Die Wahrheit und ihre Gegenspieler

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht – Bereits im Kindesalter bekommt man immer wieder zu hören, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu sagen. In manchen Bereichen erachten wir die Wahrheit allerdings als wichtiger als in anderen Bereichen. Gerade im Gesundheitssystem gehen wir davon aus, dass die Wahrheit unerlässlich ist. Sie ist aber nicht der einzige Wert, der im Gesundheitssystem eine Rolle spielt. Die Akteure werden häufig mit der Entscheidung zwischen Wahrheit und Lüge konfrontiert. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um? Sind Wahrheiten also immer gut und Lügen immer schlecht?

Entscheidungen zu treffen gehört im Gesundheitswesen zum Alltag. Akteure müssen zum Beispiel entscheiden, welche Behandlung die richtige für einen Patienten ist oder welche Sichtweise sie pflegebedürftigen oder sterbenden Menschen vermitteln wollen. Diese Entscheidungen sind sehr folgenreich, da sie immer die Wahrheit tangieren. Vier Protagonisten zeigen verschiedene Blickweisen auf Wahrheit und Lüge in ihrem Beruf.

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Dr. Bernhard Wartner ist seit fünf Jahren Internist mit seiner eigenen Praxis in Passau. Vorher war er als Oberarzt im Klinikum tätig. Er wünscht sich eine Offenlegung aller Finanzflüsse im Gesundheitssystem und hat sich daher selbst dazu entschieden, der Veröffentlichung seiner Zuwendungen von Pharmafirmen zuzustimmen.

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Andreas Jansen ist seit zwölf Jahren Altenpfleger und ist mittlerweile auch in der Pflegeleitung tätig. Von seinem vorherigen kaufmännischen Beruf hat er sich abgewandt, um mehr mit Menschen zusammenzuarbeiten. Der Pfleger schätzt seine Arbeit sehr, weil es im Seniorenheim ein starkes Gemeinschaftsgefühl gibt. Seine Arbeit erfordert täglich Entscheidungen im Umgang mit Demenzpatienten, weshalb er auch viel mentale Arbeit leistet. 

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Juscha Stuber-Kranixfeld ist Krankenschwester und seit fünf Jahren zusätzlich als Koodinatorin im Hospizverein angestellt. Sie ist zuständig für die ehrenamtlichen Hospizbegleiter und -begleiterinnen. Willy Knödlseder ist der zweite Vorsitzende des Hospizvereins und kümmert sich hauptsächlich um das Tagesgeschäft. Gemeinsam mit Juscha Stuber-Kranixfeld ist er zuständig für das Bereitschaftstelefon. Die beiden Ehrenamtlichen unterstützen Menschen an ihrem Lebensende und sind mit verschiedenen Wahrheiten konfrontiert. 

Stellenwert von Wahrheit

Dr. Bernhard Wartner verdient sein Geld hauptsächlich durch die Behandlung von Kassen- und Privatpatienten. Gelegentlich hält er Vorträge oder fährt zu Kongressen verschiedener Pharmafirmen und erhält im Gegenzug Honorare. Dieses finanzielle Verhältnis zwischen Ärzten und Pharmafirmen ist umstritten und steht in der öffentlichen Kritik. Verschiedene Studien weisen nach, dass Zahlungen einen großen Einfluss auf das Verschreibungsverhalten von Ärzten haben. Vor allem für Patienten kann das enorme Folgen nach sich ziehen. Deshalb stellt sich die Frage: Wie versuchen Ärzte, unabhängig von Pharmafirmen zu garantieren, dass sie die bestmögliche Behandlung verordnen?

Für Wartner ist es von großer Bedeutung, die Zuwendungen der Pharmaindustrie, die er erhalten hat, offenzulegen. Deshalb hat er entschieden, der Veröffentlichung seiner Daten zuzustimmen, welche dann innerhalb des Projektes „Euros für Ärzte“ von der investigativen Organisation Correctiv zusammengetragen wurden. In dem Projekt wurde eine Datenbank erstellt, in der Ärzte und deren Zuwendungen durch Pharmafirmen ausfindig gemacht werden können.

