Ausstieg als Chance

Selbstversorger hat die Krise vielleicht weniger getroffen als manch andere. Während sich einige um die letzte Lebensmittelkonserve im Supermarkt zanken, kann die Gewohnheit alles alleine zu machen, Sicherheit und Gelassenheit geben. Selbstversorger proben seit Jahren den Notfall, ihre Lebensweise hat sich in der Krise gelohnt. 

Hilde Richtsfeld´s Hände erzählen eine Geschichte. Durch ihre kräftigen Finger ziehen sich Furchen. Gartenerde hat sich unter die Fingernägel gegraben. Am linken Handgelenk hat sie eine leichte Brandwunde, von heute morgen, als sie für ihre pflegebedürftige Tochter gekocht hat. “Ich hab gefühlt wie heiß sich der Flächengrill anfühlt”, sagt Hilde und lacht. Im ganzen Haus riecht es nach gekochtem Gemüse. Hilde bringt ihrer Tochter Renate Essen.

8a3584fa-984a-43ae-9097-40f4ace3efbd

Während der Ausgangsbeschränkungen habe sich bei ihr wenig geändert, erzählt sie. Durch den Unfall von Renate sei schon vor längerer Zeit viel nebensächlich geworden. Vor dem Autounfall ihrer Tochter hat sie sich intensiv in der Gemeinde engagiert, Feste veranstaltet und für eine Zeitung geschrieben. Die Besinnung und Entschleunigung, die viele erst jetzt durch den Shutdown erlebten, habe sie schon vor Jahren durch die Pflege an ihrer Tochter erfahren. Hilde hatte sich  mehr Sorgen um ihre Mitmenschen als über den Virus gemacht. “Am Schlimmsten fand ich die Angst. Manche Leute haben sich nicht mehr getraut, einmal um ihren Hof zu gehen”, meint Hilde. Sie findet, dass die Unsicherheit der anderen das größte Problem war. Die Leute wussten nicht, was sie durften und was nicht. Vor dem Virus hätte sie auch keine Angst gehabt. Der Mann einer Bekannten in der Gemeinde sei an Covid-19 erkrankt gewesen. Während der Quarantäne hatte seine Frau keine Angst vor dem Virus und seinen Folgen gehabt, aber vor die Tür zu gehen und gesehen zu werden, schürte in ihr Panik und auch Angst. Die Anzeigen von Nachbarn wegen vermeidlichen Fehlverhalten seien in der Zeit extrem gestiegen. „Du hast dich vor deinen Mitmenschen mehr fürchten müssen, dass sie dir irgendeine Anzeige anhängen, wenn du einen falschen Schritt gemacht hast“, sagt sie.

Hilde steht im Blumenkleid im Blumenbeet. Der Platz im Garten ist  beeindruckend aufgeteilt und trotzdem wirkt es, als dürfte jede Pflanze und jedes Gemüse selber entscheiden, wo es wachsen möchte. Dicke grüne Gurken hangeln sich an einem Gitter entlang, dazwischen Erdbeeren für die Enkel, Quitten und Himbeersträucher, die jedes Jahr ein Stück weiter im Garten wandern. Kürbisse ranken aus Tonnen, frische grüne Salatköpfe, Knoblauch, Tomatensträucher, Pilzkolonien, die abgedeckt im Garten verteilt wachsen und Kräuter wie Pfefferminze, Thymian, Gänsefuß oder Duftnessel. Mittendrin stehen zwei mannshohe selbstgebaute Solarplatten, “die ersten die es damals gab” erzählt Hilde stolz. Daneben stehen zwei weitere moderne Platten, Bienen tummeln sich summend auf den Blüten, die überall blühen. 

Bald beginne die Beerensaison, meint Hilde und rupft routiniert am Unkraut, das zwischen den Salaten und Kräutern wuchert. Manches reißt sie raus, anderes lässt sie weiter wachsen, wie sie sagt. Was in ihrem Garten wächst, wird nicht nur gegessen, sondern auch zur Heilung verwendet.  Hilde ist von der Naturmedizin begeistert. Sie sagt, die meisten ihrer Pflanzen haben eine heilende Wirkung. “Selbstversorger bin ich eher im medizinischen Bereich plus Nahrung, weil wir das dann ja auch essen”, sagt sie. In ihrem Garten sei dies stets verfügbar, auch zu Krisenzeiten. Bei Renate habe sie sämtliche Medikamente bis auf ein Krampfmittel abgesetzt, der Erfolg gebe ihr Recht. Heilkräuter, um die Abwehrkräfte und die Lunge zu stärken anstelle von Antibiotika.  „Das war halt das wichtigste für mich, dass ich sie so ernähren kann und das jederzeit.“ Abhängig von der Lieferung der Sondennahrung wollte sie nicht sein. Und Renates Medikamente habe sie auf eigene Verantwortung abgesetzt. „Wenn ich die Medizin gegen die Muskelkrämpfe weg nehme, dann wird sie sich vor lauter kontrakter Muskulatur die Knochen brechen“, sagte damals der Arzt zu Hilde.

