Das Spiel mit der Wahrheit in Filmen, Videospielen und Serien

Ein junger Hacker trifft auf eine geheimnisvolle, von der Polizei gesuchte Frau, die ihn vor einer bevorstehenden Gefahr warnt. Am nächsten Morgen stehen feindliche Agenten vor seiner Tür, denen er nur mit Mühe und Not entkommen kann – irgendetwas läuft hier gewaltig falsch. Schließlich erfährt er, dass sein gesamtes Leben eine Lüge ist und eigentlich nur in seinem Kopf stattfindet. In Wahrheit haben intelligente Maschinen nach einem fatalen Krieg die Macht übernommen und die Menschheit versklavt; alles Leben findet nun nur noch in einer virtuellen Realität statt. Der junge Hacker hat die Wahl – will er in diese Lüge zurückkehren oder stattdessen herausfinden, wie die Wirklichkeit aussieht?

So lässt sich der Plot des Films Matrix aus dem Jahr 1999 grob zusammenfassen. Die große Wendung des Films gehört zu den bekanntesten Plot Twists der Filmgeschichte und macht einmal mehr deutlich, wie sehr das Spiel mit der Wahrheit die Narration einer Geschichte beeinflussen kann. Matrix würde ohne diesen Twist nur halb so gut funktionieren; die in der vermeintlichen Gegenwart spielende Einleitung führt langsam auf den großen Konflikt des Films hin und verändert unseren Blick auf die nach der Wendung folgende Handlung grundlegend.
Es ist nicht verwunderlich, dass wir in so vielen Werken auf die ein oder andere Weise den Einsatz von Plot Twists finden, egal, ob es sich dabei um Filme, Serien oder Videospiele handelt. Zentral ist die radikale Änderung der Richtung einer fiktiven Geschichte; die Handlung wird über den Haufen geworfen und entwickelt sich völlig gegensätzlich zur bisherigen Erwartung des Publikums.  Plot Twists können relativ am Anfang eines Werkes auftauchen, irgendwo in der Mitte oder sogar wenige Augenblicke vor dem Ende einer Geschichte. Wichtig ist einfach nur, dass das Publikum sie gar nicht oder nur zu einem gewissen Grad erwartet hat – wenn die große Wendung schon ohne jeden Zweifel von Anfang an bekannt ist, verliert der Plot Twist seine Effektivität und wird wirkungslos. Trotzdem kann er mit kleinen Hinweisen angedeutet werden, um seine Plausibilität nicht völlig zu verlieren und dem Publikum bei der Enthüllung einen „Aha“-Moment zu bescheren.

Wir finden Plot Twists sowohl in echten Klassikern wie Psycho (1960) als auch in modernen Videospiel-Blockbustern wie Heavy Rain (2010), in Mystery-Serien wie Lost (2004 – 2010), in Survival-Horror-Games wie Silent Hill 2 (2001), in Thrillern wie Shutter Island (2010).
Aber warum ist das eigentlich so? Was macht die besondere Faszination aus, wieso lassen wir uns von Geschichten dieser Art so sehr begeistern? Was macht einen guten Richtungswechsel aus? Und sind alle Plot Twists eigentlich gleich oder gibt es Unterschiede? Kurz gesagt: Warum lieben wir Plot Twists?

Vorab noch eine kleine Warnung: Hier gibt es Spoiler!

Eine kurze Geschichte der Plot Twists

UrsprüngeFilmeVideospiele

Die Ursprünge:

„An unexpected development in a book, film, television, programme, etc.” – Oxford Dictionary

Die Ursprünge der Plot Twists reichen Jahrtausende weit zurück. Das Geschichtenerzählen ist ein elementarer Bestandteil unseres Lebens – und natürlich waren in den unterschiedlichen Jahrhunderten Geschichten mit überraschenden und spannenden Handlungen keine Seltenheit. Das offensichtlichste und vielleicht gerade deswegen oft unbeachtete Beispiel ist die Bibel; was ist die Auferstehung von Jesus wenn nicht einer der frühesten und bekanntesten Plot Twists überhaupt? Auch Homers Ilias mit dem Fall Trojas durch das Trojanische Pferd, die Enthüllung von Ödipus‘ Vatermord und Inzest oder The Tale of the Three Apples aus Tausendundeine Nacht sind exzellente Beispiele für Plot Twists, die bereits vor tausenden von Jahren erzählt wurden und auch heute noch Material für weitere Werke bieten.