Wartner ist enttäuscht darüber, dass noch lange nicht alle Ärzte ihre Zuwendungen offengelegt haben, wodurch die Wahrheit im System nicht voll und ganz gewährleistet ist. Er nimmt die Zuwendungen nach seinen Angaben nur für Vorträge und Fortbildungen an. Bei einigen seiner Kollegen, die die Wahrheit nicht offenlegen wollen, stellt sich ihm die Frage, ob es sich um legitime Zahlungen handelt oder ob mehr dahintersteckt. Seiner Meinung nach ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit von den Firmen. Dass er die Zahlungen annimmt rechtfertigt er damit, dass die Vorträge die er hält, aufwendig in der Vorbereitung sind und diese Vorbereitungszeit zu entschädigen ist. Bernhard Wartner geht offen mit seinen Zuwendungen um, da er sich durch die Pharmaindustrie nicht beeinflusst sieht und das auch seinen Patienten vermitteln möchte. Vor allem in Bezug auf seine Patienten spielt Wahrheit für ihn eine wichtige Rolle. Abgesehen von der freiwilligen Offenlegung seiner Zuwendungen, äußert er auch Kritik. Er möchte, dass die Wahrheit bis ins Detail dargelegt wird, indem die Einzelheiten, wie zum Beispiel die Anzahl der Vorträge die gehalten wurden, genau aufgeschlüsselt sind.

Ein offener Umgang mit der Wahrheit ist auch für Andreas Jansen von großer Bedeutung. Zwischen dem Altenpfleger und den Bewohnern des Seniorenheims besteht eine emotionale Beziehung, die auf einem ehrlichen Umgang miteinander basiert. Von der Körperpflege über die Zubereitung von Mahlzeiten bis hin zur Seelsorge – sein Arbeitsalltag ist vielseitig. Jansen ist nicht nur Pfleger und steht im direkten Kontakt mit den Bewohnern, er übernimmt auch die Pflegeleitung und ist zuständig für Verwaltungsarbeit. Der Pfleger geht seinem Beruf gerne nach, weil er ihn als sehr erfüllend empfindet.

„Es geht nicht um die Bezahlung, weil reich werden Sie da nicht, das ist logisch. Aber wenn Sie mit Menschen arbeiten, kriegen Sie sehr viel zurück von den Menschen und das macht einfach Spaß.“ (Andreas Jansen)

Er ist der Meinung, dass man diesen Beruf mit Leib und Seele ausführen muss. Jeder Tag im Seniorenheim bringt etwas Neues mit sich und jeden Tag muss man sich auf etwas Neues einstellen. Für Andreas Jansen ist es wichtig, sein Handeln immer wieder zu hinterfragen, damit man sich weiterentwickelt und nicht stehen bleibt. Jeder Tag des Pflegers sieht anders aus und er wird immer wieder mit verschiedenen Schicksalsschlägen und Wahrheiten konfrontiert. Doch nicht nur er, auch die Bewohner und die Angehörigen haben oft mit der Wahrheit zu kämpfen.

