im Gegenteil: Im alten Rom sah man eine direkte Verbindung zwischen der Verdauung, der Ausscheidung und dem körperlichen Wohlbefinden sowie dem kreativen Denken. Daher war der Toilettengang auch nichts Intimes. Öffentliche Latrinen waren im alten Rom weit verbreitet. Es gab keine Geschlechtertrennung und zum Säubern wurde ein Schwamm auf einem Stock verwendet, der ganz selbstverständlich von einem zum anderen weitergereicht wurde. Man kann hier auf keinen Fall von einem “stillen Örtchen” sprechen. Die öffentliche Toilette war ein Ort des Spielens und Redens. Auch Geschäfte (im wirtschaftlichen Sinn) wurden hier abgewickelt. Zudem waren die Hygienestandards bereits sehr hoch. Ein gutes Beispiel ist die öffentliche Toilette auf dem Marktplatz von Timgad, eine Stadt im heutigen Algerien. Die öffentliche Toilette wurde dort im 1. Jahrhundert n. Chr. von den Römern gebaut. Die Latrine war mit 25 Marmorsitzen ausgestattet und die Hinterlassenschaften wurden über ein Abwassersystem entsorgt. Nicht nur die öffentlichen Toiletten waren an ein Abwassersystem angeschlossen, auch einfache Mietshäuser verfügten über eine Frischwasserzufuhr und einen Anschluss an ein Abwassersystem. Dass für die Römer Abwasser nichts Anrüchiges hatte, wird auch dadurch deutlich, dass Fortuna zur Schutzgöttin der Latrine ernannt wurde.

Erst im Mittelalter veränderte sich der Ruf des Abwassers. Auch hier waren die Hinterlassenschaften allgegenwärtig: In den Städten landeten die Fäkalien auf der Straße. In den Burgen wurde erstmals im 16. Jahrhundert in Hofordnungen festgeschrieben, Geschäfte in dafür vorgesehenen Räumen zu verrichten. Zu dieser Zeit entwickelte der englische Dichter Sir John Harington den Vorläufer unserer heutigen Toilettenschüssel. Der Toilettengang blieb bis in das 20. Jahrhundert frei von Peinlichkeiten. Frauen erleichterten sich zum Beispiel auf offener Straße. Ihre langen Röcke boten den Damen dabei Schutz. Doch zunehmend rückte der Toilettengang in die intime Sphäre. Dafür sorgte vor allem die bürgerliche Gesellschaft, die den Fäkalien mit Scham begegnete.

Der Scham des Bürgertums des 20. Jahrhunderts hat sich bis ins 21. Jahrhundert gezogen. Das moderne Abwassersystem macht es möglich, sich mit seinen Hinterlassenschaften nicht weiter auseinandersetzen zu müssen. In Deutschland sorgen knapp 10.000 Kläranlagen dafür, dass das Abwasser gereinigt wird. Thomas Nigl arbeitet als Abwassermeister im Klärwerk Passau. Er kümmert sich dort um die Entsorgung der Fäkalien, die mit dem Spülen aus unserem Blickfeld verschwinden.

Sein Beruf lässt sich als unsichtbar beschreiben, hat doch ein Großteil der Bevölkerung ihn noch nicht bei seiner Arbeit gesehen. Das wird auch dadurch unterstützt, dass das Klärwerk Passau, wie die meisten Klärwerke in Deutschland, am Rand der Stadt liegt. Der Toilettengang ist präsent in unserem Alltag — schließlich gehen wir jeden Tag durchschnittlich sechs Mal aufs Klo. Die Verarbeitung unserer Fäkalien geschieht hingegen unbemerkt.

Drückt in Passau jemand die Spülung, erreichen die Abwässer über das 400 km lange Kanalisationsnetz das Klärwerk Passau in der Wiener Straße. Es kann schon einige Stunden dauern, bis das Abwasser nach dem Spülen das Klärwerk erreicht. Das kommt ganz darauf an, wo in Passau die Spülung gedrückt wird. Passau ist mit einer Fläche von 69 Quadratkilometern verhältnismäßig klein. Das Kanalisationsnetz von Berlin zum Beispiel umfasst 9.690 km!

Laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit beläuft sich die Zahl des Kanalisationsnetzes in gesamt Deutschland auf 515.000 km. Das Gesamtnetz könnte also 13 mal die Welt umrunden! 95 Prozent der Bevölkerung sind in Deutschland an das öffentliche Kanalisationsnetz angeschlossen. Im Passauer Klärwerk kommen bei trockenem Wetter zwischen 12.000 bis 17.000 Kubikmeter Wasser an. Bei Regenwetter können es bis zu 50.000 Kubikmeter werden.

In der Anlage wird das Abwasser zu sauberem Wasser aufbereitet. Die Reinigung läuft in fünf Schritten ab. Das Abwasser gelangt in der Kläranlage zunächst in die Rechenanlage. Dort wird es grob gefiltert. Zum Beispiel werden Textilien und Hygieneartikel aus dem Wasser aussortiert. Thomas Nigl erklärt, dass diese Dinge den Rechen kaputt machen. Kosmetik- und Feuchttücher seien besonders schlimm. Also ab in den Müll damit — nicht in die Toilette! Nach der Rechenanlage gelangt das Wasser in den Sandfang. Das ist ein langes Wasserbecken. Das Wasser fließt durch den Sandfang mit einer Geschwindigkeit von 30 cm pro Sekunde. Dadurch setzen sich Sand, Kies und Steine am Beckenboden ab. Diese werden mechanisch abgetragen und das Wasser ist davon befreit. Nach dem Sandfang gelangt das Wasser in das Vorklärbecken. Hier fließt das Wasser mit einer Strömung von 1,5 cm pro Sekunde. Dadurch setzen sich auch kleine Sandkörner ab, die im Sandfang nicht gefiltert werden konnten. Im vierten Schritt gelangt das Abwasser in das Belebungsbecken. Bis jetzt wurde das Abwasser mechanisch gereinigt. Im Belebungsbecken wird es nun biologisch gesäubert. Bakterien und Mikroorganismen verarbeiten gelöste Stoffe wie Phosphate und Stickstoffverbindungen, die im Abwasser enthalten sind. Im letzten Schritt der Reinigung gelangt das Abwasser (der Fachmann spricht von Schlamm) in das Nachklärbecken. Hier kann sich der Schlamm ein letztes Mal absetzen. Räumer tragen ihn dann ab. Er gelangt noch einmal in das Belebungsbecken. Das saubere Wasser wird dann in die Donau geleitet. Diesen langen Prozess überwachen Thomas Nigl und seinen Kollegen ständig. Nicht nur vor Ort an den Maschinen, sondern auch am Computer.

Schon zu seiner Schulzeit interessierte sich Thomas Nigl für den Umweltschutz. Durch verschiedene Praktika kam er zur Kläranlage Passau und machte dort die Ausbildung zum Ver- und Entsorger. Danach folgte die Prüfung zum Abwassermeister. Für ihn war und ist das Reizvolle die Vielfältigkeit seines Jobs. Der Beruf wird ihm nie langweilig. Die Aufgabenfelder umfassen die Bereiche Elektrotechnik, Chemie, Biologie bis hin zur Instandsetzung und Instandhaltung der Anlage. Thomas Nigl kann sich nicht vorstellen, in einem anderen Bereich als dem Umweltschutz tätig zu sein.

Auf verschiedenen Ebenen wird dafür gesorgt, dass die Anlage zuverlässig läuft. Zum einen werden wichtige Anlagenteile „redundant“ ausgeführt, das heißt, dass sie im Klärwerk doppelt eingebaut werden. So kann bei Ausfall eines Teils das zweite Teil die Aufgabe übernehmen. Zum anderen benötigt eine Kläranlage eine ausreichende Anzahl von qualifiziertem Personal. Die Kläranlage läuft 365 Tage im Jahr. Im Bereitschaftsdienst kümmern sich die Mitarbeiter der Anlage in Passau darum, dass unser Abwasser verarbeitet wird. Thomas Nigl unterstreicht: “Ein Klärwerk braucht einen Abwassermeister. Ohne Klärwerk schaut es schnell schlecht aus.” Würde das Abwasser ungefiltert in den natürlichen Wasserkreislauf gelangen, würde die Natur verschmutzt werden. Die Abwässer wären ein Herd für Keime und schädliche Mikroorganismen. Wir hätten kein sauberes Grundwasser mehr. Während des Hochwassers im Jahr 2013 war die Situation brenzlig. Der Wasserpegel hätte nur um fünf bis zehn Zentimeter steigen müssen und das Kläranlage wäre geflutet worden.