Der Film – „I’m home!“

Auch in Filmen wurden Plot Twists schon vor langer Zeit ein essentielles Gestaltungsmerkmal; eines der frühesten Werke ist hier Das Cabinet des Dr. Caligari von 1920. Der Stummfilm enthüllt am Ende, dass die gesamte Handlung eigentlich nur eine Wahnvorstellung des Protagonisten war, welcher Patient in einer Irrenanstalt ist.

Der 1955 erschienene Die Teuflischen erfand quasi die moderne Warnung vor Spoilern, indem er die Zuschauer im Abspann bat, das Ende des Films nicht weiterzuerzählen und den Plot Twist so vor allen zukünftigen Besuchern geheim zu halten. Dies war zuvor nicht üblich und daher ein erster und wichtiger Schritt zu unserem heutigen Umgang mit Spoilern.

Ebenfalls nicht ungenannt darf Alfred Hitchcock bleiben, der mit Psycho (1960) zeigte, dass Plot Twists nicht zwingend erst am Ende eines Filmes passieren müssen. In seinem Meisterwerk lässt er die vermeintliche Protagonistin bereits in der ersten Hälfte sterben, wandelt den Film in einen Thriller und enthüllt die wahre Hauptfigur: den psychopathischen Serienmörder Norman Bates.

Ein weiterer Meilenstein war Planet der Affen (1968). Hier steht der Plot Twist nicht im Vordergrund und wird auch erst in der letzten Einstellung aufgelöst: der Astronaut Taylor steht vor einer halb versunkenen Freiheitsstatue; die gesamte Handlung findet nicht wie gedacht auf einem fernen Planeten statt, sondern auf der Erde. Das ohnehin schon negative Ende wurde auf einmal doppelt so deprimierend und ebnete den Weg für viele weitere Filme dieser Art.

Das Videospiel – „If everything’s a dream, don’t wake me.“

Und schließlich erkannten auch Videospiele die Effektivität der Plot Twists für sich, wenn auch vergleichsweise spät. Zwar gab es die ersten kommerziell erfolgreichen (Arcade-) Spiele wie Space Invaders und Pong bereits in den 1970ern, doch ausgefeilte Storylines suchte man hier vergebens. Als eine der ersten unvorhergesehen Wendungen in einem Videospiel kann wohl das Ende von Metroid (1986) gesehen werden – nachdem in diesem Weltraumabenteuer der letzte Bossgegner besiegt ist und der Protagonist seinen Helm abnimmt, wird klar, dass der Held eigentlich gar kein Held, sondern eine Heldin ist.

Dass dieses Ende als einer der ersten Plot Twists der Videospielgeschichte gilt, zeigt zum einen deutlich das damalige Frauenbild; zum anderen lässt sich daran sehr schön aufzeigen, wie sich das Storytelling seither entwickelt hat. Heute werden in Videospielen genauso komplexe und tiefgründige Geschichten erzählt wie in Serien und Filmen und es gibt zahlreiche Beispiele von Titeln, die gerade durch ihren Plot Twist so erfolgreich wurden. Nennenswert sind hier unter anderem Bioshock (2007), Read Dead: Redemption (2010) oder Final Fantasy VII (1997).

Drei Arten von Plot Twists an drei Beispielen:

Star Wars: Episode V – Das Imperium schlägt zurück (1980) – Der Plot Twist als Cliffhanger:

Es gibt Plot Twists, die eine ganze Generation und ein komplettes Genre prägten – so auch der fünfte Teil der Star Wars-Saga. Das Imperium schlägt zurück legte zusammen mit Krieg der Sterne (1977) den Grundstein für unsere heutige Geek- und Nerd-Kultur, holte Filme dieses Genres aus ihrem Nischendasein heraus und begründete eines der erfolgreichsten Franchises der Welt. Außerdem schaffte es eine der ikonischsten Filmszenen aller Zeiten und führte die Verwendung eines Plot Twists als Cliffhanger ein.

Am Ende von Das Imperium schlägt zurück steht die Hauptfigur Luke Skywalker dem Antagonisten Darth Vader gegenüber, die Helle kämpft gegen die Dunkle Seite der Macht – und schließlich enthüllt Darth Vader, dass er Luke Skywalkers Vater ist.