Die zukünftigen Bewohner kommen vor dem Einzug in das Seniorenheim in unterschiedlichen Gemütszuständen in das Haus. Es gilt zunächst dem Bewohner klar zu machen, wie es um ihn steht und ihn langsam an die Wahrheit heranzuführen. Ob körperliche Beschwerden oder eine beginnende Demenz, die Zustände der zukünftigen Bewohner sind verschieden, sodass nach einem richtigen Ansatz gesucht werden muss. Andreas Jansen erklärt, dass auch die Angehörigen oft damit zu kämpfen haben, die Wahrheit zu akzeptieren. Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Eltern nicht mehr pflegen wollen oder können und sie ins Heim abschieben. Diese Ansicht streitet der Altenpfleger jedoch ab und sieht diese als völlig falsche Betrachtungsweise. Oft haben die Angehörigen auch Ansprüche, wie die Pflege genau aussehen soll, doch den Pflegern sind Grenzen gesetzt. Es gestaltet sich für neue Bewohner immer wieder schwierig, die Wahrheit zu akzeptieren, dass sie ihre Selbstständigkeit aufgeben müssen. Für Andreas Jansen ist Wahrheit wichtig, gerade im Umgang mit den Bewohnern. Es kommt allerdings immer darauf an, in welchem Zustand sich der Bewohner befindet. Dabei ist Wahrheit für ihn sowohl in seinem Beruf, als auch in seinem Privatleben ein wichtiger Wert.

Auch der Hospizverein Passau begleitet Menschen auf ihrem letzten Lebensweg. Die ehrenamtlichen Mitglieder des Vereins begleiten schwerkranke und trauernde Menschen. Neben der Begleitung von Schwerkranken liegt ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des ambulanten Hospizvereins in der Trauerarbeit. Auch Familienangehörige werden dabei unterstützt, schlimme Wahrheiten zu akzeptieren.

„Die Wahrheit fängt bei uns eigentlich schon an, wenn man den Hospizverein dazu holt oder dazu ziehen möchte.“ (Juscha Stuber-Kranixfeld)

Ähnlich wie im Seniorenheim, kommen die Betroffenen mit verschiedenen Geschichten und in unterschiedlichen Zuständen zum Hospizverein. Manchmal entscheiden sich die Betroffenen selbst dazu, den Verein heranzuziehen. In anderen Situationen entschließen sich die Angehörigen dazu, die Hilfe des Vereins anzunehmen. Willy Knödlseder erklärt, dass beide Seiten zunächst erkennen müssen, dass der Betroffene nicht mehr völlig geheilt werden kann. Bis diese Akzeptanz da ist und diese Wahrheit erkannt wird, ist es ein langer Weg. Die Begleitung erfolgt immer in Absprache mit den Angehörigen und ist an die Wünsche der Betroffenen angepasst, erläutert er. Was den Wert und die Bedeutung der Wahrheit in diesem Bereich angeht, sind sich die beiden Ehrenamtlichen einig. Zur Wahrheit gehört es dazu, zu erkennen, wo sich der Mensch gerade befindet und das wahrzunehmen, was er gerade braucht. Sowohl im Umgang mit den Patienten, als auch unter den Begleitern ist es immer wichtig, offen miteinander zu reden.

Herausforderungen mit der Wahrheit

Auch wenn man die Wahrheit sehr schätzt und sie nach Möglichkeit immer aussprechen möchte, ergibt sich dabei eine große Herausforderung, wenn man mit einem Menschen ehrlich über sein bevorstehendes Lebensende sprechen muss. Gerade bei dem Beginn einer Begleitung durch den Hospizverein sind die Begleiter häufig mit schwierigen Situationen konfrontiert. Die betroffenen Menschen sind Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Einstellungen. Sie reagieren damit auch unterschiedlich auf die Hospizbegleiter. Während manche Betroffene ihr Schicksal schneller akzeptieren, löst der Besuch eines Hospizbegleiters bei anderen Patienten die blanke Panik aus. Wie Juscha Stuber-Kranixfeld erklärt, assoziieren manche der Betroffenen die Hospizbegleiter mit dem Gedanken des nahenden Todes. Andere dagegen können und wollen ihr Schicksal zu Beginn nicht akzeptieren. Auf dem Weg hin zu einer Akzeptanz durchleben Betroffene unterschiedliche Phasen und Emotionen, wie Willy Knödlseder erklärt. Von dem Klammern an eine mögliche Hoffnung auf Heilung über Verzweiflung bis hin zur Wut erleben die Hospizbegleiter eine breite Palette an Emotionen. Diesen Weg jedes einzelnen Patienten versuchen die Hospizbegleiter bestmöglich zu unterstützen. Den Betroffenen vor Augen zu führen, dass sie bald sterben werden gehört allerdings nicht zu den Aufgaben eines Hospizbegleiters.

