Die Flüsse Passaus – Lebensadern im Römischen Reich

Wer an die Donau denkt, denkt meist auch an grenzenlose Weite. Der zweitlängste Fluss Europas durchquert und berührt zehn Länder, bis er in der Ukraine ins Schwarze Meer mündet. Kreuzfahrtschiffe, Frachter und Yachten durchpflügen unermüdlich den Strom, um Touristen und Güter in die verschiedensten Staaten zu bringen. Die Donau ist eine gigantische, gemächliche Wasserstraße, die als politische und wirtschaftliche Achse den Kontinent durchzieht. Falsch ist es jedoch zu glauben, dies sei nur ein neuzeitliches Phänomen. Denn bereits vor 2000 Jahren wurde der Fluss von den Römern für wirtschaftliche, kulturelle und militärpolitische Zwecke genutzt, auch im heutigen Niederbayern.

Das beweist der antike Donauhafen in Straubing – der einzige ausgebaute, archäologisch dokumentierte römische Hafen an der Donau. Dennoch florierte der Handel im Römischen Reich: Im Gegenteil: dass in Straubing Glas aus Italien, Keramik aus Frankreich, Datteln und Feigen aus dem Nahen Osten und sogar indischer Pfeffer gefunden wurden, gibt Zeugnis darüber, wie weit verzweigt das römische Handelsnetz in der Antike war. Es ist davon auszugehen, dass jede größere Niederlassung innerhalb der Reichsgrenzen auch Teil der wirtschaftlichen Struktur war. So auch Passau. Mit seinen drei Flüssen war und ist die Stadt der ideale Wirtschaftsknotenpunkt. „Eigentlich lief alles über die Flüsse. In dieser Hinsicht war Passau natürlich an einer idealen Position gelegen“, erklärt Dr. Thomas Maurer (46), der Stadtarchäologe und Leiter des Kastells Boiotro in Passau.

Dr. Thomas Maurer

Leiter der Stadtarchäologie der Stadt Passau und des Kastells Boiotro

Seit dem 1. Januar 2019 ist Dr. Thomas Maurer Leiter der Stadtarchäologie der Stadt Passau und des Römermuseums Kastell Boiotro. Er ist 1973 in Braunschweig geboren und absolvierte ab 1994 ein Studium an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main in provinzialrömischer Archäologie. Seine bisherige Forschung fokussierte sich auf das römische Militär, römische Besiedelung sowie archäologische Prospektionsmethoden und Albanien in der Antike.

So habe es in Passau einen Händler gegeben, der Wein aus Oberitalien importierte. Diesen brachte er mithilfe von Fuhrwerken über die Alpenpässe und, sobald er den Inn erreichte, über den Wasserweg nach Passau. Gerade der Inn sei für die wirtschaftliche Verschiffung von Gütern aller Art von großer Bedeutung gewesen. Funde von Feingeschirr, des Terra Sigillata, welches in einer Töpferei in der Nähe des Chiemsees produziert wurde, konnten bereits im gesamten Donauraum entdeckt werden. Auf den Inn als Handelsroute verweisend, sagt Maurer: „Man kann sich vorstellen, über welche Routen dieses Feingeschirr transportiert wurde.“

Terra Sigillata

Bei Terra Sigillata handelt es sich um römisches Feingeschirr aus Keramik, das vor dem Brennen in einen speziellen Tonschlicker getaucht wird. Daraus resultiert seine typische dunkel- bis hellrote, glänzende Farbe. Die antiken Töpfer gravierten üblicherweise ihre Namen in das Geschirr, was Rückschlüsse auf dessen Herkunft zulässt.

Stadtarchäologe Dr. Thomas Maurer über den römischen Handel auf den drei Flüssen.

Neben Nahrungsmitteln und Gebrauchs- oder Luxusgütern wurden sogar lebendige Tiere auf flachbödigen Lastkähnen, den Prahmen, die Flüsse hinauf- und hinabgeschickt.  

Prahm

Ein Prahm ist ein kleiner Lastkahn mit flachem Boden, der zum Transport verschiedener Güter, aber auch lebendiger Tiere oder Menschen verwendet wurde. Eine Besonderheit war, dass er im Gegensatz zu den meisten Lastkähnen keinen bauchigen Rumpf als Stauraum besaß, sondern die Güter auf dem Deck gestapelt wurden.

