Artenvielfalt vor der Haustür

Auf unserer Erde gibt es viele Orte, die für ihre atemberaubende Natur bekannt sind. Den meisten Menschen kommen dabei wohl zuerst Orte wie Afrika, Australien oder Kanada in den Sinn. So weit muss man dafür aber gar nicht wegdenken. Denn auch im Landkreis Passau, quasi direkt vor der Haustür, sind viele Gebiete von einer einmaligen Tier- und Pflanzenwelt geprägt. An der Ilz verbergen sich zum Beispiel seltene Schätze: Flussperlmuscheln. Sie sind extrem bedroht und kommen nur noch in wenigen deutschen Flüsse vor. An der Donau ist die Artenvielfalt ebenfalls enorm. Im Naturschutzgebiet Donauleiten – eine der artenreichsten Regionen Deutschlands – haben sich unter anderem auch echte Exoten niedergelassen…


Naturjuwel Niederbayerns – Das Naturschutzgebiet Donauleiten

Die Luft ist noch kühl an diesem Dienstagmorgen, der Himmel mit einigen Wolken bedeckt. Sebastian Zoder steht im hohen Gras am Rande eines Waldes bei Jochenstein. Im Gras zirpen Grillen, in der Luft summen  Käfer, Bienen und Mücken umher. „Hier muss man stark aufpassen, dass man von keiner Zecke gebissen wird“, sagt Zoder und bahnt sich seinen Weg weiter durch die hohen Grashalme. Er trägt eine lange schwarz-graue Arbeitshose, ein schwarzes T-Shirt und Wanderschuhe. Direkt neben dem Wiesenstreifen rasen immer wieder Autos auf der B388 vorbei. Und auf der anderen Seite der Straße schlängelt sich die Donau durch das Engtal – umgeben von grünen Wäldern, Steilhängen und ganz viel Natur.

Der Wald, an dessen Rand sich Sebastian Zoder befindet, ist Teil eines einzigartigen Naturreservats, das sich an der linken, nördlichen Donauseite etabliert hat: dem Naturschutzgebiet Donauleiten. Es beginnt unmittelbar nach der Passauer Stadtgrenze bei Lindau und zieht sich in einzelnen Stücken über 30 Kilometer bis zur deutsch-österreichischen Staatsgrenze bei Jochenstein. Sebastian Zoder ist der Gebietsbetreuer des Naturschutzgebiets und arbeitet bei dem Erlebniszentrum Haus am Strom, das sich für den Naturschutz in der Passauer Region einsetzt.

Die Donauleiten zählen zu den bedeutsamsten und artenreichsten Naturschutzgebieten in Deutschland. Offiziell leben dort über 1600 verschiedene Tier- und etwa 450 Pflanzenarten. „Die tatsächliche Zahl ist aber viel höher“, sagt Zoder. Über 2000 Tierarten seien mittlerweile schon gelistet. Und es werden immer noch neue entdeckt. „Das sind dann aber eher diese ganzen kleinen Tiere wie beispielsweise Mücken“, erklärt Zoder. „Die schauen erstmal alle gleich aus. Aber tatsächlich sind das zehn bis zwanzig verschiedene Arten.“

Donauleiten’s Naturschätze

Vögel

Insgesamt 88 verschiedene Vogelarten leben in den Donauleiten. Darunter zum Beispiel Uhu, Schwarzstorch, Wespenbussard und Pirol.

Pflanzen

Über 450 verschiedene Pflanzen wachsen offiziell in dem Naturschutzgebiet. Eine davon ist das Alpenveilchen. Eigentlich wächst es in der Alpenregion und im nördlichen Balkan, in den Donauleiten kommt es aber in großen Beständen vor.

Käfer

In dem Naturschutzgebiet kommen mehr als 500 verschiedene Käferarten vor. Ganz besonders: der Hirschkäfer. Er ist in Bayern sehr selten, in den Donauleiten gibt es aber noch relativ große Populationen.

