Das nasse Grab

Abschiednehmen auf der Donau im Rechtskonflikt

„Weil einfach diese Lebenskraft des Flusses da ist und weil das Grün hier draußen auch die Hoffnung stärkt. Weil es ein Stück Instabilität des Lebens spiegelt und weil es nicht die Tristesse eines steinbesetzten Friedhofs hat.“

– Anton Aschenbrenner

Das Leben in Passau ist ein Leben an den Flüssen Donau, Ilz und Inn. Doch mit dem Leben gehört auch das Sterben früher oder später dazu. Neben der klassischen Erdbestattung existiert heutzutage die Möglichkeit der Flussbestattung. Wer sich in Deutschland eine Beisetzung in der Donau wünscht, kann sich das von Passauer Bestattungsunternehmen organisieren lassen. 

Der Haken: möglich ist diese Form der Bestattung nur auf der österreichischen Seite der Donau, in Deutschland herrscht Friedhofspflicht. Daraus resultiert ein Konflikt zwischen einer sich wandelnden Bestattungskultur und der restriktiven Gesetzeslage über die deutsch-österreichische Grenze hinweg.

Anton Aschenbrenner über das Verbot der Donaubestattung in Deutschland.


Anton Aschenbrenner

Anton Aschenbrenner ist als freier Theologe und Trauerredner in Niederbayern tätig. Seit über fünf Jahren bietet der ehemalige katholische Priester die Donaubestattung in Niederösterreich an.

 

Das Bestattungsrecht ist in Deutschland Ländersache und geht auf preußische Zeiten zurück. So auch die Friedhofspflicht, die Bestattungen nur an dafür vorhergesehenen Orten zulässt. Damit schließt sie alternative Bestattungsarten – wie das Verstreuen der Asche oder die Flussbestattung – aus und wird deshalb vielseitig kritisiert. In den meisten europäischen Ländern wurde die Friedhofspflicht längst abgeschafft und gilt als veralteter Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Verstorbenen und Angehörigen.

Wer sich dennoch auf der Donau bestatten lassen möchte, muss dafür die österreichische Grenze überqueren. Genauer gesagt: nach Niederösterreich gelangen. Denn dort ist die Donaubestattung und allgemeine Flussbestattung seit 2008 rechtlich erlaubt. Auf einer 17 Kilometer langen Strecke in der Wachau kann die Asche des Verstorbenen beigesetzt werden. Wer noch weiter weg möchte, hat die Möglichkeit eine Donaubestattung in der Slowakei durchzuführen. 

Sowohl für Niederösterreich als auch für die Slowakei gilt: Nur mit einer Genehmigung der jeweiligen Gemeinde ist eine Bestattung auf der Donau rechtlich gültig. Je nach Gemeinde und Streckenkilometer kann dies einen Preisunterschied von bis zu 260 Euro ausmachen.

 

Wie viel kostet eine Donaubestattung?

Je nach Fahrtdauer, Anzahl der Gäste, Urne, etc. können die Preise bei einer Donaubestattung stark variieren. Minimum: 670 €, Maximum: 4.724 € (Stand: Juli 2019).

Im Vergleich dazu kostet eine klassische Erdbestattung im Durchschnitt 7.930 €.

Flussbestattungen werden im Allgemeinen außer in Österreich auch noch in Belgien und den Niederlanden auf dem Rhein oder der Maas angeboten. Ebenso in der Schweiz, wo die Bestattungsgesetze sehr viel liberaler sind. In Deutschland dagegen sind außer der Erd- und Feuerbestattung nur zwei weitere Beisetzungsformen zulässig – die See- und die Baumbestattung. Letztere findet in sogenannten Trauerwäldern statt.

„Jeder Bestatter sollte die Wünsche der Angehörigen erfüllen.“

Was sind die beliebtesten Destinationen für Donaubestattungen?

Wachau bei Ardagger, die Tullner Auen und Hainburg gelten als beliebte Orte für Donaubestattungen in Niederösterreich. 

Aus welchem Material bestehen die Urnen?

Die Urnen für die Donaubestattungen bestehen entweder aus Zellstoff, Salz oder Ton. Eine wichtige Voraussetzung dabei ist, dass sie biologisch abbaubar sind.

Immer mehr Menschen möchten ihrer Verbundenheit zum Donautal und der Natur im Allgemeinen, auch über den Tod hinaus, Ausdruck verleihen. Sei es bei Kapitänen, Anglern oder Menschen, die persönliche Erfahrungen mit der Donau verbinden: Sie alle wollen durch die Donaubestattung ein Zeichen der Nähe und Heimatverbundenheit setzen. 

Ursprünglich sind Flussbestattungen eine maritime Tradition, die für Gefallene auf dem Meer durchgeführt wurde. Dabei spielte auch der hygienische Aspekt eine bedeutende Rolle, da der Leichnam für die oftmals monatelange Fahrt nicht aufbewahrt werden konnte. Mit der Zeit löste sich die Tradition, sodass Flussbestattungen heutzutage weltweit stattfinden. 

 

Grundsätzlich richtet sich die Gestaltung einer Donaubestattung immer individuell nach den Wünschen des Verstorbenen oder der Angehörigen. Hierbei kann zwischen einer anonymen Flussbestattung ohne Gäste oder einer feierlichen Schiffsbestattung gewählt werden. Im Allgemeinen wird zunächst die Asche des Verstorbenen in einer wasserlöslichen Urne nach Österreich versandt. Das Bestattungshaus übergibt dabei den Fall über die Grenze hinweg. So geht dieser an den Trauerredner, der für die tatsächliche Beisetzung und Zeremonie verantwortlich ist. Sind alle Formalien wie die Anmeldung bei der Reederei erledigt, erfolgt die eigentliche Beisetzung auf dem Schiff. 