“Ich bin da reingeboren worden”, erklärt Hilde. Sie wuchs im Nachbarhaus auf. Damals sei es auf dem Land normal gewesen, dass man alles, was möglich war, selbst angebaut hat. „Unsere Eltern haben eigentlich ein dreiviertel Jahr gearbeitet, damit sie den Rest des Jahres was zu Essen gehabt haben.“ Das hat sich in der Krise bewährt.

 

Die Bewohner der Gemeinde haben einen Verein gegründet,  dort tauschen sie ihre Produkte untereinander. Der Bürgermeister liefert Eier, Hilde besorgt Natron und Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesiumchlorid aus Hassloch und Gewürze aus Sri-Lanka über ein Hilfsprojekt einer Freundin. Fleisch und andere benötigte Lebensmittel bestellen sie bei den Landwirten aus der Umgebung. Früher hatten sie auch selber Hühner, aber das sei zu viel Arbeit, seit dem sie ihre Tochter pflegt. 

Weil Renate die Sondennahrung aus dem Krankenhaus nicht vertragen hat, kocht Hilde das Essen für ihre Tochter fast täglich frisch. So bekommt Renate die nötigen Nährstoffe nicht mehr synthetisch, sondern aus den Bioprodukten aus dem Garten ihrer Mutter. „Heilkräuter hab ich immer wachsen lassen, beziehungsweise angepflanzt“ sagt Hilde. Die Heilkräuter habe sie dann sukzessiv in Renates Nahrung eingebaut, „damit sie auch die ganzen Vitalstoffe bekommt“ sagt sie mit erhobenen Finger und lacht. Deswegen benutzt sie auch keine Pestizide gegen Schädlinge, nur natürliche Alternativen.

P1010072-scaled

Mithilfe von alternativen Behandlungsmethoden wie Ergotherapie, „das hat es damals noch garnicht gegeben“ sagt sie, Shiatsu, um ihr Bewegungsmuster wieder herzustellen, Kinesiologie und andere Verfahren, die nicht in der Schulmedizin anerkannt sind, macht Renate immer mehr Fortschritte. Mittlerweile ist sie passiv voll beweglich in allen Gelenken.

Die Bezeichnung “Selbstversorger” ist in Hildes Fall zu kurz gefasst. 2006 hatte ihre Tochter Renate einen Autounfall und ist seitdem schwerstbehindert, höchste Pflegestufe. Mutter Hilde, die in den Achtzigerjahren als Röntgenassistentin im Krankenhaus arbeitete, war unzufrieden mit der Behandlung und das nächste Pflegeheim zu weit entfernt. So entschied sich die 65-Jährige, Renate daheim zu pflegen. Als sie noch im Krankenhaus gearbeitet hat habe sie schon Probleme mit der Vorgehensweise dort gehabt. „Weg von Verantwortung und nurmehr noch Leitlinien und nurmehr Dienstvorschrift und alles nur mehr Pharma, vieles Natürliche hat keinen Platz mehr.“ Deswegen und weil sie für ihre vier Kinder da sein wollte kündigte sie 1983 ihre Stelle als Leiterin des Rohrbacher Krankenhaus. 

P1010128-scaled

In der Vorratskammer hinter ihr türmen sich hunderte Einmachgläser gefüllt mit Birnen, Karotten, und anderem eingelegten Essen. Es ist die zweite Vorratskammer, in der die ältere Frau haltbare Lebensmittel verstaut. In der Kammer davor liegen die Kartoffeln. 

P1010103-scaled
In der Gartenlaube steht ein umgebauter Lagerschrank für die Äpfel des eigenen Apfelbaums. Durch die Lagerung darin bleiben die Äpfel das ganze Jahr knackig frisch.

Von Auberg in Österreich nach Altenstein in der nähe von Coburg.

Eli sieht sich nicht als Gewinner der Corona-Krise. Vielmehr bestätige die Krise seine Lebensweise, meint der 30-Jährige, der versucht so autark wie möglich zu leben. Er hofft nun auf Gleichgesinnte für ein Leben auf dem Land.

