Hard Facts: Schönheitsoperationen

Quellen: Statista Dossier  „Schönheitsoperationen“ (International Society of Plastic Surgery (ISAPS), Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC), Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE))

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Das Spiel mit der Wahrheit in Filmen, Videospielen und Serien

Ein junger Hacker trifft auf eine geheimnisvolle, von der Polizei gesuchte Frau, die ihn vor einer bevorstehenden Gefahr warnt. Am nächsten Morgen stehen feindliche Agenten vor seiner Tür, denen er nur mit Mühe und Not entkommen kann – irgendetwas läuft hier gewaltig falsch. Schließlich erfährt er, dass sein gesamtes Leben eine Lüge ist und eigentlich nur in seinem Kopf stattfindet. In Wahrheit haben intelligente Maschinen nach einem fatalen Krieg die Macht übernommen und die Menschheit versklavt; alles Leben findet nun nur noch in einer virtuellen Realität statt. Der junge Hacker hat die Wahl – will er in diese Lüge zurückkehren oder stattdessen herausfinden, wie die Wirklichkeit aussieht?

So lässt sich der Plot des Films Matrix aus dem Jahr 1999 grob zusammenfassen. Die große Wendung des Films gehört zu den bekanntesten Plot Twists der Filmgeschichte und macht einmal mehr deutlich, wie sehr das Spiel mit der Wahrheit die Narration einer Geschichte beeinflussen kann. Matrix würde ohne diesen Twist nur halb so gut funktionieren; die in der vermeintlichen Gegenwart spielende Einleitung führt langsam auf den großen Konflikt des Films hin und verändert unseren Blick auf die nach der Wendung folgende Handlung grundlegend.
Es ist nicht verwunderlich, dass wir in so vielen Werken auf die ein oder andere Weise den Einsatz von Plot Twists finden, egal, ob es sich dabei um Filme, Serien oder Videospiele handelt. Zentral ist die radikale Änderung der Richtung einer fiktiven Geschichte; die Handlung wird über den Haufen geworfen und entwickelt sich völlig gegensätzlich zur bisherigen Erwartung des Publikums.  Plot Twists können relativ am Anfang eines Werkes auftauchen, irgendwo in der Mitte oder sogar wenige Augenblicke vor dem Ende einer Geschichte. Wichtig ist einfach nur, dass das Publikum sie gar nicht oder nur zu einem gewissen Grad erwartet hat – wenn die große Wendung schon ohne jeden Zweifel von Anfang an bekannt ist, verliert der Plot Twist seine Effektivität und wird wirkungslos. Trotzdem kann er mit kleinen Hinweisen angedeutet werden, um seine Plausibilität nicht völlig zu verlieren und dem Publikum bei der Enthüllung einen „Aha“-Moment zu bescheren.

Wir finden Plot Twists sowohl in echten Klassikern wie Psycho (1960) als auch in modernen Videospiel-Blockbustern wie Heavy Rain (2010), in Mystery-Serien wie Lost (2004 – 2010), in Survival-Horror-Games wie Silent Hill 2 (2001), in Thrillern wie Shutter Island (2010).
Aber warum ist das eigentlich so? Was macht die besondere Faszination aus, wieso lassen wir uns von Geschichten dieser Art so sehr begeistern? Was macht einen guten Richtungswechsel aus? Und sind alle Plot Twists eigentlich gleich oder gibt es Unterschiede? Kurz gesagt: Warum lieben wir Plot Twists?

Vorab noch eine kleine Warnung: Hier gibt es Spoiler!

Eine kurze Geschichte der Plot Twists

UrsprüngeFilmeVideospiele

Die Ursprünge:

„An unexpected development in a book, film, television, programme, etc.” – Oxford Dictionary

Die Ursprünge der Plot Twists reichen Jahrtausende weit zurück. Das Geschichtenerzählen ist ein elementarer Bestandteil unseres Lebens – und natürlich waren in den unterschiedlichen Jahrhunderten Geschichten mit überraschenden und spannenden Handlungen keine Seltenheit. Das offensichtlichste und vielleicht gerade deswegen oft unbeachtete Beispiel ist die Bibel; was ist die Auferstehung von Jesus wenn nicht einer der frühesten und bekanntesten Plot Twists überhaupt? Auch Homers Ilias mit dem Fall Trojas durch das Trojanische Pferd, die Enthüllung von Ödipus‘ Vatermord und Inzest oder The Tale of the Three Apples aus Tausendundeine Nacht sind exzellente Beispiele für Plot Twists, die bereits vor tausenden von Jahren erzählt wurden und auch heute noch Material für weitere Werke bieten.

Der Film – „I’m home!“

Auch in Filmen wurden Plot Twists schon vor langer Zeit ein essentielles Gestaltungsmerkmal; eines der frühesten Werke ist hier Das Cabinet des Dr. Caligari von 1920. Der Stummfilm enthüllt am Ende, dass die gesamte Handlung eigentlich nur eine Wahnvorstellung des Protagonisten war, welcher Patient in einer Irrenanstalt ist.

Der 1955 erschienene Die Teuflischen erfand quasi die moderne Warnung vor Spoilern, indem er die Zuschauer im Abspann bat, das Ende des Films nicht weiterzuerzählen und den Plot Twist so vor allen zukünftigen Besuchern geheim zu halten. Dies war zuvor nicht üblich und daher ein erster und wichtiger Schritt zu unserem heutigen Umgang mit Spoilern.

Ebenfalls nicht ungenannt darf Alfred Hitchcock bleiben, der mit Psycho (1960) zeigte, dass Plot Twists nicht zwingend erst am Ende eines Filmes passieren müssen. In seinem Meisterwerk lässt er die vermeintliche Protagonistin bereits in der ersten Hälfte sterben, wandelt den Film in einen Thriller und enthüllt die wahre Hauptfigur: den psychopathischen Serienmörder Norman Bates.

Ein weiterer Meilenstein war Planet der Affen (1968). Hier steht der Plot Twist nicht im Vordergrund und wird auch erst in der letzten Einstellung aufgelöst: der Astronaut Taylor steht vor einer halb versunkenen Freiheitsstatue; die gesamte Handlung findet nicht wie gedacht auf einem fernen Planeten statt, sondern auf der Erde. Das ohnehin schon negative Ende wurde auf einmal doppelt so deprimierend und ebnete den Weg für viele weitere Filme dieser Art.

Das Videospiel – „If everything’s a dream, don’t wake me.“

Und schließlich erkannten auch Videospiele die Effektivität der Plot Twists für sich, wenn auch vergleichsweise spät. Zwar gab es die ersten kommerziell erfolgreichen (Arcade-) Spiele wie Space Invaders und Pong bereits in den 1970ern, doch ausgefeilte Storylines suchte man hier vergebens. Als eine der ersten unvorhergesehen Wendungen in einem Videospiel kann wohl das Ende von Metroid (1986) gesehen werden – nachdem in diesem Weltraumabenteuer der letzte Bossgegner besiegt ist und der Protagonist seinen Helm abnimmt, wird klar, dass der Held eigentlich gar kein Held, sondern eine Heldin ist.

Dass dieses Ende als einer der ersten Plot Twists der Videospielgeschichte gilt, zeigt zum einen deutlich das damalige Frauenbild; zum anderen lässt sich daran sehr schön aufzeigen, wie sich das Storytelling seither entwickelt hat. Heute werden in Videospielen genauso komplexe und tiefgründige Geschichten erzählt wie in Serien und Filmen und es gibt zahlreiche Beispiele von Titeln, die gerade durch ihren Plot Twist so erfolgreich wurden. Nennenswert sind hier unter anderem Bioshock (2007), Read Dead: Redemption (2010) oder Final Fantasy VII (1997).

Drei Arten von Plot Twists an drei Beispielen:

Star Wars: Episode V – Das Imperium schlägt zurück (1980) – Der Plot Twist als Cliffhanger:

Es gibt Plot Twists, die eine ganze Generation und ein komplettes Genre prägten – so auch der fünfte Teil der Star Wars-Saga. Das Imperium schlägt zurück legte zusammen mit Krieg der Sterne (1977) den Grundstein für unsere heutige Geek- und Nerd-Kultur, holte Filme dieses Genres aus ihrem Nischendasein heraus und begründete eines der erfolgreichsten Franchises der Welt. Außerdem schaffte es eine der ikonischsten Filmszenen aller Zeiten und führte die Verwendung eines Plot Twists als Cliffhanger ein.

Am Ende von Das Imperium schlägt zurück steht die Hauptfigur Luke Skywalker dem Antagonisten Darth Vader gegenüber, die Helle kämpft gegen die Dunkle Seite der Macht – und schließlich enthüllt Darth Vader, dass er Luke Skywalkers Vater ist.

Darth Vader: „Obi-Wan never told you what happened to your father.
Luke Skywalker: „He told me enough! He told me you killed him!
Darth Vader: „No, I am your father.“

Nach wenigen weiteren Szenen ist der Film vorbei und der Zuschauer bleibt ohne Auflösung und mit vielen offenen Fragen zurück. Der Plot Twist sollte den Zuschauer schocken, ihn überraschen und vor allem die volle Tragik der Geschichte vermitteln. Er fungiert hier als Trittstein, um die weitere Handlung der Reihe für die Zuschauer attraktiv zu machen und dem Film ein offenes Ende zu geben. Denn der Zuschauer hat Fragen! Welchen Einfluss übt diese Enthüllung auf Luke Skywalker aus? Was bedeutet dies für die vorhergegangene und auch die folgende Handlung? Hat Darth Vader die Wahrheit gesagt oder uns und Luke doch nur angelogen, um seine Ziele zu erreichen? Für Antworten muss er sich unweigerlich Die Rückkehr der Jedi-Ritter ansehen, das Finale der Trilogie.
Das war auch George Lucas und Irvin Kershner bewusst: Die Schöpfer von Das Imperium schlägt zurück hielten den großen Twist sogar vor ihren eigenen Schauspielern geheim, um zu verhindern, dass etwas davon an die Öffentlichkeit gelangte. Die Szene wurde daher mit leicht abgeändertem Dialog gedreht und man fügte die tatsächliche Enthüllung erst nachträglich ein. Einzig und allein Mark Hamill als Darsteller von Luke Skywalker wurde bereits im Voraus informiert, um die Szene auch mit der nötigen Emotionalität darstellen zu können.

Mark Hamill:

I’ve said this before, but they kept that line secret: “I am your father.” What was in the script was already a fantastic twist. Vader says [in Darth Vader voice], “You don’t know the truth. Obi-Wan killed your father.” And I played it just as you see it. “No!” and all that. But [prior to shooting] they pulled me aside and [Irvin] Kershner, the director, said, “Look, I’m going to tell you something. George knows, I know, and when I tell you, you’ll be the third person that knows.

Plot Twists funktionieren deshalb so gut als Cliffhanger, weil der Zuschauer nach einer unerwarteten Wendung immer erfahren will, wie es dazu kam und was genau diese neue Richtung nun für die Handlung und die Charaktere bedeutet. Der Twist löst hier nicht den Film auf, sondern öffnet vielmehr eine neue Geschichte, die erzählt werden muss.

Game of Thrones (seit 2011) – Der Plot Twist als „Slow Burn“:

Ganz anders verhält es sich bei der Serie Game of Thrones, die auf der Buchreihe Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin basiert. Hier steht der Plot Twist nicht am Ende der Serie, sondern ist in gewissem Maße schon von Anfang an bekannt oder kann zumindest vermutet werden. Schon seit der ersten Staffel beziehungsweise dem ersten Buch besteht die Theorie, dass der Protagonist Jon Snow nicht wie von allen angenommen ein unwichtiger Bastard, sondern eigentlich der legitime Sohn eines Prinzen und damit der rechtmäßige Thronerbe des Königreiches Westeros ist. Explizit wird dieser Plot Twist in den ersten Staffeln nie bestätigt und auch die Theorie an sich ist anfangs allenfalls dürftig und lange Zeit ohne eine entsprechende Grundlage. Im Laufe der verschiedenen Staffeln finden sich allerdings immer mehr Hinweise und Indizien, bis der Plot Twist in der zehnten Folge der sechsten Staffel und dann nochmals in der siebten Folge der siebten Staffel offiziell wird.

Produzent D. B. Weiss:

I would say the challenge with this sequence was finding a way to present information that at least a good portion of the audience already had in a way that was dramatic and exciting, and also had a new element to it.

Anders als in Das Imperium schlägt zurück geht es hier nicht darum, die Zuschauer mit einer überraschenden Wendung zu schockieren und eine Fortsetzung zu legitimieren. Vielmehr wird der Plot Twist langsam aufgebaut und etabliert; wenn Jon Snows wahre Herkunft schließlich enthüllt wird, glaubt der Zuschauer der Serie und hinterfragt das Gesehene nicht. Trotzdem sind beide Szenen spannend und aufregend, was vor allem an ihrer Inszenierung liegt.