Darth Vader: „Obi-Wan never told you what happened to your father.
Luke Skywalker: „He told me enough! He told me you killed him!
Darth Vader: „No, I am your father.“

Nach wenigen weiteren Szenen ist der Film vorbei und der Zuschauer bleibt ohne Auflösung und mit vielen offenen Fragen zurück. Der Plot Twist sollte den Zuschauer schocken, ihn überraschen und vor allem die volle Tragik der Geschichte vermitteln. Er fungiert hier als Trittstein, um die weitere Handlung der Reihe für die Zuschauer attraktiv zu machen und dem Film ein offenes Ende zu geben. Denn der Zuschauer hat Fragen! Welchen Einfluss übt diese Enthüllung auf Luke Skywalker aus? Was bedeutet dies für die vorhergegangene und auch die folgende Handlung? Hat Darth Vader die Wahrheit gesagt oder uns und Luke doch nur angelogen, um seine Ziele zu erreichen? Für Antworten muss er sich unweigerlich Die Rückkehr der Jedi-Ritter ansehen, das Finale der Trilogie.
Das war auch George Lucas und Irvin Kershner bewusst: Die Schöpfer von Das Imperium schlägt zurück hielten den großen Twist sogar vor ihren eigenen Schauspielern geheim, um zu verhindern, dass etwas davon an die Öffentlichkeit gelangte. Die Szene wurde daher mit leicht abgeändertem Dialog gedreht und man fügte die tatsächliche Enthüllung erst nachträglich ein. Einzig und allein Mark Hamill als Darsteller von Luke Skywalker wurde bereits im Voraus informiert, um die Szene auch mit der nötigen Emotionalität darstellen zu können.

Mark Hamill:

I’ve said this before, but they kept that line secret: “I am your father.” What was in the script was already a fantastic twist. Vader says [in Darth Vader voice], “You don’t know the truth. Obi-Wan killed your father.” And I played it just as you see it. “No!” and all that. But [prior to shooting] they pulled me aside and [Irvin] Kershner, the director, said, “Look, I’m going to tell you something. George knows, I know, and when I tell you, you’ll be the third person that knows.

Plot Twists funktionieren deshalb so gut als Cliffhanger, weil der Zuschauer nach einer unerwarteten Wendung immer erfahren will, wie es dazu kam und was genau diese neue Richtung nun für die Handlung und die Charaktere bedeutet. Der Twist löst hier nicht den Film auf, sondern öffnet vielmehr eine neue Geschichte, die erzählt werden muss.

Game of Thrones (seit 2011) – Der Plot Twist als „Slow Burn“:

Ganz anders verhält es sich bei der Serie Game of Thrones, die auf der Buchreihe Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin basiert. Hier steht der Plot Twist nicht am Ende der Serie, sondern ist in gewissem Maße schon von Anfang an bekannt oder kann zumindest vermutet werden. Schon seit der ersten Staffel beziehungsweise dem ersten Buch besteht die Theorie, dass der Protagonist Jon Snow nicht wie von allen angenommen ein unwichtiger Bastard, sondern eigentlich der legitime Sohn eines Prinzen und damit der rechtmäßige Thronerbe des Königreiches Westeros ist. Explizit wird dieser Plot Twist in den ersten Staffeln nie bestätigt und auch die Theorie an sich ist anfangs allenfalls dürftig und lange Zeit ohne eine entsprechende Grundlage. Im Laufe der verschiedenen Staffeln finden sich allerdings immer mehr Hinweise und Indizien, bis der Plot Twist in der zehnten Folge der sechsten Staffel und dann nochmals in der siebten Folge der siebten Staffel offiziell wird.

Produzent D. B. Weiss:

I would say the challenge with this sequence was finding a way to present information that at least a good portion of the audience already had in a way that was dramatic and exciting, and also had a new element to it.

Anders als in Das Imperium schlägt zurück geht es hier nicht darum, die Zuschauer mit einer überraschenden Wendung zu schockieren und eine Fortsetzung zu legitimieren. Vielmehr wird der Plot Twist langsam aufgebaut und etabliert; wenn Jon Snows wahre Herkunft schließlich enthüllt wird, glaubt der Zuschauer der Serie und hinterfragt das Gesehene nicht. Trotzdem sind beide Szenen spannend und aufregend, was vor allem an ihrer Inszenierung liegt.