Generell beinhaltet die Abschiednahme eine Trauerrede, die mit entsprechender Musik untermalt wird. Bevor die Urne jedoch in die Tiefen des Flusses versinkt, wird die Flagge des Schiffes auf Halbmast gesetzt und die Schiffsglocke geläutet. Abschließend erhalten die Angehörigen eine Seekarte mit den Koordinaten, an der die Urne beigesetzt wurde. Die ganze Zeremonie dauert dabei rund eine Stunde. 

Der Nachteil der Beisetzung auf einem Schiff ist, dass die Angehörigen später keinen festen Ort haben, an dem sie dem Verstorbenen Gedenken können. Zur ungefähren Einordnung der Bestattungsstätte wird zwar der Flusskilometer festgehalten, Kreuze, Blumen, oder ähnliche Objekte des Gedenkens sind am Flussufer jedoch unerwünscht. Manuel Kasberger, ein Passauer Bestatter, weiß: oft sehnen sich Menschen Jahre später dann nach einer Gedenkstätte.

Anton Aschenrbenner über die zeremonielle Gestaltung einer Donaubestattung und Manuel Kasberger über das Fehlen einer Gedenkstätte.


Individualität

Das zentrale Kulturprinzip der westlichen Welt

„Die Nachfrage nach individuellen Bestattungsformen steigt“

 

Individualität ist eines der zentralsten Prinzipien unserer Kultur und zieht sich immer mehr durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Genauso befindet sich auch die Bestattungs- und Erinnerungskultur im Wandel. Immer mehr Menschen wünschen sich eine freie und einzigartige Beisetzungszeremonie, die auf das Leben des Verstorbenen zugeschnitten ist. Gleichzeitig verlieren vor allem jüngere Generationen immer mehr den Bezug zu traditionellen Bestattungsritualen. Klassische Friedhöfe, betrieben von Kirchen und Kommunen, verlieren an Bedeutung, auch weil Grab und Grabstein nicht mehr unbedingt als zentraler Erinnerungsort fungieren.

Auch das Thema Grabpflege beschäftigt Angehörige zunehmend. Im Zeitalter der Globalisierung bindet man sich ungern an einen festen Ort. Finanziell gesehen sind Flussbestattungen kostengünstiger als klassische Erdbestattungen. So entfallen beispielsweise die Friedhofs- und Grabpflegegebühren für die Hinterbliebenen. Zudem kann die Zeremonie freier gestaltet werden. Angefangen von der Farbe der Urne bis hin zum Steigenlassen von Tauben oder Luftballons: den Wünschen des Kunden sind keine Grenzen gesetzt. Mithilfe der Flussbestattung können Menschen ihre Verbundenheit zum Wasser auch nach dem irdischen Leben aufzeigen. Die anonyme Beisetzung bietet darüber hinaus Menschen ohne Angehörige einen würdevollen Abschied.

Manuel Kasberger

Manuel Kasberger ist Geschäftsführer des Bestattungshauses Kasberger in Passau und Deggendorf. Er betreibt außerdem den Trauerwald in Untergriesbach. In seinem Berufsalltag erlebt auch er zunehmend den Wandel der Bestattungskultur.

Manuel Kasberger über die steigende Nachfrage individueller Bestattungsformen.

 

Eine offizielle Begründung, warum die Flussbestattung in Deutschland nicht erlaubt ist, wird kaum ersichtlich. Zur Aufrechterhaltung des Friedhofszwangs wird angeführt, dass die Totenruhe, die Ehrung der Toten und die Pflege ihres Andenkens eine kulturelle Aufgabe darstellen, die am besten auf öffentlichen Friedhöfen wahrgenommen werden kann. Auch soll es jedem möglich sein, die Gedenkstelle eines Verstorbenen zu besuchen, um ganz persönlich Abschied zu nehmen und zu trauern. Bei der Zulassung privater Begräbnisorte wäre dies nicht mehr in jedem Fall gewährleistet.

Flüsse sind Teil des öffentlichen Raums, das Thema Tod und Trauer jedoch etwas sehr Intimes. Anwohner, Spaziergänger, Badegäste oder Wassersportler könnten sich gestört fühlen, ständig von dieser Thematik umgeben zu sein. Friedhöfe sind dagegen Orte, an denen ein entsprechender Rahmen für Trauer und Erinnerung geschaffen wird, gerade weil sie sich vom öffentlichen Raum abgrenzen.

  • Manuel Kasberger im Bestattungshaus.
 

Warum Deutschland im internationalen Vergleich mit dem Bestattungsrecht hinterherhinkt, ist bis heute unklar. Bis sich grundlegende Veränderungen in diesem Bereich auftun, muss noch einige Zeit vergehen. Dabei kann allgemein beobachtet werden, dass das Thema Bestattung, in Verbindung mit Tod und Trauer, noch kaum Anschluss im öffentlichen Diskurs findet. So gilt dieses immer noch als Tabuthema in unserer Gesellschaft. Ein Paradox, angesichts rund 2700 täglicher Sterbefälle und einer Bevölkerung, die sich seit Jahrzehnten in einem demografischen Wandel befindet.  

Floating Houses auf der Donau

Ehrgeiziger Plan für Racklau gescheitert

Erwähnt man den Hafen Racklau, legt sich ein fragender Ausdruck auf die Gesichter vieler Passauer. Wenige haben von der Hafenfläche gehört, geschweige denn von den ehemaligen Plänen, die für sie einiges vorgesehen hatten.
Die Halbinsel liegt auf der Donau und befindet sich zwischen den Passauer Stadtteilen Haidenhof-Nord und Hacklberg – nur drei Kilometer Luftlinie vom Rathaus entfernt. 