Der Reiz an dieser Art des Plot Twists ist vor allem, über die Staffeln und Folgen hinweg selbst nach Hinweisen zu suchen und eine Bestätigung für die eigene Theorie zu finden. Eine Bemerkung eines Nebencharakters hier, eine verräterische Kameraeinstellung da: auf der Jagd nach einem guten Plot Twist Sherlock Holmes zu spielen, begeistert uns alle. Und wenn Jon Snows wahre Identität dann gezeigt wird, ist es natürlich trotzdem ein sehr guter und spannender Plot Twist – aber bei allen Zuschauern, die seit der ersten Folge nach Hinweisen suchen und den Richtungswechsel der Handlung bereits vermuteten oder fest daran glaubten, verursacht es zusätzlich ein sehr befriedigendes Gefühl.

Dragon Age Inquisition (2014) – Der Plot Twist als Revision der Geschichte:

Eine erneut völlig andere Richtung schlägt das Videospiel Dragon Age Inquisition des kanadischen Entwicklers Bioware ein. Ähnlich wie in Game of Thrones lädt der Plot Twist dazu ein, auf die Suche nach Hinweisen zu gehen – allerdings nicht, um die Wendung im Vorhinein zu bestätigen, sondern um im Nachhinein zu verstehen, wie um alles in der Welt man diesen Plot Twist nicht kommen sehen konnte. In Dragon Age Inquisition spielt man den Inquisitor, der zusammen mit einigen Gefährten die Welt von Thedas vor einer magischen Bedrohung retten muss. Das komplette Spiel hindurch gibt es einen konkreten Gegenspieler, der dem Protagonisten das Leben schwer macht und aufgehalten werden muss. Zumindest bis zur finalen Mission, denn hier wird aufgedeckt, dass einer der scheinbar unwichtigen Nebencharaktere der wahre Antagonist des Spiels ist und sich als einer der Gefährten die ganze Zeit vor der Nase des Spielers befand. Rückblickend ist dessen wahre Identität offensichtlich, denn bereits am Anfang drängt das Spiel die Figur ganz deutlich in eine bestimmte Richtung. Trotzdem schenkt der Spieler ihr keine Beachtung und obwohl es durch sämtliche Missionen hindurch unendlich viele Hinweise und Anspielungen gibt, erkennt man den Plot Twist erst ganz am Ende.

Dieses narrative Stilmittel bezeichnet man auch als Chekhov’s Gun; jeder in die Handlung eingeführte Gegenstand und auch jede Figur muss einen Sinn haben und früher oder später wichtig werden – ansonsten ist die Erwähnung für die Geschichte überflüssig und kann ausgelassen werden. So auch bei dieser Art des Plot Twists; augenscheinlich nicht weiter beachtenswerte Details, Handlungen und einzelne Dialogzeilen sind in Wirklichkeit von großer Bedeutung und werden essentiell für die große Enthüllung am Schluss.

Der Plot Twist am Ende stellt die gesamte vorherige Handlung auf den Kopf und eröffnet einen völlig neuen Blickwinkel auf die Ereignisse. Nichts ist mehr, wie es die ganze Zeit hindurch schien und alles muss nun im Nachhinein hinterfragt werden. Wendungen dieser Art erhöhen vor allem den Wiederspielwert eines Videospiels oder bringen den Zuschauer dazu, einen Film nochmals zu sehen. Denn beim zweiten Durchgang und mit dem großen Plot Twist im Hinterkopf sind die ganzen Anspielungen und Anzeichen dann offensichtlich und das Werk wird zu einer völlig neuen Erfahrung.

Und es geht noch weiter - Wie man Plot Twists außerdem einsetzen kann:

In The Sixth Sense (1999) findet der Plot Twist erst ganz am Ende des Films statt, wenn der Protagonist erkennt, dass er eigentlich tot und ein Geist ist. Das nennt man auch Anagnorisis; die Hauptfigur macht eine plötzliche Entdeckung über ihren eigenen Zustand, die ihr gesamtes Dasein auf den Kopf stellt.

Ebenfalls beliebt ist der unzuverlässige Erzähler. Dieser manipuliert die Geschichte und schickt den Rezipienten auf eine falsche Fährte. So auch in Star Wars: Knights of the Old Republic (2003), das oft als Paradebeispiel für den Plot Twist in Videospielen genannt wird. Der Spieler erfährt die Rahmenhandlung von einem Nebencharakter und wird dadurch auf eine völlig falsche Fährte gelockt; erst später kommt heraus, dass die besagte Figur nicht die Wahrheit erzählt und die Handlung eigentlich in eine alles verändernde Richtung geht. Schuld am Plot Twist ist also der Erzähler, da er entweder wissentlich oder unwissentlich wichtige Informationen verschweigt und so die Geschichte manipuliert. Dieses Prinzip findet sich auch in Fight Club (1999).

Plot Twists können auch durch eine non-lineare Geschichte große Wirkung entfalten; so etwa in Westworld (seit 2016). In dieser Serie befindet sich der Plot Twist ähnlich wie in Dragon Age Inquisition die ganze Zeit über vor der Nase des Zuschauers, wird aber erst später aufgelöst. Die scheinbar lineare Geschichte in Westworld besteht eigentlich aus zwei Handlungssträngen, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen. Es ist hier die Aufgabe des Zuschauers, den richtigen zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren und herauszufinden, was Gegenwart und was Vergangenheit ist.

Plot Twists können auch genutzt werden, um Filmen, Serien oder Videospielen ein offenes Ende zu geben und den Zuschauer so im Unklaren zu lassen. Ein Beispiel ist hier Blade Runner (1982), welcher ganz zum Schluss die Frage aufwirft, ob der Protagonist nicht vielleicht ebenfalls ein Modell synthetischer Replikanten ist, die er den ganzen Film hindurch als vermeintlich menschlicher Polizist jagt. Oder Inception (2010), in dem nicht vollständig klar wird, ob die Protagonisten am Ende wieder aus der Traum- und zurück in die reale Welt finden.

Warum wir Plot Twists lieben:

Wir haben gesehen, dass Plot Twists als Cliffhanger dienen können, als Jagd nach Hinweisen, als Suche nach der Wahrheit, als Revision einer kompletten Geschichte. Sie können uns in die Irre führen, uns schockieren, uns zum Weinen bringen, uns glücklich machen. Manche Plot Twists prägen ein komplettes Genre, andere ebnen den Weg für neue Geschichten. Die Faszination von Plot Twists ist auch heute noch ungebrochen und man kann ohne jeden Zweifel sagen, dass sie noch lange nicht am Ende sind.

Im Urban Dictionary werden Plot Twists als “A sudden change in events, often ironic.” beschrieben. Und vielleicht sollten wir sie auch genau so betrachten: mit einem Augenzwinkern. Denn egal in welchem Medium geht es doch grundlegend darum, uns als Leser, Zuschauer oder Spieler zufriedenzustellen. Uns zu begeistern. Und darum, eine spannende und gute Geschichte zu erzählen. Genau darum lieben wir Plot Twists und das Spiel mit der Wahrheit.

Theresa: über Instagram zur Schönheitsoperation

Wenn es um das Thema eines ästhetischen Eingriffs geht, ist bei vielen jungen Erwachsenen sofort das Ende der Fahnenstange erreicht. Nicht aber bei Theresa. Die 20-jährige Studentin mit den blonden Haaren und dem gleichmäßigen Teint hat die Entscheidung getroffen, ihr Aussehen mit einem Eingriff zu verändern. Instagram brachte sie auf die Idee. Und Supermodels wie Bella Hadid, die sich haben operieren lassen und jetzt überall zu sehen sind: egal ob in der Werbung, in einer Zeitschrift oder eben auf Instagram. Die Plattform sieht sie nicht als ausschlaggebender Faktor bei ihrer Entscheidung – indirekten Einfluss hatte sie ihrer Meinung nach aber schon.

Name Theresa
Alter 20
Haarfarbe blond
Augenfarbe grün-grau
Lieblingsessen Spaghetti Carbonara
Hobbies tanzen, singen, shoppen

Cube: Wie kam es zu der Entscheidung?

Theresa: Seit ein, zwei Jahren gibt es so einen Hype auf Instagram rund um das Thema ästhetische Eingriffe. Ich habe das bei größeren Stars gesehen und mir gedacht, dass ich das auch will. Ich folge seit längerer Zeit auf Instagram einer Ärztin mit einer Praxis in München. Sie hat mich dann mal gefragt, ob ich nicht Lust hätte, Model für ihre Seite zu sein.

Wie waren die Reaktionen auf deine Entscheidung?

Gerade die Älteren, die nicht zur Instagram-Generation zählen, haben es gar nicht verstanden. Meine Eltern haben nur den Kopf geschüttelt und gesagt: „Wenn du meinst“. Meine Freundinnen, die auf Instagram aktiv sind, meinten, dass ich es einfach mal ausprobieren sollte. Ich denke, wenn man auf Instagram aktiv ist, hat man mehr Verständnis für sowas. Da ist man auch mehr mit dem Thema konfrontiert.

Spielt die „Selfie-Kultur“ eine Rolle bei deiner Entscheidung?

Es ist nicht der entscheidende Faktor, aber es spielt unterbewusst mit ein. Es ist schon cool, wenn man auf einem Bild vollere Lippen hätte. Gerade wenn es um Selfies geht, bin ich das typische Klischee: ein Foto unter 400 auswählen und bearbeiten.

Wie denkst du wird dich der Eingriff beeinflussen? 

Ich glaube schon, dass ich mich danach besser fühle, je nachdem wie das Ergebnis ist. Ich gehe mit der ganzen Sache offen um, man sieht es ja auch. Aber ich würde es nicht groß raus schreien, am Ende muss ich damit klar kommen.

Gibt dir Instagram Selbstvertrauen?

Mir gefällt es schon, wenn ich ein Foto poste und damit zufrieden bin. Da fühlt man sich selbstsicherer. Früher waren mir auch viele Likes wichtig, mittlerweile ist mir das komplett egal.

Vor ihrem Termin in der Münchner Praxis wusste Theresa noch nicht, was auf sie zukommt. Auch was sie eigentlich machen lassen will, war ihr nicht klar.

Manche Sachen sind mir zu heftig, wie zum Beispiel Kinn modellieren. Aber sowas wie Unterspritzungen bei Augenringen oder Lippen aufspritzen würde ich machen lassen.

(Theresa, 20)

Letztendlich hat sie sich zusammen mit der Ärztin dann für Lippenaufspritzen entschieden. Für Unterspritzungen im Gesicht ist Theresa noch zu jung, der Effekt würde gar nicht sichtbar sein. Ihre Aufregung während des Eingriffs hielt sich in Grenzen, obwohl es trotz örtlicher Betäubung weh tat. Nach 15 Minuten war jedoch schon alles vorbei.

Für die Prozedur wird heutzutage nicht mehr das Nervengift Botox verwendet, da es zu schädlich für den Körper ist. Mittlerweile setzen Schönheitschirurgen auf Hyaluron. Die gelartige Flüssigkeit wird vom Körper selbst hergestellt und wieder abgebaut. Zwar lässt der Effekt des Eingriffs damit nach, aber die Substanz ist besser für den Körper.

Direkt nach ihrem Termin hat Theresa ihre Lippen erst nicht gespürt, danach aber schnell vergessen, dass sie eine Veränderung im Gesicht trägt. „Wenn man dann wieder zum Spiegel geht merkt man erst ‚Huch, da war irgendwas'“. Ob ihr das Ergebnis gefällt?

Ich bin voll happy! Mir gefällt’s richtig gut! Ich hatte Angst, dass es unnatürlich wird, aber das ist es gar nicht.

In Zukunft kann sich Theresa weitere Eingriffe vorstellen. Nur solange sie trotzdem natürlich aussieht, kann sie sich wohl fühlen. „Nicht, dass ich mich am Ende selbst nicht mehr erkenne!“

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Medizin und Psychologie – Hintergründe der medialen Inszenierung

Schönheitsoperationen, Selbstbild und soziale Medien – drei Begriffe, die mehr gemeinsam haben, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Die Psychologin Carina Dörr und der Schönheitschirurg Prof. Dr. med. Peter Graf kennen sich auf ihren Themengebieten aus und haben eine Einschätzung vorgenommen.

“Ich möchte eine Nase wie Kim Kardashian”

Wer mit dieser Aussage in die Praxis von Prof. Dr. med. Peter Graf geht, hat schlechte Karten. Denn Patienten, die mit medial beeinflussten Vorstellungen eine Operation angehen wollen, holt er schnell zurück auf den Boden.

Graf ist seit über 30 Jahren in der Chirurgie tätig. Im Bereich der ästhetischen Chirurgie führt er in seiner Praxis zum Beispiel Brustvergrößerungen oder Fettabsaugungen durch.

Wenn man an verändernde Eingriffe wie Nasenkorrekturen oder ein Facelift denkt, schweben oft Bilder von makellosen jungen Frauen vor dem inneren Auge. Theresa ist deswegen auch schätzungsweise nicht die einzige, die sich davon beeinflusst fühlt.