Der Reiz an dieser Art des Plot Twists ist vor allem, über die Staffeln und Folgen hinweg selbst nach Hinweisen zu suchen und eine Bestätigung für die eigene Theorie zu finden. Eine Bemerkung eines Nebencharakters hier, eine verräterische Kameraeinstellung da: auf der Jagd nach einem guten Plot Twist Sherlock Holmes zu spielen, begeistert uns alle. Und wenn Jon Snows wahre Identität dann gezeigt wird, ist es natürlich trotzdem ein sehr guter und spannender Plot Twist – aber bei allen Zuschauern, die seit der ersten Folge nach Hinweisen suchen und den Richtungswechsel der Handlung bereits vermuteten oder fest daran glaubten, verursacht es zusätzlich ein sehr befriedigendes Gefühl.

Dragon Age Inquisition (2014) – Der Plot Twist als Revision der Geschichte:

Eine erneut völlig andere Richtung schlägt das Videospiel Dragon Age Inquisition des kanadischen Entwicklers Bioware ein. Ähnlich wie in Game of Thrones lädt der Plot Twist dazu ein, auf die Suche nach Hinweisen zu gehen – allerdings nicht, um die Wendung im Vorhinein zu bestätigen, sondern um im Nachhinein zu verstehen, wie um alles in der Welt man diesen Plot Twist nicht kommen sehen konnte. In Dragon Age Inquisition spielt man den Inquisitor, der zusammen mit einigen Gefährten die Welt von Thedas vor einer magischen Bedrohung retten muss. Das komplette Spiel hindurch gibt es einen konkreten Gegenspieler, der dem Protagonisten das Leben schwer macht und aufgehalten werden muss. Zumindest bis zur finalen Mission, denn hier wird aufgedeckt, dass einer der scheinbar unwichtigen Nebencharaktere der wahre Antagonist des Spiels ist und sich als einer der Gefährten die ganze Zeit vor der Nase des Spielers befand. Rückblickend ist dessen wahre Identität offensichtlich, denn bereits am Anfang drängt das Spiel die Figur ganz deutlich in eine bestimmte Richtung. Trotzdem schenkt der Spieler ihr keine Beachtung und obwohl es durch sämtliche Missionen hindurch unendlich viele Hinweise und Anspielungen gibt, erkennt man den Plot Twist erst ganz am Ende.

Dieses narrative Stilmittel bezeichnet man auch als Chekhov’s Gun; jeder in die Handlung eingeführte Gegenstand und auch jede Figur muss einen Sinn haben und früher oder später wichtig werden – ansonsten ist die Erwähnung für die Geschichte überflüssig und kann ausgelassen werden. So auch bei dieser Art des Plot Twists; augenscheinlich nicht weiter beachtenswerte Details, Handlungen und einzelne Dialogzeilen sind in Wirklichkeit von großer Bedeutung und werden essentiell für die große Enthüllung am Schluss.

Der Plot Twist am Ende stellt die gesamte vorherige Handlung auf den Kopf und eröffnet einen völlig neuen Blickwinkel auf die Ereignisse. Nichts ist mehr, wie es die ganze Zeit hindurch schien und alles muss nun im Nachhinein hinterfragt werden. Wendungen dieser Art erhöhen vor allem den Wiederspielwert eines Videospiels oder bringen den Zuschauer dazu, einen Film nochmals zu sehen. Denn beim zweiten Durchgang und mit dem großen Plot Twist im Hinterkopf sind die ganzen Anspielungen und Anzeichen dann offensichtlich und das Werk wird zu einer völlig neuen Erfahrung.

Und es geht noch weiter - Wie man Plot Twists außerdem einsetzen kann:

In The Sixth Sense (1999) findet der Plot Twist erst ganz am Ende des Films statt, wenn der Protagonist erkennt, dass er eigentlich tot und ein Geist ist. Das nennt man auch Anagnorisis; die Hauptfigur macht eine plötzliche Entdeckung über ihren eigenen Zustand, die ihr gesamtes Dasein auf den Kopf stellt.