Falter

Falter sind wohl die Art mit den meisten Vertretern im Naturschutzgebiet Donauleiten. Über 600 Nachtfalterarten wie zum Beispiel der Ameisenbläuling schwirren hier durch die Luft. Hinzu kommen etwa 62 Tagfalterarten.

Amphibien

An die Zahl der unterschiedlichen Falter kommen die Amphibien zwar nicht ran, dennoch ist die Amphibienvielfalt in den Donauleiten mit acht verschiedenen Tieren hoch. Unter ihnen ist auch der bekannte Feuersalamander.

und und und…

Die Artenvielfalt in den Donauleiten ist enorm, die Zahl der unterschiedlichen Tierarten extrem hoch. Aufzuzählen wären noch mehrere Spezien, zum Beispiel 55 verschiedene Spinnen, 150 Wildbienen- und 154 Wespenarten – und das ist noch nicht alles.

Da sich die Donauleiten zentral in Mitteleuropa befinden, ist das Einzugsgebiet ihrer Bewohner sehr groß. Die Folge: In dem Naturschutzgebiet leben Arten aus den unterschiedlichsten Regionen Seite an Seite. Zum einen gibt es Tiere und Pflanzen, die aus der Alpenregion und dem Bayerischen Wald kommen, aber auch Spezien aus östlichen und westlichen Gebieten sowie aus dem Mittelmeerraum haben in den Donauleiten eine Heimat gefunden. Für den Artenreichtum in dem Naturschutzgebiet ist auch die namensgebende Donau maßgeblich.

Die Donau ist eine Wanderachse für Tiere und Pflanzen. Sie kommen entweder direkt über das Wasser oder orientieren sich bei ihren Wanderungen an dem Flusslauf. Im Rahmen des Klimawandels beobachten wir momentan zum Beispiel die Einwanderung südosteuropäischer Tiere über die Donau. Gerade sind das vor allem mehrere Bienenarten, die für Bayern ganz neu sind.

Sebastian Zoder

Im Tal der Echsen und Schlangen

Die Donauleiten beheimaten tausende verschiedene Tiere und Pflanzen. Bekannt sind sie aber vor allem aufgrund einer Gattung: den Reptilien. Sieben verschiedene Arten leben in dem Naturschutzgebiet. Es gehört zu den reptilienreichsten Regionen in Deutschland. Die Echsen und Schlangen waren der ausschlaggebende Punkt dafür, dass die Donauleiten im September 1986 überhaupt erst zum Naturschutzgebiet erklärt wurden. „Im Nachhinein hat man dann erst herausgefunden, dass es da noch so viele andere Arten gibt, die schützenswert sind“, sagt Zoder. „Aber damals waren es die Reptilien.“ Die Reptilienvielfalt reicht von gängigen Arten wie der Ringelnatter oder der Zauneidechse bis zu echten Exoten wie der östlichen Smaragdeidechse und der Äskulapnatter. Diese beiden Arten sind eigentlich in Südosteuropa beheimatet und kommen in Deutschland kaum vor. „In der letzten Warmzeit waren diese Tiere bis nach Südskandinavien verbreitet“, erklärt Zoder. Mit den Temperaturen sind aber auch die Tiere zurückgewandert – in warme Regionen. „Und dann sind sie hier hängen geblieben“, sagt der Gebietsbetreuer. Durch die nach Süden ausgerichteten Steilhänge herrscht in dem Naturschutzgebiet ein mediterranes Klima, ideal für die wärmeliebenden Tiere.


Gerade ist Sebastian Zoder auf der Suche nach genau diesen beiden Exoten. Der Waldrand gegenüber vom Haus am Strom ist dafür seine erste Anlaufstelle. Zoder ist auf seinen Kontrollgängen regelmäßig in dem Naturschutzgebiet unterwegs und weiß daher, wo man die Tiere am besten antreffen kann. Die Zeit ist dafür gerade perfekt. Es ist Mitte Juni, die Tiere sind aktiv. Bei den Äskulapnattern ist gerade Paarungszeit, da stehen die Chancen, sie zu sehen, sehr gut, erklärt Zoder. In den heißen Sommermonaten ziehen sie sich hingegen eher zurück.