Das Selbstbild, so Graf, spielt vor allem bei den jungen Erwachsenen noch eine große Rolle. In ihrem alltäglichen Leben werden sie mit unzähligen Einflüssen konfrontiert, sei es online oder durch das persönliche Umfeld. Vor allem sozialer Druck, der durch soziale Medien vermittelt wird, ist ein ausschlaggebender Indikator für Veränderungswünsche bei jungen Erwachsenen. Ein wichtiger Punkt ist die Mediennutzung dieser Menschen. Früher standen Medien wie das Fernsehen im Mittelpunkt, heute sind es Online-Plattformen wie Instagram und Facebook. 

Peter Graf bespricht mit seinen Patienten nicht nur die Einzelheiten des Eingriffs, sowie mögliche Komplikationen, sondern bezieht auch die psychische Situation mit ein. Ein Beweggrund wie „Ich will eine gerade Nase, damit mein Freund mein Instagram-Bild liked“ ist für ihn nicht genug für einen Eingriff. Der kann nämlich auch Komplikationen mit sich ziehen.

Carina Dörr ist Psychologin. Sie fand es schon immer interessant, sich mit Menschen und ihren Verhaltensweisen zu beschäftigen. Bei ihrer Arbeit befasst sie sich hauptsächlich mit den Themen Akzeptanz, Depression und Ängsten, die auch mit dem Selbstbild zu tun haben können.

Das Selbstbild ist das Gesamtbild, das eine Person von sich hat: über das Aussehen, Eigenschaften und Fähigkeiten, positiv wie auch negativ. Es entscheidet über die psychische Stabilität einer Person, so Dörr. Ein positives Selbstbild wirkt sich auch auf das Selbstbewusstsein aus: je positiver das Bild, desto höher das Selbstbewusstsein. Dieses setze sich aus drei Komponenten zusammen:

  • biologische Komponente: genetische Veranlagungen
  • psychologische Komponente: Stimmungen
  • soziale Komponente: Erlerntes und Erlebtes

Vor allem die soziale Komponente habe große Auswirkungen. Viele Erlebnisse prägen sich nachhaltig ein und beeinflussen dann das Selbstbild und Selbstbewusstsein. So wird eine Person, die in ihrer Jugendzeit als „fette Kuh“ beschimpft wurde, sich auch später noch mit dieser Beleidigung identifizieren, selbst wenn sie eigentlich dünn ist.

Die Psychologin sieht die Gefahren von sozialen Medien nicht nur für Rezipienten, sondern auch für Nutzer. Positive Reaktionen, wie Likes oder positive Kommentare, wirken sich auch positiv auf das Selbstbewusstsein aus. Negative Reaktionen können einen Nutzer jedoch bis in die Depression jagen. Rezipienten können Gefahr laufen, den vielen dargestellten Idealen nachzueifern. Mögliche Folgen sind Essstörungen oder auch ein Wahn nach immer mehr Schönheitsoperationen. Sehr wichtig bei der Rezeption ist die Reflexion: Bilder auf sozialen Medien sind häufig gefotoshopped oder besonders günstig fotografiert. Wer sich darüber nicht klar ist, ist besonders von einer Beeinflussung gefährdet. Vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene lassen sich leichter beeinflussen, weil ihre Persönlichkeit noch nicht zu 100% gefestigt ist. Im Gegensatz zu Erwachsenen sind sie oft noch in der Selbstfindungsphase.

Soziale Medien können aber nicht nur das Selbstbild beeinflussen. Man kann auch beeinflussen, wie andere einen wahrnehmen.

(Carina Dörr, 24, Psychologin)

Studien zufolge können körperliche Veränderungen an sich das Selbstbild stärken. Wer sich eine große Nase kleiner operieren lässt, fühlt sich danach tatsächlich besser. Ein Irrglaube ist jedoch, dass man nach einer Schönheitsoperation oder Typveränderung (z.B. Gewichtsverlust) insgesamt mit seinem Leben zufriedener ist als zuvor. Diese Veränderung wirkt sich nur auf das Äußerliche aus, die Persönlichkeit bleibt unbeeinflusst. Eine körperliche Veränderung kann keine psychischen Probleme lösen, sie bewirkt lediglich eine isolierte Steigerung des Selbstbildes.


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Bauch, Beine, Po und was man sonst noch machen kann

Leistung war schon in der Steinzeit von großer Bedeutung. Denn wenn der Jäger nicht fit war, konnte er die Familie nicht versorgen.  Später war Fitness eine Voraussetzung für ein erfolgreiches Militär. Während sich John Locke im 15. Jahrhundert für einen Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und Intellekt aussprach, wurde während der Industrialisierung bewiesen, dass ein Mangel an Bewegung zu bestimmten Krankheiten wie Fettleibigkeit führen kann.

Während vor 10 Jahren Facebook die einzige Social-Media-Plattform war, wurden bis heute etliche weitere soziale Medien gegründet und haben sich etabliert. Auch wenn es „damals“ schon mediale Vorbilder gab – heute wird der Online-Rezipient schon fast mit Bildern, Videos und Co. bombardiert, wenn er einen Blick in die sozialen Medien wirft. Der Einfluss dieser steht somit außer Frage. Es legt sich aber nicht jeder unter’s Messer, um sein Äußerliches zu verändern, denn es gibt auch andere Möglichkeiten.

Bildbearbeitung

Seine Bilder zu bearbeiten, bevor man sie auf Instagram & Co. postet, ist die wohl einfachste Möglichkeit, sein Erscheinungsbild zu verändern. Es ist noch nicht all zu lange her, dass Bildbearbeitungsprogramme hauptsächlich von Professionals in Werbe- oder Fotoagenturen verwendet wurden. Mit dem Aufkommen von Smartphones und der Entwicklung von mobilen Applikationen konnten auch Fotografie-Laien nicht nur qualitativ hochwertige Bilder machen, sondern diese auch angemessen bearbeiten. Das zeigt auch eine Umfrage zu beliebten Apps: 36 Prozent der 18- bis 64-jährigen nutzen regelmäßig Bildbearbeitungs-Apps! Und auch ein Blick auf Instagram zeigt: Der Großteil der Bilder wurde vor dem Posten bearbeitet oder mit einem Filter versehen.

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2010 würden sich 50 Prozent eine Kennzeichnung „verschönerter“ Bilder in Zeitschriften und Werbeplakaten wünschen!

Besonders ausgeprägt ist die Verwendung von Bildbearbeitung in Ostasien. Mehr dazu gibt es hier.

Fitness-Apps

In der modernen Fitnessbewegung hat neben Fitness auch die gesunde Ernährung einen hohen Stellenwert. Denn diese beiden Komponenten sind die Basis für einen gesundes und gutes Leben. Wer einen gesunden Lebensstil verfolgt, verändert seinen Körper nicht nur äußerlich, sondern kann auch innere Balance finden.

Die Zeit für Fitness zu finden, fällt vielen jedoch schwer. In einer 40-Stunden-Woche Familie, Freunde und Freizeit unterzubringen ist eine Herausforderung. Die lässt sich durch Fitness-Apps einfacher meistern! Denn eine App ist immer dabei, es ist kein Weg in ein überfülltes Fitnessstudio nötig und es besteht keine Gefahr von wertenden Blicken. Sein 7-Minuten-Workout kann man entspannt im Wohnzimmer machen, geleitet und unterstützt von einer App.

Übrigens: Seit 2014 hat sich die Nutzung von Gesundheits- und Fitness-Apps vervierfacht!

Diät-Apps/Kalorientracker

Gewichtsverlust ist mit den verschiedensten Diäten möglich. Von intermittierendem Fasten bis Low Carb ist für jeden Geschmack etwas dabei. Da das Digitale vor allem bei den jüngeren Generationen (unter 40) den Alltag prägt, gibt es mittlerweile eine scheinbar endlose Liste an Rezept- und Diät-Apps. Viele verwenden auch Tracking-Apps, um ihre aufgenommene Kalorien zu zählen. Eine App bietet Beständigkeit und nach einiger Zeit wird das Eintragen von sportlichen Aktivitäten und Lebensmitteln zur Routine. Ergebnisse werden nicht nur auf dem Display, sondern hoffentlich auch am Körper sichtbar.

„Mehr bewegen“ und „gesünder ernähren“ zählt zu den Top 5 Vorsätzen für’s neue Jahr. Am Jahresende können aber gerade mal neun Prozent von sich behaupten, ihre Ziele erreicht zu haben.

Bei der Durchführung von körperlicher Veränderung hat jeder Einzelne Handlungsfreiheit. Für Theresa kam Bildbearbeitung zum Beispiel nicht infrage: „Mit Bildbearbeitung kann man schon viele Sachen machen. Aber ich will mir ja auch im Spiegel gefallen. Und ich will, dass man mich auch ohne Filter auf der Straße erkennt“.

Auch mit sportlicher Betätigung und Ernährung können dauerhafte Ergebnisse erzielt werden. Jedoch sind hier die Möglichkeiten begrenzt: Denn die tägliche Jogging-Runde macht die Lippen nicht voller und durch Salat wird die Nase nicht gerade. Wer also Veränderungen dieser Art vollbracht haben möchte, kommt um einen ästhetischen Eingriff nicht herum.

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Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe?

Bereits seit über acht Jahren sind sie ein Paar. Wie in jeder Beziehung gab es auch bei ihnen Höhen und Tiefen. Doch was genau macht eine lange und glückliche Partnerschaft aus? Für Niklas und Teresa ist es klar: die Wahrheit. Es geht sogar so weit, dass sie Ehrlichkeit als selbstverständlich ansehen und nicht wissen, wie es anders sein sollte.

Ehrlichkeit ist für viele von uns wichtig. Nach einer Studie von Parship im Jahr 2015 ist für eine erfolgreiche lange Liebe für 41 Prozent der Männer und Frauen der Faktor absolute Ehrlichkeit wichtig. Das ist auch verständlich, denn niemand möchte belogen werden. Schon gar nicht von seinem eigenen Partner. Zu hinterfragen ist an dieser Zahl jedoch, ob man wirklich alle schonungslosen Wahrheiten hören möchte. Laut der Studie von Parship zählt ebenso volles Vertrauen zu den Aspekten, die besonders wichtig sind in einer guten Beziehung. Ganze 77 Prozent der Befragten sind dieser Meinung. Bedingen sich Ehrlichkeit und Vertrauen? Fakt ist, dass dem Aspekt Wahrheit eine wesentliche Rolle zukommt.

Der Paartherapeut Rudolf Fesl bezeichnet es als einen frommen Wunsch, wenn ein Paar wie Niklas und Teresa von sich behauptet, dass Wahrheit in ihrer Beziehung selbstverständlich ist und sie sich alles sagen. Hier zieht er den Vergleich zur katholischen Beichte. Der Sünder beichtet, erleichtert damit sein Gewissen und erhält gegen ein paar Vaterunser die Absolution. Würde jemand in einer Beziehung seinem Partner offenbaren, dass er eine sexuelle Affäre hat, könnte es sein, dass sein Gegenüber sofort an sich zweifelt und verletzt wäre. Das bedeutet, dass die Last des Fremdgehers auf die betrogene Person übertragen werden würde. Ist so viel Wahrheit wirklich zielführend? Vielleicht wäre es ja besser, er würde schweigen und als Strafe mit seiner Schuld leben, anstatt jemanden zu verletzen und für die Zukunft Misstrauen und Unsicherheit zu schaffen.

Das Wechselspiel von Wahrheit, Mut und Vertrauen

Der Beziehungsexperte und Autor Eric Hegmann sieht eine enge Beziehung zwischen Wahrheit, Mut und Vertrauen: Man benötigt Mut, um vertrauen zu können und etwas wahrhaftiges, um vertrauenswürdig zu sein.  Und ebenso bedarf es Mut, Wahrheiten auszusprechen.

Auch für Niklas und Teresa ist Wahrheit nicht der einzige und allein entscheidende Faktor für eine glückliche Beziehung, aber durchaus essenziell. Neben der Wahrheit zählt Verständnis und Humor für das Paar zu den wichtigsten Faktoren, auf denen eine Partnerschaft basieren kann.

Doch was genau bedeutet nun Wahrheit in einer Liebesbeziehung? Der Paartherapeut Rudolf Fesl definiert Wahrheit, indem er es zum einen von der absichtlichen Äußerung von Unwahrheit abgrenzt. Zum anderen sagt er, dass es „die Übereinstimmung von Aussagen mit einem Sachverhalt oder einer Tatsache“ ist.

Die Erwartungen an den Partner

Eric Hegmann fügt dem Begriff der Wahrheit noch eine Komponente hinzu: Sie ist etwas subjektiv Erlebbares und eng mit den Erwartungen an das Gegenüber verknüpft. Erwartungen und Wahrheit sind ihm zufolge etwas grundlegend Verschiedenes. Und trotzdem werden sie häufig miteinander vermischt. Man nimmt die eigenen Vorstellungen vom Gegenüber als wahr an. Schließlich besteht die Neigung, die Lücken im eigenen Wissen durch eigene Erfahrungen und Wünsche zu füllen. Dadurch sieht man etwas als wahr an, obwohl es lediglich eine Füllung von Wissenslücken ist. Je höher die Erwartungen nun sind, umso tiefer kann der Fall sein.