Ebenfalls beliebt ist der unzuverlässige Erzähler. Dieser manipuliert die Geschichte und schickt den Rezipienten auf eine falsche Fährte. So auch in Star Wars: Knights of the Old Republic (2003), das oft als Paradebeispiel für den Plot Twist in Videospielen genannt wird. Der Spieler erfährt die Rahmenhandlung von einem Nebencharakter und wird dadurch auf eine völlig falsche Fährte gelockt; erst später kommt heraus, dass die besagte Figur nicht die Wahrheit erzählt und die Handlung eigentlich in eine alles verändernde Richtung geht. Schuld am Plot Twist ist also der Erzähler, da er entweder wissentlich oder unwissentlich wichtige Informationen verschweigt und so die Geschichte manipuliert. Dieses Prinzip findet sich auch in Fight Club (1999).

Plot Twists können auch durch eine non-lineare Geschichte große Wirkung entfalten; so etwa in Westworld (seit 2016). In dieser Serie befindet sich der Plot Twist ähnlich wie in Dragon Age Inquisition die ganze Zeit über vor der Nase des Zuschauers, wird aber erst später aufgelöst. Die scheinbar lineare Geschichte in Westworld besteht eigentlich aus zwei Handlungssträngen, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen. Es ist hier die Aufgabe des Zuschauers, den richtigen zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren und herauszufinden, was Gegenwart und was Vergangenheit ist.

Plot Twists können auch genutzt werden, um Filmen, Serien oder Videospielen ein offenes Ende zu geben und den Zuschauer so im Unklaren zu lassen. Ein Beispiel ist hier Blade Runner (1982), welcher ganz zum Schluss die Frage aufwirft, ob der Protagonist nicht vielleicht ebenfalls ein Modell synthetischer Replikanten ist, die er den ganzen Film hindurch als vermeintlich menschlicher Polizist jagt. Oder Inception (2010), in dem nicht vollständig klar wird, ob die Protagonisten am Ende wieder aus der Traum- und zurück in die reale Welt finden.

Warum wir Plot Twists lieben:

Wir haben gesehen, dass Plot Twists als Cliffhanger dienen können, als Jagd nach Hinweisen, als Suche nach der Wahrheit, als Revision einer kompletten Geschichte. Sie können uns in die Irre führen, uns schockieren, uns zum Weinen bringen, uns glücklich machen. Manche Plot Twists prägen ein komplettes Genre, andere ebnen den Weg für neue Geschichten. Die Faszination von Plot Twists ist auch heute noch ungebrochen und man kann ohne jeden Zweifel sagen, dass sie noch lange nicht am Ende sind.

Im Urban Dictionary werden Plot Twists als “A sudden change in events, often ironic.” beschrieben. Und vielleicht sollten wir sie auch genau so betrachten: mit einem Augenzwinkern. Denn egal in welchem Medium geht es doch grundlegend darum, uns als Leser, Zuschauer oder Spieler zufriedenzustellen. Uns zu begeistern. Und darum, eine spannende und gute Geschichte zu erzählen. Genau darum lieben wir Plot Twists und das Spiel mit der Wahrheit.

Lügen haben kurze Beine & Kindermund tut Wahrheit kund

Was verbindet Wahrheit mit Sprichwörtern? Und wie beginnt man eine Geschichte über Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten? Denn „Aller Anfang ist schwer“, wie jeder weiß!

Gemeinsam wollen wir heute diesen besonderen sprachlichen Wendungen auf den Grund gehen und einiges herausfinden: Wieso befassen sich so viele Sprichwörter mit dem Thema Wahrheit? Oder ist das vielleicht gar nicht der Fall? Warum nutzen wir sie tagtäglich und wieso sind viele dieser idomatischen Wendungen auch nach Jahrzehnten noch im deutschen Sprachgebrauch zu finden? Doch vor allem eine Frage ist unvermeidlich: Sind Sprichwörter tatsächlich immer wahr oder gilt wie so oft das Sprichwort „Ausnahmen bestätigen die Regel“?

 

Menschen sind aus Geschichten gemacht, nicht aus Atomen.