Als Rückzugsort für die Reptilien sind an dem Waldrand sind merkwürdige Haufen aufgetürmt. Sie bestehen aus Ästen, Wurzeln und Laub und sind dort nicht auf natürlichem Weg hingekommen. Bei den Haufen handelt es sich um Naturschutzmaßnahmen, die Sebastian Zoder mit dem Landschaftspflegebund Passau vor einigen Jahren errichtet hat. „Diese Haufen dienen den Schlangen zur Eiablage“, erklärt Zoder. „Die nutzen das gerne.“ Ein paar Meter weiter ist ein kleiner Holzstapel aufgetürmt, über dem eine schwarze Plane gespannt ist. Auch hierunter halten sich die Tiere laut Zoder gerne auf. „Letztes Mal habe ich hier zwei Äskulapnattern und eine Ringelnatter ineinander gerollt liegen sehen“, erzählt er. Heute ist der Platz allerdings leer, weshalb er seine Suche woanders fortsetzt.

Der nächste Stopp des Naturliebhabers befindet sich ein bisschen weiter oben im Naturschutzgebiet. Über eine serpentinenartige Straße fährt er den Hang hinauf, bis auf der linken Seite ein kleiner Parkplatz auftaucht. Von dort aus kann man einen Blick auf die Donau erhaschen. Zoder parkt sein Auto und wechselt auf die andere Straßenseite. „Hier gibt es ganz tolle Böschungen“, sagt er, bückt sich nach untern und pflückt etwas ab. Das grüne Gewächs riecht ein bisschen nach Pfefferminz, aber das ist es nicht. „Das ist Oregano, also der Wilde“, erklärt er. „Der wächst hier in rauen Mengen, für Schmetterlinge ist das ganz toll.“

Zoder geht weiter und schaut konzentriert in das Gras, immer noch auf der Suche nach einem Reptil. Plötzlich bleibt er stehen. „Da“, sagt er. Und tatsächlich: Im Gras liegt etwas, das zunächst aussieht wie ein dicker grauer Ast. Aber es ist kein Ast, sondern eine Schlange. Sie bewegt sich langsam vorwärts und schaut mit ihrem Kopf durch einen kleinen Busch hindurch. Am Rücken ist sie grau, doch an ihrer Unterseite schimmert sie gelb-grünlich. Gerade, als sie sich in ein Loch verkriechen will, hebt Zoder sie hoch: Es ist eine Äskulapnatter.

Schon gewusst?

Die Äskulapnatter ist in Deutschland sehr selten und in der Roten Liste als „gefährdet“ eingestuft. In Bayern sogar als „vom Aussterben bedroht“

Als Zoder die Schlange auf dem Arm hat wird erst deutlich, wie groß sie eigentlich ist. Mit einer Maximallänge von bis zu zwei Metern gehört die Äskulapnatter zu den längsten Schlangen Europas. Und auch das Exemplar auf Zoders Arm hat eine stolze Größe, schätzungsweise etwa 1,30 Meter. Aber die Schlangen sind ungefährlich, zumindest für Menschen. Die Tiere können außerdem hervorragend klettern, erklärt Zoder und setzt sie auf einem kleinen Baum ab. Die Schlange bewegt sich nach oben und bleibt kurz auf einem der dünnen Äste liegen, dann bahnt sie sich ihren Weg zurück nach unten und verschwindet im Gras.