„Wir sind einfach da, wenn wir gerufen werden, aber wir drängen uns nicht auf.“ (Juscha Stuber-Kranixfeld)

Von Zeit zu Zeit kommt es in einer Begleitung auch mal vor, dass die Ehrenamtlichen von einem Einzelschicksal selbst emotional berührt sind. Bei dem Umgang mit einer sehr schlimmen Wahrheit geschieht es auch, dass die Begleiter für einen kurzen Augenblick ihre neutrale Position ablegen müssen.

Neutralität hat auch für Dr. Bernhard Wartner einen wichtigen Wert. Einerseits spielt sie eine Rolle, wenn er sich über neue Medikamente und wichtige Behandlungsmethoden informieren möchte, andererseits ist sie in der Behandlung seiner Patienten von zentralem Wert. In der Realität wird die Neutralität von Ärzten aber mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. In vielen Bereichen des Gesundheitssystems geht es um wirtschaftliche Interessen. Wenn der Internist von Pharmafirmen zu Fortbildungen, Vorträgen oder ganzen Kongressen eingeladen wird, haben diese immer wirtschaftliche Interessen im Hinterkopf. Als Konsequenz daraus entsteht für viele Ärzte ein Spannungsverhältnis zwischen Neutralität und gezielter Einflussnahme durch die Pharmaindustrie. Die Pharmaindustrie, die den vortragenden Arzt für seine Leistung honoriert, steht plötzlich in einem finanziellen Verhältnis zu dem Arzt. Für Dr. Bernhard Wartner stellt dieser Versuch der Einflussnahme durchaus ein Problem dar. Momentan sieht er keine Lösungen zu einer unabhängigen Finanzierung solcher Veranstaltungen. Aufgeben möchte er die Vorträge und Fortbildungen nur ungern, da er selbst von dem Wissen anderer profitiert und daher auch gerne sein eigenes Wissen weitergeben möchte. Doch auch wenn er als Rezipient Vorträge besucht, weiß der praktizierende Internist, dass Vorsicht geboten ist. Dem Arzt ist klar, dass die Informationen, die er auf solchen Veranstaltungen erhält, nicht neutral sein können. Dieses Problem sieht Dr. Bernhard Wartner aber nicht nur bei Informationen, die er durch von der Pharmaindustrie finanzierten Vorträge und Fortbildungen erhält, sondern auch bei den Informationen, die er durch andere Quellen wie Zeitschriften oder Online-Quellen nutzt. Dabei spielt Neutralität zur Fortbildung in der Medizin eine unabdingbar wichtige Rolle, um eine ehrliche, wahrheitsgetreue Diagnose stellen und die bestmögliche Behandlung anordnen zu können, denn schließlich geht es um das Patientenwohl.

Durch eine Beeinflussung der Pharmaindustrie – sei es durch ein Honorar oder durch einseitig vermittelte Informationen – besteht nach Wartners Ansicht die Gefahr, dass Patienten bestimmte Medikamente verschrieben oder vorenthalten werden, ohne dass diese nach bestem Wissen und Gewissen des Arztes reflektiert wurden. Pharmafirmen tendieren immer mehr dazu auch nicht praktizierende Mediziner für derartige Veranstaltungen zu engagieren. Folglich würden diese Vorträge und Fortbildungen für Ärzte ganz wegfallen, wodurch eine finanzielle Beziehung zwischen Ärzten und Pharmakonzernen unterbunden werden könnte. Dies hätte laut Dr. Bernhard Wartner allerdings die drastische Folge, dass die Stimmenvielfalt verstummen würde.