Vor 2000 Jahren erfolgte der Großteil der Warentransporte über den Wasserweg, da dies bedeutend kostengünstiger war als der Transport mittels Fuhrwerken an Land. Außerdem konnten größere Mengen an Gütern in kürzerer Zeit von einem Ort zum anderen verfrachtet werden – zumindest flussabwärts. Doch auch die Verschiffung von Waren entgegen der Strömung war durch das sogenannte „Treideln“ möglich, das Ziehen von Schiffen entgegen der Strömung durch Menschen oder Vieh. Es ist also nicht verwunderlich, dass Passau mit seiner besonderen Lage an drei Flüssen eine wichtige Rolle als Umschlagplatz für Waren spielte. Am südlichen Donauufer, etwa auf Höhe des heutigen alten Rathauses, gab es eine Anlegestelle, an der Güter von Fuhrwerken auf Schiffe verladen werden und weiter in die Welt exportiert werden konnten. 

Die Nutzung der Flüsse

Doch nicht alle drei Flüsse erfüllten dieselben Funktionen. Der Inn entspringt in den Schweizer Alpen, also inmitten des Römischen Reichs, wie es zu Beginn des zweiten Jahrtausends existierte. Er verläuft nach Nordosten und stellte damit eine innerrömische Nord-Süd-Verbindung dar, über die ein gefahrloser Warenaustausch zwischen verschiedenen Provinzen stattfinden konnte. Zudem trennte er die römischen Provinzen Rätien und Noricum voneinander. Rätien erstreckte sich nach Südwesten bis ins nördliche Alpenvorland, Noricum in östliche Richtung und grenzte im Süden an Italien und im Osten an Pannonien, das etwa dem heutigen Ungarn entspricht. Gleichzeitig fungierte er als Zollgrenze. Der Gallische und der Illyrische Zollbezirk waren, besonders für damalige Verhältnisse, gigantische Gebiete. Nach Westen erstreckte sich die „Quadragesima Galliarum“, der Gallische Zollbezirk, über das heutige Frankreich und England bis hin zum Atlantischen Ozean. Das „Publicum Portorii Illyrici“, der Illyrische Zollbezirk, umfasste den Südosten und endete am Schwarzen Meer. Der Inn war also nicht nur als Handelsweg gefragt, sondern erfüllte auch eine wichtige wirtschaftspolitische und militärische Funktion. „Die Tatsache, dass der Inn mit seiner strategischen Verkehrsfunktion in die Donau mündet, hat sicher dazu beigetragen, dass Passau auch militärisch ein hervorgehobener Punkt war“, erklärt Maurer.

Bedeutung der Zollbezirke

Der Zoll stellte eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle für die Römer dar. An verschiedenen Zahlstellen entlang der Grenze mussten 2,5 % des Warenwertes an das Römische Reich entrichtet werden. Die Zahlstelle des illyrischen Zolls in Passau befand sich vermutlich im Umkreis des Kastells Boiotro, das erst zu späterer Zeit errichtet wurde, was durch den Fund des Votivtäfelchens eines Zollmitarbeiters nahegelegt wird. 

Die Ilz war theoretisch ebenfalls eine Nord-Süd-Verbindung, allerdings keine innerrömische. Sie verlief von Norden nach Süden und ausnahmslos durch das Barbaricum, das durch die Donau als Grenze vom Römischen Reich getrennt war. Sie wurde aufgrund ihrer geringen Größe, ihres Verlaufs durch den Bayerischen Wald und der angespannten Verhältnisse zu den germanischen Stämmen,  im Gegensatz zum Inn, weniger als Handelsweg genutzt. Es wird jedoch nicht ausgeschlossen, dass zumindest Holz über die Ilz transportiert wurde, da es aufgrund massiver Rodungen im römischen Einzugsgebiet zur Holzknappheit gekommen war.

Anders als Inn und Ilz verläuft die Donau von Westen nach Osten. Sie ist um ein Vielfaches länger als die beiden Nachbarflüsse und spätestens ab der Vereinigung in Passau auch wesentlich mächtiger. Sie fließt vom heutigen Donaueschingen in Schwaben bis ins Schwarze Meer und hat eine Länge von 2857 Kilometern. Sie war ein elementarer Bestandteil der römischen Wirtschaft, stellte sie doch eine Kulturen übergreifende Ost-West-Verbindung dar. Im Gegensatz zu den anderen beiden Flüssen hatte sie als nördliche Grenze des Römischen Reichs auch eine rein politische Funktion. Als Referenz auf Wall- oder Grabenanlagen auf dem Land wurde sie auch „Nasslimes“ genannt, da sie nicht nur zur offiziellen Abgrenzung des Barbaricums vom Römischen Reich diente, sondern auch Schutz vor einfallenden Horden germanischer Stämme bieten sollte. Ob der Trocken- oder der Nasslimes effektiver war, um Feinde abzuwehren, ist laut dem Passauer Stadtarchäologen Dr. Thomas Maurer umstritten.

