Ausgeschwiegen

Passaus Außenlager der Kriegszeit

Barbara Friedl sitzt auf der Bank in ihrem Garten in Oberilzmühle, eine Ortschaft nahe des Ilzstausees. Es ist  der erste Tag seit einigen Wochen, an dem es nicht zu heiß ist, um sich nach draußen zu wagen. Neben der pensionierten Lehrerin liegt Bodo, ein junger Rauhaardackel, der eine Vorliebe für lautes Bellen hat, und kaut an seinem Knochen. Sie hat Kolatsche gebacken – das sind kleine, slawische Mohntörtchen – und Kaffee gekocht. Es ist friedlich dort, ein niederbayerisches Gärtchen im bayrischen Wald. Stutzig macht lediglich das Holzbrett, das hinter ihr liegt. Auffällig im ersten Moment nur, weil es fehl am Platz scheint.  Die Bleistiftkritzel darauf erkennt man erst, wenn man genauer hinschaut. Es sind zwei Texte, ein tschechischer und dessen deutsche Übersetzung. Diese lautet: 

Freitag den 10. September 1943
Diese Arbeiten wurden von polnischen Gefangenen aus dem KZ Dachau ausgeführt. Für unsere Idee gehen wir in den Tod. Was wird uns die Zukunft bringen? Seit Nero hat sich nichts geändert. Wir sind Rotspanienkämpfer. Wir sind für Freiheit, Gerechtigkeit, der Arbeiterklasse!

Wie Frau Friedl an eine Fußbodenleiste kommt, die von Häftlingen aus Dachau verlegt wurde, ist schnell erklärt. Das Brett kommt aus einem Haus, das in Oberilzmühle steht. Was aber machen Gefangene aus Dachau in Oberilzmühle? Auch dafür gibt es eine einfache Begründung: Hier war ein KZ Außenlager. Heute redet darüber so gut wie niemand mehr.

Die Geschichte der Außenlager

1942

Im Jahr 1942, während des zweiten Weltkrieges, erwirbt Gauleiter Adolf Wagner das landwirtschaftliche Grundstück an der Oberilzmühle – zunächst unrechtmäßig, bis die Aneignung legitimiert wird – und gründet dort das Außenlager Passau I, genannt „Oberilzmühle“.

In dem Konzentrationslager, das zunächst Außenlager Dachaus und später Mauthausens ist, sind vorwiegend Gastarbeiter und andere Ausländer, sowie politische Gefangene, vermeintliche Kriminelle und Homosexuelle. Um die 70 Häftlinge umfasst es insgesamt. Es ist kein Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau oder Mauthausen, sondern ein Arbeitslager. Häftlinge müssen im Sägewerk oder der Arno Fischer Forschungsstätte arbeiten, wo ein neues Unterwasserkraftwerk entwickelt wird. Der Forscher Arno Fischer hat ein Konzept für eine Turbine, die die Landschaft kaum verändern würde. Einige Häftlinge werden in Passau zu Aufräumarbeiten gezwungen, oder müssen nach Luftangriffen Blindgänger beseitigen, also Bomben, die nicht explodiert sind. Die meisten werden zum Bau der Staustufen angeordnet, die notwendig sind, um das Kraftwerk zum laufen zu bringen. All diese Aufgaben beinhalten schwerste körperliche Anstrengung und großen Druck.

Rüstungsfabrik „Waldwerke“ und anschließende Baracken

Neben „Oberilzmühle“ gibt es noch zwei Außenlager in der Umgebung Passaus: Passau II „Waldwerke“, und Passau III „Hafen“ oder „Jandelsbrunn“. Zu Passau III gibt es sehr wenige Informationen, es wird vermutet, dass die Inhaftierten am Donauhafen Be- und Entladearbeiten durchführen müssen. Über Passau III „Waldwerke“ ist jedoch mehr bekannt. Die 333 Gefangenen des Lagers, das in der Nähe von Grubweg ist, arbeiten in der Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF). Das heute noch bestehende Werk wird während des Krieges zur Waffenmanufaktur umfunktioniert. Obwohl die Insassen des Lagers deswegen für den gesamten Kriegsverlauf wichtig sind, werden sie keineswegs gut oder zumindest respektvoll behandelt. Am 04. Mai 1985 erscheint in der Passauer Neuen Presse ein Artikel von Sepp Kufner, in dem ein ehemaliger Häftling zu Wort kommt:

Überlebender aus Passau II „Waldwerke“, nachgesprochen nach Sepp Kufner

Hinrichtung des Sanitäters nach Sepp Kufner

Auch aus „Oberilzmühle“ gibt es Leidensgeschichten. Die Lager Passaus dienen nicht als Vernichtungslager,  zu Todesfällen kommt es trotzdem. Einer ereignet sich, als der Sanitäter des Lagers einer Frau aus dem Ort zu nahe kommt. Den Inhaftierten ist es nicht erlaubt, Kontakt nach außen zu haben, geschweige denn Beziehungen zu pflegen. Deshalb richtet der Lagerleiter ihn hin.