  • Momentan hat Racklau Anlegestellen für Kreuzfahrtschiffe

Racklau wurde ursprünglich als Güterumschlagplatz genutzt. Die Pachtverträge zwischen dem Eigentümer bayernhafen GmbH und der Logistikfirma Geltinger AG liefen jedoch Ende 2018 aus, eine Verlängerung war nicht in Sicht. Grund dafür war die Eröffnung des Hafens Passau-Schalding, welcher heute für den Güterumschlag genutzt wird. Da der Hafen Racklau keinen Gleisanschluss (mehr) hat, fokussierte sich bayernhafen auf den Standort Schalding. Dort investierten die Eigentümer zwölf Millionen Euro in den Ausbau des Hafens, der jetzt Umschlagmöglichkeiten für Zug, Schiff, und LKW bietet. 


Die zukünftige Nutzung der Halbinsel wurde im Stadtrat diskutiert. Doch überraschend kam eine neue, ausgearbeitete Idee. Im Mai 2017 stellten Oberbürgermeister Jürgen Dupper und Joachim Zimmermann, Geschäftsführer der bayernhafen GmbH, die Konzeptstudie „Leben mit dem Wasser“ vor.

Die Studie sah vor, ein schwimmendes Feriendorf zu errichten: Es sollte ein Hostel, Ferienhäuser und eine Bar geben. Alles schwimmend auf der Donau, wegen der Hochwassergefahr. Außerdem sollten Anlegestellen für vier bis fünf Kreuzfahrtschiffe geschaffen werden. Zusätzlich wollten die Eigentümer ein Terminalgebäude bauen. Dies sollte in Kooperation mit der Stadtwerke Passau GmbH geschehen, die auch die Anlegestellen in der Altstadt und in Lindau betreiben. Hier wollte man auch das Wassertaxi einführen – eine Idee, die schon vielfach im Stadtrat besprochen wurde. 

Die Fotos in dieser interaktiven Karte dienen nur der Veranschaulichung, hier kann der Original-Plan eingesehen werden.

Schwimmende Häuser – Modell der Zukunft?

Die Idee der sogenannten Floating Homes ist zumindest in den Niederlanden nichts neues. Schon ganze Siedlungen der kreativen Häuser sind dort entstanden, wie der Amsterdamer Stadtteil Ijburg. Dort sind die Häuser durch Stege miteinander verbunden, welche gleichzeitig sämtliche Leitungen enthalten.
Das ganze ist eine Weiterentwicklung der typischen Hausboote: Die Floating Houses sind nämlich mit Ringen an Stahlpfählen verankert. So kann das Haus auf- und absteigen und passt sich somit dem Wasserstand an. Hochwasser ist also keine Gefahr mehr, und die Erweiterung des Wohnraums auf das Wasser spart auch noch eine Menge Platz.
Da es kaum Kostenunterschiede zu einem Haus an Land gibt, plant die Niederlande weitere Großprojekte mit Floating Homes. In Deutschland ist die neue Wohnform aber noch nicht angekommen.

Die Pläne für Racklau kamen jedoch im Winter 2018 ins Stocken: Eigentümer bayernhafen bat die Stadt Passau um eine Pause im Bebauungsverfahren. Man hatte mittlerweile wohl Zweifel am Konzept. Dieser Bitte kam die Stadt nach und stoppte alle Aktivitäten.
Dann gab bayernhafen in einer Pressemitteilung bekannt, sich auf die Flusskreuzfahrtschiffe fokussieren zu wollen. Es sei wohl ein Bedarf an Anlegestellen für Kreuzfahrtschiffe festgestellt worden.

„2019 stehen im bayernhafen Passau-Racklau bereits vier Liegestellen für Flusskreuzfahrtschiffe zur Verfügung, für 2020/21 ist eine Erweiterung auf bis zu sieben Liegestellen geplant, mit Elektrifizierung und perspektivisch der Errichtung eines Terminalgebäudes.“
– bayernhafen im April 2019

Die Diskussion um das Hafengelände stoppte aber trotzdem nicht. Vorstellungen, Ideen und Vorschläge für die künftige Nutzung gibt es immer noch. Stimmen der Kritik erheben sich: Einerseits gegen die Konzeptstudie, andererseits wegen der gescheiterten Umsetzung.

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Die Kritik der CSU

„Wenn man immer nur klein denkt, und nicht groß, wird man im Zweifel auch nur kleines erreichen – oder eben gar nichts.“

Dass die Pläne damals auf Eis gelegt wurden, freute Kritiker. Denn die bayernhafen-Pläne trafen damals auf starke Kritik der CSU. Holm Putzke, CSU-Kreisvorsitzender, sieht auch heute in Racklau noch immer großes, ungenutztes Potenzial. Sein größter Kritikpunkt: Die Konzeptstudie war zu klein gedacht; der Plan ging nicht weit genug und sei viel zu schnell erstellt worden. Die Chancen, die man hätte umsetzen können, seien nicht berücksichtigt worden.

„Da reicht es nicht, irgendwelche Skizzen zu machen und irgendwelche schwimmenden Häuser einzuzeichnen.“

Es wären viele Ideen und Vorschläge in Diskussion, meint Putzke. So könnten dort Möglichkeiten für Kultur geschaffen werden, Gewerbe könnte sich dort ansiedeln oder es könnte sich etwas Universitäres entwickeln. „Warum sollte es nicht dort möglich sein, eine Fläche zu begründen, wo eine medizinische Fakultät untergebracht werden kann oder eine Medizinausbildung?“, sagt Putzke.

Außerdem betont Putzke, dass es wichtig sei, die verschiedenen Interessen zu berücksichtigen: Die Fischerei, die Schifffahrt, die Anwohner, und sogar die Deutsche Bahn, wenn man das Gelände vom Bahnhof ausgehend denke. 

Video: Holm Putzke über das Potenzial Racklaus

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OB Dupper zeigt sich diplomatisch

Oberbürgermeister Jürgen Dupper distanziert sich von der Studie. „Es ist die Studie des Eigentümers und ihm ist es überlassen, welche Studien er für sein Gelände haben möchte und welche nicht.“ Die Stadt könne lediglich ihre Zustimmung geben.
Trotzdem sei die Nutzung der Halbinsel stark eingeschränkt – zum einen wegen der Überschwemmungsgefahr, zum anderen wegen der Nähe der lärmintensiven Bundesstraße.