„Landgrenzen, insbesondere hier in Mitteleuropa der obergermanisch-rätische Limes mit Wall und Graben, waren sicherlich gut geeignet, um kleinere Gruppen, wie irgendwelche Marodeure, vom Eindringen in die römischen Provinzen abzuhalten. Aber ein großes Heer konnte diesen Limes relativ leicht knacken.“

Im Vergleich dazu waren Nasslimites einfacher zu verteidigen, besonders, wenn es sich um einen so mächtigen Strom wie die Donau handelte. Allerdings spielten natürliche Gegebenheiten eine nicht zu unterschätzende Rolle.  „Flüsse können natürlich auch mal Niedrigwasser haben und auch – was wir in der römischen Zeit öfter haben – zufrieren. Und wenn ein Fluss zufriert, dann ist der Grenzcharakter vollständig passé“, so Maurer. Flüsse mäandrierten damals noch viel stärker, da es noch keine Möglichkeiten gab, sie so flächendeckend für den Schiffsverkehr zu begradigen wie heute. Daraus resultierte eine geringere Fließgeschwindigkeit, die das Zufrieren begünstigte. Die Reichsgrenzen ohne zusätzlichen Schutz zu verteidigen, wäre in einem solchen Fall praktisch unmöglich gewesen. 

Mäandrieren

Der Begriff „mäandrieren“ bezeichnet den für Flüsse typischen Verlauf in Flussschlingen, die bei geringerem Hanggefälle auf natürliche Weise entstehen. Gerade in der Neuzeit und einhergehend mit dem technischen Fortschritt wurden Flüsse immer häufiger begradigt, um auch mit größeren Schiffen auf ihnen fahren zu können. Dies hat negative Folgen für die Natur, wie etwa eine Absenkung des Grundwasserspiegels und eine durch die Erhöhung der Fließgeschwindigkeit bedingte stärkere Erosion des Flussbetts.

Speziell in Passau gab es dahingehend jedoch ohnehin relativ wenig zu befürchten. „Der Bayerwald und der Böhmerwald bildeten ein dicht bewaldetes Massiv, es war kaum damit zu rechnen, dass große Horden von Germanen direkt aus Norden nach Passau einfallen. Eher entlang der Flüsse“, so Maurer. Um trotzdem für den Notfall vorbereitet zu sein, patrouillierten militärische Schiffe auf der Donau. Außerdem wurde eine Kette von Wachtürmen und Kastellen errichtet, mithilfe derer die Grenze einigermaßen deckend überwacht werden konnte und die oft durch eine Straße miteinander verbunden waren. Allein in Passau gab es erwiesenermaßen drei Kastelle: Batavis, Boiodurum und Boiotro.

Die Kastelle Passaus

Militärische Machtzentren an den Flüssen

Batavis ist das nördlichste der Kastelle. Es befand sich in der heutigen Altstadt und war damals Teil der Provinz Rätien und des Gallischen Zollbezirks. Durch den Inn davon getrennt standen die Kastelle Boiotro im Osten und Boiodurum im Westen, beide Teil der Provinz Noricum und des Illyrischen Zollbezirks.

Das Kastell Batavis

Batavis war das älteste der Kastelle. Es wurde in der frühen bis mittleren Kaiserzeit, gegen 50 nach Christus, auf der Halbinsel zwischen Inn und Donau errichtet – heute besser bekannt als Ortsspitze, auch wenn diese damals noch weiter westlich lag. Heute steht an seiner Stelle das Kloster Niedernburg, eine ehemalige Benediktinerinnenabtei. Aus dem Namen des Kastells Batavis entwickelte sich im Laufe der Zeit der Name „Passau“, wie wir ihn heute kennen. Genauso entwickelte sich auch die Stadt Passau aus diesem Kastell heraus, das mit dem Untergang des Römischen Reichs immer stärker befestigt wurde, um neben fest stationierten Soldaten auch der Zivilbevölkerung Schutz zu bieten. Nach dem Ende der römischen Herrschaft in Passau am Ende des 5. Jahrhunderts diente Batavis als Keimzelle für die Entstehung der Stadt. Allzu viel ist über das Kastell allerdings nicht bekannt, da kaum Überreste gefunden wurden.