Fluchtweg der drei polnischen Gefangenen

Der Sanitäter ist nicht der einzige Todesfall in Passau I. 1944 werden drei polnische Häftlinge beim Fluchtversuch erwischt und erschossen. „Stundenlang mußten wir vor ihren zerschossenen Leibern stehen“, erinnert sich der ehemalige Gefangene Johann Kunej.

Kunej soll nach Mauthausen abtransportiert werden. Er weiß, dass das den sicheren Tod bedeutet. Es ist die Strafe dafür, dass ihm eine Frau aus der Umgebung ein Paket zusteckte. Sein Glück ist es, dass er die Sägeblätter des Sägewerks an der Oberilzmühle zuschleift – eine wichtige Aufgabe, für die kein Nachfolger zu finden ist. Das rettet ihm das Leben.

„Waldwerke“ wird am 7. November 1944 aufgelöst. Die Nazis möchten nicht, dass die Waffen und Produktionsmöglichkeiten, sowie Informationen, die das Werk über die Rüstung des Deutschen Reiches hat, in die Hände der Amerikaner fallen. Die Gefangenen werden auf Todesmärsche nach Flossenbürg geschickt, nur zwei verlegen sie nach „Oberilzmühle“. Dieses Lager bleibt bis in die letzten Kriegstage hinein bestehen und die Staustufen werden weiterhin gebaut.

Als er im April 1945 erfährt, dass alle Lagerinsassen erschossen werden sollen, weil die Amerikaner anrücken, beschließt Kunej mit drei Kameraden zu fliehen. Jahre später erzählt er Stefan Rammer:

„Über Ruderting, wo wir uns heranflutenden Flüchtlingstrecks anschlossen, schlugen wir uns über die Triftsperre wieder in die Nähe des KZ durch. Hier war für uns von einem Sägewerkarbeiter ein Versteck zum Kleiderwechsel angelegt. Er brachte uns dann bei einem in der Nähe gelegenen Bauern unter, der uns bis zum Eintreffen der Amerikaner versteckte. Ohne deren mutige Hilfe wären wir nicht durchgekommen. Die haben Kopf und Kragen riskiert und ich verdanke denen mein Leben.“

Johann Kunej

Nach der Auflösung von „Oberilzmühle“ schreibt Arno Fischer, der Betreiber der Forschungsstätte, den Überlebenden Entschädigungen zu. Sie erhalten Geld, einige sogar Grundstück auf dem Gelände des Lagers. Auch einige Mitarbeiter Fischers bekommen Grundstücke zugewiesen.

Zuweisung der Entschädigung an Johann Kunej durch Arno Fischer

„Passau will keinen Nazistrom“

1953

Die Staumauer bei Oberilzmühle. Juli 2019.

1953 beginnen die Stadtwerke Passau das Kraftwerk zu betreiben, allerdings nicht das Arno Fischers. Mit der Begründung „Passau will keinen Nazistrom“, werden die gebauten Staustufen 1945 gesprengt und die Staumauer sowie der Stausee für das noch heute bestehende Buchtenkraftwerk angelegt. Ob diese Entscheidung berechtigt oder scheinheilig war, wird von den Anwohnern noch heute diskutiert.

Das Mahnmal

1983

In den 1970er Jahren sind die Außenlager so gut wie vergessen. In der Ortschaft Oberilzmühle sind keine Anzeichen des damaligen Leidens mehr zu erkennen, sogar der Sägewerkskanal ist zugeschüttet und überwachsen. Sepp Kufner, ein Anwohner in Oberilzmühle und ehemaliger Angestellter in der Forschungsstätte, kann das nicht hinnehmen. In den 1970er Jahren setzt er sich dafür ein, dass ein KZ-Denkmal errichtet wird.