Zoders Rundfahrt geht weiter. Er fährt die Straße zurück nach unten, am Haus am Strom vorbei in Richtung Passau. Nach kurzer Zeit hält er wieder an. Neben der Hauptstraße zeichnet sich ein schmaler, unbefestigter Weg ab. Der Weg ist mit Büschen umrandet, egal wo man hinsieht kann man irgendein Tier sehen: Schmetterlinge flattern durch die Luft, zwei Käfer hängen an einem kleinen Blatt und auf dem Boden schwirren Bienen von Blume zu Blume. Am linken Wegrand raschelt es plötzlich in einem Gebüsch neben einem kleinen Felsen. „Das könnte eine Smaragdeidechse gewesen sein“, sagt Zoder. Da er die Tiere jährlich zählt, ist er darin geübt, Geräusche zuzordnen, ohne das dazugehörige Tier zu sehen. Wie sich später herausstellen sollte, hat ihn sein Gehör nicht getäuscht. Es handelte sich tatschlich um eine Smaragdeidechse, die sich in den Büschen versteckt hat. Auf der rechten Seite des Wegs eröffnet sich der Blick auf ein kleines Bächlein: den Rambach. „Hier gibt es viele kleine Bäche“, sagt Zoder. „Die fließen vom Bayerischen Wald runter und münden in die Donau.“ Je mehr Facetten man von dem Naturschutzgebiet Donauleiten sieht, desto klarer wird, wieso dieses Gebiet so artenreich ist. „Hier existieren sehr viele Lebensräume nebeneinander“, erklärt Zoder. „Vom Buchenwald und lichten Eichen-Hainbuchenbeständen über offene Hangflächen mit Felsköpfen und -wänden hin zu Bachschluchten gibt es hier alles. Und da haben viele verschiedene Tiere auf ganz engem Raum ihre Lebensbedingungen erfüllt.“

Nach ein paar Metern mündet das Weglein beim ehemaligen Rambacher Steinbruch in eine kleine Lichtung. Am Boden befinden sich zwischen dem hohen Gras kleine, künstlich angelegte Wasserbecken. In ihnen tummeln sich Gelbbauchunken – eine von acht Amphibenarten in dem Naturschutzgebiet. Auch in dieser Lichtung befinden sich wieder aufgestapelte Holzscheitel, die mit einer schwarzen Plane bedeckt sind. In der Hoffnung, weitere Reptilien zu sehen, löst Zoder die Steine, die die Plane festhalten.

Aber auch unter dieser Plane sind heute keine Tiere. Das bedeutet: Rückweg! Als Zoder wieder bei dem Felsen vorbeikommt, an dem er zuvor etwas rascheln gehört hat, bleibt er stehen. „Da ist eine Smaragdeidechse“ sagt er. Und tatsächlich. Auf dem Stein sitzt eine kleine, vermutlich etwa 15 Zentimeter lange Eidechse. Die für Smaragdeidechsen typische grüne Färbung hat sie aber noch nicht. Sie ist braun, hat ein paar grüne Flecken am Rücken. „Das Tier ist etwa zwei Jahre alt“, meint Zoder. „Noch nicht ausgewachsen.“ Die Farbe komme erst mit dem Alter. Und bei den Männchen färbt sich der Kopf in der Paarungszeit blau. Die Echse beobachtet alles, was um sie herum passiert, ganz genau. Sobald man ihr zu nahe kommt, verschwindet sie im Gebüsch.

Ein offener Felsen, den die Sonne anscheint, umgeben mit Gebüsch zum Verstecken: Genau das braucht die östliche Smaragdeidechse zum Leben. In ihrer eigentlichen Heimat, Südosteuropa, ist das nicht so wichtig, weil dort das Klima allgemein anders ist als in Deutschland. Aber hier in der Passauer Region braucht sie „extremere Standorte“, damit sie sich wohlfühlt, erklärt Zoder. Die Donauleiten bieten den Echsen diesen Lebensraum als einziges Gebiet in ganz Deutschland. Denn abgesehen von einer isolierten Population in Brandenburg gibt es die östliche Smaragdeidechse deutschlandweit nur hier. Aber das muss nicht so bleiben. Denn die Lebensräume, die die Echse braucht, sind bedroht. Durch zunehmenden Verkehr steige die Stickstoffbelastung in dem Naturschutzgebiet, sagt Zoder. Für stickstoffliebende Pflanzen ist das super, sie wachsen hemmungslos weiter. Offene Felshänge, die die Smaragdeideche braucht, wachsen dadurch jedoch zu. Wie sehr wird deutlich, als Zoder zurück an seinem Auto ist. Aus dem Kofferraum holt er eine Machete und steuert damit auf die Sträucher am Sraßenrand zu. „Eigentlich befinden sich hier Felsen drunter“, sagt er und beginnt, die Sträucher mit der Machete wegzuschlagen – eine wichtige Maßnahme dafür, die Smaragdeidechsen in dem Gebiet zu halten.