Das Kastell Boiodurum 

Im Bereich der heutigen Innstadt lag Boiodurum. Es war nach Batavis das zweitälteste Kastell, doch ob es parallel zu ihm existierte, ist laut Maurer nicht erwiesen: „Boiodurum kennt man am besten. Batavis war ein bisschen älter, hat aber eventuell noch überlappt. Das lag eventuell daran, dass die heutige Altstadt zur Provinz Rätien und Boiodurum zur Provinz Noricum gehörte.“ Boiodurum wurde im späten 1. Jahrhundert nach Christus errichtet und hatte eine für die damalige Zeit typische Spielkartenform. Es war weniger eine Festung, die Angriffen trotzen sollte, sondern hatte vielmehr eine repräsentative Funktion. Es sollte vermitteln, dass die Römer stets vor Ort waren. Die weitläufige, ausgedehnte Spielkartenform des Kastells illustrierte den Expansionswillen Roms. Darüber hinaus dienten die Kastelle zur raschen Gefahrenerkennung sowie als Stützpunkte zur Informationsweitergabe. Anhand bereits vorhandenen Wissens über den Aufbau römischer Kastelle zu dieser Zeit lässt sich Boiodurum trotz weniger unterirdischer Überreste grundlegend rekonstruieren. Laut Maurer waren die spielkartenförmigen Kastelle zwar in ihrer Größe verschieden, aber in ihrer Form identisch aufgebaut. Basierend auf diesen Kenntnissen wurde klar, dass der Inn zur Zeit Boiodurums einen geringfügig anderen Verlauf hatte als heute, da andernfalls das Kastell teilweise in seinem Wasser gestanden hätte.

Das Kastell Boiotro

Das jüngste und am besten erhaltene Kastell trägt den Namen Boiotro. Es stand westlich von Boiodurum, aber ebenfalls im Bereich der heutigen Innstadt. Es wurde in der Zeit um 300 nach Christus gebaut und existierte damit nicht parallel zu Boiodurum, das bereits zur Mitte des 3. Jahrhunderts einfallenden Germanenhorden zum Opfer fiel. Boiotro unterschied sich in seinem Aufbau signifikant von den anderen Kastellen. In der mittleren bis späten Kaiserzeit häuften sich die Angriffe der Germanen, weshalb eine rein repräsentative Funktion der Kastelle nicht mehr ausreichte. 

Stadtarchäologe Dr. Thomas Maurer über die Veränderung der römischen Verteidigungsstrategie in den nordrömischen Kastellen.

Boiotro glich mit seinen meterdicken Mauern und dem gedrungenen, trapezförmigen Grundriss mehr einer Festung als einem ursprünglichen römischen Kastell. Noch heute lässt sich an den konservierten und rekonstruierten Überresten des Kastells erkennen, wie schwierig es für Angreifer gewesen sein muss, es einzunehmen. 

Mit dem Sturz des letzten römischen Kaisers, Romulus Augustulus, wurde jedoch auch in Passau das Ende der römischen Herrschaft eingeläutet. Zwar ist aus Schriften des Heiligen Severin bekannt, dass sich noch bis Ende des 5. Jahrhunderts römische Bürger in Passau aufhielten. Allerdings mussten auch diese auf germanischen Befehl hin die Provinzen verlassen.  Damit war Passau eine der letzten Städte unter römischer Besatzung.

Heute definiert sich Passau über seine Flüsse. Die Stadt wirbt mit ihrem besonderen Standort an drei sehr unterschiedlichen Strömen und lockt damit Jahr für Jahr erfolgreich Millionen Touristen an. Dass Inn, Donau und Ilz einst weit mehr als nur eine Touristenattraktion waren, daran erinnert heute nur noch wenig. Fakt ist: zur Zeit des Römischen Reiches mag Passau nicht sonderlich bedeutend gewesen sein. Doch die drei Flüsse waren es mehr denn je. 

Quellen

Dr. Thomas Maurer, Leiter des Römermuseums Kastell Boiotro und Stadtarchäologe der Stadt Passau.

Riedl, Christian (2019): Römischer Hafen ausgegraben: Sonderausstellung in Straubing. URL: https://www.br.de/nachrichten/bayern/roemischen-hafen-ausgegraben-sonderausstellung-in-straubing,RRmZx4u. Zuletzt abgerufen: 23.07.2019.

Niemeier, Jörg-Peter (2014): Passau – Teil des römischen Reiches. Museumsführer. Passau.

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