Honorare für Vorträge und Fortbildungen sind aber nur ein Teil des Geldflusses innerhalb des deutschen Gesundheitssystems. Weitere teilweise intransparente Beziehungen bestehen zum Beispiel durch Rabattverträge zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie. Für den Patienten hat dies eine ähnliche Folge wie die Abhängigkeit seines Arztes von der Pharmaindustrie: Er erhält ein Medikament, das möglicherweise für ihn nicht das beste ist. Für Dr. Bernhard Wartner stellen all diese Abhängigkeiten im Gesundheitssystem ein Problem dar, weil sie die Ärzte in ihren Entscheidungen – nicht zuletzt auch in Bezug auf die Wahrheit – einschränken.

„Wir Ärzte sind schon lange nicht mehr frei in dem, was wir verordnen, sondern wir bekommen alle für diese Bereiche ständige Vorgaben nach welchen Kriterien wir unter einer wirtschaftlichen Verordnung zu verordnen haben.“ (Bernhard Wartner)

Der Altenpfleger Andreas Jansen sieht sich insgesamt nicht durch äußere Vorgaben in seinem Handeln begrenzt. Dennoch ergeben sich auch in dem Alltag des Pflegers Herausforderungen. Im Umgang mit an Demenz erkrankten Bewohnern ist es für ihn teilweise eine Gratwanderung. Je nachdem, wie weit seine Demenzerkrankung fortgeschritten ist, lebt der Betroffene teilweise in seiner eigenen Realität. In solchen Momenten ergeben sich für den Pfleger schwierige Situationen, denn seine eigene Wahrheit und die Wahrheit des Bewohners stimmen nicht mehr überein. Eine solch herausfordernde Situation erlebte der Pfleger einmal mit einer Bewohnerin, die ihren Ehemann erwartete. Jansen wusste aber, dass dieser nicht kommen würde, da er vor einigen Jahren verstorben war. An solchen Punkten stellt sich die Frage, inwieweit hier die Wahrheit zu vermitteln wäre oder ob eine Lüge dem Wohlbefinden der Bewohnerin dienen könnte.

Umgang mit Wahrheit

Andreas Jansen versucht in diesen Momenten, den Demenzpatienten auf eine spielerische Art und Weise zurück zur Wahrheit zu führen, ohne diesen mit der Nase auf die ernüchternde Wahrheit zu stoßen. Mit verschiedenen Fragen zu dem Thema regt er den Bewohner zum Nachdenken an. Manchmal kann man den Demenzpatienten auf diese Weise zurück in die Realität holen. Wenn die Demenz aber zu weit fortgeschritten ist, bleibt ihm eigentlich nichts anderes übrig als in der Realität des Betroffenen mitzuspielen. Dies wirft die Frage auf, ob Lügen in bestimmten Kontexten erlaubt ist.

Tobias Doeubler untersucht innerhalb seines Promotionsprojektes am Institut für Ethik und Geschichte der Universität Göttingen die Auswirkungen von Täuschung und Lüge in Demenzdörfern. Für den Medizinethiker gibt es verschiedene ethische Handlungsgerüste für diesen Konflikt.

Ein Pfleger muss in einer solchen Situation abwägen, ob er sich auf die Realität des Demenzkranken einlässt oder ob er an der Wahrheit festhält, wie Doeubler erklärt. Es gibt ethische Ansätze, die ausdrücken, dass die Rücksicht auf eine Person manchmal über der Wahrheit stehen kann. Demnach sollten Demenzpatienten in ihrer Welt ernst genommen werden.

Andere Ansätze dagegen betonen den nicht verhandelbaren Wert der Wahrheit – auch im Umgang mit Demenzkranken. Die Wahrheit, die in unserer Gesellschaft eine so wichtige Tugend darstellt, steht im Gesundheitssystem häufig im Konflikt mit anderen Werten.