Eric Hegmann über das Vermischen von Erwartungen und der Wahrheit:

An dieser Stelle haben Teresa und Niklas einen Vorteil: sie erzählen sich, was sie denken und wie sie fühlen. Damit entkoppeln sie ein Stück weit die Wahrheit und die Erwartungen. Sie verhindern teilweise, dass sich Erwartungen an die Beziehung und den Partner bilden, die zu einer Enttäuschung führen könnten. Doch damit sind die beiden nicht die Regel. Die neue Problematik für die meisten Individuen ist schlichtweg, dass ihre Erwartungen an eine Beziehung immer höher werden.

Liebe als Sicherheit?

Eric Hegmann über die Entwicklung von der Vernunftehe zur Liebesehe:

Wir leben in einer Zeit, in der die Vernunftehe durch die Liebesehe abgelöst wurde. Nicht der Wunsch nach Prestige oder ökonomischen Vorteilen initiiert heute eine Hochzeit. Die Liebe ist der Auslöser – so wie wir es schon seit jeher in den Medien präsentiert bekommen. Doch mit dieser Entwicklung gehen auch Folgen für die Partnerschaft einher, die eine Beziehung nicht unbedingt einfacher machen. Wir streben alle nach der Liebesehe, die laut Eric Hegmann eigentlich überromantisiert ist. Wir neigen dazu, uns ein klein wenig zu verbiegen und zu verschieben, um Liebe zu bekommen. Doch ist es dann eine Lüge? Nein, es mag zwar keine bedingungslose Ehrlichkeit sein, aber es handelt sich gewissermaßen um eine andere Art der Wahrheit. Hierbei wünscht man sich in erster Linie, dass die Beziehung funktioniert. Auf die Frage, ob sich Teresa und Niklas jemals für einander verstellt haben, antworten beide nahezu gleichzeitig mit der Gegenfrage „Warum sollte man das tun?“. Beide sind der Meinung, dass ihre Liebe eben deshalb funktioniert, weil sie so authentisch und wahrhaftig zueinander sind.

Eric Hegmann bezeichnet das Streben und Sehnen nach der Liebesehe als ein Zeichen von Verlustangst. Der Partner wird aus Angst vor einem Betrug versuchen, alle Interessen zu teilen, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Die Schwierigkeit besteht darin, ehrlich gegenüber dem Partner und sich selbst zu sein, welche Interessen man hat, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Und hier kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel: Die Fantasie beider Partner, dass ihre Beziehung gut ist. Wenn dieser Optimismus fehlt, gerät eine Beziehung schnell in eine Schieflage. Die Herausforderung für eine Beziehung ist, dass sich die Beziehung nie mehr so anfühlt wie in den ersten sechs Monaten. Man muss neue Ziele für die Beziehung finden. An dieser Stelle bedarf es die Ehrlichkeit zu sagen, welche Wünsche der Einzelne hat.

+ Mehr Daten und Fakten zu Beziehungen...

Einen Partner an seiner Seite zu haben, den man liebt und mit dem man sich alles vorstellen kann – das ist es, was sich viele wünschen. Doch wie sieht die Situation in Deutschland aus? Wie viele Personen leben derzeit in einer Partnerschaft und was ist ihnen wichtig?

Teresa und Niklas gelingt es, sich kontinuierlich auszutauschen und geben sich Raum für Wahrhaftigkeit. Seitdem sie zusammen sind, haben sie aus beruflichen Gründen nur selten gemeinsam in einer Stadt gelebt. Beide ziehen immer wieder in eine andere Stadt. Sie nehmen Veränderungen in Kauf und haben die beschriebene Fantasie, dass auch ein erneuter Umzug für die Beziehung auf eine gewisse Art und Weise gut sein kann.

Flucht und Angriff – Danke Evolution.

Was hindert uns, einfach mal die Wahrheit zu sagen? Oder anders herum: Welche Gefahr besteht, wenn ich die Wahrheit gesagt bekomme? Der Mensch kennt zwei Varianten, wie man in solchen Situationen reagiert: Flucht und Gegenangriff. Hintergrund ist das Frühwarnsystem im Gehirn, das vor dem Verstand einsetzt. Je nach Persönlichkeit reagiert auf Situationen in denen man kritisiert wird, indem man sich wehrt oder sich zurückzieht.

Aus diesem Grund besteht immer ein Konfliktpotenzial, wenn man sich Wahrheiten offenbart. Der Paartherapeut Rudolf Fesl berichtet aus seinem Alltag, dass er fast täglich Beziehungen erlebt, in denen Probleme aufgrund von Wahrheiten beziehungsweise durch deren Verschweigen entstehen.

Irgendwann kann es in einer Beziehung zu einem Punkt kommen, an dem man sich über Dinge streitet, die eigentlich nie ein Thema waren. Im Einzelnen kommen dann Fragen auf wie: „Das haben wir doch immer so gemacht?” oder „Warum ist das jetzt ein Problem?”. Letztlich ist es sogar möglich, dass man durch diese Fragen erkennt, ob der Partner eventuell die ganze Zeit gelogen hat. Gewiss gibt es „verzögerte Wahrheiten“, von denen Teresa und Niklas sprechen: auch wenn Niklas das neue Oberteil von Teresa nicht gefällt, lässt er es erstmal so stehen. Erst wenn er es für den richtigen Zeitpunkt hält, bezeichnet er das Oberteil ihr gegenüber als einen Fehlkauf.

Laut Eric Hegmann ist es unerlässlich, dass sich Paare über ihre Wünsche, Bedürfnisse und Gedanken austauschen. Denn das Leben ist ein sich immer wieder verändernder Prozess hinsichtlich der eigenen Ziele. Das wichtige an dieser Stelle ist, dass man als Paar nicht am Status quo festhält, sondern Veränderungen akzeptiert. Andernfalls kann es zu einer Verunsicherung beim Einzelnen kommen. Im Hintergrund spielt hier die Angst vor dem Verlust der Bindung eine Rolle. Eric Hegmann spricht aus Erfahrung als Therapeut davon, dass der Mensch auf derartige Situationen mit „neuen“ Wahrheiten beispielsweise nicht mit der Aussage „Lass mich kurz drüber nachdenken” reagiert. Vielmehr wird geschossen und gepoltert. Um dem entgegenzuwirken sollte man stets niederschwellig anbringen, was man sich wünscht, ohne dass es als Angriff gewertet werden könnte.

Bei Teresa und Niklas ist nun die Frage, ob auch sie mit Flucht und Gegenangriff reagieren. Schließlich kommen sie durch die Selbstverständlichkeit von Wahrheit häufiger in Situationen, die zu Unbehagen führen. Und an dieser Stelle sind sie die Regel, denn auch sie streiten sich. Denn klar ist, dass auch Teresa und Niklas Menschen sind. Doch die beiden nehmen in Kauf, dass es einmal kurz lauter zwischen ihnen zugehen kann, solange sie wissen, was im anderen vorgeht.

Ein Blick in die Zukunft

Es entstehen schlichtweg neue Probleme mit der bereits beschriebenen Entwicklung zur Liebesehe als auch damit, dass der Mensch heute länger lebt. Der Mensch geht deutlich mehr Beziehungen in seinem Leben ein. In der Folge nimmt er auch mehr Erfahrungen in die Partnersuche und neue Beziehungen wodurch wiederum die Erwartungen steigen. Die Entwicklung geht nun zu neuen Beziehungsmodellen. So ist auch der Wunsch nach einer Partnerschaft auf Augenhöhe ein neues Ideal. Wohin die Liebesreise weiter geht, bleibt an dieser Stelle abzuwarten.

Wahrheit ist Charaktersache

Laut Rudolf Fesl ist es ein großer Vorteil, wenn man durch Wahrheit und Vertrauen in einer Beziehung Sicherheit etablieren kann. Man setzt Vertrauen aufs Spiel, wenn man nicht ehrlich ist. Ebenso kann man jedoch Vertrauen aufs Spiel setzen, wenn man zu offen und ehrlich ist. Alles in allem ist es wichtig und wertvoll Vertrauen aufzubauen, indem man als Paar lernt, offen und ehrlich über Gedanken, Gefühle, Ängste oder Sorgen zu sprechen.

Letztlich ist es immer eine Frage der Persönlichkeiten und abhängig Eigenschaften der Partner, wie eine Form von die Wahrheit in der Beziehung funktionieren kann. Jenachdem wie groß die Verlustangst bei einem Partner ist, umso gravierender können sich Wahrheiten auf das Vertrauen auswirken. Wahrheit ist gewiss ein wichtiger Faktor für eine funktionierende Beziehung. Doch hier ist das richtige Maß ausschlaggebend. Rudolf Fesl zitiert an dieser Stelle den Lyriker Matthias Claudius:

Wichtig ist vor allem, dass man verantwortungs- und respektvoll miteinander umgeht, um sich gegenseitig nicht zu verletzen. Und das machen Teresa und Niklas: Sie erzählen sich stets die Wahrheit, auch wenn sie schonungslos sein kann. Doch die beiden vertrauen sich, weil sie wissen, dass sie sich immer die Wahrheit sagen. Sie gehen auf ihre Weise respektvoll miteinander um und wollen die andere Person damit nie verletzen. Und letztlich ist es genau das, worauf es ankommt!

Diagnose Taub – Wenn Wahrheiten das Leben verändern

Alexandra Dobisch ist heute 22 Jahre alt. Man sieht es ihr nicht an, aber ohne ihr CI ist sie taub. Sobald sie Abends ihr Gerät ausschaltet und zur Seite legt, hört sie nichts. Um sie herum ist alles still. Als gesunder Mensch kann man sich das nicht vorstellen, aber Alexandra ist so zur Welt gekommen. Das CI gehört zu ihr, ebenso wie ihre Taubheit. Sie ist zwar auf die Hilfe der Technik angewiesen, lässt sich über das Gerät jedoch nicht definieren. Das war aber nicht immer so. Diese Wahrheit ist jedoch allgegenwärtig und sie musste lernen, sie zu akzeptieren und damit umzugehen.

Alexandra ist nicht die einzige Gehörlose in Deutschland. Über 80.000 Menschen sind davon allein in Deutschland betroffen. Prozentual ist dies jedoch ein recht geringer Anteil der Bevölkerung. Umso schwieriger ist es für die Betroffenen, diese Diagnose zu verarbeiten und zu akzeptieren. Vor allem bei den Eltern der gehörlosen Kinder ruft die Diagnose zumeist starke emotionale Reaktionen hervor. Tränen, Verständnislosigkeit, Verleumdung und immer wieder die Frage: Warum mein Kind? So reagierte auch Sarah Mundt, als ihrem kleinen Jakob* die Diagnose Taubheit gestellt wurde. Sarah ist eine junge und gesunde Frau. Sie strahlt eine unwahrscheinliche Lebensfreude und Zuversicht aus, denn heute ist ein großer Tag für sie und Jakob. Er ist 10 Monate alt und wurde vor wenigen Wochen operiert. Dabei wurde ihm ein Implantat eingesetzt, welches mit dem Hörnerv verbunden wurde. Und heute bekommt Jakob das Gegenstück, das CI, welches ihm erlaubt, die Geräusche seiner Umwelt wahrzunehmen.

Während ihrer Schwangerschaft gab es keinerlei Anzeichen oder Komplikationen, daher kam die Diagnose für sie und ihren Mann sehr unerwartet und die Wahrheit war umso schwerer zu verarbeiten. „Ich habe auch einen Monat lang nur geweint“, erzählt mir Sarah. Sie wirkt dabei sehr gefasst. Für sie und ihre Familie ist die Diagnose bereits einige Monate her.

Jakob war drei Wochen alt, als die Gewissheit kam. An dem Tag ist für seine Eltern eine Welt zusammengebrochen. Aber am meisten nagte die Ungewissheit an ihnen. Beim sogenannten Neugeborenen-Screening macht der Kinderarzt diverse Untersuchungen. Unter anderem testet er, ob das Neugeborene auf Geräusche reagiert. Jakob hat nicht reagiert und da wurde der Kinderarzt stutzig. Zunächst wird keine endgültige Diagnose gestellt. „Beim ersten Termin hieß es nur, es ist auffällig“ erinnert sich Sarah. Es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass sich lediglich Fruchtwasser oder ähnliches im Gehörgang gesammelt hat. Einige Wochen später jedoch bekam sie die endgültige Diagnose. Ihr Sohn Jakob ist taub.

  • Beim Echo-Screen wird die sogenannte TEOAE gemessen und überprüft damit die Funktionsfähigkeit der äußeren Haarzellen des Innenohrs. Dieses Verfahren wird vor allem bei Neugeborenen eingesetzt.

