Jede Minute zählt

Die Maske sitzt, zwei Schläuche versorgen ihn mit der lebensnotwendigen Atemluft. Die letzten Handgriffe, bevor sich Thomas Habel rückwärts ins Wasser fallen lässt. Unter der Oberfläche sieht er die Hand vor Augen nicht. Die am Jacket befestigte Taschenlampe hat er umsonst mitgenommen. Er kann sich nur langsam voran tasten und muss sich auf sein Empfinden in Händen und Füßen verlassen. Alle anderen Sinne spielen jetzt nur eine untergeordnete Rolle. Habel spürt einen festen Gegenstand, doch es ist nicht der zuvor versenkte Torso, den er heute aus dem Wasser holen soll, sondern der Anker. Ruhig dreht er sich wieder um, tastet sich weiter durch die trübe Flüssigkeit. Später sagt er, dass er keine Angst mit unter die Wasseroberfläche nimmt, aber sehr viel Respekt und Vorausschau.

Im Stadtteil Neustift liegt das Vereinsheim der Passauer Ortsgruppe der deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG). Bei einem Kaffee besprechen die vier DLRG-Mitglieder den heutigen Einsatz. Thomas Habel wird die Übung als Einsatztaucher durchführen und einen Dummy vom Grund der Donau bergen. Habel ist über 1,90 Meter groß, auf dem rechten Unterarm hat er ein rundes Tattoo, das sofort ins Auge sticht. Auch Sebastian Krückl, der heute als Sicherungstaucher ins Wasser geht, ist auffällig groß. Er muss sich bücken, um durch den Türrahmen ins Vereinsheim zu kommen. „Zwischen zehn und zwanzig Einsätze führen wir im Jahr durch“, erzählt er. Darunter war in diesem Jahr bisher eine Vermisstensuche mit Taucheinsatz. Als Bootsführer ist beim heutigen Tauchgang Andreas Sitter dabei, für den Kontakt zwischen Taucher und dem Team auf dem Boot sorgt der 17-jährige Tobias Ramesberger.


Thomas Habel,
Einsatztaucher

Sebastian Krückl,
Sicherheitstaucher

Tobias Ramesberger,
Signalmann

Andreas Sitter,
Bootsführer

Wenn die Hilfe der DLRG-Retter gefordert wird, klingeln die Piepser, die sie immer bei sich tragen sollten. Dann kommt es auf Schnelligkeit an, denn jede Minute zählt. „Je nach Einsatzort schaffe ich es in etwa fünf bis zehn Minuten von meinem Arbeitsplatz zum Einsatz“, erzählt Thomas. Vom Vereinsheim zum Winterhafen Passau fahren die Männer etwa fünf Minuten. Dort werden die DLRG-Mitglieder heute einen Dummy vom Grund der Donau bergen, als Übungstauchgang. Heute kann Thomas Habel sich also an die Straßenverkehrsregeln halten, es besteht keine Eile. Im Ernstfall müssen die Fahrer trotz Zeitdruck sehr vorsichtig sein: „Man weiß nie, wie die anderen Autofahrer reagieren, wenn sie ein Blaulichtfahrzeug im Einsatz sehen und hören“, sagt Habel. Meistens funktioniere das Bilden einer Rettungsgasse aber ganz gut. Probleme gebe es oft an roten Ampeln, wenn Autofahrer sich nicht trauen, diese zu überfahren. Um einem Einsatzwagen den Weg freizumachen, ist dies aber erlaubt.

Um gefahrlos und schnell handeln zu können, ist der sichere Umgang mit der Ausrüstung enorm wichtig. Diese liegt jederzeit im DLRG-Einsatzwagen bereit. Thomas Habel zeigt die wichtigsten Teile der Ausrüstung eines Einsatztauchers:

Der Winterhafen Passau liegt direkt an der Bundesstraße 8 auf der Halbinsel Racklau. In dem Seitenarm der Donau, zwischen Schnellstraße und der Halbinsel, werden sonst Sondergüter wie Schwertransporte verladen. Habel parkt den DLRG-Sprinter neben einem der türkisfarbenen Container, die am Hafen stehen. Unten am Wasser weht die rot-gelbe Fahne mit dem Logo der DLRG im Wind. Dort stehen die Boote Ortsgruppe Passau. Die vier Männer beginnen sofort, die Ausrüstung für den Tauchgang auszupacken und nach unten an die Anlegestelle zum Boot zu bringen. Sicherheitstaucher Sebastian Krückl erklärt die heutige Ausrüstung: „Hauptsächlich verwenden wir Trockentauchanzüge, weil wir nie genau wissen können, was uns am Einsatzort erwartet und wie lange der Einsatz dauert“. Die rot-schwarzen Tauchanzüge umschließen den Körper von den integrierten Schuhen, über Gummiabdichtungen an den Handgelenken bis hin zu einer gummiartigen Sturmmaske, die nur Mund, Nase und Augen freilässt. „In diesen Anzügen kühlt der Körper nicht so schnell aus und er schützt zudem vor Gefahren wie konterminiertem Wasser, ganz im Gegensatz zum Neoprenanzug“, sagt Krückl.