Der Beruf des Abwassermeisters ist ein Beruf, der für viele von uns unsichtbar ist. Solange alles funktioniert, denkt kaum jemand darüber nach, dass es diesen Beruf überhaupt gibt. Zum Glück gibt es Menschen wie Thomas Nigl, die sich um die Entsorgung unserer Fäkalien kümmern. So können wir nach dem Spülen den Klodeckel schließen und müssen uns nicht weiter um Kot und Urin — um es mal beim Namen zu nennen — kümmern. Ohne den Abwassermeister würde das nicht funktionieren.

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Mehr Menschlichkeit wagen

Für Friedenreich Hundertwasser war sie die größte Gefahr: Die gerade Linie. Auch wenn sie noch so „funktional” erscheinen mag, so war die mit dem Lineal gezogene Linie für Hundertwasser ganz und gar „unmenschlich”.

Die gerade Linie ist dem Menschen, dem Leben, der gesamten Schöpfung wesensfremd. Der gerade Boden ist eine Erfindung der Architekten - er ist maschinengerecht aber nicht menschengerecht.
Friedenreich Hundertwasser - KunstHaus Wien

Gibt es etwas auf dieser Welt ohne Funktion? Etwas, das für wirklich gar nichts verwendet werden kann – nicht einmal mehr als Briefbeschwerer?  Muss alles immer funktionieren, stets „funktional” sein?

Der anhaltende Trend der Technologisierung meint ganz klar: ja! Die „Funktionalität“ schafft erst die Existenzberechtigung: Funktioniert etwas, bleibt es Teil des Systems, alles andere wird aussortiert.

Das wirft die Frage auf: Wie viel „Mensch” steckt eigentlich noch hinter seiner Funktion?

Cube zeigt Möglichkeiten auf, den Menschen aus einer anderen als nur der funktionalen Perspektive zu betrachten. Cube ist eine Sammlung von Geschichten über die Funktion und das Funktionieren, ganz unter dem Motto: Mehr Menschlichkeit wagen.

🔗 CUBE Story

Doch was bedeutet der Begriff „Funktion” überhaupt?

Funktion kann philosophisch als Holismus gesehen werden: Es setzt ein System voraus, ein Ganzes, das dem Einzelnen vorgeordnet ist. Damit dieses System aufrechterhalten wird, ist jedes Element auf das Ganze hin abgestimmt und erhält dahingehend seine spezifische Funktion.

Vom Küchengerät bis zum Computer – vor allem technische Geräte werden meist mit einem bestimmten Funktionsgedanken konzipiert. „Funktion” findet man neben der biologischen Definition also vor allem dort, wo etwas Künstliches geschaffen wurde.

Schon Aristoteles spricht in seinen Schriften von „Poesis” (ποίησις, „Erschaffung“) – dem Herstellen von Produkten. In diesem Zusammenhang fällt bei Aristoteles ein ganz zentraler Begriff: Das  „Telos“ (altgriechisch τέλος: Ziel).

Betrachtet man das Telos rein technisch, ist nur der äußere Erfolg der Handlung für seine Bewertung ausschlaggebend, der Techniker wird lediglich am „Wert seines Produktes“ beurteilt. Die ethische Qualität der Handlung wird hiernach nur nach dem Resultat bewertet.

Von daher überrascht es auch nicht, dass eine solche Denkweise mit dem Utilitarismus um John Stewart Mill gerade in der Zeit der Industrialisierung aufkam. Das Zeitalter der Technisierung schreitet seither ununterbrochen fort.

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Doch damit wird man dem Telos des Aristoteles nicht gerecht:

Ein menschliches Gespräch hat einen Wert in sich selbst – unabhängig davon, ob es einen messbaren, äußeren Erfolg hat. Deswegen heißt „Telos“ bei Aristoteles: Eine „ethisch gute Handlung” hat sowohl ihren Wert als auch ihr Ziel in sich selbst. Eine sittlich wertvolle Handlung ist in sich selbst eine Belohnung. So führt man ein geglücktes und letztendlich ein „glückliches“ Leben.