Eine solche Diagnose wird von einem Facharzt, einem HNO-Arzt, gestellt. Dr. Tereza Vosikova praktiziert seit nunmehr zwei Jahren am Universitätsklinikum in Magdeburg. Ungefähr einmal im Monat stellt sie die Diagnose „Taubheit“. Sie hat bereits viele Reaktionen der Eltern miterlebt. Tränen sind bei vielen der erste Impuls. Einige reagieren mit Verdrängung, andere verleumden die Wahrheit und hoffen bis zum Schluss, dass sich anfängliche Vermutung des Kinderarztes nicht bewahrheitet.

Verdrängung erscheint als erste Reaktion verständlich. Vor allem bei hörenden Eltern kommt die Diagnose wie ein Schlag. Im Unterschied zu gehörlosen Eltern, die sich darüber im Klaren sind, dass ihre Taubheit vererbt werden kann. Sie verarbeiten diese Wahrheit zumeist besser, da sie sich bereits von Anfang an darauf vorbereiten konnten. Sie haben sich darüber hinaus bereits mit den Chancen und Möglichkeiten, die die Taubheit und ein Cochlea Implantat mit sich bringen, ausführlich informiert. Immerhin sind sie selbst Patienten. In 15% der Fälle ist Gehörlosigkeit erblich bedingt.

Sarah jedoch kann hören. Auch Jakobs Vater ist hörend. Daher stellt sich ihnen immer wieder die Frage nach dem Warum. Gehörlosigkeit kann viele Ursachen haben. Von genetisch bedingter Taubheit aufgrund des Down-Syndroms,  Infektionen der Mutter während der Schwangerschaft, über bestimmte Medikamente oder Sauerstoffmangel während der Geburt. Im Nachhinein lässt sich oft schwer nachvollziehen, wie es zur Taubheit des Kindes gekommen ist.

Umso wichtiger ist es, dass Eltern die Behinderung akzeptieren. Dabei steht ihnen zunächst die schwere Aufgabe bevor, den anderen Familienmitgliedern von der Behinderung des augenscheinlich gesunden Kindes zu erzählen. Auch sie müssen sich mit der Wahrheit auseinandersetzen und lernen damit umzugehen. Dennoch fällt es vielen Eltern zunächst schwer darüber zu reden. „Ich habe es zuerst erstmal nur als Nachricht geschrieben, weil ich konnte nicht darüber reden“, erzählt Sarah.

Wichtig für den Umgang mit der Diagnose ist eine offene Auseinandersetzung mit der Behinderung. Das Thematisieren und das Aufzeigen gemeinsamer Erfolgserlebnisse helfen Eltern und Kindern gleichermaßen, die Wahrheit zu akzeptieren. „Das Gerät muss [zum Kind] gehören“, meint Vosikova. Dabei kann es helfen, wenn das Kind ein buntes CI angesetzt bekommt. Das Gerät wird auf spielerische Weise in den Alltag integriert und somit wird auch die Behinderung zur Normalität.

Eine weitere Möglichkeit, die Erfahrungen und Erlebnisse besser zu verarbeiten, liegt in der Erstellung eines Erlebnistagebuchs. Dabei schreiben die Eltern und Kinder gemeinsam ihre Gedanken und Gefühle nieder. Dadurch können sie diese teilen und miteinander aufarbeiten. Das Kind wird in den Erlebnisprozess eingebunden und lernt so, sich mit seiner Behinderung auseinanderzusetzen. Im Erlebnistagebuch von Alexandra Dobisch finden sich viele Bilder, die die Erlebnisse der vergangenen Jahre festhalten. Von ihrem ersten Tag als hörender Mensch bis hin zu Weihnachtsfeiern mit anderen gehörlosen Kindern und deren Eltern. Seit sie ein kleines Mädchen ist, ist sie zusammen mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder einmal im Jahr mit einer CI-Gruppe aus dem Raum Magdeburg übers Wochenende verreist. Dabei hat sie viel erlebt und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Auch ihre Eltern konnten sich mit anderen Eltern gehörloser Kinder austauschen und offene Fragen und Ängste klären. Die Gemeinschaft tat allen gut. Auch heute noch steht die Gruppe in Kontakt und trifft sich zusammen mit den bereits erwachsenen Kindern. Einfach nur, weil sie über die Jahre hinweg eine tiefe Freundschaft aufgebaut haben.

* Dieser Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert.

© Pixabay

Leichter gesagt als getan…

… so ist das mit der „Leichten Sprache“! Diese vereinfachte Form der deutschen Sprache dient dazu, Texte, Artikel und Informationen auch für Menschen mit Lern- oder geistigen Behinderungen verständlich zu machen. Die größte Herausforderung? Fakten genauso richtig, genauso wahr darzustellen – ohne sich dabei komplizierter Formulierungen und Fremdwörter bedienen zu können.  Für die Übersetzung gibt es spezielle Prüfgruppen, die Texte für jeden verständlich machen. Zudem geht die Leichte Sprache weit über reine Informations-Texte hinaus: Auch der Buchmarkt öffnet sich immer mehr, auch Literatur wird in die Leichte Sprache übertragen. Zudem gibt es ein interessantes und aufwändiges Forschungsfeld, ja sogar eigene Studiengänge. Die Leichte Sprache schafft es auf ihre ganz eigene Art, Wahrheit darzustellen. Wer die verschiedenen Beiträge aufmerksam liest und es sich am Ende zutraut, kann den Selbstversuch wagen und eine kleine Passage übersetzen…

PrüfgruppeTheorieBuchmarktForschungSelbstversuch

Sie sitzen alle an einem großen Tisch.
Es gibt Wasser und Buchstaben-Kekse.
Sie haben ein Ziel:
Sie übersetzen Texte in Leichte Sprache.„Welcher Satz gefällt dir besser?
Nummer eins oder Nummer zwei?
Und denk dran, wenn du irgendwas nichts verstehst,
dann ist der Text falsch, nicht du.“
Markus Übelhör ist Sozialpädagoge.
Er hat verwuschelte Haare.
Er ist braun gebrannt
Er trägt ein graues T-Shirt.
Es ist locker.
So wirkt er nicht wie eine Aufsichts-Person.
Sondern wie ein Freund.
Er hilft.
Er ist der Leiter der Prüfgruppe für Leichte Sprache.
Die Gruppe trifft sich zwei mal im Jahr.
In der Gruppe sind nur Bewohner der Wohngruppe.
Sie gehören zur Lebenshilfe Passau.
Heute sind vier Frauen und drei Männer da.
Sie haben alle eine Behinderung.
Sie sind in der Lebenshilfe in Passau.

Leichte Sprache können sie besser verstehen.
Leichte Sprache gibt es seit über 20 Jahre.
Leichte Sprache ist für alle sehr wichtig.
Sie hilft vielen Menschen:
Menschen, die nicht so gut lesen können.
Menschen, die nicht so gut Deutsch sprechen.
Es gibt ein Heft.
Das gilt in ganz Deutschland.
Dort stehen Regeln und Tipps für Leichte Sprache.
Prüfen ist für Leichte Sprache sehr wichtig.
Prüfen gehört zur Leichten Sprache.
Menschen mit Lern-Schwierigkeiten prüfen die Texte.
Nur sie können sagen, ob ein Text leicht genug ist.

Klaus sagt: „Also ich bin der Klaus,
ich geh auch zum Schwimmen,
und zum Kegeln. Aber hier bin ich auch immer dabei.
Schon seit Anfang an.“
Er setzt seine Brille richtig auf.
Er hat graue Haare und einen dunkeln Schnauz-Bart.
Er schaut alle begeistert an.
Klaus ist seit 2009 bei der Prüfgruppe dabei.
Er macht das ehrenamtlich.
Markus Übelhör erklärt:
Die Bewohner helfen der Lebenshilfe.
Die Lebenshilfe braucht die Bewohner.
Die Bewohner und die Lebenshilfe arbeiten zusammen.
Markus lernt die Leichte Sprache in Linz.
Markus Übelhör gründet die Prüfgruppe.
Bewohner der Lebenshilfe Passau sollen
beim Qualitäts-Management mitmachen.
Deshalb übersetzen sie die Texte in Leichte Sprache.
Bewohner können dann auch beim
Qualitäts-Management arbeiten.

Markus übersetzt die Texte vorher.
Er schreibt oft verschiedene Beispiele für einen Satz auf.
Die Mitglieder entscheiden gemeinsam, welchen Satz sie besser verstehen.
Sie übersetzen wichtige Texte.
Zum Beispiel: Brandschutzverordnungen und Putzpläne.
Die Texte machen das Zusammen-Wohnen leichter.
Heute übersetzt die Prüfgruppe einen besonderen Text.
Markus sagt: „Ein Auftrag von ganz oben.“
Es geht um das Leitbild der Lebenshilfe Passau.
Die Gruppe beginnt mit der Überschrift: „Leitbild“
Markus gibt den Mitgliedern einen Zettel.
Links steht „Leitbild“ und rechts steht „Leit-Bild“.
„Leitbild“ verstehen die Bewohner besser.
Der Ratgeber „Leichte Sprache“ trennt zusammen-gesetzte Worte.
Aber die Arbeits-Gruppe entscheidet sich aber für „Leitbild“.
Corinna sagt: „Das andere sieht doch komisch aus.“
Corinna ist eine junge Bewohnerin.
Sie hat kurze Haare.
Und eine Brille mit einem dicken Rahmen.
Corinna ist heute zum ersten Mal dabei.
Sie weiß noch nicht, ob sie nächstes Mal wieder kommt.
Die Gruppe mag das Wort „Leit-Bild“ nicht.

Die Arbeits-Gruppe übersetzt die nächsten Zeilen.
Sie entscheiden zwischen: „im“ und „in einem“.
Markus sagt: „Wenn du eine klare Meinung hast,
dann kannst du mir den Zettel geben.“
Die Arbeits-Gruppe entscheidet alleine.
Markus fragt: „Kannst du den Satz in deinen
eigenen Worten erklären?“.
Er gibt der Arbeits-Gruppe Zeit.
Das Arbeiten in der Arbeits-Gruppe dauert lange.
Aber nur Menschen mit Lern-Schwierigkeiten können sagen,
ob ein Text leicht genug ist.
Markus sagt: „Ich habe keine Lern-Schwierigkeit.
Ich kann den Text nicht in Leichte Sprache übersetzen.
Nur Menschen mit Lern-Schwierigkeit können übersetzen.
Die Texte muss man prüfen.
Nur ein geprüfter Text ist ein Text in Leichter Sprache.“

Es ist sehr schwer.
Ein Mensch mit Lern-Schwierigkeit schämt sich.
Er versteckt sich, weil er den Text nicht versteht.
Das sagt er aber nicht.
Es muss klar sein:
Wenn ich es nicht verstehe, ist der Text falsch – und nicht ich!
Die Arbeits-Gruppe ist nach einer Stunde fertig.
Sie haben vier Zeilen übersetzt.
Die Arbeit ist sehr anstrengend.
Prüfen ist aber sehr wichtig für alle.
Die Lebenshilfe freut sich.
Die Arbeits-Gruppe freut sich auch.

* Die Texte in Leichter Sprache wurden mithilfe des Ratgebers für Leichte Sprache übersetzt, jedoch nicht von Menschen mit Lern- Schwierigkeiten geprüft! Wir übernehmen keine Gewähr für Richtigkeit und Verständlichkeit.

Sie sitzen rundherum an einem großen Tisch in der Mitte eines Gruppenraums. Zwischen Gläsern, Getränken und Zetteln stehen Teller mit Keksen in Buchstabenform – passend zu dem großen Ziel, das sie sich gefasst haben. Sie wollen heute Texte in Leichte Sprache übersetzen. „Welcher Satz gefällt dir besser, Nummer eins oder Nummer zwei? Und denk dran, wenn du irgendwas nichts verstehst, dann ist der Text falsch, nicht du.“ Sozialpädagoge Markus Übelhör steht vor der Prüfgruppe für Leichte Sprache. Mit zerwuschelten Haaren, braun gebrannt und in grauem, locker sitzendem T-Shirt wirkt er weniger wie eine Aufsichtsperson, viel mehr wie ein Freund. Er ist der Leiter des halbjährlichen Treffens dieser Gruppe, die sich aus aus Bewohnern der Wohngruppen der Lebenshilfe Passau zusammensetzt.

Heute haben sich vier Frauen und drei Männer im Gebäude der Lebenshilfe eingefunden, alle haben eine geistige Behinderung.Die Leichte Sprache, welche seit rund 20 Jahren in ganz Europa verbreitet wird, stellt eine vereinfachte Form der deutschen Sprache dar. Mithilfe dieser soll auch Menschen mit Lern-Schwierigkeiten oder geistigen Behinderungen, sowie Fremdsprachlern der Zugang zum Deutschen erleichtert werden.
Hierzu wurde im Jahr 2006 auch ein deutschlandweit geltendes Regelwerk verfasst. Darin befinden sich viele Vorschriften und Vorlagen, wie das Deutsche verändert werden sollte, um von allen verstanden zu werden. Obwohl bei der Gestaltung auch Menschen mit geistiger Behinderung mitarbeiten, wird dringend empfohlen, jeden übersetzten Text vor der Veröffentlichung noch einmal überprüfen zu lassen. Genau das wird heute getan.

