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Das Erfolgsrezept für Humor?

Er ist ein gern gesehener Kamerad am abendlichen Stammtisch, die wahrscheinlich meistgeforderte Kategorie in Online-Datingplattformen und das wohl wirksamste Helferlein in peinlichen Situationen. Jeder kennt ihn, jeder liebt ihn, jeder braucht ihn.

„Humor ist ein unglaublich wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens.“ Davon ist auch Nils Kohn überzeugt. Der junge Diplompsychologe befasst sich seit Abschluss seines Studiums vor knapp zehn Jahren mit dem Thema Humor. Als abstrakten Gegenstand des täglichen Lebens, als typisch menschliches Phänomen, als therapeutische Heilungsmethode. Humor könne das Leben in vielen Situationen erleichtern, Spannung abbauen und schließlich glücklicher machen.

„Humor hat sehr viele Funktionen für den Menschen“, Kohn möchte drei seiner Meinung nach besonders wichtige herausstellen.

Humor im alltäglichen Leben

Wir kennen die positive Wirkungsweise von Humor. Lachen macht fröhlich und jeder schmunzelt gerne über einen gelungenen Witz.

Den Beweis liefern, wie für alles von Relevanz und Aktualität, die Medien. Aus diesen nämlich ist eine humoristische Perspektive nicht mehr wegzudenken. Ob unterhaltsame Glossen in den Qualitätszeitungen, Comedy-Live-Übertragungen zur Prime-Time im Fernsehen oder politische Satire-Nachrichten, es gibt kaum ein Medium, das die Heiterkeit meidet. Inhaltlicher Gegenstand kann dabei alles und jeder sein, denn es existiert genauso wenig eine Thematik, die nicht, wie sagt man so schön, durch den Kakao gezogen wird. Und das paradoxerweise offensichtlich gerade wegen globaler politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten.

Schwierigen Situationen mit einer gelassenen Haltung zu begegnen, ist keine Erscheinung der Postmoderne: Humor ist nicht weniger alt als die Kommunikation und somit der Mensch selbst. Überlieferungen datieren den ältesten Witz auf etwa 1900 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Damals, so fanden britische Wissenschaftler heraus, wurde herzhaft über diese Scherzfrage gelacht:

Du kannst über diesen Witz nicht lachen? Warum das womöglich so ist, wird dir in diesem Video erklärt.

Die Wissenschaft beschäftigt sich mit der Thematik ebenfalls seit geraumer Zeit. Als einer der ersten Humortheoretiker gilt der antike Philosoph Aristoteles.

Humor was ist das eigentlich?

Während Aristoteles Humor als positive Lebenseinstellung definierte, umfasst das Wort in heutigen Bedeutungs- und Begriffsbestimmungen mehr als nur das. Der Duden ergänzt die jahrtausendealte Definition des Philosophen, welche hier als „gute Laune, fröhliche Stimmung“ aufgenommen wurde, um zwei weitere Bedeutungsebenen: die Fähigkeit zur Produktion von Humor einerseits und zur Rezeption andererseits. Humor ist somit Eigenschaft und Fähigkeit zugleich. „Begabung ist Humor jedenfalls nicht“, konstatiert der Psychologe Kohn und bestätigt somit die Erlernbarkeit.

„Es hat etwas mit Flexibilität zu tun“, erklärt er und weist hiermit auf den Perspektivenwechsel hin. Wer in der Lage ist, Dinge oder Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, wird diese auch in humorvollem Licht sehen können. „Und das kann man üben.“

Wenn sich eine humorvolle Sichtweise auf das Leben also recht einfach trainieren lässt, wie sieht es dann mit dem anderen Aspekt aus, der Humorproduktion?

Das Experiment

Plötzlich spüre ich das Herzklopfen. Bisher hatte ich gar keine Zeit, aufgeregt zu sein. Doch jetzt stehe ich hier. Alleine im Scheinwerferlicht. Letztes, vereinzeltes Klatschen weicht einer erwartungsvollen Stille. Große Augen blicken mich gespannt von unten an. Ich hole noch einmal tief Luft und trete an das Mikrofon. Die nächsten sieben Minuten gehören Yvonne.