Die Psychologen Dieter Frey und Lisa Katharina Schmalzried stellen im Buch „Psychologie der Sprichwörter – Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?“   grundlegend fest, dass „Sprichwörter eine Funktion in der zwischenmenschlichen Kommunikation haben: In einprägsamer Form vermitteln sie kulturell geprägte Verhaltensnormen“. Zudem wird  das menschliche Miteinander, das sonst häufig zu Missverständnissen zwischen Personen führt, vereinfacht, da Sprichwörter auf einfache Art zum Teil komplizierte Informationen vermitteln. Auch der Wissenschaftler Georg Friedrich Seiler ergänzt, dass „das Sprichwort (…) dem tiefgewurzelten Bedürfnis des Menschen entgegen kommt, sein Leben nach formulierten Grundsätzen einzurichten (…)“. Der Mensch richtet sich nach Vorschriften und findet so eine Hilfe, um richtig zu handeln. Genau das können Sprichwörter gewährleisten.

Hier müsst ihr das gezeichnete Sprichwort erraten:

Also volle Konzentration! Klickt einfach auf die Antwort, die ihr für richtig haltet.

Aktualität

Auch wenn nun deutlich wurde, warum der Mensch Sprichwörter verwendet, bleibt die Frage nach der Aktualität von Sprichwörtern weiterhin ungeklärt. Doch hierfür gibt es zwei simple Erklärungen. Zum einen stammen viele Sprichwörter  aus der Bibel, dem meistgelesenen Buch der Welt. Die darin verankerten christlichen Grundsätze verdeutlichen, wie Menschen miteinander umgehen und ihre Nächsten behandeln sollen. Durch ihre Funktion, Verhaltensnormen zu vermitteln, ist es auch laut den Psychologen Dieter Frey und Julia Albrecht zum anderen „kein Zufall, dass Sprichwörter einen Spiegel der Erfahrung von Generationen von Menschen darstellen“. Zudem sind Sprichwörter ein Teil der Sprache. Diese verändert sich zwar, wird aber dennoch von Generation zu Generation weitergegeben.

Auch Rolf-Bernhard Essig hat dazu eine klare Meinung und weiß zudem, warum die Aktualität von Sprichwörtern immer bestehen bleibt. Denn Sprichwörter sind als Teil der Sprache untrennbar mit ihr verbunden. Doch nicht nur das. Auch für die Nutzung von Sprichwörtern im Alltag gibt es viele Gründe. Ob trösten, angeben oder fokussieren, durch sie kann man viele Dinge besser auf den Punkt bringen. Zudem sind diese besonderen sprachlichen Wendungen in bestimmten Berufen nicht wegzudenken. Denn sowohl die Politik als auch die Werbung wären ohne Sprichwörter aufgeschmissen. In der Branche der Werbung geschieht das aber nicht nur einseitig, denn viele bekannte Werbesprüche werden wiederrum zu neuen Sprichwörtern.

 

Wenn man sich tagtäglich mit Sprichwörtern befasst, hat man im Laufe der Jahre eine enorme Menge dieser sprachlichen Besonderheiten kennengelernt. Da steht die Frage nach dem Lieblingssprichwort praktisch im Raum. Also, Herr Dr. Essig, welches Sprichwort ist Ihr Favorit?

Hast du auch ein Lieblingssprichwort? Wenn nicht, findest du hier ein paar Sprichwörter, die gerne dein Favorit wären.

„Besser ein weiser Tor als ein törichter Narr.“ (William Shakespeare)

„Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist.“ (William Shakespeare)

„Die Weisheit eines Menschen misst man nicht nach seinen Erfahrungen, sondern nach seiner Fähigkeit, Erfahrungen zu machen.“ (George Bernard Shaw)

„In vino veritas“. (Alkaios von Lesbos)

 

 

Sprichwörter: Allgemeine Norm oder persönliche Wahrheit?

„Kindermund tut Wahrheit kund“, „Lügen haben kurze Beine“, „Ehrlich währt am längsten“, „Lügen, dass sich die Balken biegen“. Viele bekannte Sprichwörter sprechen dafür, dass Sprichwörter und Wahrheit eine besondere Verknüpfung haben. Doch reicht das aus?

In einigen Fachbüchern finden sich Kapitel zu biblischen Sprichwörtern oder „Bauernregeln“, die jeweils jahrhundertalte Weisheiten, Lebensregeln und (praktische) Tipps beispielsweise für die Landwirtschaft vermitteln. Hier braucht es oft keine Lehrbücher, denn durch ein einprägsames Sprichwort ist die Information ausreichend vermittelt.