Video: Wie kam es eigentlich zur Konzeptstudie?

Den Plan bayernhafens, sich auf die Flusskreuzfahrt zu fokussieren, kann er daher gut nachvollziehen: Es gäbe Unlogischeres, als einen Hafen als Hafen zu nutzen, sagt er.

Die Eigentümer haben gesehen, dass großer Bedarf an der Nutzung als Hafen existiert – jetzt nicht mehr für den Umschlag von Gütern, sondern von Passagieren.

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Eigentümer bleibt stumm

Eigentümer bayernhafen wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern. Ob es allein beim Ausbau der Kreuzfahrtanliegestellen oder ob aus dem Hafengelände noch mehr passiert, bleibt fraglich.

„Nach dem Ende des Hafen-Standorts Passau-Racklau als Güterumschlagplatz besteht nun die Chance, neue, tragfähige Möglichkeiten der Nutzung zu entwickeln. Derzeit befinden wir uns dazu in einem ergebnisoffenen Prozess der Diskussion mit der Stadt Passau. Dem Ergebnis daraus möchten wir nicht vorgreifen und können daher Ihrem Wunsch nach einem Interview derzeit nicht entsprechen.“
Pressestelle bayernhafen GmbH

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Fischer im Hafen Racklau

Gunter Bauer ist Vorstand der Apostelfischer und beobachtet die Entwicklungen in der Racklau seit mehreren Jahren. Der traditionsreiche Verein der Apostelfischer entstand schon im Mittelalter in Passau und besteht aus 12 Fischern. Sie haben bis heute das Privileg, in einem bestimmten Bereich der Donau das alleinige Fischereirecht zu besitzen. Heute hat der Verein im Hafen Racklau zusätzlich eine Anlegestelle für Boote.
Mit der aktuellen Situation ist Bauer nicht zufrieden: Das sei alles bloß Provisorium.

„Der Wohnmobilparkplatz ist schon seit 10 Jahren ein Provisorium. Was vorne entsteht, geschieht auch nur tröpfchenweise; das mit den Kreuzfahrtschiffen, die Nutzung als Lagerplatz… Das ist nichts für die Zukunft.“

Dass die Konzeptstudie verworfen wurde, findet Bauer schade. „Die Apostelfischer sind auch Passauer Bürger und die freuen sich natürlich, wenn hier auf dem Gelände mitten in der Stadt etwas Attraktives entstünde.“

Trotzdem weist Bauer auch darauf hin, wie problematisch die Lage der Halbinsel ist: Es herrscht ständig Überschwemmungsgefahr. Bei Niedrigwasser könne man alle möglichen Ideen haben, die Umsetzung sei aber schwierig.

Für die künftige Nutzung der Wasserfläche erhofft er sich, dass die Fischerei und der Naturschutz berücksichtigt werden. Die geplante Erweiterung der Anlegestellen für Kreuzfahrtschiffe sieht er kritisch: „Das hätte auf die Fischerei mit Sicherheit negative Auswirkungen. Aber das werden wir nicht verhindern können, man muss einfach das Beste draus machen und miteinander reden.“ Jedoch sei das alles nur ein Vorentwurf, bayernhafen müsse noch Genehmigungen einreichen, Anträge stellen.

Video: Warum ist das Hafengebiet Racklau für die Fischerei so wichtig?

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Einigen Passauern ist die Racklau trotz allem ein Dorn im Auge. Vom Hacklberg haben Anwohner nämlich einen guten Blick auf die Halbinsel. Racklau vegetiere zu einer Müllkippe, sagen einige, das Gelände sei völlig verwahrlost. Eine rosige Zukunft sehen die Meisten nicht: Dazu sei das Gelände einfach zu problematisch und interessieren würde es sowieso nur die wenigsten.

Racklau. Die Halbinsel auf der Donau, wo Urlauber aus Transferbussen in ihre Urlaubsdampfer gebracht werden. Ob sich aus dem Gelände mehr als nur ein Passagierumschlagplatz entwickelt, wird die Zukunft zeigen.


Wie sollte das Gelände genutzt werden?

Jede Minute zählt

Die Maske sitzt, zwei Schläuche versorgen ihn mit der lebensnotwendigen Atemluft. Die letzten Handgriffe, bevor sich Thomas Habel rückwärts ins Wasser fallen lässt. Unter der Oberfläche sieht er die Hand vor Augen nicht. Die am Jacket befestigte Taschenlampe hat er umsonst mitgenommen. Er kann sich nur langsam voran tasten und muss sich auf sein Empfinden in Händen und Füßen verlassen. Alle anderen Sinne spielen jetzt nur eine untergeordnete Rolle. Habel spürt einen festen Gegenstand, doch es ist nicht der zuvor versenkte Torso, den er heute aus dem Wasser holen soll, sondern der Anker. Ruhig dreht er sich wieder um, tastet sich weiter durch die trübe Flüssigkeit. Später sagt er, dass er keine Angst mit unter die Wasseroberfläche nimmt, aber sehr viel Respekt und Vorausschau.

Im Stadtteil Neustift liegt das Vereinsheim der Passauer Ortsgruppe der deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG). Bei einem Kaffee besprechen die vier DLRG-Mitglieder den heutigen Einsatz. Thomas Habel wird die Übung als Einsatztaucher durchführen und einen Dummy vom Grund der Donau bergen. Habel ist über 1,90 Meter groß, auf dem rechten Unterarm hat er ein rundes Tattoo, das sofort ins Auge sticht. Auch Sebastian Krückl, der heute als Sicherungstaucher ins Wasser geht, ist auffällig groß. Er muss sich bücken, um durch den Türrahmen ins Vereinsheim zu kommen. „Zwischen zehn und zwanzig Einsätze führen wir im Jahr durch“, erzählt er. Darunter war in diesem Jahr bisher eine Vermisstensuche mit Taucheinsatz. Als Bootsführer ist beim heutigen Tauchgang Andreas Sitter dabei, für den Kontakt zwischen Taucher und dem Team auf dem Boot sorgt der 17-jährige Tobias Ramesberger.