20.15 Uhr auf RTL: Ein bisschen Musik, tosender Applaus und eine gigantische Bühne. Mario Barth muss nur angekündigt werden und die Menschen beginnen zu lachen. Seit Jahren bereits gelingt ihm mit einfachen Worten und ein bisschen Show die Unterhaltung von großen Massen. Wie macht er das? Man kann nun Fan von Mario Barth sein oder nicht, aber eines muss man ihm lassen: Er versteht sein Handwerk – oder die Kunst?

Das ist die entscheidende Frage, die wir hier beantworten möchten: Kann man die Humorproduktion auch erlernen – oder ist jemand „lustig geboren“? Gibt es womöglich sogar ein “Erfolgsrezept” für Humor?

Um das herauszufinden, eröffnet sich nur eine optimale Möglichkeit: Der Weg auf eine eigene Bühne. Mit Hilfe von Comedy-Experten, etwas Kreativität und kurzem Training planen wir ein Experiment, ein eigenes kleines Stand-up-Comedy-Programm.

Die erste Stufe auf der Treppe ins Rampenlicht ist die Themenfindung.

Dazu befragen wir einen Fachmann: Christian Eisert ist ausgebildeter Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler, verfasst Sachbücher zu komödiantischen und satirischen Themen, gibt zu verschiedenen Anlässen Comedy-Coachings und arbeitet seit 2004 in Berlin als Gag-Schreiber für verschiedene Comedians, Programmmacher und Fernsehregien. Er muss wissen, welche Themen ein breites Publikum zum Lachen bringen.

Doch so populär diese Thematik auch zu sein scheint, so oft ist sie schon ausführlich in Szene gesetzt worden – und das nicht nur vom “Comedy-König” Mario Barth. Uns, als absoluten Humor-Anfängern, rät Eisert darum zu einem komödiantisch unverbrauchten, aber dennoch für unser Publikum relevanten Thema. Nur wenn der Witz die Erfahrungswelt des Zuschauers berührt, wird dieser die Pointe verstehen. Denn, so betont Eisert immer wieder:

Allein das Publikum entscheidet, was lustig ist, und das muss man dann bedienen.

Seine drei wichtigsten Tipps:

Auf der zweiten Stufe konzentrieren wir uns auf die Formulierung von Witzen, die Wortwahl, den Satzbau, die Pointe.

Der Linguist Geert Brône aus Antwerpen, Belgien kann uns hier helfen. Im Zuge seiner Promotion begann er, sich intensiv mit einer kognitiv-linguistischen Herangehensweise an den verbalen Humor zu beschäftigen und hat seitdem zahlreiche Sachbücher zu diesem Thema publiziert. “Humor hat sehr viel mit sprachlicher Kreativität zu tun”, erklärt Brône den Kern seiner Arbeit, “dabei geht es um den Überraschungseffekt, um ein Element des Unerwarteten.” Wir amüsieren uns über das Ungewöhnliche, nicht selten gewissermaßen Subversive, die inhärente Doppeldeutigkeit unserer Sprache – und das unabhängig davon, ob wir über Wortspiele, Ironie oder klassische Witze reden.

Das schematische Schubladendenken wäre im Bezug auf verschiedene Ausprägungsformen von Humor sowieso ungeeignet: “Denn wo zieht man die Grenze zwischen Ironie und Sarkasmus?”

Letztendlich, so Brône, kommt es jedoch immer in erster Linie auf die Präsentation des Witzes an. Die Art und Weise, wie Wort- und Satzstruktur dargeboten werden, bestimmt über deren Effekt beim Hörer. “Als Erzähler eines Witzes kann ich dafür sorgen, dass der Hörer genau die Interpretation wählt, die ich mir an diesem bestimmten Punkt wünsche.” Für die Erstellung unserer Textgrundlage gibt uns der Linguist…

… seine drei wichtigsten Tipps:


Und doch haben wir es nun immer wieder gehört: „Performance ist bei Comedy alles“. Die beachtliche Wirkung nonverbaler Kommunikationselemente – Gestik, Mimik, Körpersprache – sehen auch einige Studien, wie die berühmt-berüchtigte 7-38-55-Regel des amerikanischen Psychologen Albert Mehrabian, als bestätigt. Seinem Leitsatz zufolge beeinflusst der Inhalt des Gesagten nur zu 7 Prozent, die Körpersprache hingegen zu 55 Prozent das emotionale Empfinden, den Eindruck auf der Bühne. Die Zahlen sind umstritten, die Tendenz jedoch ist eindeutig.