  • Hier wird heute mit Buchstaben gespielt: Texte werden in leichte Sprache übersetzt.

„Also ich bin der Klaus, ich geh auch zum schwimmen und zum Kegeln, aber hier bin ich auch immer dabei, schon seit Anfang an.“ Der grauhaarige Mann mit dem dunklen Schnauzer rückt seine Brille zurecht und blickt begeistert in die Runde. Er zählt zu den Urgesteinen der Prüfgruppe. Schon seit 2009 nimmt er an den regelmäßigen Treffen teil – selbstverständlich ehrenamtlich. „Das ist sozusagen eine Win-Win-Situation“, erklärt Markus Übelhör. „Die Bewohner leisten einen wichtigen Beitrag für die Lebenshilfe und haben gleichzeitig das Gefühl gebraucht zu werden“. Die Idee zur Prüfgruppe entstand, als der Sozialpädagoge vor neun Jahren dazu aufgefordert wurde, die Bewohner an den verschiedenen Prozessen des Qualitätsmanagements teilhaben zu lassen. Daraufhin bildete er sich bezüglich der Leichten Sprache im Linzer Institut für barrierefreie Informationstechnologie weiter.

Als Leiter der Gruppe leistet er seitdem die Vorarbeit und überträgt den Text schon im Vorhinein in die Leichte Sprache, meist in verschiedenen Versionen. Die Teilnehmer können dann gemeinsam entscheiden, welche Variante sie besser verstehen oder welche ihnen besser gefällt. Übersetzt wird alles, was eben gerade in Leichter Sprache benötigt wird. Meist handelt es sich dabei um informative Texte wie die Brandschutzverordnung oder Putzpläne, die Betreuern und Bewohnern das Zusammenleben erleichtern.

Heute aber gilt es, etwas ganz Besonderes zu übersetzen. „Ein Auftrag von ganz oben“, so Übelhör. Das Leitbild der Lebenshilfe soll nämlich in die Leichte Sprache übertragen werden. Begonnen wird mit der Überschrift, dem einzelnen Wort „Leitbild“. Hierfür verteilt der Leiter an alle Mitglieder einen Zettel. Auf diesem steht links „Leitbild“, rechts „Leit-Bild“, sie sollen die besser verständliche Hälfte des Papieres abreißen und ihm zurückgeben. Da es für Menschen mit geistiger Behinderung oft einfacher ist, zusammengesetzte Worte zu erkennen und zu verstehen, werden lange Worte meistens aufgeteilt. So schreibt es auch das Regelwerk vor. Doch das Ergebnis ist erstaunlich: Sechs der sieben Teilnehmer entscheiden sich nämlich für die normale Variante, das Wort „Leitbild“ bleibt also stehen. „Das andere sieht doch komisch aus“, so Corinna. Sie zählt zu den jüngeren Bewohnern, trägt raspelkurze blonde Haare, eine Brille mit dickem Rahmen und ist heute das erste Mal bei dem Treffen. Sie will es sich noch überlegen, ob sie in Zukunft regelmäßig teilnimmt.

Zeile für Zeile geht es nun weiter daran, sich für den richtigen Text zu entscheiden. Teilweise machen nur kleine Worte den Unterschied, hier soll jetzt zum Beispiel eine Entscheidung zwischen „im“ oder „in einem“ getroffen werden. „Wenn du eine klare Meinung hast, dann kannst du mir den Zettel geben“, erklärt Markus Übelhör. Er will die Teilnehmer nicht bei ihrer Entscheidung beeinflussen und tritt so bewusst einen Schritt zurück, während sie eine Wahl treffen. Er fragt immer wieder nach, ob sie den Satz in ihren eigenen Worten wiedergeben können. So versucht er sicherzustellen, dass alle mitkommen und den Text wirklich verstehen.

Dieses Vorgehen ist vor allem eines: zeitintensiv. Es ist die einzige Möglichkeit, die es für eine korrekte Übersetzung gibt: „Grundsätzlich ist es so, dass ich, wenn ich keine Lernbehinderung hab, auch keinen Text in Leichter Sprache schreiben kann. Ich weiß ja gar nicht, ob das jemand mit Lernbehinderung versteht, da kann ich nur mutmaßen. Eigentlich kann ein Text auch gar nicht als ein Text in Leichter Sprache bezeichnet werden, wenn er nicht überprüft wurde.“, erklärt Übelhör.

„Eine besondere Schwierigkeit ist außerdem folgende: Ein Mensch mit Behinderung, der schämt sich für seine Behinderung. Der hat sein ganzes Leben lang gelernt zu verstecken, dass er etwas nicht versteht. Dem muss jetzt klar werden: Wenn ich’s nicht verstehe, ist der Text falsch – und nicht ich!“ Nach einer Stunde hat der Sozialpädagoge ein Ergebnis: Vier Zeilen wurden übersetzt. Es ist ein Anfang und nach und nach wird so jeder Text für jeden verständlich. So aufwändig und mühsam die Arbeit mit der Prüfgruppe also ist, genauso notwendig ist sie auch. Sowohl für die Lebenshilfe als auch für jeden einzelnen Teilnehmer – alle profitieren.

Was genau macht die leichte Sprache aus der normalen, schweren Sprache? Besteht bei der Übersetzung eine Schwierigkeit, Sachverhalte faktisch richtig und wahrhaftig darzustellen? Geht bei der Übertragung in die leichte und einfache Sprache etwas verloren? Zum einen handelt es sich dabei um eine Art der Übersetzung. Ob man nun vom Englischen ins Deutsche oder vom Schweren zum Einfachen übersetzt – es ist nicht das Gleiche.

Stattdessen schafft die einfache und leichte Sprache jedoch etwas ganz Besonderes: Laut dem Sozialpädagogen stellt sie Fakten, Daten und Co. – kurz: die Wahrheit – nämlich viel konkreter dar, als die schwere Sprache das je könnte. Schließlich können keine komplizierten, oft schwammige Fremdwörter mehr verwendet werden. Jetzt muss genau das geschrieben werden, was auch gemeint ist. Drumherum-Reden, bzw. -Schreiben funktioniert also nicht mehr. Und auf genau diese Art, schafft die leichte Sprache eine ganz neue Art, eine neue Stufe von Wahrheit: Die konkrete, klar formulierte und deutlich ausgedrückte Wahrheit.

Die Geschichte von der Leichten Sprache.
Die Idee für Leichte Sprache kommt aus England.
Dort schreibt man: „easy to read“.
Das heißt „leicht zu lesen“.
Die Idee kommt dann nach Deutschland.
Das „Mensch-Zuerst“-Netzwerk People First Deutschland e.V.
arbeitet mit Menschen mit Lern-Schwierigkeiten.

Es gibt auch „einfache Sprache“:
Die Texte in einfacher Sprache sind ohne Fachbegriffe.
Aber Texte in „Leichter Sprache“ sind noch genauer.

Dem Netzwerk gefällt die Idee aus England.
Eigentlich wollen sie Bilder in die Texte machen,
damit die Texte schön aussehen.
Aber alle Länder machen das anders.

Die ersten Regeln macht die Inclusion Europe 1998.
Die Regeln stehen in einem Buch.
Das Buch heißt: „Sag es einfach“.
Die Leichte Sprache hilft nicht nur Behinderten.

Es gibt auch Regeln für die Übersetzung in die Leichte Sprache.
Die Regeln sind Gesetze.
Es gibt das Bundes-Gleichstellungs-Gesetz, kurz: BGG.
Das Gesetz gibt es seit 1. Mai 2002.
Das Gesetz erklärt den Artikel 3. Absatz 3
aus dem Grundgesetz, kurz GG.
In Artikel 3 steht: „Behinderte darf man nicht ausschließen.”

Das BGG stellt Regeln für Behörden und Träger öffentlicher Gewalt auf.
Träger öffentlicher Gewalt
sagt man zu staatlichen Einrichtungen.
Damit sind Behörden oder Ämter vom Staat gemeint.
Die erste Regel aus dem BGG (Paragraph 1):
„Das Gesetz will eine Gleich-Behandlung von Behinderten.
Behinderte dürfen in der Gesellschaft dabei sein.
Behinderte dürfen selbst bestimmen, wie sie leben wollen.
Die Wünsche von den Behinderten sind wichtig.“

Paragraph 11 erklärt das besser.
Der Paragraph heiß: „Verständlichkeit und Leichte Sprache“
Absatz 1:
“Träger öffentlicher Gewalt sprechen mit den Behinderten
in einfacher, also leichter Sprache.
Sie geben den Behinderten vor allem Texte
für einen besseren Lebens-Alltag.”
Zum Beispiel:
Verträge.
Vordrucke.
Oder Bescheide.

Absatz 2:
“Wenn Absatz 1 nicht genug ist, dann müssen
Träger öffentlicher Gewalt den Behinderten
Texte für einen besseren Lebens-Alltag geben.
Sie erklären in diesen Texten, wie du etwas machen musst.
Zum Beispiel:
Verträge.
Vordrucke.
Oder Bescheide.

In Deutschland gibt es ein Regelwerk für Leichte Sprache.
In dem Regelwerk stehen Regeln für Leichte Sprache.
Das Regelwerk ist vom Bundes-Ministerium
für Arbeit und Soziales, kurz: BAMS.
Es heißt: „Leichte Sprache – Ein Ratgeber“.
Das „Netzwerk Leichte Sprache“ gibt es seit 2006.
Das Netzwerk gehört zu People First.
Das ist Englisch und heißt „Menschen zuerst“.
Das Regelwerk ist eine Hilfe für Behörden.
Mit dem Regelwerk können sie Texte in Leichte Sprache übersetzen.

In dem Regelwerk finden sie Tipps.
Die Regeln helfen den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen
in Ämtern und Behörden beim Schreiben
von Texten in Leichte Sprache.
Das Regelwerk ist aufgeteilt in Gruppen:
-Regeln für Wörter
-Regeln für Zahlen
-Regeln für Sätze
-Regeln für Texte
-und Regeln für Gestaltung und Bilder.

Sehr wichtig: Prüfen gehört zur Leichten Sprache.
Nur die Prüfer können sagen, ob ein Text leicht genug ist.
Es gibt auch Beratungs-Stellen.
Eine davon heißt ProFamilia.
ProFamilia bietet Informationen zu verschiedenen Themen an.
– Informationen über Verhütung
– Informationen über Sexualität
– und Informationen über Hilfe durch Geld.
Die Informationen gibt es auch in Leichter Sprache.
Alle sollen die Informationen verstehen.

* Die Texte in Leichter Sprache wurden mithilfe des Ratgebers für Leichte Sprache übersetzt, jedoch nicht von Menschen mit Lern- Schwierigkeiten geprüft! Wir übernehmen keine Gewähr für Richtigkeit und Verständlichkeit.

Das Konzept der „Leichten Sprache“ bzw. der „Einfachen Sprache“ stammt ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum. Die beiden Bezeichnungen werden oft als Synonym verwendet, unterscheiden sich jedoch bezüglich ihrer Zielgruppe: Während die Leichte Sprache auf Menschen mit kognitiven Behinderungen oder Lernschwierigkeiten abzielt, richtet die Einfache Sprache sich eher an solche Menschen, die komplizierte Fach- und Alltagssprache nicht verstehen. Heutzutage findet man aber oft Texte, Bücher und Dokumente, die beiden Standards entsprechen könnten.

Unter dem Begriff „easy to read“ wurden die Einfache und später auch die Leichte Sprache in Deutschland durch das „Mensch Zuerst“-Netzwerk People First Deutschland e.V. gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten aufgegriffen und weiterentwickelt. Das ursprüngliche Konzept sah es vor, Texte durch Bilder, Design und Typographie zu unterstützen. Die Umsetzung gestaltet sich in vielen Ländern jedoch unterschiedlich.

