Das nasse Grab

Abschiednehmen auf der Donau im Rechtskonflikt

„Weil einfach diese Lebenskraft des Flusses da ist und weil das Grün hier draußen auch die Hoffnung stärkt. Weil es ein Stück Instabilität des Lebens spiegelt und weil es nicht die Tristesse eines steinbesetzten Friedhofs hat.“

– Anton Aschenbrenner

Das Leben in Passau ist ein Leben an den Flüssen Donau, Ilz und Inn. Doch mit dem Leben gehört auch das Sterben früher oder später dazu. Neben der klassischen Erdbestattung existiert heutzutage die Möglichkeit der Flussbestattung. Wer sich in Deutschland eine Beisetzung in der Donau wünscht, kann sich das von Passauer Bestattungsunternehmen organisieren lassen. 

Der Haken: möglich ist diese Form der Bestattung nur auf der österreichischen Seite der Donau, in Deutschland herrscht Friedhofspflicht. Daraus resultiert ein Konflikt zwischen einer sich wandelnden Bestattungskultur und der restriktiven Gesetzeslage über die deutsch-österreichische Grenze hinweg.

Anton Aschenbrenner über das Verbot der Donaubestattung in Deutschland.


Anton Aschenbrenner

Anton Aschenbrenner ist als freier Theologe und Trauerredner in Niederbayern tätig. Seit über fünf Jahren bietet der ehemalige katholische Priester die Donaubestattung in Niederösterreich an.

 

Das Bestattungsrecht ist in Deutschland Ländersache und geht auf preußische Zeiten zurück. So auch die Friedhofspflicht, die Bestattungen nur an dafür vorhergesehenen Orten zulässt. Damit schließt sie alternative Bestattungsarten – wie das Verstreuen der Asche oder die Flussbestattung – aus und wird deshalb vielseitig kritisiert. In den meisten europäischen Ländern wurde die Friedhofspflicht längst abgeschafft und gilt als veralteter Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Verstorbenen und Angehörigen.

Wer sich dennoch auf der Donau bestatten lassen möchte, muss dafür die österreichische Grenze überqueren. Genauer gesagt: nach Niederösterreich gelangen. Denn dort ist die Donaubestattung und allgemeine Flussbestattung seit 2008 rechtlich erlaubt. Auf einer 17 Kilometer langen Strecke in der Wachau kann die Asche des Verstorbenen beigesetzt werden. Wer noch weiter weg möchte, hat die Möglichkeit eine Donaubestattung in der Slowakei durchzuführen. 

Sowohl für Niederösterreich als auch für die Slowakei gilt: Nur mit einer Genehmigung der jeweiligen Gemeinde ist eine Bestattung auf der Donau rechtlich gültig. Je nach Gemeinde und Streckenkilometer kann dies einen Preisunterschied von bis zu 260 Euro ausmachen.

 

Wie viel kostet eine Donaubestattung?

Je nach Fahrtdauer, Anzahl der Gäste, Urne, etc. können die Preise bei einer Donaubestattung stark variieren. Minimum: 670 €, Maximum: 4.724 € (Stand: Juli 2019).

Im Vergleich dazu kostet eine klassische Erdbestattung im Durchschnitt 7.930 €.

Flussbestattungen werden im Allgemeinen außer in Österreich auch noch in Belgien und den Niederlanden auf dem Rhein oder der Maas angeboten. Ebenso in der Schweiz, wo die Bestattungsgesetze sehr viel liberaler sind. In Deutschland dagegen sind außer der Erd- und Feuerbestattung nur zwei weitere Beisetzungsformen zulässig – die See- und die Baumbestattung. Letztere findet in sogenannten Trauerwäldern statt.

„Jeder Bestatter sollte die Wünsche der Angehörigen erfüllen.“

Was sind die beliebtesten Destinationen für Donaubestattungen?

Wachau bei Ardagger, die Tullner Auen und Hainburg gelten als beliebte Orte für Donaubestattungen in Niederösterreich. 

Aus welchem Material bestehen die Urnen?

Die Urnen für die Donaubestattungen bestehen entweder aus Zellstoff, Salz oder Ton. Eine wichtige Voraussetzung dabei ist, dass sie biologisch abbaubar sind.

Immer mehr Menschen möchten ihrer Verbundenheit zum Donautal und der Natur im Allgemeinen, auch über den Tod hinaus, Ausdruck verleihen. Sei es bei Kapitänen, Anglern oder Menschen, die persönliche Erfahrungen mit der Donau verbinden: Sie alle wollen durch die Donaubestattung ein Zeichen der Nähe und Heimatverbundenheit setzen. 

Ursprünglich sind Flussbestattungen eine maritime Tradition, die für Gefallene auf dem Meer durchgeführt wurde. Dabei spielte auch der hygienische Aspekt eine bedeutende Rolle, da der Leichnam für die oftmals monatelange Fahrt nicht aufbewahrt werden konnte. Mit der Zeit löste sich die Tradition, sodass Flussbestattungen heutzutage weltweit stattfinden. 

 

Grundsätzlich richtet sich die Gestaltung einer Donaubestattung immer individuell nach den Wünschen des Verstorbenen oder der Angehörigen. Hierbei kann zwischen einer anonymen Flussbestattung ohne Gäste oder einer feierlichen Schiffsbestattung gewählt werden. Im Allgemeinen wird zunächst die Asche des Verstorbenen in einer wasserlöslichen Urne nach Österreich versandt. Das Bestattungshaus übergibt dabei den Fall über die Grenze hinweg. So geht dieser an den Trauerredner, der für die tatsächliche Beisetzung und Zeremonie verantwortlich ist. Sind alle Formalien wie die Anmeldung bei der Reederei erledigt, erfolgt die eigentliche Beisetzung auf dem Schiff. 