Die Donauleiten sind ein Gebiet mit einer enormen Artenvielfalt und vielen sehr seltenen Tieren, einer einzigartigen Landschaft aus Wäldern, Bächen und Felsen und zusätzlich der Donau direkt nebenan. Und das nicht einmal eine halbe Stunde vom Passauer Stadtzentrum entfernt. Dennoch wissen nur wenige Passauer wirklich über das Gebiet Bescheid oder waren schon einmal hier.  Siegi Friedl ist heute zum ersten Mal am Haus am Strom, weil ihre Tochter einen Ausflug mit dem Kindergarten macht. Wir waren davor noch nie hier“, sagt sie. „Wir fahren immer eher in den Bayerischen Wald.“ Dabei eignet sich das Naturschutzgebiet für einen Ausflug eigentlich perfekt. Auf Wanderwegen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden kann man die Natur in den Donauhängen selbst erleben.

Christian Schmid betreibt die Pension „Zum Ebenstein“ in dem kleinen Ort Riedl. Die Pension befindet sich direkt am Naturschutzgebiet. Von ihr geht die Ebenstein Runde  weg, eine gemütliche Wanderung, die für jeden geeignet ist. Viele von Schmids Gästen gehen die Tour, wenn sie bei ihm übernachten, erzählt der Gastgeber. „Die Resonanz ist nur positiv. Die Leute sind fasziniert davon, dass wir hier so einen Hot Spot haben.“ Und auch selbst bekommt er mit, was sich täglich vor seiner Haustür abspielt.


Im Überblick: Wanderwege und Ausflugsziele in den Donauleiten bei Jochenstein

Wo kann man in den Donauleiten wandern gehen? Und was kann man dabei erleben? Tolle Ausflugsziele im Naturschutzgebiet und die Stationen von Zoder im Überblick


An den Wanderwegen sind immer wieder Informationstafeln zu den Donauleiten aufgestellt. Und wer noch mehr über die heimische Natur erfahren möchte, kann dem Haus am Strom einen Besuch abstatten. Denn neben Naturschutz setzt es sich auch für Umweltbildung ein: Zu bieten hat es eine kleine Ausstellung und ein  breit aufgestelltes pädagogisches Personal. „Wir machen viele Kinderveranstaltungen, auch für Schulen im Umkreis“, erklärt Zoder. „Ich und mein Chef machen außerdem Fortbildungen für Erwachsenengruppen, zum Beispiel für Straßenbehörden oder Landwirtschaftsvertreter.“ Außerdem organisiert das Haus am Strom jährlich viele Veranstaltungen, an denen jeder, der interessiert ist, teilnehmen kann. Zoders Favorit ist der Sensen und Dengeln Workshop. „Wenn Leute etwas selbst ausprobieren können, macht das am meisten Spaß“, erklärt er. Zudem kann man an geführten Wanderungen durch das Naturschutzgebiet teilnehmen. Die stehen dann immer unter einem bestimmten Motto, zum Beispiel gibt es Angebote speziell für Uhu-, Reptilien- oder Hirschkäferwanderungen.

Was ich aber immer wieder mitkrieg, wenn die Leute das erste Mal bei uns sind, ist, dass dann die Aussage kommt „Mei wir haben gar nicht gewusst, dass das hier so toll ist und dass es hier so viele Arten gibt.“ Und da wird dann schon immer deutlich, dass die Leute  eigentlich gar nicht wissen, was da so vor ihrer Haustüre los ist.