Einweihung des Denkmals 1983

Bis 1983 dauert es, bevor Salzweg und Passau zustimmen. Das Mahnmal besteht aus einer Gedenktafel mit der Inschrift „Den Opfern des KZ Außenlagers Mauthausen-Oberilzmühle“ und vier Eisenkreuzen, die die vier Ermordeten repräsentieren. Kufner, sowie zwei ehemalige Häftlinge, darunter Kunej, sind bei der Einweihung anwesend, und der damalige SPD-Bürgermeister Georg Knon. Letzteres wird jahrelang angezweifelt, es hagelt Vorwürfe gegen die Partei und der Diskurs um das Mahnmal entwickelt sich in einen politischen Streit. Erst 35 Jahre später berichtet die Passauer Neue Presse, dass Knon sowohl laut Zeugenaussagen als auch laut Bildern anwesend war.

Die Erinnerung

Heute

„Den Opfern des KZ-Außenlagers Mauthausen-Oberilzmühle 1945-1945“

Das Mahnmal steht noch heute. Verlässt man die Hauptstraße durch den Ort und geht Richtung Ilz, findet man es dort neben einer kleinen Straße, die zum Kraftwerk führt. Das nahe gelegene Restaurant, das bisher die Motivation für Besucher war, den Weg einzuschlagen, hat seit einigen Jahren geschlossen. 

Barbara Friedl bedauert das. „Wie das Wirtshaus offen war“, sagt sie, „da haben’s auch mehr Leute gesehen.“ Als sie noch unterrichtet hat, erzählte sie ihren Schülern von den Außenlagern um Passau. Sie sagt es sei wichtig, nicht zu vergessen, dass solche Grausamkeiten jederzeit und allerorts eintreten können. Heute muss sie sich auf andere Lehrer verlassen.

Barbara Friedl findet es wichtig, dass die Geschichte der Außenlager in Erinnerung behalten wird

Die Recherche

Meinung

Für diesen Beitrag, sowie das Fernsehpendent dazu, war Barbara Friedl die primäre Informationsquelle. Die Stadt Passau hingegen war nicht bereit darüber zu sprechen. Das Archiv besitzt alle Unterlagen Friedls, sie hat sie zur Verfügung gestellt. Dennoch ist die erste Antwort, auf die Frage, was zu diesem Thema vorhanden ist: „Zu den Außenlagern haben wir nichts.“ Es gibt auch kein informatives Gespräch, sondern nur eine Weiterleitung an andere Behörden. Salzweg und Grubweg seien nicht die Zuständigkeitsbereiche der Stadt Passau. In Grubweg und Salzweg ergibt sich dasselbe Problem: Niemand weiß etwas, niemand möchte darüber sprechen. 

Möglicherweise hat sich keiner ausreichend über die Außenlager informiert und möchte daher nichts Falsches sagen. So ist es zwar frustrierend, dass sich niemand finden lässt, aber verständlich.

Doch die Behörde für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte Passaus hat bestimmt Informationen, dachten wir uns. Wenn man sie über drei Untermenüs auf der Webseite der Stadt Passau findet und dort anruft, erfährt man auch, dass dies der Fall ist. Sie wäre sogar bereit gewesen, Material zur Verfügung zu stellen und mit uns darüber zu sprechen. Für ein Interview muss man jedoch bei der Stadt anfragen und diese lehnte ab. Sie sei noch in der Aufarbeitung. Es fehlen die Informationen. Sie hatten ja auch erst 73 Jahre Zeit. 

Oberilzmühle. Juli 2019.

Über mehrere Umwege erfuhren wir von Dorfbewohnern von Barbara Friedl. Historisches Material hätte sie und mit uns über das Thema sprechen würde sie auch. Sie hat auch einen guten Grund dafür, dass sie sich für die Außenlager interessiert:  Sie wohnt nicht nur in Oberilzmühle, sondern sogar in dem Haus, das Sepp Kufner dort auf dem Grund baute, den er von Arno Fischer nach Auflösung des Lagers zugewiesen bekam. Friedl ist Kufners Tochter. Die Dokumente, die sie besitzt, sind die ihres Vaters. Er setzte sich nicht nur für das Denkmal ein, sondern sammelte Fotos, Briefe, Formulare, Skizzen und weitere Unterlagen, um sie zu sichern und das Bewusstsein weiterzutragen. Heute macht das Friedl. Und dann?

So lange die Stadt Passau nur bedingt bereit ist, Informationen über die Außenlager bereitzustellen, hängt die Erinnerung von Privatpersonen ab. Wie es so oft mit Zeitgeschichte ist, droht sie zu sterben. Es bleibt jedem übrig, sich selbst die Frage zu stellen, ob die Existenz der Außenlager ausgeschwiegen werden darf.

– Ellie Rohleder

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