Thomas Habel,
Einsatztaucher

Sebastian Krückl,
Sicherheitstaucher

Tobias Ramesberger,
Signalmann

Andreas Sitter,
Bootsführer

Wenn die Hilfe der DLRG-Retter gefordert wird, klingeln die Piepser, die sie immer bei sich tragen sollten. Dann kommt es auf Schnelligkeit an, denn jede Minute zählt. „Je nach Einsatzort schaffe ich es in etwa fünf bis zehn Minuten von meinem Arbeitsplatz zum Einsatz“, erzählt Thomas. Vom Vereinsheim zum Winterhafen Passau fahren die Männer etwa fünf Minuten. Dort werden die DLRG-Mitglieder heute einen Dummy vom Grund der Donau bergen, als Übungstauchgang. Heute kann Thomas Habel sich also an die Straßenverkehrsregeln halten, es besteht keine Eile. Im Ernstfall müssen die Fahrer trotz Zeitdruck sehr vorsichtig sein: „Man weiß nie, wie die anderen Autofahrer reagieren, wenn sie ein Blaulichtfahrzeug im Einsatz sehen und hören“, sagt Habel. Meistens funktioniere das Bilden einer Rettungsgasse aber ganz gut. Probleme gebe es oft an roten Ampeln, wenn Autofahrer sich nicht trauen, diese zu überfahren. Um einem Einsatzwagen den Weg freizumachen, ist dies aber erlaubt.

Um gefahrlos und schnell handeln zu können, ist der sichere Umgang mit der Ausrüstung enorm wichtig. Diese liegt jederzeit im DLRG-Einsatzwagen bereit. Thomas Habel zeigt die wichtigsten Teile der Ausrüstung eines Einsatztauchers:

Der Winterhafen Passau liegt direkt an der Bundesstraße 8 auf der Halbinsel Racklau. In dem Seitenarm der Donau, zwischen Schnellstraße und der Halbinsel, werden sonst Sondergüter wie Schwertransporte verladen. Habel parkt den DLRG-Sprinter neben einem der türkisfarbenen Container, die am Hafen stehen. Unten am Wasser weht die rot-gelbe Fahne mit dem Logo der DLRG im Wind. Dort stehen die Boote Ortsgruppe Passau. Die vier Männer beginnen sofort, die Ausrüstung für den Tauchgang auszupacken und nach unten an die Anlegestelle zum Boot zu bringen. Sicherheitstaucher Sebastian Krückl erklärt die heutige Ausrüstung: „Hauptsächlich verwenden wir Trockentauchanzüge, weil wir nie genau wissen können, was uns am Einsatzort erwartet und wie lange der Einsatz dauert“. Die rot-schwarzen Tauchanzüge umschließen den Körper von den integrierten Schuhen, über Gummiabdichtungen an den Handgelenken bis hin zu einer gummiartigen Sturmmaske, die nur Mund, Nase und Augen freilässt. „In diesen Anzügen kühlt der Körper nicht so schnell aus und er schützt zudem vor Gefahren wie konterminiertem Wasser, ganz im Gegensatz zum Neoprenanzug“, sagt Krückl.

Zwei Pressluftflaschen, ein gelber und ein roter Koffer, sowie Flossen und eine gelbe Taschenlampe werden zur Anlegestelle getragen. Pressluft ist komprimierte Atemluft, mit der der Taucher länger unter Wasser bleiben kann. Die beiden Taucher zwängen sich in die roten Anzüge und gehen ebenfalls zur Anlegestelle. Dort prüfen sie ausführlich ihre Pressluftflaschen und die Luftzufuhr. Nun müssen die Taucher die schweren Flaschen auf ihre Rücken ziehen. Beide verziehen vor Anstrengung das Gesicht, während sie die schweren Rucksäcke auf ihre Rücken wuchten. Habel bekommt dabei Hilfe von seinem Kollegen Ramesberger. Etwa 30 Kilo hat er mit der gesamten Ausrüstung zusätzlich am Körper zu tragen. Zudem trägt Habel Gewichte aus Blei am Körper, damit er besser unter der Wasseroberfläche bleibt.

Thomas Habel – mit und ohne Tauchausrüstung

Der 45-jährige Thomas Habel ist seit acht Jahren bei der DLRG. Hauptberuflich arbeitet er als Qualitätsfachmann in der Fachrichtung Längenprüftechnik. „Beruf und Ehrenamt kann ich nur vereinbaren, weil ich einen Arbeitgeber habe, der mir den Rücken freihält für Einsätze und Übungen.“ Auch die Familie spiele eine entscheidende Rolle: „Sie geben mir diese zusätzliche Freizeit“. Familie, das sind für den begeisterten Taucher seine Frau und die zwei Töchter. Sie sind 18 und 22 Jahre alt. Im November 2018 wurde er Großvater, erzählt er lächelnd. Das ehrenamtliche Tauchen ist bei Thomas Habel aus seinem Hobby entstanden. Zuerst war er jahrelang Mitglied bei der Feuerwehr. Irgendwann entschied er sich dann, privat einen Tauchschein zu machen, inspiriert durch seinen Chef auf der Arbeit. Weil Habel das Tauchen gerne ehrenamtlich einsetzen wollte, ging er 2011 zur DLRG. Wenn sonst noch Zeit bleibt, geht er gerne schwimmen oder wandern, am liebsten im Bayerischen Wald. Seine einzige mehr oder weniger actionfreie Nebenbeschäftigung: Manchmal probiert er sich als Hobby-DJ.