Sebastian Zoder

Damit mehr Menschen über die einzigartige Natur im Landkreis Passau erfahren, geht das Veranstaltungsangebot vom Haus am Strom über das Naturschutzgebiet Donauleiten hinaus. Denn auch in anderen Gebieten im Passauer Landkreis lohnt es sich, die Natur einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein Besuch an der Ilz und ihren Nebengewässern ruft jedoch auch ins Bewusstsein, dass Artenvielfalt nicht selbstverständlich ist…

Zu Besuch in der Muschelaufzuchtstation

Durch ein kurzes, regenrinnenartiges Stück Rohr fließt unaufhörlich Wasser aus einem hellgrünen Plastikbecken heraus. Das laute Plätschern übertönt beinahe das Vogelgezwitscher aus dem nahegelegenen Waldstück. Eine in den Boden eingelassene Abflussrinne sorgt dafür, dass der Wasserstrom nicht den Kiesboden überflutet.  Marco Denic, ein großer, hagerer Mann, rückt das in einen Holzrahmen gespannte Gitternetz, das das Becken bedeckt, etwas zur Seite. In dem matschbraunen Wasser, das nun zum Vorschein kommt, flitzen dunkle Schatten hin und her. Rund hundert Bachforellen leben in dem ungefähr ein mal zwei Meter großen Becken, erklärt Denic. Das, was den Biologen aber eigentlich interessiert, verbirgt sich in den Fischen – in deren Kiemen wachsen junge Flussperlmuscheln heran.

Normalerweise geschieht das in der freien Natur und nicht in einem zwei Quadratmeter großen Plastikbecken, das ständig mit frischem Bachwasser versorgt wird. Doch die Lebensbedingungen in deutschen, wie auch in vielen anderen europäischen Bächen haben sich auf eine Art und Weise verändert, dass junge Flussperlmuscheln nicht mehr damit zurechtkommen. Die Folge: Die Bestände der Margaritifera margaritifera haben aufgehört, sich fortzupflanzen. Die Art ist kurz davor auszusterben. Im südlichen Bayerischen Wald, der neben dem Fichtelgebirge und dem Sächsischen Vogtland zu den wenigen Gebieten gehört, in dem es überhaupt noch Flussperlmuscheln gibt, leben heute noch rund 10 000 Individuen – verteilt auf die Ilz und ihre Nebengewässer, die Ranna, die Kleine Ohe und die Große Ohe sowie den Wolfertsrieder Bach. Die Zahl mag zunächst recht hoch erscheinen. Sie relativiert sich aber mit dem Wissen, dass in einer dichten Muschelbank mehrere hundert Flussperlmuscheln auf einem Quadratmeter angesiedelt sind.

Schon gewusst?

Flussperlmuscheln können 60 bis 100 Jahre alt werden! Ausgewachsen messen sie bis zu 15 Zentimeter (links). Eine dreijährige Jungmuschel hingegen ist gerade einmal so groß wie ein Fingernagel (rechts).

So kommt es, dass Projektleiter Marco Denic und seine Kollegen vom Landschaftspflegeverband Passau die Flussperlmuschel-Reproduktion selbst in die Hand genommen haben. Sie sind Teil des vom Bundesumweltministerium und dem Bundesamt für Naturschutz geförderten ArKoNavera-Projekts. In der Aufzuchtstation bei Fürstenstein im Landkreis Passau hat das Team optimale Bedingungen dafür geschaffen, dass sich möglichst viele Muschellarven zu winzig kleinen Jungmuscheln herausbilden. Wenn Letztere noch nicht einmal so groß wie ein Stecknadelkopf sind, verlassen sie die Aufzuchtstation und wachsen in speziellen Aufzuchtbehältern in den Bächen weiter –  selbstverständlich unter ständiger Betreuung. Wenn Denic von der Muschelaufzucht erzählt, klingt es fast so, als würde er Kinder großziehen. Denn wie Kinder auch brauchen Flussperlmuscheln hauptsächlich in den ersten Lebensjahren ein hohes Maß an Unterstützung, damit sie sich gut entwickeln und an ihr Lebensumfeld anpassen können.

Das ArKoNaVera-Projekt

Das ArKoNaVera-Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, das Aussterben der Flussperl- und
Malermuschel in deutschen Gewässern zu verhindern. Das Projektgebiet umfasst das
Sächsische Vogtland und den Südlichen Bayerischen Wald.

