Matsch + Schweiß = Euphorie?

InnRun 2019 – Ein Selbstversuch

Es ist Samstag, 13 Uhr. Die Sonne steht im Zenit und sticht mir erbarmungslos ins Gesicht. Schon allein beim Gang in den Aufwärmbereich bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Mein Blick wandert weg vom Start in den gegenüberliegenden Zielbereich, in dem sich so eben die ersten Läufer matschgetränkt und am Ende ihrer Kräfte an das letzte Hindernis wagen. Gelaufen wird beim InnRun in mehreren Startwellen, um Staus an den Hindernissen zu vermeiden. Die ersten Starter sind inzwischen bereits im Ziel angekommen. Erschöpft, aber glücklich umarmen sie sich mit einem breiten Grinsen. Neidisch blicke ich zu ihnen hinüber und stelle mir vor, wie gerne ich jetzt an ihrer Stelle wäre.


InnRun

Der weltweite Trend sogenannter Obstacle-Races (Hindernis-Läufe) brachte einen der beiden InnRun-Veranstalter, Rafael Palacios, vor drei Jahren auf die Idee, einen solchen Lauf auch in Passau zu veranstalten.

Zusammen mit Niko Schilling, der bereits Erfahrung in der Planung von großen Sportveranstaltungen aufweisen konnte, wurde die anfängliche Vision schnell in die Tat umgesetzt – mit Erfolg. Im ersten Jahr verzeichneten die Veranstalter ca. 500, im zweiten Jahr ca. 1000 und in diesem, dritten Jahr ca. 2200 begeisterte, abenteuerlustige Hindernisläufer.

Die Kosten für die Teilnahme am InnRun variieren je nach gelaufener Distanz und bewegen sich zwischen 44 und 74 Euro.


Der schrille Pfiff einer Trillerpfeife reißt mich abrupt aus meinen Gedanken: Nun geht es ans Warm-Up. Zehn Minuten lang werde ich zu Hampelmännern, Quick-Steps und Dehnaufgaben motiviert. Die Mobilisierungsübungen sollen meine Gelenke und Muskeln auf die mir bevorstehende Belastungsprobe vorbereiten.

Es folgen noch ein paar letzte Instruktionen des Trainers: „Und denkt daran: Nicht zu schnell loslaufen, die 18 Kilometer gewinnt man nicht auf den ersten Metern.“ „Danke, das hatte ich sowieso nicht vor,“ denke ich mir und renne los. Laufzeiten werden beim InnRun ohnehin nicht gemessen. Das erfolgreiche Absolvieren und der Spaß sollen hier im Vordergrund stehen. Doch davon bin ich in diesem Moment noch weit entfernt. Voller Euphorie stürze ich mich ins Rennen. Allerdings verpasst mir der erste Anstieg in der prallen Mittagssonne direkt einen merklichen Dämpfer. Die eben noch gehörten Worte des Trainers sollten sich bewahrheiten: Erst nach dem kräftezehrenden Beginn finde ich im schattigen Wald die erhoffte Zuflucht vor der erbarmungslosen Hitze.

Die ersten Hindernisse fallen wenig spektakulär aus – schließlich soll die kürzeste Strecke, die S-Distanz (6 Kilometer) für jeden zu bewältigen sein. Ich schwinge mich über ein paar metallene Barrikaden, die jedem Hürdenläufer höchstens ein müdes Lächeln abverlangen würden, und renne weiter.

Kurze Zeit später erreiche ich einen kleinen Tunnel, in dem eine Holzwand bis kurz über den Asphalt gezogen wurde. Die einzige Möglichkeit hindurch führt durch einen kleinen Spalt am Boden. In völliger Finsternis krieche ich durch das matschige Bachwasser. Mein vorher noch neongelbes Trikot färbt sich deutlich braun und der Schlamm tropft mir vom ganzen Körper.

Doch das war es noch lange nicht – der Schwierigkeitsgrad der Hindernisse nimmt langsam zu: Ich schwinge mich auf einer Strickleiter über einen Wassergraben und robbe mich unter einem Baugitter durch den Matsch. Doch entgegen meinen Erwartungen macht mir das Schlammbad sogar Spaß. Zur Belohnung erfrische ich mich an der ersten Verpflegungsstation mit kühlem Wasser. Aufgrund der sengenden Hitze haben die Veranstalter in diesem Jahr besonders viele Wasserstellen aufgestellt. Dank des Zwischenstopps und den kurzen Verzögerungen an den Hindernissen bin ich noch gut bei Kräften.


  • S- Strecke 6km
  • M-Strecke 12km
  • L- Strecke 18km

Die Läufer können beim InnRun zwischen den Strecken S mit 6km, M mit 12km und L mit 18km Länge wählen.


Ich habe mich ganz mutig für die 18 Kilometer entschieden. Als ungeübter Läufer ohne vorbereitendes Training war ich bei dieser Entscheidung wohl etwas zu übermotiviert, kommt es mir plötzlich in den Sinn. Den „InnRun-Spirit“ erlebe ich zum ersten Mal, als ich am Seil eines Hindernisses hänge und vergeblich versuche, es zu überwinden. Doch das Glück ist auf meiner Seite: Kurz bevor mich die Kräfte in meinen Armen verlassen, reicht mir ein anderer Läufer seine Hand und zieht mich hoch.

Ähnliche Hindernisläufe wie den InnRun gibt es viele in Deutschland. Ihre Namen: „Tough Mudder“, „Strongman Run“ und „Spartan Race“. Sie lassen schon erahnen, dass dort eine deutlich andere Atmosphäre als beim InnRun herrscht.