Das Einfamilienhaus, das Elirithan kurz genannt Eli, die “Basis” nennt wirkt etwas heruntergekommen. Grauer Putz bröckelt von den Wänden, dicke Kabel spannen sich über die Einfahrt, im Untergeschoss sind die Fensterläden heruntergelassen.

Von Links nach Rechts, Wohnhaus und Werkstatt.

Eli heißt eigentlich Oliver Koslowski. Genannt wird er aber Eli.  Er freut sich über den Besuch. Seit fünf Jahren betreibt er das Wohnprojekt, die Basis des Stammes, der sich Saor Thoil nennt, gälisch für freier Wille.

P5170086-scaled

Äußerlich könnte Eli einem Mittelalter-Rollenspiel entsprungen sein. Langes, strohblondes Haar fällt über seine Schultern, über seinem dunklen, ärmellosen Leinenshirt baumelt ein blauer Opalith, am Gürtel trägt er einen Dolch. Für den Fall sich verteidigen zu müssen, sagt er.  Der 30 Jährige sprudelt vor Energie, wenn er vom Stamm und ihren Überzeugungen erzählt. Mit konzentriertem Blick, glänzenden und weit aufgerissen Augen erzählt er schnell aber trotzdem ausführlich.

“Wir haben am ersten Tag, als es hieß, es gibt eine Ausgangssperre, sofort unsere Lebensmittelreserven rationiert und gestreckt”, sagt Eli, „sofortige Maßnahmen zu ergreifen vom aller ersten Tag an ist in solchen Notlangen absolut Mandatory“ . In den darauffolgenden zwei Monaten habe er den „Kreuzer“ gebaut – ein Lastenrad aus allem, was gerade in der Basis zu finden war. Ripper steht auf dem hellblauen Rahmen, zwei Batterieblöcke sind daran befestigt. Erst dann sei er wieder zum nächsten Ort zum Einkaufen, wie er es nennt Supply, gefahren. Erst mit dem funktionierenden Kreuzer also lohnte es sich für die zwei wieder einkaufen zu gehen.

Das Lastenfahrrad mit eigenem Antrieb. Der Gewinn am Shutdown: „Unsere Arbeitsmotivation hat sich erhöht,“ sagt Eli lachend.

Altenstein ist eine Gemeinde nahe Coburg im Landkreis Hassberge, die sich an eine Burgruine schmiegt. Die Grenze zu Thüringen ist 15 Autominuten entfernt. Hier, am nördlichen Rande Frankens sei der richtige Ort für eine Basis, hatte Eli 2009 mit der „Drake-Gleichung“ berechnet und 2015 das Einfamilienhaus mit dem weitläufigen Garten bezogen. Alles, was er entscheidet oder tut, berechnet er im Vorfeld mit Hilfe von Algorithmen. Die Einladung zur Hochzeit seiner Schwester zu Beginn der Corona-Krise Anfang März hat er abgesagt, weil er die Gefahren für sich und seinen Clan noch nicht berechnen konnte. Die Bedenken, aufgrund von Ausgangsbeschränkungen der Regierung in München gefangen zu sein, und auch die Tatsache, die Situation noch nicht ganz einschätzen zu können, waren zu groß. 

 

Im Erdgeschoss liegt die Speicherkammer der Basis, der Kontor. Drei Paletten Weizenmehl, mehrere Dutzend Tomatensoßen- und Fertigcurry-Gläser stehen ordentlich aufgereiht auf einem einfachen Holzregal. Daneben ein Dutzend Vitaminpräparate, ein paar Reispackungen und Gelierzucker. Gleich daneben befindet sich sein Schlafzimmer, um für den Fall eines Angriffes die Vorräte verteidigen zu können, wie er sagt.

 

Im zweiten Stock des Wohnhauses sind mehr Schlaflager. Bis auf das von Josh sind alle unbewohnt. Das Durchgangszimmer nach der Treppe wurde aufgrund der Ausgangsbeschränkungen durch Corona zum Entertainmentbereich. Geplant war dieser aber eigentlich erst für später.

Hinter dem Haus liegt ein weitläufiger Garten. Ein Trampelpfad windet sich durch das hohe Gras, hinter den Wipfeln der Apfelbäume ragen die Fachwerkgiebel des Altensteiner Dorfplatzes hervor. Die Bäume seien ein Glücksfall gewesen, meint Eli. Anders als das Kartoffelbeet: „Ich verbringe zu viel Zeit mit Kartoffeln und zu wenig mit Forschen”, klagt er. Hochdruckplasmen sind seine Leidenschaft. Sein nächstes Projekt ist eine Mini-Sonne aus der Dose für Antriebe und Energietechnik. Es geht darum einen Stern in eine Flasche zu packen, weil ja im Winter weniger Sonne scheint, erklärt er.  Am Haus hat der Stamm eine Laube eingerichtet,  Eli macht es sich auf einem der Klappstühle bequem. „Hauts euch her, machts euch bequem“ sagt er und zeigt auf die zwei noch freien Stühle. Josh setzt sich hinter ihn auf eine abgewetzte Couch. Hellblaue trompetenartige Blüten schmücken die Laube rundherum. 