Gefördert wird das Projekt unter anderem vom Bundesumweltministerium und dem
Bundesamt für Naturschutz. Für das Gebiet des Bayerischen Walds übernehmen die Landkreise Freyung,
Regen, Passau und die Stadt Passau die restliche Finanzierung.

Um die konkrete Umsetzung kümmert sich der Landschaftspflegeverband Passau.
Marco Denic hat die Aufgabe des Projektleiters übernommen.


Marco Denic holt neben einem der Rundstrombecken, wie die grünen Plastikbecken eigentlich heißen, ein rechteckiges Sieb hervor und legt es über die Abflussrinne. Es hat so feine Maschen, dass sie mit bloßem Augen nicht zu erkennen sind. Denic geht in die Hocke und beugt sich vor zu einem zweiten Rohr, das in dem Rundstrombecken steckt. Die Öffnung ist nach oben gerichtet, sodass sich das Wasser darin staut. Vorsichtig kippt er es nach unten und das Wasser ergießt sich in einem breiten Strahl über das Sieb. Denic holt mit zwei Fingern ein paar von den matschigen, grün-braunen Klümpchen heraus, die sich nun in dem Sieb ansammeln. „Darin befinden sich normalerweise die 0,3 bis 0,5 Millimeter großen Jungmuscheln“.

„Normalerweise“ heißt einmal in der Woche. Dann, wenn Denic oder seine Kollegen die Muscheln aus dem Becken holen, die schon so weit entwickelt sind, dass sie aus den Kiemen der Bachforellen fallen und sich auf dem Grund absetzen. „Und da letztendlich darauf warten, bis wir sie, in Anführungszeichen, ernten“, fügt der Projektleiter schmunzelnd hinzu. Dafür werden zunächst die Bachforellen in kleinere Wannen übersiedelt. Dann wird das zweite Rohr aktiviert, um das Wasser vom Grund des Rundstrombeckens abzusaugen. Muscheln, Schlamm, alles, was sich dort angelagert hat, landet in dem Sieb. Für die Muscheln beginnt ab diesem Zeitpunkt ein neuer Lebensabschnitt – in einem der Aufzuchtkästen.

  • In den Kiemen der Bachforellen wachsen die Larven (Glochidien) zu winzigen Flussperlmuscheln heran.

Marco Denic weißt nicht nur, wie man Muscheln aufzieht. Er kennt auch die Gründe dafür, dass junge Flussperlmuscheln nicht mehr ganz natürlich in den Gewässern heranwachsen. Gründe, die sich darauf zurückführen lassen, dass Menschen versucht haben, die Natur in ihrem Sinne zu verändern: „Wir haben die Gewässer verändert, indem wir sie begradigt haben, Ufer befestigt haben oder das Bachbett tiefer gelegt haben, damit die Flüsse nicht mehr so oft über die Ufer treten.“ All das hat die Strömung in den Flüssen und Bächen so verlangsamt, dass Nährstoffe und Sauerstoff nicht mehr gut transportiert werden können. Doch junge Flussperlmuscheln benötigen genau das, um zu überleben: ausreichend Nahrung und Sauerstoff. Dass heute viel mehr Flächen als früher versiegelt sind, trägt zusätzlich dazu bei, dass bei Regen Sand und Schlamm in die Gewässer gespült werden und die Bachbette anfüllen .

Es ist schwierig, die ursprünglichen Bedingungen wiederherzustellen, weil man sehr viele Stellschrauben hat, die teilweise auch miteinander vernetzt sind.