Verwandte Hindernisläufe

Tough Mudder

Tough Mudder ist einen Extrem-Hindernislauf, bei dem Einzelteilnehmer oder Teams versuchen eine 16-18 Kilometer lange Strecke durch den Schlamm zurückzulegen. Angefangen in den Vereinigten Staaten findet der Wettbewerb seit 2013 auch in Deutschland statt und erfreut sich großer Beliebtheit.
Webseite: toughmudder.de

Strongman Run

Der Strongman Run ist ein Extrem-Hindernislauf, der erstmals 2007 in Münster stattfand und inzwischen jährlich in bis zu sieben Ländern ausgetragen wird. Die Läufer legen dabei Strecken von bis zu 24 Kilometern zurück.
Webseite: www.strongmanrun.de

Spartan Race

Das Spartan Race ist ein Extrem-Hindernislauf und Wettbewerb, bei dem die Teilnehmer auf der längsten Strecke namens „Spartan Ultra Beast“ 42 Kilometer zurücklegen. Der Parkour fand erstmals 2014 in Deutschland statt. Mit jährlich 170 Events in 25 verschiedenen Ländern ist das Spartan Race in allen sechs Kontinenten vertreten und ist damit die größte Obstacle-Race Serie auf der Welt.
Webseite: www.spartanrace.de


Der Hindernislauf aus Passau ist kein Extrem-Hindernislauf, sondern für jedermann konzipiert. Trotzdem überzeugt die 18 Kilometer lange Strecke sogar Alteingesessene Dirt-Run Veteranen.

Mittlerweile bin ich am Mount-Easy-Fit angekommen, eine Art halbe Half-Pipe, die es dynamisch hochzulaufen gilt. Die Schwierigkeit dieses Hindernisses besteht darin, möglichst schnell anzulaufen, um mit Schwung nach oben zu gelangen. Der erste Läufer vor mir scheitert kläglich. Er rennt zu langsam los, erreicht die obere Kante nicht und rutscht auf allen Vieren wieder nach unten. Anders als bei ähnlichen Hindernisläufen können die Teilnehmer beim InnRun selbst entscheiden, ob sie ein Hindernis überwinden oder auslassen wollen. „Alles kann, nichts muss!“, so das Motto der Veranstalter. Der Ehrgeiz des Läufers vor mir ist nun sichtlich geweckt: Er nimmt noch einmal großen Anlauf und erreicht dieses Mal die rettende Hand eines Helfers, der ihn kraftvoll nach oben zieht. Glücklicherweise habe ich aus den Fehlern meines Vorgängers gelernt und schaffe es auf Anhieb nach oben.

Beim darauffolgenden Hindernis stoße jedoch auch ich aufgrund meiner Höhenangst an meine Grenzen: Vor mir ragt eine gut drei Meter hohe Holzmauer Richtung Himmel, die ich mit Hilfe eines Seils überwinden soll. Auf halber Strecke unterläuft mir ein folgenschwerer Fehler: Ich sehe nach unten. Die Höhenangst übermannt mich. Zweifel schießen mir durch den Kopf: „Was, wenn ich runterfallen würde? Ich könnte das Hindernis auch einfach überspringen? Wieso tue ich mir das überhaupt an?“. Plötzlich taucht ein Helfer in einem hellgelben T-Shirt neben mir auf. Er sieht mich an und sagt: „Auf geht’s, gemeinsam schaffen wir das!“. Zu meiner Überraschung zeigen seine Worte Wirkung: Ich atme tief ein, presse meine Füße gegen das Holz und arbeite mich Schritt für Schritt weiter am Seil entlang. Oben angekommen, blicke ich noch einmal hinunter. Das Wissen, die Höhenangst überwunden zu haben, wärmt mich zusätzlich von innen und gibt mir trotz meiner müden Beine das Gefühl, zu schweben. Die letzten acht Kilometer können kommen.

Nach kurzer Zeit in der erbarmungslosen Sonne führt meine Strecke auf einem Stand-Up-Paddle durch den kühlen Inn. Die letzten Hindernisse werden glücklicherweise eher zur Formsache. Die wahre Herausforderung ist vielmehr das Laufen selbst: Mein Kreislauf kommt allmählich an seine Belastungsgrenze und meine Beinmuskulatur verkrampft sich mit jedem Schritt weiter. Alles, woran ich jetzt noch denken kann, ist endlich im Ziel anzukommen.

Die Streckenabschnitte, auf denen ich mich bewege, kommen mir allmählich wieder vertraut vor – das Ziel muss zum Greifen nah sein. Ich laufe die zu Beginn noch so anstrengende Strecke nun bergab und begebe mich auf die Zielgerade. Immer deutlicher höre ich den Applaus meiner Freunde während ich mich mit schweren Schritten auf das Ziel zubewege. Mit letzter Kraft schleppe ich mich über eine kleine Holzwand und ziehe mich an einem Seil eine rutschige Schanze hoch. Geschafft. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl überfällt mich. Obwohl mir alles weh tut, schwebe ich durch den Zielbereich und bin überglücklich.

Die vergangenen drei Stunden haben mir körperlich und mental wirklich alles abverlangt. Ich spüre bereits, dass ich die nächsten Tage vom Muskelkater geplagt sein werde – doch trotzdem würde ich ohne nachzudenken jederzeit wieder am InnRun teilnehmen.

Auch die Organisatoren des InnRuns Rafael Palacios (links) und Niko Schilling (rechts) sind sehr zufrieden: Sie ziehen ein gelungenes Fazit.

Impressionen: InnRun 2019

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