 

Unter Wasser

Das braune Wasser der Donau sieht bei bewölktem Himmel gefährlich dunkel aus. Inzwischen sind alle Teammitglieder samt Ausrüstung auf dem Boot. Der Bootsführer Andreas Sitter steht am Steuer, die beiden Taucher sitzen einander gegenüber auf den Bänken. Sebastian Krückl lehnt sich lässig mit dem Rücken an die Rückseite des Steuers, ein Fuß auf der Bank aufgestellt. Von Anspannung ist bei dieser Übung noch nichts zu spüren. Bis auf die Taucher muss jeder an Bord eine rote Rettungsweste tragen, aus Sicherheitsgründen. Andreas Sitter startet den Motor und lenkt das Boot langsam vom Ufer weg. Ein Stück vom Ufer entfernt lassen die beiden Taucher den orangefarbenen Dummy auf den Grund der Donau sinken. Danach wuchtet Krückl den schweren Anker vom Boot und lässt ihn ebenfalls ins Wasser sinken: Die Strömung der Donau würde das Boot sonst immer weiter vom Zielort abtreiben.

Bevor es losgeht, nimmt Thomas  Habel noch ein letztes Mal das Mundstück der Pressluftflasche in den Mund, um die Luftzufuhr zu testen. Dann geht er schwerfällig rückwärts die Rampe am Ende des Bootes hinunter, in schwarzen Flossen und seinem roten Tauchanzug, die große Pressluftflasche auf dem Rücken. An der Kante angekommen, lässt Habel sich, ohne zu zögern, rückwärts ins Wasser fallen. Dann taucht er unter.

Thomas Habel verschwindet für einige Minuten unter Wasser. Für die restlichen Teammitglieder heißt das: Warten. Trotzdem müssen alle aufmerksam bleiben, vor allem Tobias Ramesberger. „Der Signalmann ist die Verbindung zum Taucher“, erklärt der 17-jährige Schüler. Er kann mit dem Taucher über Leinenzugzeichen kommunizieren und sich dadurch grob mit ihm verständigen. Einmal ziehen bedeutet zum Beispiel, dass der Taucher in Not ist. Der Signalmann bekommt dadurch Informationen vom Taucher und kann diese an das Team weiterleiten. „Das ist vor allem wichtig, wenn man eine Person geborgen hat“, sagt Tobias. Dann können sich die Personen an Bord schon auf den Umgang mit der geretteten Person vorbereiten. Am besten funktioniert das Tauchen mit einer Vollgesichtsmaske, damit können Taucher und Signalmann über Kopfhörer miteinander kommunizieren.

Einsatztaucher Thomas Habel über die Situation unter Wasser

Thomas Habel taucht mit dem Dummy auf, schwimmt rückwärts bis er auf das Boot trifft. Er und Sicherheitstaucher Krückl, der sich im Wasser um Thomas‘ Sicherung kümmert, hieven sich mit der schweren Ausrüstung aus dem Wasser. Der Dummy steht nun wieder im Trockenen, die Übung ist also gelungen. „Im Ernstfall würde jetzt der Grundcheck erfolgen, um zu schauen, was der Person fehlt“, sagt Andreas. Bei kalter Witterung wickelt man die gerettete Person in Decken ein. „Dann wird sie so schnell wie möglich an den am Ufer wartenden Rettungsdienst übergeben.“

Im Einsatz ist alles anders

Bisher hat Habel nur Sachgüter geborgen, Leichen dagegen noch nicht. Vor kurzem war er allerdings bei einer Vermisstensuche dabei. „Da geht schon sehr viel im Kopf vor. Man macht sich vor dem Tauchgang schon Gedanken: Was ist, wenn ich ihn jetzt finde?“ Man könne sich im Voraus noch so viele Gedanken machen – „im Einsatz ist immer alles anders. Man kann sich auf sowas nicht wirklich vorbereiten“, sagt Habel. In diesem Fall sei die vermisste Person jedoch unversehrt aufgefunden worden.

Unter Wasser ist der zweifache Familienvater immer sehr angespannt, als Taucher muss er sich zu hundert Prozent auf seine Kollegen verlassen können. „Man ist nur fixiert auf die Suche, man schaut nie selbst auf die Sicherung“, sagt Habel über die Extremsituation. Bei der Sicherung des Tauchers helfen Signalmann und Sicherungstaucher, dies ist gesetzlich vorgeschrieben. Auf diese Hilfe kann er sich verlassen: Etwas schiefgegangen ist bei seinen Tauchgängen noch nie, auch in Lebensgefahr musste sich der 45-Jährige noch nicht begeben. Über den emotionalen Aspekt des Einsatztauchens zu sprechen, fällt Habel deutlich schwerer, als die Ausrüstung und Abläufe zu erklären. Es gehöre einfach zum Job dazu. „Jeder verarbeitet das anders“, sagt er. „Ich bin eher derjenige, der dann auf Lebensmittel zurückgreift“, fügt er grinsend hinzu. „Andere möchten reden, andere sind still“, sagt Habel wieder mit gewohnt ernstem Blick. „Jeder macht das anders. Aber es gehört einfach zum Job dazu“. 

Beim heutigen Einsatz habe alles hervorragend geklappt, erzählt Habel, in Tauchmontur auf dem Boot sitzend. „Zum Glück war es nur eine Übung, den Ernstfall möchte man natürlich nicht erleben“. Adrenalin und Anspannung sorgen bei einem echten Taucheinsatz für ein „komisches Gefühl“. Er gehe immer mit dem Wissen ins Wasser, vermutlich wenig bis gar nichts zu sehen. Deshalb sind Taucher hauptsächlich auf ihren Tastsinn angewiesen, bei Thomas Habel ist dies mit enormer Anspannung verbunden. Da man bei einem Einsatz aufgrund der Aufregung und Anstrengung sehr schnell atmet, kann die Pressluftflasche schon nach zehn Minuten unter Wasser leer sein.