Das erste hierzu publizierte Regelwerk unter dem Namen „Sag es einfach“ wurde 1998 von der Inclusion Europe herausgegeben. Bei der Leichten Sprache handelt es sich mittlerweile aber nicht mehr nur um ein Hilfsprojekt zur Unterstützung geistig Behinderter. Stattdessen sind ihre Anwendung und die Übersetzung bestimmter Dokumente rechtlich geregelt und gesetzlich vorgeschrieben. Am 1. Mai 2002 trat das Behindertengleichstellungsgesetz, kurz BGG in Kraft. Es beruht auf dem Artikel 3 Abs. 3 des Grundgesetzes, welcher besagt:

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“

Das BGG richtet sich unter anderem an Behörden und Träger öffentlicher Gewalt und nimmt diese in die Verantwortung. So besagt der erste Absatz des Paragraph §1:

§1 Abs.1

§11 Abs. 1

§ 11 Abs.2

Um deutschlandweit eine einheitliche Struktur in der Umsetzung der leichten Sprache zu gewährleisten, veröffentlichte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Zusammenarbeit mit dem 2006 gegründeten „Netzwerk Leichte Sprache“ ein Regelwerk unter dem Namen “Leichte Sprache – Ein Ratgeber”. Der Ratgeber dient dem Zweck, die leichte Sprache insbesondere in den Bundesbehörden zu verbreiten und bietet einen Leitfaden, Regeln und Tipps zur Vereinfachung von Fachsprache. Er richtet sich an Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung und fungiert so als Empfehlung, Dokumente und Texte zu erstellen.

Die konkreten Regeln beziehen sich im Ratgeber auf die Darstellung und Schreibweise von Wörtern, Zahlen, Zeichen, Sätzen und Texten. Zudem empfiehlt der Ratgeber, jedes „übersetzte“ Dokument erneut von einer Prüfgruppe verbessern zu lassen: Nur so kann man sicherzugehen, dass der Text wirklich verstanden wird. Um Menschen mit Lern- oder geistigen Behinderungen zu unterstützen, stellen auch Beratungsstellen wie ProFamilia viele Aufklärungsbroschüren in leichter Sprache zur Verfügung. Diese befassen sich oft mit Themen wie Verhütung, Sexualität oder soziale, finanzielle Unterstützung. Themen, über die alle Menschen informiert werden sollten.

Broschüren zum Download

Der Buchmarkt ist ein Ort, wo man Bücher kauft.
Buchmarkt bedeutet alle Geschäfte, wo es Bücher gibt.
Sprache gibt Informationen weiter.
Aber sie kann uns auch unterhalten.
Oder gibt uns neue Freunde.
Oder ein eine fremde Welt entführen.
Das macht sie in Büchern.

Es gibt eine Einrichtung, die heißt: Regens Wagner.
Die Einrichtung will, dass viele Menschen Bücher
in Leichter Sprache kennen.
Die Einrichtung macht Lesungen.
Zu der Lesung dürfen allen Menschen kommen.
Dort lesen sie Bücher in Leichter Sprache.
Am 11. Juli 2017 gab es die erste Lesung.
Die Lesung ist in Buchloe.
Im Oktober gibt es wieder eine Lesung.

Die Leiterin der Lesung „Offene Hilfen Ostallgäu“
fragt in einer Bibliothek.
Die Leiterin heißt Barbara Schneider.
Sie will wissen, ob es Bücher in Leichter Sprache gibt.
Die Leiterin der Bibliothek hat keine Bücher in Leichter Sprache.
Sie heißt: Sabine Schneider.
Sabine Schneider sucht Bücher in Leichter Sprache.

Bücher gehören zur Kultur.
Kultur ist alles was von Menschen gemacht worden ist.
Und alles was von Menschen erfunden worden ist.
Kultur ist auch wie Menschen Zusammen-leben
Es gibt auch keine Bücher in den großen Geschäften.
Sie sagt: „Ich suche in den Buch-Geschäften.
Aber ich finde keine Bücher in Leichter Sprache.
Es gibt Bücher für Kinder. Diese Bücher kann man leicht lesen.
Aber das ist nicht interessant für die Menschen mit
Lern-Schwierigkeiten.“

Migranten können Kinderbücher gut lesen.
Migranten sind Menschen auf der Flucht.
Aber der Inhalt ist für Kinder.
Die Menschen wollen aber Bücher für Erwachsene lesen.
Es gibt auch keine Bücher in den großen Geschäften.

Es gibt eine Druckerei, die heißt: „Spaß am Lesen“.
Sie druckt Bücher. Es heißt auch: Verlag.
Der Verlag macht viele Bücher.
Erst macht er Bücher für einfache Sprache.
Aber seit 2017 gibt es auch Bücher in Leichter Sprache.
Ein Autor ist eine Person die etwas geschrieben hat.
Zum Beispiel ein Buch.
Es gibt Autoren, die ein ganzes Buch in einfacher Sprache schreiben.
Eine Autorin heißt zum Beispiel: Marion Döbert.
Sie schreibt ein Buch, das heißt: „Zum Nachtisch Leben!“.

Es gibt aber keine einfachen Bücher in den großen Geschäften.
Auch im Internet ist das schwer.
Es gibt keinen extra Bereich für diese Bücher.
Wer nach Bücher in „Einfacher“ oder „Leichter“ Sprache sucht,
findet nur einen Ratgeber.
Aber Bücher, also Literatur, gibt es hier nicht.
Der „Spaß am Lesen Verlag“ weiß nicht, wo seine Bücher sind.
Es gibt Zwischen-Händler.
Die Bücher sind überall verteilt.

In München gibt es eine Bibliothek-Landes-Fach-Stelle.
Sie kennt das Angebot von Büchern in Leichter Sprache erst,
wenn eine Bücherei Geld für Bücher in Leichter Sprache braucht.
In Büchern stehen Informationen.
Bücher lesen macht aber auch Spaß.
Menschen können sich beim Buch-lesen entspannen.
Es ist wichtig, dass es viele Bücher in Einfacher und
Leichter Sprache gibt.
Es ist wichtig, dass viele Menschen wissen, dass es
diese Bücher gibt.

Aber Sabine Schneider hat eine Idee:
Sie macht ein Regal in ihrer Bibliothek nur für Bücher
in Leichter Sprache.
Diese Bücher holt sie zum Beispiel vom „Spaß am Lesen Verlag“.
Es gibt keine andere Möglichkeit.
Das ist schwierig.
Aber es ist Sabine wichtig.
Es ist wichtig, dass viele Menschen wissen, dass es
diese Bücher gibt.

Der Buchmarkt ist sehr groß.
Es ist schwer, Bücher in einfacher oder leichter Sprache zu finden.
Beim „Spaß am Lesen Verlag“ gibt es viele solche Bücher.
Aber wo gibt es die Bücher noch?
Menschen mit Lern-Schwierigkeiten können diese Bücher
nicht schnell finden.
Aber die Menschen brauchen Barriere-Freiheit.
Das heißt sie dürfen nicht ausgeschlossen werden.
Alle Menschen müssen etwas benutzen können.
Ohne Betreuer wissen diese Menschen nicht,
wo es diese Bücher gibt.

Die Einrichtung „Regens Wagner“ ist ein gutes Vorbild.
Im Oktober gibt es eine Lesung mit Büchern in Einfacher
und Leichter Sprache.
Vorbilder sind toll. Andere sollen auch so sein.
Sie sollen auch so etwas machen.

Diese Lesungen soll es öfter geben.
Sie sollen auch größer sein.
Die Lesung zeigt den Menschen mit Lern-Schwierigkeiten
die Kultur der Gesellschaft.
Sie gehören dann noch mehr dazu.

* Die Texte in Leichter Sprache wurden mithilfe des Ratgebers für Leichte Sprache übersetzt, jedoch nicht von Menschen mit Lern- Schwierigkeiten geprüft! Wir übernehmen keine Gewähr für Richtigkeit und Verständlichkeit.

Doch Sprache kann noch so viel mehr, als Informationen weitergeben: Sie kann uns unterhalten, neue Freunde treffen lassen und uns in fremde Welten entführen: In Büchern. Daher entschloss sich die christlich-soziale Einrichtung Regens Wagner im vergangenen Jahr, regelmäßige und öffentliche Lesungen von Büchern in leichter Sprache anzubieten. Die Einrichtung hat verschiedene Standpunkte in ganz Bayern und betreut dort Menschen mit den verschiedensten Behinderungen. Ausgehend von den „Offenen Hilfen Ostallgäu“ fand zum ersten Mal am 11. Juli 2017 eine Lesung in den Buchloer Räumlichkeiten statt. Auch diesen Oktober soll eine solche Lesung veranstaltet werden, diesmal in der Buchloer Stadtbibliothek. Während der Vorbereitungen zu dieser Lesung setzte sich die Bereichsleiterin der „Offenen Hilfen Ostallgäu“, Barbara Schneider, mit der Bibliotheksleiterin Sabine Schneider in Verbindung, um an geeignete Bücher zu gelangen. Im Zuge dieser ersten Absprachen stellte sich heraus, dass die Bibliothekarin selbst noch nie in Kontakt mit Büchern in leichter Sprache kam, in der Bücherei selbst war nicht ein leichtes Buch zu finden. Daraufhin entschloss sich Sabine Schneider, schon seit 23 Jahren in der Bibliothek beschäftigt, auf die Suche nach verschiedenen Exemplaren zu gehen – und scheiterte:

Die Übersetzung von Prosa spielt eine große und wichtige Rolle, auch zur Wahrheitsvermittlung und -schaffung. Denn literarische Werke schaffen Kultur und bieten geistig Behinderten so die Möglichkeit, sich noch mehr in die Gesellschaft zu integrieren. Dennoch ist es oft so, dass es sich bei „normalen“ Büchern, deren Schwierigkeitsgrad etwa dem sprachlichen Verständnis-Niveau von geistig Behinderten oder auch Migranten entspricht, meist um Kinderbücher handelt. Diese sind zwar leicht geschrieben und verständlich, behandeln thematisch gesehen aber auch nur leichte Kost.

„Ich kann denen zwar Lesestart-Bücher für Sechsjährige anbieten, das ist aber thematisch uninteressant hoch Drei! Alles, was solche Menschen mit Sprach- oder Verständnis-Schwierigkeiten ein bisschen interessiert, ist vom Lesen zu anspruchsvoll.“

Kein erwachsener Mensch möchte gerne Kinderbücher lesen, nur weil er andere Bücher nicht versteht. Um dem entgegenzuwirken wurde 2009 der Verlag „Spaß am Lesen“ ins Leben gerufen. Dieser Verlag publiziert seit neun Jahren Bücher und Bestseller, die zunächst in einfache Sprache übersetzt wurden, seit 2017 verlegt er außerdem auch Literatur in leichter Sprache. Hinzu kommt, dass es mittlerweile Autoren gibt, die Bücher direkt in vereinfachter Form verfassen. Marion Döbert zählt zu diesen und veröffentlichte im März 2017 das Buch „Zum Nachtisch Leben!“, welches sie bereits in einfacher Sprache schrieb. Mit dem Ziel, einfache und leichte Bücher bekannter zu machen.

Doch es gibt ein Problem: Es gibt keine Verzeichnisse, keinen Überblick und nur wenig Angebote von einfachen und leichten Büchern, wie etwa die vom „Spaß am Lesen“-Verlag. Auf den Online-Seiten der großen Buchhändler gibt es keinen separaten Reiter für diese und auch wer ins Suchfeld „Einfache Sprache“ oder „Leichte Sprache“ eingibt, findet höchstens einen Ratgeber – Literatur sucht man hier vergeblich. Selbst der „Spaß am Lesen“-Verlag weiß nicht, wo seine Bücher überhaupt verkauft werden. Denn aufgrund verschiedener Zwischenhändler verliert der Verlag so den Überblick über die Bücher. Hinzu kommt, dass auch die Bibliothek-Landesfachstelle in München nur dann vom Angebot von Büchern in leichter Sprache erfährt, falls die Büchereien um Förderung für bestimmte Projekte zum Thema bitten.
Trotz allem entschied sich Sabine Schneider, in ihrer eigenen Bibliothek in Buchloe ein solches Regal mit Büchern in leichter Sprache einzuführen. Um an Literatur zu gelangen, bestellt sie seitdem direkt beim „Spaß am Lesen Verlag“ – eine andere Möglichkeit hat sie nicht. Das ist zwar umständlich, die Verbreitung der Literatur in leichter Sprache ist ihr persönlich jedoch viel zu wichtig, um darauf zu verzichten.

Ob es jetzt nur darum geht, die Informationen, die in Büchern enthalten sind zu erfassen, oder ob man beim Lesen selbst Genuss und Spannung verspürt, ganz egal. Fakt ist, dass Bücher in einfacher und leichter Sprache viel weiter verbreitet und publik gemacht werden sollten. Der Buchmarkt stellt diesbezüglich also insofern ein Problem dar, dass es sehr schwer ist, sich einen Überblick zu verschaffen.
Wer nicht direkt beim „Spaß am Lesen“-Verlag bestellen möchte oder kann, hat es schwer, überhaupt an solche Bücher in leichter Sprache zu kommen. Vor allem für Menschen mit geistiger Behinderung, für die ja eigentlich Barrierefreiheit in sämtlichen Bereichen gewährleistet sein sollte, ist das sehr problematisch. Denn so gestaltet es sich sehr aufwändig, ohne Betreuer oder fremde Hilfe, an solche Bücher zu kommen – oder gar von ihnen zu erfahren. Die Einrichtung Regens Wagner stellt hier einen Vorbildcharakter dar, indem sie auch dieses Jahr am 25. Oktober in Buchloe eine Lesung veranstaltet und Literatur in einfacher und leichter Sprache vorstellt. Solche Veranstaltungen sollten auch im größeren Rahmen häufiger angeboten werden, um so überall den kulturellen Zugang zu unserer Gesellschaft zu schaffen.