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In einer voll-industrialisierten, „technischen“ Welt ist alles ein Kostenfaktor. Das technische „Ziel“, beziehungsweise die technische „Funktion“ betrachtet das Resultat vor allem in Bezug auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Das beinhaltet knallhartes Kalkulieren.

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Man versucht nunmehr, mit dem geringstmöglichen Input einen möglichst großen Output zu erreichen. Eine funktionierende Gesellschaft benötigt durchaus reibungslos ablaufende Funktionen.

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Dabei ist es ethisch vollkommen unbedenklich relative Werte gegeneinander abzuwägen. Ein sittlicher Wert ist jedoch ein absoluter Wert. „Absolut“ heißt hier auch mathematisch unendlich. Damit funktioniert das kalkulierende Kosten-Nutzen Denken nicht mehr.  Laut Immanuel Kant ist ein solcher absoluter Wert zum Beispiel die Menschenwürde.

Bei einer konsequent funktionalistischen Sichtweise auf den Menschen laufen wir Gefahr, ganz und gar das „Menschliche“ im Menschen, seine Würde, einfach zu vergessen.

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Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest. Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, hrsg. v. T. Valentiner u. eingel. v. H. Ebeling, Stuttgart 2004, S. 68

Ein Beispiel: Ein mutmaßlicher Terrorist darf nach Kant nicht gefoltert werden, auch nicht wenn er im Besitz von Informationen ist, die einen Terroranschlag verhindern könnten. Demnach ist die Folter ein absoluter Unwert, da der Mensch hierbei ausschließlich als Mittel gebraucht wird – nämlich als Mittel zu dem Zwecke irgendeine Information aus ihm herauszupressen.

Ungeachtet dessen könnte die Folter in bestimmten Kontexten erfolgreicher sein – kurzfristig erfolgreicher. Ein Beispiel wäre die Verhinderung eines unmittelbar drohenden Terroranschlages. Doch wer möchte schon in einem Staat leben, in dem keinerlei Scheu existiert auch den Menschen komplett zu funktionalisieren? Folter kann kein legitimes Mittel zur Konfliktlösung sein.

Ein Mittel ist aber letztendlich auch immer ein kontingentes Mittel. Das heißt, es kann stets durch – zum Beispiel ein sittlich einwandfreies – Mittel ersetzt werden.

Der Utilitarismus ist eine Form der zweckorientierten Ethik. Auf eine klassische Grundformel reduziert folgt er dem „Maximum Happiness Principle” mit dem Ziel den „größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Zahl” zu erreichen.

In der Wirtschaft mag das Kosten-Nutzen Denken als Prämisse dienen, doch ist der dabei erwirtschaftete „Nutzen” stets nur ein Relativer. Viel zu oft fällt heutzutage die Frage: „Was nutzt das?” und viel zu selten „wem nützt das eigentlich?”

Der Mensch denkt immer öfter nur innerhalb des geschaffenen Systems – nicht etwa darüber hinaus. Das ökonomische System setzt Wachstum als integralen Bestandteil voraus. Von Günter Grass stammt der Satz: „Nur der Krebs wächst unbegrenzt.“ Sprich: Ein gesundes Wachstum hat seine Grenzen. Das „grenzenlose” ökonomische Wachstum kann auf Dauer keinen Bestand haben.

Das System am Laufen zu halten heißt immer neuere technische Lösungen hervorzubringen – noch mehr Technik auf die bereits bestehende draufzusetzen. Bleiben wir bei der Funktion im Rahmen eines größeren Systems, lässt sich oft feststellen: Wenn man ein funktionierendes System geschaffen hat, dann gelingt es mitunter nur sehr schwer, dieses wieder aufzubrechen.

Für einen Wandel müsste das ganze System geändert werden. Bricht dann Chaos aus, weil ein etabliertes System nicht mehr funktioniert, wegbricht? Muss gar wieder am zivilisatorischen Nullpunkt begonnen werden? Einem solchen Kataklysmus steht jedoch die große Angst des Menschen vor dem „absoluten“ Chaos und sein Hang hin zur Bequemlichkeit entgegen.

Fest steht: Bewegen wir uns als Gesellschaft unbeirrt weiter in die Richtung einer rein utilitaristischen Kostenrechnung, wird dies auf Dauer nicht funktionieren. Wir müssen mehr Menschlichkeit wagen, sprich Dinge aus einer anderen als aus der bloß technisch-funktionalen Perspektive betrachten.

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