Zwei Pressluftflaschen, ein gelber und ein roter Koffer, sowie Flossen und eine gelbe Taschenlampe werden zur Anlegestelle getragen. Pressluft ist komprimierte Atemluft, mit der der Taucher länger unter Wasser bleiben kann. Die beiden Taucher zwängen sich in die roten Anzüge und gehen ebenfalls zur Anlegestelle. Dort prüfen sie ausführlich ihre Pressluftflaschen und die Luftzufuhr. Nun müssen die Taucher die schweren Flaschen auf ihre Rücken ziehen. Beide verziehen vor Anstrengung das Gesicht, während sie die schweren Rucksäcke auf ihre Rücken wuchten. Habel bekommt dabei Hilfe von seinem Kollegen Ramesberger. Etwa 30 Kilo hat er mit der gesamten Ausrüstung zusätzlich am Körper zu tragen. Zudem trägt Habel Gewichte aus Blei am Körper, damit er besser unter der Wasseroberfläche bleibt.

Thomas Habel – mit und ohne Tauchausrüstung

Der 45-jährige Thomas Habel ist seit acht Jahren bei der DLRG. Hauptberuflich arbeitet er als Qualitätsfachmann in der Fachrichtung Längenprüftechnik. „Beruf und Ehrenamt kann ich nur vereinbaren, weil ich einen Arbeitgeber habe, der mir den Rücken freihält für Einsätze und Übungen.“ Auch die Familie spiele eine entscheidende Rolle: „Sie geben mir diese zusätzliche Freizeit“. Familie, das sind für den begeisterten Taucher seine Frau und die zwei Töchter. Sie sind 18 und 22 Jahre alt. Im November 2018 wurde er Großvater, erzählt er lächelnd. Das ehrenamtliche Tauchen ist bei Thomas Habel aus seinem Hobby entstanden. Zuerst war er jahrelang Mitglied bei der Feuerwehr. Irgendwann entschied er sich dann, privat einen Tauchschein zu machen, inspiriert durch seinen Chef auf der Arbeit. Weil Habel das Tauchen gerne ehrenamtlich einsetzen wollte, ging er 2011 zur DLRG. Wenn sonst noch Zeit bleibt, geht er gerne schwimmen oder wandern, am liebsten im Bayerischen Wald. Seine einzige mehr oder weniger actionfreie Nebenbeschäftigung: Manchmal probiert er sich als Hobby-DJ.

 

Unter Wasser

Das braune Wasser der Donau sieht bei bewölktem Himmel gefährlich dunkel aus. Inzwischen sind alle Teammitglieder samt Ausrüstung auf dem Boot. Der Bootsführer Andreas Sitter steht am Steuer, die beiden Taucher sitzen einander gegenüber auf den Bänken. Sebastian Krückl lehnt sich lässig mit dem Rücken an die Rückseite des Steuers, ein Fuß auf der Bank aufgestellt. Von Anspannung ist bei dieser Übung noch nichts zu spüren. Bis auf die Taucher muss jeder an Bord eine rote Rettungsweste tragen, aus Sicherheitsgründen. Andreas Sitter startet den Motor und lenkt das Boot langsam vom Ufer weg. Ein Stück vom Ufer entfernt lassen die beiden Taucher den orangefarbenen Dummy auf den Grund der Donau sinken. Danach wuchtet Krückl den schweren Anker vom Boot und lässt ihn ebenfalls ins Wasser sinken: Die Strömung der Donau würde das Boot sonst immer weiter vom Zielort abtreiben.

Bevor es losgeht, nimmt Thomas  Habel noch ein letztes Mal das Mundstück der Pressluftflasche in den Mund, um die Luftzufuhr zu testen. Dann geht er schwerfällig rückwärts die Rampe am Ende des Bootes hinunter, in schwarzen Flossen und seinem roten Tauchanzug, die große Pressluftflasche auf dem Rücken. An der Kante angekommen, lässt Habel sich, ohne zu zögern, rückwärts ins Wasser fallen. Dann taucht er unter.

Thomas Habel verschwindet für einige Minuten unter Wasser. Für die restlichen Teammitglieder heißt das: Warten. Trotzdem müssen alle aufmerksam bleiben, vor allem Tobias Ramesberger. „Der Signalmann ist die Verbindung zum Taucher“, erklärt der 17-jährige Schüler. Er kann mit dem Taucher über Leinenzugzeichen kommunizieren und sich dadurch grob mit ihm verständigen. Einmal ziehen bedeutet zum Beispiel, dass der Taucher in Not ist. Der Signalmann bekommt dadurch Informationen vom Taucher und kann diese an das Team weiterleiten. „Das ist vor allem wichtig, wenn man eine Person geborgen hat“, sagt Tobias. Dann können sich die Personen an Bord schon auf den Umgang mit der geretteten Person vorbereiten. Am besten funktioniert das Tauchen mit einer Vollgesichtsmaske, damit können Taucher und Signalmann über Kopfhörer miteinander kommunizieren.

