Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe?

Bereits seit über acht Jahren sind sie ein Paar. Wie in jeder Beziehung gab es auch bei ihnen Höhen und Tiefen. Doch was genau macht eine lange und glückliche Partnerschaft aus? Für Niklas und Teresa ist es klar: die Wahrheit. Es geht sogar so weit, dass sie Ehrlichkeit als selbstverständlich ansehen und nicht wissen, wie es anders sein sollte.

Ehrlichkeit ist für viele von uns wichtig. Nach einer Studie von Parship im Jahr 2015 ist für eine erfolgreiche lange Liebe für 41 Prozent der Männer und Frauen der Faktor absolute Ehrlichkeit wichtig. Das ist auch verständlich, denn niemand möchte belogen werden. Schon gar nicht von seinem eigenen Partner. Zu hinterfragen ist an dieser Zahl jedoch, ob man wirklich alle schonungslosen Wahrheiten hören möchte. Laut der Studie von Parship zählt ebenso volles Vertrauen zu den Aspekten, die besonders wichtig sind in einer guten Beziehung. Ganze 77 Prozent der Befragten sind dieser Meinung. Bedingen sich Ehrlichkeit und Vertrauen? Fakt ist, dass dem Aspekt Wahrheit eine wesentliche Rolle zukommt.

Der Paartherapeut Rudolf Fesl bezeichnet es als einen frommen Wunsch, wenn ein Paar wie Niklas und Teresa von sich behauptet, dass Wahrheit in ihrer Beziehung selbstverständlich ist und sie sich alles sagen. Hier zieht er den Vergleich zur katholischen Beichte. Der Sünder beichtet, erleichtert damit sein Gewissen und erhält gegen ein paar Vaterunser die Absolution. Würde jemand in einer Beziehung seinem Partner offenbaren, dass er eine sexuelle Affäre hat, könnte es sein, dass sein Gegenüber sofort an sich zweifelt und verletzt wäre. Das bedeutet, dass die Last des Fremdgehers auf die betrogene Person übertragen werden würde. Ist so viel Wahrheit wirklich zielführend? Vielleicht wäre es ja besser, er würde schweigen und als Strafe mit seiner Schuld leben, anstatt jemanden zu verletzen und für die Zukunft Misstrauen und Unsicherheit zu schaffen.

Das Wechselspiel von Wahrheit, Mut und Vertrauen

Der Beziehungsexperte und Autor Eric Hegmann sieht eine enge Beziehung zwischen Wahrheit, Mut und Vertrauen: Man benötigt Mut, um vertrauen zu können und etwas wahrhaftiges, um vertrauenswürdig zu sein.  Und ebenso bedarf es Mut, Wahrheiten auszusprechen.

Auch für Niklas und Teresa ist Wahrheit nicht der einzige und allein entscheidende Faktor für eine glückliche Beziehung, aber durchaus essenziell. Neben der Wahrheit zählt Verständnis und Humor für das Paar zu den wichtigsten Faktoren, auf denen eine Partnerschaft basieren kann.

Doch was genau bedeutet nun Wahrheit in einer Liebesbeziehung? Der Paartherapeut Rudolf Fesl definiert Wahrheit, indem er es zum einen von der absichtlichen Äußerung von Unwahrheit abgrenzt. Zum anderen sagt er, dass es „die Übereinstimmung von Aussagen mit einem Sachverhalt oder einer Tatsache“ ist.

Die Erwartungen an den Partner

Eric Hegmann fügt dem Begriff der Wahrheit noch eine Komponente hinzu: Sie ist etwas subjektiv Erlebbares und eng mit den Erwartungen an das Gegenüber verknüpft. Erwartungen und Wahrheit sind ihm zufolge etwas grundlegend Verschiedenes. Und trotzdem werden sie häufig miteinander vermischt. Man nimmt die eigenen Vorstellungen vom Gegenüber als wahr an. Schließlich besteht die Neigung, die Lücken im eigenen Wissen durch eigene Erfahrungen und Wünsche zu füllen. Dadurch sieht man etwas als wahr an, obwohl es lediglich eine Füllung von Wissenslücken ist. Je höher die Erwartungen nun sind, umso tiefer kann der Fall sein.

Eric Hegmann über das Vermischen von Erwartungen und der Wahrheit:

An dieser Stelle haben Teresa und Niklas einen Vorteil: sie erzählen sich, was sie denken und wie sie fühlen. Damit entkoppeln sie ein Stück weit die Wahrheit und die Erwartungen. Sie verhindern teilweise, dass sich Erwartungen an die Beziehung und den Partner bilden, die zu einer Enttäuschung führen könnten. Doch damit sind die beiden nicht die Regel. Die neue Problematik für die meisten Individuen ist schlichtweg, dass ihre Erwartungen an eine Beziehung immer höher werden.