Dies ist aber für Andreas Jansen nur der richtige Weg, wenn sich ein Bewohner in einem weit fortgeschrittenen Demenzstadium befindet. Wenn es der mentale Zustand des Bewohners noch erlaubt, möchte der Altenpfleger aber grundsätzlich bei der Wahrheit bleiben. Aus seiner Erfahrung weiß er, dass sich demente Menschen primär über eine emotionale Ebene mit anderen Menschen verständigen. Dadurch spüren sie, ob man ihnen etwas vormacht oder eben nicht. Dennoch heißt das nicht, dass es Andreas Jansen immer leicht fällt, die Wahrheit zu vermitteln, die ein Bewohner gerade nicht mehr selbst abrufen kann. Der Umgang mit dementen Senioren erfordert nach Jansens Ansicht vor allem Sensibilität und Empathie – nur so kann er die Wahrheit, die er in seinem Beruf so hoch schätzt, auch in anspruchsvollen Situationen einfühlend vermitteln.

Auch Juscha Stuber-Kranixfeld findet, dass Empathie eine wichtige Eigenschaft für die Begleitung von Menschen an ihrem Lebensende ist. Denn Empathie hilft dabei, sich auf die Menschen einzulassen und mit ihnen mitzufühlen. Bei der Begleitung eines sterbenden Menschen steht für die Aktiven des Hospizvereins der Leitgedanke „Nicht dem Leben mehr Tage hinzufügen, sondern den Tagen mehr Leben geben“ im Vordergrund. Die (schlimme) Wahrheit spielt deshalb primär gar nicht so eine bedeutende Rolle, wie sich viele Menschen bei dem Gedanken an die Hospizarbeit vielleicht vorstellen. Denn im Kern geht es nicht darum, einen unheilbar kranken Menschen permanent auf seinen Tod hinzuweisen. Genauso wenig würde Juscha Stuber-Kranixfeld darauf bestehen, sich als Hospizverein zu entlarven, wenn dies einen Patienten in Panik versetzen würde. Vielmehr geht es darum, einfach für einen Menschen da zu sein, der sich diese Unterstützung an seinem Lebensende wünscht. Auch wenn sie ein wahrheitsliebender Mensch ist, weiß sie, dass die Wahrheit am Lebensende nicht zwingend das Wichtigste ist. Sie bemüht sich stets um die Wahrheit, doch in bestimmten Situationen muss die Wahrheit aus Rücksicht auf den Betroffenen zurücktreten.

Auch Tobias Doeubler erklärt, dass einige ethische Ansätze der Wahrheit keinen absoluten Wert beimessen. Diese Theorien aus der Moralphilosophie verweisen darauf, dass die Wahrheit in der Medizin häufig mit anderen Werten in Konflikt geraten kann. In diesem Fall weiß auch Tobias Doeubler, dass eine Entscheidung nicht immer leicht ist.

„Hier muss man im Einzelfall die verschiedenen Prinzipien gegeneinander aufwiegen, da sie oft miteinander kollidieren.“ (Tobias Doeubler)

Auch im persönlichen Bereich muss Juscha Stuber-Kranixfeld ihre wahren Gefühle manchmal zurücknehmen. Denn für sie gehört es auch zur Wahrheit dazu, dass sie selbst wahr und authentisch ist, auch in ihren eigenen Gefühlen, die sie bei einzelnen Schicksalsschlägen auch einmal überkommen können. Von Bedeutung ist für sie allerdings nach solchen Augenblicken, schnell wieder zu ihrer Professionalität zurückzukehren, um dann den Betroffenen bestmöglich unterstützen zu können.