„Diese Menschen haben genau die gleichen Bedürfnisse und Ansprüche an ihr Leben. Die möchten genau wie du und ich mitbekommen, was um sie herum geschieht. Die haben genauso Interesse an Geschichten, möchten ihre Phantasie ausschöpfen. Also wenn man selber schon mal Bücher gelesen hat in einfacher Sprache, dann erlebt man etwas ganz Phantastisches. Dass nämlich die Message des Buches rüberkommt. Das kann eine Moral sein, das kann eine Stimmung sein, die der Autor beabsichtigt. Und das funktioniert genau so in einfacher Sprache wie in schwerer Sprache.“



„Das ist der Weg, Menschen, die nicht die besten Erfahrungen gemacht haben, wieder an Bildung und Sprache heranzuführen. Jedoch ist das Bedürfnis, Formulare zu übersetzen größer, als Literatur zu vereinfachen. Zudem fallen bei Übersetzungen in die vereinfachte Form stilistische Mittel weg, wie auch bei der Übersetzung in eine andere Sprache. Daher dient die Übersetzung von Büchern eher der Allgemeinbildung. So können Menschen mit geistiger (Lern-)Behinderung die Bücher zumindest inhaltlich verstehen.“

In der Forschung geht es darum neue Dinge herauszufinden.
In der Forschung gibt es viele Projekte.
Es gibt auch ein großes Projekt für die Forschung für Leichte Sprache.
Das Projekt heißt: Leichte Sprache im Alltagsleben.
Kurz: LeiSA.

Dieses Projekt macht die Universität in Leipzig.
Das Projekt erforscht:
– Wird das Arbeits-Leben von Menschen mit Lern-Schwierigkeiten
durch Leichte Sprache besser?
– Wird das Arbeits-Leben durch Leichte Sprache anders?
– Wie viel Texte in Leichte Sprache brauchen wir?
– Welche Regeln für Leichte Sprache gibt es?

Bettina Bock macht bei dem LeiSA-Projekt mit.
Sie ist Juniorprofessorin an der Universität in Köln.
Sie arbeitet viel mit Sprache.
Sie überlegt schon lange ein Projekt für Leichte Sprache zu machen.
Sie will erforschen, ob die Menschen mit Lern-Schwierigkeiten
die Leichte Sprache verstehen.
2014 startet dann das Projekt LeiSA.
Besonders und neu ist: Die Menschen mit Lern-Schwierigkeiten sind
bei der Forschung dabei.
Sie testen die Leichte Sprache.

„Leichte Sprache ist ein großes Thema.“
Leichte Sprache ist wichtig für die Gesellschaft und für die Forschung.
Aber viele interessieren sich nicht lange für Leichte Sprache.

„Es gibt noch zu wenig Forschung in der Wissenschaft.“
Forschung für Leichte Sprache ist interessant und schwierig.
Es arbeiten viele verschiedenene Menschen mit.
Menschen, die Texte übersetzen.
Menschen, die mit Sprache arbeiten.
Menschen, die Menschen etwas beibringen.
Menschen, die sich um Menschen kümmern.
Es ist sehr schwer nicht durcheinander zu kommen.

Viele arbeiten theoretisch mit Leichter Sprache.
Das heißt sie denken über Leichte Sprache nach.
Sie machen aber keine Erfahrung mit Leichter Sprache.
Es gibt viel mehr theoretische Arbeit mit Leichter Sprache.
Ein Beispiel dafür ist die Forschung in Hildesheim:

In Hildesheim kann man studieren.
Es gibt einen Studiengang. Der heißt „Barriere-freie Kommunikation.“
Dort lernt man etwas über Leichte Sprache.

Durch Leichte Sprache sagt man Dinge so, wie sie sind.
Viele Büros für Leichte Sprache sagen das.
Meistens meinen sie damit die Politik.
-Wahlprogramm
-Interviews
-Vorträge
In Leichter Sprache muss der Politiker genau sagen, was er meint.
Er kann keine Fachbegriffe verwenden.

Aber Frau Bock sagt: „Wenn ich etwas nicht verstehe, dann heißt
das nicht automatisch, dass ich lüge.“
Beim Übersetzen in Leichte Sprache fällt immer etwas weg.
Der Text wird in Leichter Sprache immer kürzer.

* Die Texte in Leichter Sprache wurden mithilfe des Ratgebers für Leichte Sprache übersetzt, jedoch nicht von Menschen mit Lern- Schwierigkeiten geprüft! Wir übernehmen keine Gewähr für Richtigkeit und Verständlichkeit.

Eines der größten Projekte, die im Zuge der empirischen Forschung zur Leichten Sprache gemacht wurden, ist die LeiSA-Studie der Universität Leipzig. LeiSA ist die Kurzform für „Leichte Sprache im Alltagsleben“. Die Studie erforscht, wie Leichte Sprache den Arbeitsalltag von Menschen mit Lern-Schwierigkeiten beeinflussen und verbessern kann. Der Bedarf an Informationen und Kommunikation in Leichter Sprache wird ermittelt und es wird festgestellt, wie sich die Teilhabe im Arbeitsleben durch Verwendung von Leichter Sprache verändert. Außerdem werden die Regeln, welche bislang zur Leichten Sprache existieren, unter empirischen Gesichtspunkten näher betrachtet.

Eine der Mitarbeitenden am diesem Projekt ist Bettina M. Bock, Juniorprofessorin im Bereich Sprachwissenschaft an der Universität Köln. Lange schon beschäftigte sie der Gedanke an ein Forschungsprojekt, welches vor allem interdisziplinär die Effektivität und Verständlichkeit der Prinzipien von Leichter Sprache für die Zielgruppe untersucht. Im Jahr 2014 wurde das Projekt in Form der sogenannten LeiSA Studie realisiert und nach rund vier Jahren fertiggeestellt. Das Besondere dabei ist die partizipative Vorgehensweise: Die Zielgruppen selbst werden in den Forschungsprozess miteinbezogen.

Mehr Informationen zur LeiSA-Studie

Leichte Sprache ist sicherlich ein Thema, das boomt.

Ein Thema, das sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung, als auch in der Forschung immer wichtiger wird. Eine intensive Beschäftigung mit dem Thema gibt es bislang nur bei Wenigen. Doch Bettina M. Bock bleibt dabei – sie will weiterhin zu diesem Thema forschen.

Es gibt nach wie vor eine Lücke in der empirischen Forschung.

Das Interessante, aber gleichzeitig auch Schwierige an der Forschung mit Leichter Sprache, ist die Beteiligung unterschiedlicher Disziplinen. Es arbeiten Übersetzungswissenschaftler, Linguisten, Didaktiker und Sozialpädagogen zusammen – da einen Überblick zu bekommen fällt natürlich schwer.

Übersicht der Publikationen


Theoretische Forschung

Die theoretische Beschäftigung mit dem Phänomen der Leichten Sprache dominiert, wie beispielsweise die Forschungsstelle in Hildesheim zeigt.
An der Universität Hildesheim gibt es außerdem die Möglichkeit den Master-Studiengang „Barrierefreie Kommunikation“ zu besuchen. Dieser beschäftigt sich unter anderem mit der Übersetzung von Texten in die Leichte Sprache. Nähere Informationen zu diesem Master-Studiengang gibt eshier.


Leichte Sprache zwingt einen dazu, sich klarer auszudrücken und konkrete Aussagen zu machen – so heißt es in vielen Büros für Leichte Sprache. Das bezieht sich meistens auf Bereiche wie die Politik: Wahlprogramme, Interviews und Reden. In Leichter Sprache würden sich die Politiker klarer ausdrücken müssen, explizit sagen wie etwas ist und könnten nicht auf Umschreibungen und Floskeln zurückgreifen. Bettina M. Bock sieht das jedoch anders:

Sich klar ausdrücken hat nichts damit zu tun, ob man die Wahrheit sagt oder nicht.

Wenn etwas also nicht verständlich ist, hat es nicht automatisch etwas mit der Kategorie Wahrheit oder Nicht-Wahrheit zu tun. Leichte Sprache stellt auch immer eine Einschränkung bezüglich der Ausdrucksmöglichkeiten dar. Das heißt, es fällt damit auch immer etwas weg.

Beispiel Text
Schon früher hat man sich viel mit dem Thema Wahrheit beschäftigt. Hier ein kurzer Auszug aus dem Werk „Was ist Wahrheit?“ (1857) vom deutschen Schriftsteller Christoph Martin Wieland:

Die Wahrheit ist, wie alles Gute, etwas Verhältnißmäßiges. Es kann Vieles für die menschliche Gattung wahr seyn, was es für höhere oder niedrigere Wesen nicht ist, und eben so kann etwas von dem einen Menschen mit innigster Ueberzeugung als wahr empfunden und erkannt werden, was ein anderer mit gleich starker Ueberzeugung für Irrthum und Blendwerk hält.

Auszug aus dem Regelwerk:

      • genau Beschreiben
        (Bsp: Anstatt öffentlicher Nahverkehr – Bus und Bahn)
      • bekannte Wörter, keine Fach- und Fremd-Wörter
        (Bsp: Anstatt Workshop – Arbeits-Gruppe)
      • Möglichkeit: Schwere Wörter ankündigen, Wörterbuch
        (Bsp: Herr Meier hatte einen schweren Unfall. Jetzt lernt er einen anderen Beruf. Das schwere Wort dafür ist: berufliche Rehabilitation.)
      • Immer gleiche Wörter benutzen
        (Nicht zwischen Tablette und Pille wechseln)
      • Kurze Wörter, aber keine Abkürzungen!
      • Verben ansatt Nomen
        (Bsp: Anstatt Morgen ist die Wahl – Morgen wählen wir)
      • Aktiv Statt Passiv
      • Genitiv, Konjunktiv, Negationen, Rede-Wendungen vermeiden
      • Arabische Ziffern, nicht ausschreiben als Wort
      • Alte Jahreszahlen vermeiden, stattdessen: Vor langer Zeit/ vor 100 Jahren
      • Hohe/Potenz-Zahlen, Sonderzeichen (&,..) vermeiden
      • Datum: Ohne Nullen: 03.03.12 – besser: 3. März 2012 oder 3.3.2012
      • Zeit-Angaben: Unterschiedlich, Prüfgruppen fragen
      • Kurze Sätze, Lange Sätze trennen
      • Einfacher Satzbau, Zeilen trennen nach Sinn
      • Persönliche Ansprache, Anrede “Sie”
      • Zuerst Männliche Form: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. (Einfacher zu lesen)
      • Fragen vermeiden
      • Veränderung erlaubt, Inhalt und Sinn muss gleich bleiben
      • Einfache Schrift, gerade Schriftart, nur eine
      • Große Schrift (Ab Größe 14)
      • Abstand zwischen den Zeilen (Ab 1,5 Zeilenabstand)
      • Immer Linksbündig
      • Jeder Satz in neue Zeile, keine Wörter Trennen in Zeilen
      • Viele Absätze und Überschriften
      • Wichtige Dinge hervorheben (Fett, Farblich hinterlegen, Rahmen)
      • Dunkle Schrift, helles, dickes (80 Gramm mind.), mattes Papier
      • !Passende!, scharfe, klare Bilder zur Unterstützung, nicht aber als Hinergrund
      • Regeln reichen nie ganz aus, immer Absprache mit Prüfgruppe sinnvoll! Nur Menschen mit Lernschwierigkeiten können bestimmen, ob der Text verständlich ist!

Mögliche Lösung

Die Wahrheit ist nicht fest.
Die Wahrheit ist wie eine gute Sache.
Die Wahrheit ist in jeder Situation anders.

Der Mensch sagt, dass etwas wahr ist.
Aber das muss nicht automatisch für andere Wesen auch wahr sein.
Andere Wesen sind zum Beispiel: Götter oder Tiere.

Es gibt Menschen, die glauben sehr stark an etwas.
Das heißt auch: Überzeugung.
Zum Beispiel sagen Menschen mit Überzeugung, dass etwas wahr ist.
Ein anderer Mensch aber sagt, dass das nicht wahr ist.
Er sagt, dass das falsch ist.
Dieser andere Mensch hat die gleiche Überzeugung.
Trotzdem sagen die beiden nicht das gleiche.

Wahrheit ist für jeden etwas anderes. *


* Die Texte in Leichter Sprache wurden mithilfe des Ratgebers für Leichte Sprache übersetzt, jedoch nicht von Menschen mit Lern- Schwierigkeiten geprüft! Wir übernehmen keine Gewähr für Richtigkeit und Verständlichkeit. 

Bildnachweise:
Pixabay (alle Titelbilder)
Markus Übelhör
Regens Wagner
Sabine Schneider
Bettina M. Bock
Paula Schneider
Valentina Ehgartner