Wir fragen Sebastian Ruppert, Schauspieler mit Leidenschaft, Theaterregisseur an der Universität Passau und seit einem halben Jahr Regieassistent im Stadttheater.

Ruppert hat es immer wieder betont: Gute Vorbereitung und Training sind das A und O. Er zeigt uns hierfür einige Warm-up-Übungen, die auch professionelle Schauspieler für jede Art von Auftritt nutzen.

Seine drei wichtigsten Tipps:

Mit all den Expertentipps an der Hand machen wir uns nun an die Arbeit. Wir haben nicht mehr lange Zeit. Innerhalb von vier Tagen überlegen wir uns gemeinsam einen Text, der aufgrund von Aktualität, Relevanz, Inkongruenzen und Wortspielen lustig sein könnte, sowie einen Charakter, der diesen auf der Bühne vortragen soll: Yvonne nennen wir unseren “Versuchscomedian”. MuK-Studentin, 22, unmotiviert und eine gepflegte, entschuldige bitte den Ausdruck, ‘Scheiß-Drauf-Haltung’, gespielt von Catharina, die das große Los gezogen hat.

Bevor sich Yvonne auf die Bühne traut, holen wir uns eine letzte Meinung vom Profi: dem Kabarettisten Martin Großmann. Zwar ist Kabarett nicht Comedy, aber er kennt das Auftreten, das erzwungene Lustigsein, er kennt die Bühne und das Rampenlicht. Wir fragen ihn nach seinem wichtigsten persönlichen Erfahrungswert:

Seine drei wichtigsten Tipps:

Wir entscheiden uns, aufgrund der Kürze des Stücks sowie des gefährlich großen Risikos zu scheitern, auf Tragik besser zu verzichten – und dass Yvonne ins kalte Wasser geschmissen wird, empfinden wir als tragisch genug.

Ein Comedy-Programm nach knapp zwei Wochen, ob das überhaupt funktionieren kann? Wir sind uns da nicht so sicher, was meinen denn unsere Experten?

Schließlich bleibt nichts mehr zu sagen, als: Bühne frei für ‘Yvonnes komische 7 Minuten’

Das Fazit

Zum geplanten Lustigsein benötigt es offenbar mehr als nur einen guten Sketch. Es geht nicht nur um die Themen, den Inhalt, den Vortrag und das richtige Timing. Auch der Zuschauer ist ein entscheidender Faktor, denn dieser müsse sich darauf einstellen, dass das, was auf der Bühne präsentiert wird, ‚zum Lachen ist‘, so die Stimmen aus dem Publikum. Das Stand-up sei dafür zu kurz gewesen, Yvonne zu unbekannt und die Zuschaueranzahl zu gering. Es habe sich außerdem kaum einer getraut, laut zu lachen. Denn wer alleine in einer größeren Gruppe lacht, fühlt sich bloßgestellt. Auch das hat etwas mit sozialer Umgebung, Erfahrung und dem Wesen des Menschen zu tun, doch dazu ein andermal.

Humor auf der Bühne ist weniger mit einer fröhlichen Lebenseinstellung als mit Schauspiel vergleichbar und somit doch ein wenig Begabung, Charakterstärke und unbedingt Übungssache. Vielleicht entdeckst auch du irgendwann eine versteckte Yvonne in dir, auf jeden Fall mit Erfolg trainieren lässt sich aber, wie wir bereits erfahren haben, die humorvolle Sichtweise auf das Leben – die Fähigkeit, über Yvonne zu schmunzeln. Und das lohnt sich zu üben. Trau dich, lustig zu sein, Dinge humorvoll zu nehmen und lauthals darüber zu lachen. Denn, wie sagte Charles Dickens so schön:

Gibt es schließlich eine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?