Speziell zum Themengebiet Wahrheit lassen sich dagegen nur wenige Informationen finden. Woher kommt also der Verdacht der Verknüpfung zwischen Wahrheit und Sprichwörtern? Auch Julia Albrecht und Dieter Frey stellen fest, dass „ein großer Teil der volkstümlichen Weisheiten die zwischenmenschliche Interaktion betrifft – ein zentrales Thema der Sozialpsychologie“. Das menschliche Miteinander, in dem je nach Kultur verschiedene Normen maßgebend sind, stellt die Verknüpfung dar. Die sozialen Regeln werden im Kindesalter nicht anhand von Büchern oder anderen Hilfsmitteln erlernt, sondern vor allem durch die Eltern und deren Sprache weitergegeben. Das führt zum Feld der Sozialpsychologie. Hier wird herausgefunden, was Menschen dazu veranlasst zu lügen und ob es immer richtig ist, die Wahrheit zu sagen.

Rolf-Bernhard Essig erklärt, dass Sprichwörter an sich nicht unbedingt Wahrheit ausdrücken. Denn tatsächlich gibt es zu fast jedem Thema eine Vielfalt von Sprichwörtern. Er fügt hinzu, dass sich dennoch viele Menschen überlegen, ob Sprichwörter Wahrheit vermitteln. Die Wahrheit eines Sprichwortes ist für Essig nicht pauschal und allgemeingültig definierbar. Jede einzelne Person, die in einem bestimmten Kontext mit einem Sprichwort in Kontakt kommt, erkennt, dass genau dieses Sprichwort für sie selbst hilfreich ist und motiviert. So kommt die „persönliche Wahrheit“ der sprachlichen Wendung zustande.

Menschen sind aus Geschichten gemacht, nicht aus Atomen.

Letztendlich ist es doch immer das Gleiche: Jeder muss für sich selbst herausfinden, inwieweit sich Wahrheit in Sprichwörtern finden lässt. Man kann es nicht verallgemeinern. Denn genau wie jedes Sprichwort auf seine einzigartige Weise etwas ausdrückt, so hat auch jeder Mensch eine einmalige Fähigkeit zur Interpretation. Und sogar die selbe Person kann ein Sprichwort je nach Situation und emotionaler Stimmung vollkommen unterschiedlich auffassen.

Doch eines steht fest: Wenn man diesen besonderen sprachlichen Wendungen eine Chance gibt, haben sie nicht nur die Macht einen zu trösten, wenn man nicht weiter weiß, sondern können auch motivieren oder auf den Punkt genau ausdrücken, was man sagen will.

So bleibt am Ende nicht mehr zu ergänzen und auch hier gibt es sprachlich keine bessere Form als mit einem Sprichwort zu enden, denn „am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

Quelle der Bilder: Pixabay 

Literatur:

Albrecht, Julia & Frey, Dieter (2017): Großmütterliche Weisheit vs. Wissenschaftliche Weisheit: Die Wahrheit ist ein Plural. In: Frey,Dieter (Hg.): Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?. Berlin/Heidelberg: Springer, S.275.

Albrecht, Julia & Frey, Dieter (2017): Volksmund und Psychologie. In: Frey,Dieter (Hg.): Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?. Berlin/Heidelberg: Springer, S.9.

Burger, Harald (2015): Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. Berlin

Frey, D. (Hrsg.). (2017). Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?. Berlin/Heidelberg: Springer, S.8

Frey, D. & Schmalzried, L. (Hrsg.). 2013. Philosophie der Führung. Gute Führung lernen von Kant, Aristoteles, Popper & Co. Berlin/Heidelberg: Springer, S.263

Hose, Susanne (1997): Die Sprichwörterforschung in Deutschland: Methoden, Probleme und aktuelle Trends. In: Fabula, Vol.38(3) 1997, S. 280 -290

Meier-Pfaller, Hans-Josef (1979): Das große Buch der Sprichwörter. Esslingen.

Mieder, Wolfgang, (1985): Sprichwort, Redensart, Zitat. tradierte Formelsprache in der Moderne. Bern

Mieder, Wolfgang (1992): Sprichwort – Wahrwort!?. Studien zur Geschichte, Bedeutung und Funktion deutscher Sprichwörter. Frankfurt am Main

Seiler, Friedrich. (1918): Das deutsche Sprichwort. Strassburg: Verlag. von Karl J. Trübner, S.8