Ein Blick in den verwilderten Garten. Er achtet darauf, immer genügend Fläche frei und wild zu lassen damit der Boden nicht zu viel frei gelegt wird.

Eli und Josh sind keine Selbstversorger im klassischen Sinne. Zwar bauen sie im Garten Kartoffeln, Kohl und Obst an, dennoch schwingt sich Eli ein bis zweimal pro Monat auf das selbstgebaute Lastenrad und fährt zum Supermarkt. “Was wir selber produzieren und was wir von außen beziehen, hängt davon ab, wie ökonomisch es ist”, erklärt der 30-Jährige in der Gartenlaube. Er konzentriere sich eher auf den technischen Bereich, darauf “Fremdtechnologie” von Wanzen und Spionagesoftware zu befreien, die er dort vermutet. Autonom wolle er bleiben, unabhängig von den Technikriesen. Darum produziere er alles, was möglich ist, selbst: unter anderem das Stromnetz im Haus mit den drei Solarplatten auf dem Vordach und zwei nach Süden ausgerichteten Platten im Garten.  

Tischlampen baut er aus Einweggläsern und Eisbechern.
Tischlampen baut er aus Einweggläsern und Eisbechern.

Der 30-Jährige, bezeichnet sich selbst als Halbnomade. Die Unterkunft sei ein „befestigtes Feldlager“ und „Freihafen“ mit variierender Crew und in einiger Hinsicht „ein Zwitter zwischen sesshafter Lebensweise und Nomadentum”. Elis Stammesgefährte Josh wohnt seit 2015 dauerhaft in dem Haus, Eli zieht es hin und wieder in die Ferne oder ins 25 Autominuten entfernte Coburg an die Hochschule. Dort hatte er vergangenes Jahr ein Physikstudium begonnen, aber nach kurzer Zeit wieder abgebrochen.

Dicke schwarze Kabel ranken an den Wänden, treffen sich in blinkenden Verteilerboxen, bilden einen dünnen Steg zur benachbarten Werkstatt. Das Stromnetz habe er vor Jahren aufgrund einer Verletzung nur mit der linken Hand gebaut, entschuldigt er das vermeintliche Durcheinander der Kabel. Hinter der unverputzten Fassade seiner Werkstatt steht ein Replikator, eine Art 3D-Drucker, den Eli selbst gebaut hat und von dem er voller Stolz behauptet, er könne mit aufgebrochener Zellulose, Stärke und Lignin aus Pflanzen und resequenzierter Aminosäuren aus Proteinen oder Peptiden Nahrung herstellen, wenn es sein müsse. Der 30-Jährige möchte nicht, dass von dem Drucker Fotos gemacht werden, ebenso wenig von den anderen Abteilen, die in der Werkstatt stehen. Ein Abteil, ein kleines grünes Gartenhaus, das Labor, ist zugesperrt und für fremde Augen verschlossen. Die andere Hütte in der Werkstatt ist aus Holz und von innen mit Folie geschützt, um die Gefahr zu verringern bei einem von Elis Experimenten eventuell den Strom der ganze Straße lahmzulegen. Es ist eine mehrlagige EMV Abschirmung, wie bei einem Faradaykäfig, beschichtet mit verschiedenen Metallen, zur Absorbtion unterschiedlicher elektromagnetischer Frequenzbereiche. Die Hütte ist voll mit Computern und anderen elektronischen Gegenständen.

Obwohl er sich durch seine Lebensweise nicht als Gewinner in der Corona-Krise sieht, fühlt sich der 30-Jährige in seiner Lebensweise zumindest zu einem gewissen Grad bestätigt. Er schätze es, unabhängig zu sein. „Wenn der materielle Kram verloren geht, dann kostet es mich nur ein bisschen Zeit und Energie das wiederherzustellen”, sagt er selbstbewusst, er könne eine ganze Zivilisation wiederaufbauen. Der Lockdown hat sie motiviert neue Muskeln zu flexen um mit Krisensituationen besser umzugehen. Ausserdem hat es zu einer erheblich gestiegenen technischen Produktivität geführt. Das Lastenrad und der Entertainmentraum sind in den zwei Monaten der Ausgangsbeschränkungen entstanden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.