Einsatzgebiet der DLRG-Passau


Anzahl der DLRG-Einsätze steigt

Bei einer Übung können die Taucher noch austesten, wie sie in welcher Situation am besten handeln. „Der Ernstfall ist natürlich ganz anders“, sagt Habel, man müsse dann einfach intuitiv handeln. Zeit zum Nachdenken oder Ausprobieren bleibt nicht, wenn das Leben einer Person in Gefahr ist. Nach jedem Einsatz setzen sich die Teammitglieder daher zusammen und sprechen darüber, was gut gelaufen ist und was beim nächsten Mal besser werden muss. Dabei sprechen sie auch darüber, wie sie sich gefühlt haben.

Insgesamt steigt die Zahl der Einsätze laut Thomas Habel. Er habe das Gefühl, dass die Retter der DLRG immer öfter ausrücken müssen, „weil die Leute einfach unvorsichtiger werden“. Es passiere von Jahr zu Jahr öfter, dass Personen sich die Beine abkühlen wollen und dabei ins Wasser fallen. Das sind laut Habel die häufigsten Einsätze. „Aber so ist das einfach in der Dreiflüssestadt“, sagt er und schmunzelt.

Die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft e.V. ist mit 1,8 Millionen Mitgliedern die größte Wasserrettungsorganisation der Welt. Sie wurde 1913 gegründet, nachdem im Vorjahr auf Rügen eine Anlegestelle zusammenbrach und 16 Menschen in der Ostsee ertrunken sind. Die Hauptaufgaben der DLRG sind die Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung sowie die Aufklärung über Wassergefahren und der Wasserrettungsdienst. Schirmherr der vielen ehrenamtlich Tätigen ist der Bundespräsident.

Mehr Infos zur DLRG-Ortsgruppe Passau findet Ihr auf Facebook oder Instagram.

Alles im Fluss der Experten

Es ist 8:00 Uhr morgens, als mein Wecker klingelt. Eigentlich würde ich nun meine Uni Unterlagen zusammensuchen und mich auf den Weg zur ersten Vorlesung machen. Doch heute packe ich statt Bücher und Laptop, Gummistiefel und Regenhose in meine Tasche. Denn es geht für mich heute nicht in die Uni, sondern nach Jochenstein – ein kleiner Ort an der Grenzüberschreitung zu Österreich an der Donau. Anstelle meiner Kommilitonen werde ich internationale Teams der JDS4 (Joint Danube Survey) treffen. Sie sind heute aus ganz Europa angereist, um die Donau auf ihre Wasserqualität zu untersuchen. Es ist ein riesiges Projekt, welches alle drei Jahre in 13 Donau Anliegerstaaten stattfindet. Und mitten drin bin ich. Eine Studentin der Universität Passau. Zwei Tage lang werde ich die Teams und das Wasserwirtschaftsamt bei ihrer Forschung rund um das Gewässer in Passau begleiten. Schnell packe ich noch das Käsebrot und die Wasserflasche ein, es wird ein langer Tag laut Ludwig Butz, dem Diplombiologen des Wasserwirtschaftsamtes in Passau/Deggendorf. Er und sein Team sind für Deutschland heute bei der Untersuchung vor Ort.

Ludwig Butz

Diplombiologe / Leiter der Technischen Gewässeraufsicht Wasserwirtschaftsamt Deggendorf

Ludwig B. ist mit seinem Fachbereich für den Landkreis Passau zuständig. Sein Zuständigkeitsbereich umfasst biologische / chemische Untersuchungen, Industrieüberwachungen und Pegelwesen.

Was zählt zu den Hauptaufgaben eines Gewässerschützer?

Um 9:30 Uhr komme ich in Jochenstein an. Wir treffen uns direkt am Flussufer, an der Messstation der Donau. Dieser Platz soll wohl besonders gut für die Probenentnahme sein. Kaum bin ich aus dem Auto ausgestiegen kommt Butz schon auf mich zu. Ein großer schlanker Mann, um die 50 Jahre alt. „Sie müssen Frau Block sein, freut mich dass Sie es gefunden haben“. Mir wird direkt ein Kescher in die Hand gedrückt. „Den brauchen Sie gleich, bitte ziehen Sie Ihre wasserdichte Kleidung an“. Als ich drei Minuten später mit meinen hellblauen Blumen bemusterten Gummistiefeln und der Regenhose meines Vaters vor den Teams stehe, wird gelacht. „Sehr gut vorbereitet“, sagt eine Mitarbeiterin des Teams sichtlich amüsiert. 

Es geht los. Wir werden zunächst nach Aufgaben in kleine Gruppen unterteilt. Meine Aufgabe besteht darin, vom Land aus mit dem Kescher alles, was an der Probestelle entlang schwimmt raus zu fischen. Dafür bekomme ich sterile Handschuhe, um die Befunde später so keimfrei wie möglich in einen kleinen Eimer zu füllen. Später werden die Proben dann konserviert und mitgenommen. Im Forschungszentrum werden diese dann am Folgetag mit Hilfe von Mikroskopen auf Art und Herkunft bestimmt. Zum ersten Mal gibt es auch eine Untersuchung zur eDNA. Diese ist die Umwelt DNA. Man untersucht hier die Ergebnisse von genetischen Markern, erzählt mir Butz. 

Ludwig Butz erklärt die eDNA

Gut ich muss also sehr sorgsam und genau arbeiten, denke ich mir. Ich stelle mich auf einen Stein direkt am Ufer, um an vorbei schwimmende Algen mit dem Kescher heranzukommen. Ich merke aber schnell, dass hier kaum etwas schwimmt, was ich mit dem Kescher erreichen könnte. Die anderen Teams sind bereits damit beschäftigt, große Steine an Land zu holen und diese dann von unten anzusehen und Proben (Insektenlarven) zu entnehmen. 