Liebe als Sicherheit?

Eric Hegmann über die Entwicklung von der Vernunftehe zur Liebesehe:

Wir leben in einer Zeit, in der die Vernunftehe durch die Liebesehe abgelöst wurde. Nicht der Wunsch nach Prestige oder ökonomischen Vorteilen initiiert heute eine Hochzeit. Die Liebe ist der Auslöser – so wie wir es schon seit jeher in den Medien präsentiert bekommen. Doch mit dieser Entwicklung gehen auch Folgen für die Partnerschaft einher, die eine Beziehung nicht unbedingt einfacher machen. Wir streben alle nach der Liebesehe, die laut Eric Hegmann eigentlich überromantisiert ist. Wir neigen dazu, uns ein klein wenig zu verbiegen und zu verschieben, um Liebe zu bekommen. Doch ist es dann eine Lüge? Nein, es mag zwar keine bedingungslose Ehrlichkeit sein, aber es handelt sich gewissermaßen um eine andere Art der Wahrheit. Hierbei wünscht man sich in erster Linie, dass die Beziehung funktioniert. Auf die Frage, ob sich Teresa und Niklas jemals für einander verstellt haben, antworten beide nahezu gleichzeitig mit der Gegenfrage „Warum sollte man das tun?“. Beide sind der Meinung, dass ihre Liebe eben deshalb funktioniert, weil sie so authentisch und wahrhaftig zueinander sind.

Eric Hegmann bezeichnet das Streben und Sehnen nach der Liebesehe als ein Zeichen von Verlustangst. Der Partner wird aus Angst vor einem Betrug versuchen, alle Interessen zu teilen, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Die Schwierigkeit besteht darin, ehrlich gegenüber dem Partner und sich selbst zu sein, welche Interessen man hat, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Und hier kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel: Die Fantasie beider Partner, dass ihre Beziehung gut ist. Wenn dieser Optimismus fehlt, gerät eine Beziehung schnell in eine Schieflage. Die Herausforderung für eine Beziehung ist, dass sich die Beziehung nie mehr so anfühlt wie in den ersten sechs Monaten. Man muss neue Ziele für die Beziehung finden. An dieser Stelle bedarf es die Ehrlichkeit zu sagen, welche Wünsche der Einzelne hat.

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Einen Partner an seiner Seite zu haben, den man liebt und mit dem man sich alles vorstellen kann – das ist es, was sich viele wünschen. Doch wie sieht die Situation in Deutschland aus? Wie viele Personen leben derzeit in einer Partnerschaft und was ist ihnen wichtig?

Teresa und Niklas gelingt es, sich kontinuierlich auszutauschen und geben sich Raum für Wahrhaftigkeit. Seitdem sie zusammen sind, haben sie aus beruflichen Gründen nur selten gemeinsam in einer Stadt gelebt. Beide ziehen immer wieder in eine andere Stadt. Sie nehmen Veränderungen in Kauf und haben die beschriebene Fantasie, dass auch ein erneuter Umzug für die Beziehung auf eine gewisse Art und Weise gut sein kann.

Flucht und Angriff – Danke Evolution.

Was hindert uns, einfach mal die Wahrheit zu sagen? Oder anders herum: Welche Gefahr besteht, wenn ich die Wahrheit gesagt bekomme? Der Mensch kennt zwei Varianten, wie man in solchen Situationen reagiert: Flucht und Gegenangriff. Hintergrund ist das Frühwarnsystem im Gehirn, das vor dem Verstand einsetzt. Je nach Persönlichkeit reagiert auf Situationen in denen man kritisiert wird, indem man sich wehrt oder sich zurückzieht.

Aus diesem Grund besteht immer ein Konfliktpotenzial, wenn man sich Wahrheiten offenbart. Der Paartherapeut Rudolf Fesl berichtet aus seinem Alltag, dass er fast täglich Beziehungen erlebt, in denen Probleme aufgrund von Wahrheiten beziehungsweise durch deren Verschweigen entstehen.