Einsatztaucher Thomas Habel über die Situation unter Wasser

Thomas Habel taucht mit dem Dummy auf, schwimmt rückwärts bis er auf das Boot trifft. Er und Sicherheitstaucher Krückl, der sich im Wasser um Thomas‘ Sicherung kümmert, hieven sich mit der schweren Ausrüstung aus dem Wasser. Der Dummy steht nun wieder im Trockenen, die Übung ist also gelungen. „Im Ernstfall würde jetzt der Grundcheck erfolgen, um zu schauen, was der Person fehlt“, sagt Andreas. Bei kalter Witterung wickelt man die gerettete Person in Decken ein. „Dann wird sie so schnell wie möglich an den am Ufer wartenden Rettungsdienst übergeben.“

Im Einsatz ist alles anders

Bisher hat Habel nur Sachgüter geborgen, Leichen dagegen noch nicht. Vor kurzem war er allerdings bei einer Vermisstensuche dabei. „Da geht schon sehr viel im Kopf vor. Man macht sich vor dem Tauchgang schon Gedanken: Was ist, wenn ich ihn jetzt finde?“ Man könne sich im Voraus noch so viele Gedanken machen – „im Einsatz ist immer alles anders. Man kann sich auf sowas nicht wirklich vorbereiten“, sagt Habel. In diesem Fall sei die vermisste Person jedoch unversehrt aufgefunden worden.

Unter Wasser ist der zweifache Familienvater immer sehr angespannt, als Taucher muss er sich zu hundert Prozent auf seine Kollegen verlassen können. „Man ist nur fixiert auf die Suche, man schaut nie selbst auf die Sicherung“, sagt Habel über die Extremsituation. Bei der Sicherung des Tauchers helfen Signalmann und Sicherungstaucher, dies ist gesetzlich vorgeschrieben. Auf diese Hilfe kann er sich verlassen: Etwas schiefgegangen ist bei seinen Tauchgängen noch nie, auch in Lebensgefahr musste sich der 45-Jährige noch nicht begeben. Über den emotionalen Aspekt des Einsatztauchens zu sprechen, fällt Habel deutlich schwerer, als die Ausrüstung und Abläufe zu erklären. Es gehöre einfach zum Job dazu. „Jeder verarbeitet das anders“, sagt er. „Ich bin eher derjenige, der dann auf Lebensmittel zurückgreift“, fügt er grinsend hinzu. „Andere möchten reden, andere sind still“, sagt Habel wieder mit gewohnt ernstem Blick. „Jeder macht das anders. Aber es gehört einfach zum Job dazu“. 

Beim heutigen Einsatz habe alles hervorragend geklappt, erzählt Habel, in Tauchmontur auf dem Boot sitzend. „Zum Glück war es nur eine Übung, den Ernstfall möchte man natürlich nicht erleben“. Adrenalin und Anspannung sorgen bei einem echten Taucheinsatz für ein „komisches Gefühl“. Er gehe immer mit dem Wissen ins Wasser, vermutlich wenig bis gar nichts zu sehen. Deshalb sind Taucher hauptsächlich auf ihren Tastsinn angewiesen, bei Thomas Habel ist dies mit enormer Anspannung verbunden. Da man bei einem Einsatz aufgrund der Aufregung und Anstrengung sehr schnell atmet, kann die Pressluftflasche schon nach zehn Minuten unter Wasser leer sein.

Einsatzgebiet der DLRG-Passau


Anzahl der DLRG-Einsätze steigt

Bei einer Übung können die Taucher noch austesten, wie sie in welcher Situation am besten handeln. „Der Ernstfall ist natürlich ganz anders“, sagt Habel, man müsse dann einfach intuitiv handeln. Zeit zum Nachdenken oder Ausprobieren bleibt nicht, wenn das Leben einer Person in Gefahr ist. Nach jedem Einsatz setzen sich die Teammitglieder daher zusammen und sprechen darüber, was gut gelaufen ist und was beim nächsten Mal besser werden muss. Dabei sprechen sie auch darüber, wie sie sich gefühlt haben.

Insgesamt steigt die Zahl der Einsätze laut Thomas Habel. Er habe das Gefühl, dass die Retter der DLRG immer öfter ausrücken müssen, „weil die Leute einfach unvorsichtiger werden“. Es passiere von Jahr zu Jahr öfter, dass Personen sich die Beine abkühlen wollen und dabei ins Wasser fallen. Das sind laut Habel die häufigsten Einsätze. „Aber so ist das einfach in der Dreiflüssestadt“, sagt er und schmunzelt.

Die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft e.V. ist mit 1,8 Millionen Mitgliedern die größte Wasserrettungsorganisation der Welt. Sie wurde 1913 gegründet, nachdem im Vorjahr auf Rügen eine Anlegestelle zusammenbrach und 16 Menschen in der Ostsee ertrunken sind. Die Hauptaufgaben der DLRG sind die Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung sowie die Aufklärung über Wassergefahren und der Wasserrettungsdienst. Schirmherr der vielen ehrenamtlich Tätigen ist der Bundespräsident.

Mehr Infos zur DLRG-Ortsgruppe Passau findet Ihr auf Facebook oder Instagram.

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