Da die Teams sehr in ihre Arbeit vertieft sind und ich sie dabei auch nicht stören möchte, entscheide ich mich, in die Donau hineinzusteigen, um besser an die Proben zu gelangen. Keine gute Idee, denn meine Gummistiefel sind viel zu kurz. Das Wasser steht mir bis zu den Knien. Den Kescher verliere ich fast, als ich versuche wieder an Land zu kommen. „Kann man Ihnen helfen?“ fragt Butz, sichtlich amüsiert. An Land wieder angekommen, kommt er auf mich zu und bietet mir nun an, in seinem Team mit zu helfen. Sie brauchen noch jemanden, der die Proben von Steinen abkratzt und in die Eimer überführt. Ich leere meine Gummistiefel aus und beginne mit zu helfen. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird viel gelacht und über wissenschaftliche Themen gesprochen. Ich werde immer wieder ins Gespräch mit eingebunden und erfahre so viel über die Arbeit des Wasserwirtschaftsamtes und die Donau. Themen, mit denen man als Medien- und Kommunikationsstudentin wenig zu tun hat, die aber eigentlich sehr wichtig für uns Menschen sind – gerade im Hinblick auf die Zukunft und die zunehmende Wasserverschmutzung.

Gibt es im Hinblick auf den Gewässerschutz rund um Passau Fortschritte bzw. Rückschläge? Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?
Stellt Mikroplastik hierbei ein großes Problem dar?

Ein Fluss – viele Lebensräume

Die Donau bietet einen Lebensraum für so viele Tier- und Pflanzenarten.  Wir Menschen nutzen den Fluss hauptsächlich als eine Wasserquelle. Doch durch menschliche Eingriffe und natürliche Ereignisse kann das Wasser sehr verschmutzt werden. Deswegen ist es so wichtig, dass die Qualität des Wassers regelmäßig überprüft wird, erzählt mir Butz. Eine verschmutzte Stelle im Fluss reicht aus, um das ganze Biosystem zum Wanken zu bringen. Die Donau unterteilt sich an unzähligen Stellen in weitere Flüsse und genau deswegen veranstaltet die ICPDR alle drei Jahre die große Wasserprobenentnahme. Es soll verhindert werden, dass Flora und Fauna mit ihrer Artenvielfalt zum Erliegen kommen. Sie wollen erreichen, dass das Gewässer sauber bleibt, dass die Tiere und Pflanzen ein sicheres zu Hause haben und wir Menschen das Wasser weiterhin trinken können, ohne dass wir dabei Bedenken haben müssen. Ich finde, dass das eine großartige Sache ist, worauf meiner Meinung nach gerade bei der jüngeren Generation zu wenig Aufmerksam gemacht wird.

Offizielles Video über die Joint Danube Survey 4 (Quelle: ICPDR)

Mittlerweile ist es 12:00 Uhr mittags und wir entscheiden uns, eine kurze Pause zu machen. Ich möchte die Zeit nutzen, um mich mit den anderen Teams zu unterhalten. Ich sehe am Ufer eine Reihe von Wissenschaftlern und Experten stehen, die mit Schlamm gefüllten Spritzen hantieren. Als ich mit ihnen auf Englisch spreche, erzählt mir eine Frau, die vom Akzent her aus einem südlichen Land stammen könnte, dass sie zum ersten Mal, seitdem es „Joint Danube Surveys“ (JDS) gibt, eine Umwelt DNA erstellen wollen. Davon hatte mir Ludwig Butz bereits am Vormittag erzählt. Dafür benötigen sie den Schlamm. Später wird dieser dann auf Radioaktivität untersucht. Ein hochkomplizierter Prozess, der wohl einige Zeit in Anspruch nimmt.

  • Umweltschützer nehmen Schlammproben, um die Radioaktivität zu untersuchen.

Nach der Mittagspause geht es weiter. Ich merke, dass mir die Arbeit in der prallen Sonne und die vielen neuen Eindrücke ganz schön zu schaffen machen. Ich finde es bewundernswert, dass die Leute um mich herum alle noch hochkonzentriert arbeiten und so viel Spaß dabei haben. Ich merke gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht.  Nach weiteren zwei Stunden sind wir mit der Wasserprobenentnahme fertig. Alle Befunde werden vorsichtig in Kisten zu den Autos getragen. Die Kleidung wird verstaut und bevor wir fahren, laufen alle noch einmal zur Messstation, um nachzusehen, ob irgendwo Müll liegen geblieben ist. Ich verabschiede mich vom Team, bedanke mich noch einmal recht herzlich und steige in mein Auto. Zu Hause falle ich todmüde ins Bett, denke aber noch viel über Butz und sein Team nach. Ich finde es beeindruckend, mit was für einem Herzblut und Engagement sie ihrer Arbeit nachgehen.

Am nächsten Morgen klingelt mein Wecker wieder um 8:00 Uhr und erneut packe ich statt Büchern, meine blauen Gummistiefel in die Tasche. Ich bin mit Butz und seinem Team am Kraftwerk Passau-Ingling am unteren Inn verabredet. Ich merke wie Freude in mir aufsteigt. Als ich beim Treffpunkt ankomme, ist dort aber nicht wie am Vortag ein Konvoy von Fahrzeugen zu sehen, sondern nur Butz vor seinem Auto: „Guten Morgen Laura, wir müssen die Probenentnahme leider für heute absagen, der Wasserstand ist viel zu hoch. Das ist zu gefährlich.“ Ich merke ein wenig, wie Enttäuschung in mir aufsteigt. „Aber als Alternative, fangen wir heute schon damit an, die Proben von gestern auszuwerten. Wenn du möchtest, kannst du gerne dabei sein.“, schlägt er mir vor. Das klingt super, denke ich. So kann ich einen noch besseren Einblick in das Berufsfeld der Umweltschützer bekommen.