Irgendwann kann es in einer Beziehung zu einem Punkt kommen, an dem man sich über Dinge streitet, die eigentlich nie ein Thema waren. Im Einzelnen kommen dann Fragen auf wie: „Das haben wir doch immer so gemacht?” oder „Warum ist das jetzt ein Problem?”. Letztlich ist es sogar möglich, dass man durch diese Fragen erkennt, ob der Partner eventuell die ganze Zeit gelogen hat. Gewiss gibt es „verzögerte Wahrheiten“, von denen Teresa und Niklas sprechen: auch wenn Niklas das neue Oberteil von Teresa nicht gefällt, lässt er es erstmal so stehen. Erst wenn er es für den richtigen Zeitpunkt hält, bezeichnet er das Oberteil ihr gegenüber als einen Fehlkauf.

Laut Eric Hegmann ist es unerlässlich, dass sich Paare über ihre Wünsche, Bedürfnisse und Gedanken austauschen. Denn das Leben ist ein sich immer wieder verändernder Prozess hinsichtlich der eigenen Ziele. Das wichtige an dieser Stelle ist, dass man als Paar nicht am Status quo festhält, sondern Veränderungen akzeptiert. Andernfalls kann es zu einer Verunsicherung beim Einzelnen kommen. Im Hintergrund spielt hier die Angst vor dem Verlust der Bindung eine Rolle. Eric Hegmann spricht aus Erfahrung als Therapeut davon, dass der Mensch auf derartige Situationen mit „neuen“ Wahrheiten beispielsweise nicht mit der Aussage „Lass mich kurz drüber nachdenken” reagiert. Vielmehr wird geschossen und gepoltert. Um dem entgegenzuwirken sollte man stets niederschwellig anbringen, was man sich wünscht, ohne dass es als Angriff gewertet werden könnte.

Bei Teresa und Niklas ist nun die Frage, ob auch sie mit Flucht und Gegenangriff reagieren. Schließlich kommen sie durch die Selbstverständlichkeit von Wahrheit häufiger in Situationen, die zu Unbehagen führen. Und an dieser Stelle sind sie die Regel, denn auch sie streiten sich. Denn klar ist, dass auch Teresa und Niklas Menschen sind. Doch die beiden nehmen in Kauf, dass es einmal kurz lauter zwischen ihnen zugehen kann, solange sie wissen, was im anderen vorgeht.

Ein Blick in die Zukunft

Es entstehen schlichtweg neue Probleme mit der bereits beschriebenen Entwicklung zur Liebesehe als auch damit, dass der Mensch heute länger lebt. Der Mensch geht deutlich mehr Beziehungen in seinem Leben ein. In der Folge nimmt er auch mehr Erfahrungen in die Partnersuche und neue Beziehungen wodurch wiederum die Erwartungen steigen. Die Entwicklung geht nun zu neuen Beziehungsmodellen. So ist auch der Wunsch nach einer Partnerschaft auf Augenhöhe ein neues Ideal. Wohin die Liebesreise weiter geht, bleibt an dieser Stelle abzuwarten.

Wahrheit ist Charaktersache

Laut Rudolf Fesl ist es ein großer Vorteil, wenn man durch Wahrheit und Vertrauen in einer Beziehung Sicherheit etablieren kann. Man setzt Vertrauen aufs Spiel, wenn man nicht ehrlich ist. Ebenso kann man jedoch Vertrauen aufs Spiel setzen, wenn man zu offen und ehrlich ist. Alles in allem ist es wichtig und wertvoll Vertrauen aufzubauen, indem man als Paar lernt, offen und ehrlich über Gedanken, Gefühle, Ängste oder Sorgen zu sprechen.

Letztlich ist es immer eine Frage der Persönlichkeiten und abhängig Eigenschaften der Partner, wie eine Form von die Wahrheit in der Beziehung funktionieren kann. Jenachdem wie groß die Verlustangst bei einem Partner ist, umso gravierender können sich Wahrheiten auf das Vertrauen auswirken. Wahrheit ist gewiss ein wichtiger Faktor für eine funktionierende Beziehung. Doch hier ist das richtige Maß ausschlaggebend. Rudolf Fesl zitiert an dieser Stelle den Lyriker Matthias Claudius:

Wichtig ist vor allem, dass man verantwortungs- und respektvoll miteinander umgeht, um sich gegenseitig nicht zu verletzen. Und das machen Teresa und Niklas: Sie erzählen sich stets die Wahrheit, auch wenn sie schonungslos sein kann. Doch die beiden vertrauen sich, weil sie wissen, dass sie sich immer die Wahrheit sagen. Sie gehen auf ihre Weise respektvoll miteinander um und wollen die andere Person damit nie verletzen. Und letztlich ist es genau das, worauf es ankommt!