Während Juscha Stuber-Kranixfeld und Herr Jansen in ihren Berufen die Kollision von Wahrheit und Rücksichtnahme bewältigen müssen, legt Dr. Bernhard Wartner besonderen Wert darauf, die neutrale Wahrheit nicht von äußeren Einflüssen verfälschen zu lassen. Für ihn ist daher eine selbstkritische Haltung unabdingbar. Außerdem nimmt Bernhard Wartner an Veranstaltungen vieler verschiedener Pharmafirmen teil, sodass er von verschiedenen Seiten ausgewogene Informationen erhält und selbst nicht in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis zu einer einzigen Pharmafirma steht. Durch diese Maßnahmen möchte Wartner einer ungewünschten Einflussnahme entgehen. Eine unabhängige Finanzierungsquelle würde das Problem aus seiner Sicht komplett lösen, doch bis jetzt sieht er keine Möglichkeit dafür. Letztlich bleibt ihm nur die Möglichkeit, die neutrale Wahrheit durch eine selbstkritische Haltung zu schützen und dadurch, dass er sich nicht selbst von einem einzigen Unternehmen abhängig macht. Im Hinblick auf den Patienten möchte sich der Internist gerne weiterhin für eine Transparenz über den Geldfluss zwischen Pharmafirmen und Ärzten einsetzen. Allerdings nur unter der Bedingung einer repräsentativen Darstellung aller Ärzte und Pharmaunternehmen. Letzten Endes würde er empfehlen, eine solche Kampagne, wie sie von Correctiv lanciert wurde, auf den gesamten Medizinmarkt auszudehnen. Er wünscht sich dadurch eine flächendeckende Transparenz der Geldflüsse im deutschen Gesundheitssystem. Diese könnte die Patienten auf mögliche Abhängigkeiten hinweisen und sie zu selbstbestimmten Entscheidungen führen.

Auch Tobias Doeubler betont die Relevanz von wahren Informationen, gerade wenn es um den Gesundheitszustand geht. Nur so haben Patienten eine Basis für Entscheidungen.

Ehrlich währt am längsten“ – Dieses Sprichwort ist auch im Gesundheitssystem zutreffend. Dass Wahrheit ein zentraler Wert ist, ist gar keine Frage. Wichtig ist, dass Mediziner die Wahrheit nicht von äußeren Einflüssen verfälschen lassen und zum Wohle der Patienten selbstkritisch bleiben. Aus den verschiedenen Blickwinkeln der Akteure im Gesundheitssystem geht jedoch eindeutig hervor, dass Wahrheit kein absoluter Wert ist. Gerade im Gesundheitssystem steht die Wahrheit oft im Konflikt mit anderen Werten. Die Protagonisten haben erläutert, dass Wahrheit für alle ein wichtiger Wert ist und sie sich auch um diese bemühen, doch in bestimmten Situationen muss sie auch zugunsten der Rücksicht auf Patienten und Betroffene zurücktreten.
Die Lüge ist demnach nicht zwingend schlecht und die Wahrheit nicht in jedem Fall gut. Wichtig ist, wenn man sich dafür entscheidet, die Wahrheit nicht auszusprechen, dass man sich den Unterschied zwischen der Lüge und dem Vorenthalten einer Wahrheit bewusst macht.

(Wahrheit) ist ein sehr wichtiger Wert, weil natürlich das Verhältnis Arzt zum Patienten ein sehr extremes Vertrauensverhältnis ist und es wird immer schwierig, wenn irgendwelche äußeren Einflussfaktoren da reinspielen. (..) und das ist etwas, was ich dem Patienten vermitteln muss, dass ich mich da eben nicht an solche Dinge gebunden fühle oder von dem beeinflussen lasse. (Dr. Bernhard Wartner)

Es ist nicht immer ganz einfach. Aber unter dem Strich kommt immer die Wahrheit raus. (Andreas Jansen)

Die Wahrheit im Umgang mit den Patienten bedeutet für mich nicht, dass ich jetzt mit der Tür ins Zimmer platze und sage: ‚So steht es jetzt um dich‘, weil das steht mir nicht zu. (..) Die Wahrheit ist für mich immer mit einer Rücksichtnahme verbunden. (Juscha Stuber-Kranixfeld, links im Bild)

Quelle Titelbild: Colourbox.de/OZMedia