Generell beinhaltet die Abschiednahme eine Trauerrede, die mit entsprechender Musik untermalt wird. Bevor die Urne jedoch in die Tiefen des Flusses versinkt, wird die Flagge des Schiffes auf Halbmast gesetzt und die Schiffsglocke geläutet. Abschließend erhalten die Angehörigen eine Seekarte mit den Koordinaten, an der die Urne beigesetzt wurde. Die ganze Zeremonie dauert dabei rund eine Stunde. 

Der Nachteil der Beisetzung auf einem Schiff ist, dass die Angehörigen später keinen festen Ort haben, an dem sie dem Verstorbenen Gedenken können. Zur ungefähren Einordnung der Bestattungsstätte wird zwar der Flusskilometer festgehalten, Kreuze, Blumen, oder ähnliche Objekte des Gedenkens sind am Flussufer jedoch unerwünscht. Manuel Kasberger, ein Passauer Bestatter, weiß: oft sehnen sich Menschen Jahre später dann nach einer Gedenkstätte.

Anton Aschenrbenner über die zeremonielle Gestaltung einer Donaubestattung und Manuel Kasberger über das Fehlen einer Gedenkstätte.


Individualität

Das zentrale Kulturprinzip der westlichen Welt

„Die Nachfrage nach individuellen Bestattungsformen steigt“

 

Individualität ist eines der zentralsten Prinzipien unserer Kultur und zieht sich immer mehr durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Genauso befindet sich auch die Bestattungs- und Erinnerungskultur im Wandel. Immer mehr Menschen wünschen sich eine freie und einzigartige Beisetzungszeremonie, die auf das Leben des Verstorbenen zugeschnitten ist. Gleichzeitig verlieren vor allem jüngere Generationen immer mehr den Bezug zu traditionellen Bestattungsritualen. Klassische Friedhöfe, betrieben von Kirchen und Kommunen, verlieren an Bedeutung, auch weil Grab und Grabstein nicht mehr unbedingt als zentraler Erinnerungsort fungieren.

Auch das Thema Grabpflege beschäftigt Angehörige zunehmend. Im Zeitalter der Globalisierung bindet man sich ungern an einen festen Ort. Finanziell gesehen sind Flussbestattungen kostengünstiger als klassische Erdbestattungen. So entfallen beispielsweise die Friedhofs- und Grabpflegegebühren für die Hinterbliebenen. Zudem kann die Zeremonie freier gestaltet werden. Angefangen von der Farbe der Urne bis hin zum Steigenlassen von Tauben oder Luftballons: den Wünschen des Kunden sind keine Grenzen gesetzt. Mithilfe der Flussbestattung können Menschen ihre Verbundenheit zum Wasser auch nach dem irdischen Leben aufzeigen. Die anonyme Beisetzung bietet darüber hinaus Menschen ohne Angehörige einen würdevollen Abschied.

Manuel Kasberger

Manuel Kasberger ist Geschäftsführer des Bestattungshauses Kasberger in Passau und Deggendorf. Er betreibt außerdem den Trauerwald in Untergriesbach. In seinem Berufsalltag erlebt auch er zunehmend den Wandel der Bestattungskultur.

Manuel Kasberger über die steigende Nachfrage individueller Bestattungsformen.

 

Eine offizielle Begründung, warum die Flussbestattung in Deutschland nicht erlaubt ist, wird kaum ersichtlich. Zur Aufrechterhaltung des Friedhofszwangs wird angeführt, dass die Totenruhe, die Ehrung der Toten und die Pflege ihres Andenkens eine kulturelle Aufgabe darstellen, die am besten auf öffentlichen Friedhöfen wahrgenommen werden kann. Auch soll es jedem möglich sein, die Gedenkstelle eines Verstorbenen zu besuchen, um ganz persönlich Abschied zu nehmen und zu trauern. Bei der Zulassung privater Begräbnisorte wäre dies nicht mehr in jedem Fall gewährleistet.

Flüsse sind Teil des öffentlichen Raums, das Thema Tod und Trauer jedoch etwas sehr Intimes. Anwohner, Spaziergänger, Badegäste oder Wassersportler könnten sich gestört fühlen, ständig von dieser Thematik umgeben zu sein. Friedhöfe sind dagegen Orte, an denen ein entsprechender Rahmen für Trauer und Erinnerung geschaffen wird, gerade weil sie sich vom öffentlichen Raum abgrenzen.

  • Manuel Kasberger im Bestattungshaus.
 

Warum Deutschland im internationalen Vergleich mit dem Bestattungsrecht hinterherhinkt, ist bis heute unklar. Bis sich grundlegende Veränderungen in diesem Bereich auftun, muss noch einige Zeit vergehen. Dabei kann allgemein beobachtet werden, dass das Thema Bestattung, in Verbindung mit Tod und Trauer, noch kaum Anschluss im öffentlichen Diskurs findet. So gilt dieses immer noch als Tabuthema in unserer Gesellschaft. Ein Paradox, angesichts rund 2700 täglicher Sterbefälle und einer Bevölkerung, die sich seit Jahrzehnten in einem demografischen Wandel befindet.  

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