Marco Denic

Letztendlich sind es vielfältige Faktoren, die die Lebensbedingungen in den Bächen zum Nachteil der jungen Flussperlmuscheln verändert haben. Und genau da liegt das Problem, weiß Marco Denic: „Es ist schwierig die ursprünglichen Bedingungen wiederherzustellen, weil man sehr viele Stellschrauben hat, die teilweise auch miteinander vernetzt sind.“ Viele Stellschrauben bedeutet gleichzeitig auch viele Personen, die durch ihr Handeln die Bedingungen in den Gewässern beeinflussen und auf deren Kooperationswillen das Projektteam angewiesen ist. Denn nur mit dem Einverständnis aller, die im Umkreis der Flüsse und Bäche aktiv sind, können Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt werden. Und die sind das einzige langfristig wirksame Mittel gegen das Verschwinden der Flussperlmuscheln. Die künstliche Aufzucht soll nur so lange weiter betrieben werden, bis sichergestellt ist, dass das Ökosystem in den Bächen wieder intakt ist. Von einem funktionierenden Ökosystem profitieren dann nicht nur die Muscheln, sondern auch viele andere Lebewesen in den Oberläufen der Fließgewässer: Fischarten wie Mühlkoppen oder Neunaugen, Krebse oder die Larven von Stein- und Eintagsfliegen.

Das Gebiet des ArKoNaVera-Projekts im Südlichen Bayerischen Wald

Die Chancen, dass in der Ilz bald wieder junge Muscheln auf natürliche Weise heranwachsen werden, stehen nicht schlecht.  Für die Region ist das durchaus von Bedeutung. Schließlich ist die Ilz berühmt für ihre Flussperlmuscheln.

Im Übrigen hat allein die Veränderung des Lebensraunms dafür gesorgt, dass die  Flussperlmuschelbestände in den letzten Jahrzehnten so dramatisch zurückgegangen sind. Die Suche nach verborgenen Perlen spielte, anders als man vielleicht meinen könnte, keine Rolle. Und das, obwohl die Perlfischerei in der Ilz auf eine lange Tradition zurückblickt.

Die Suche nach den Ilzer Perlen

Die Ilz ist seit vielen hundert Jahren bekannt für ihre Flussperlmuscheln – oder besser: für deren wertvolle Perlen. Venezianische Erzsucher, vom Volksmund „Venediger Mandln“ genannt, sollen 1437 die ersten Perlen entdeckt haben. Aufgrund ihrer Kostbarkeit war die Suche nach Flussperlen den Obrigkeiten und Adeligen vorbehalten. Jene beauftragten professionelle Perlfischer, die die Muscheln bei der Perlsuche nicht töteten. Stattdessen öffneten sie sie mit einem Perlschlüssel nur einen Spalt weit und schlossen sie behutsam wieder, falls sie keine Perle enthielten. Einfachen Bürger, die trotz der Verbote versuchten, einige Perlen zu erbeuten, wurde zur Strafe nicht selten die rechte Hand abgeschlagen. Ein Passauer Bischof und Fürst soll sogar neben der Ilz und anderen Gewässern, die Flussperlmuscheln enthielten, Galgen zur Abschreckung angebracht haben.

Passauer Perlen waren weit über die Stadt und auch die Region hinaus berühmt. Denn sie sollen besonders prächtig gewesen sein. So schreibt Apian 1568 in seiner Topographie über Bayern:

In der Ilz findet man eine Masse von Muscheln mit Perlen von solcher Größe, Farbe und sonstiger Qualität, daß man sie den orientalischen an die Seite stellt.

Dementsprechend wertvoll konnte so eine Ilzer Perle auch sein. Der Rechtsgelehrte und Reiseschriftsteller Aulus Apronius (eigentlich Adam Ebert) aus Frankfurter an der Oder dokumentierte 1687, dass eines der Exemplare auf 2000 Taler geschätzt wurde!

Bei den Adeligen waren Flussperlen als Schmuck sehr begehrt. Die bayerische Königin Marie zum Beispiel ließ sich für die Schönheitsgalerie von König Ludwig I mit einer Kette aus bayerischen Perlen malen. Das Gemälde fertigte Hofmaler Karl Joseph Stieler an. Später nutzten auch einfache Leute die Perlen als Accessoire. Bis in die 1970er Jahre hinein verarbeiteten Passauer Juweliere Ilzer Perlen zu Schmuckstücken. Teilweise boten sie sie sogar „im Rohzustand“ in den Geschäften an.

* Informationen freundlicherweise bereitgestellt von Richard Schaffner, Stadtarchiv Passau


Marco Denic bemüht sich, seine Ausführungen über die künstliche Aufzucht und andere Maßnahmen gegen das Aussterben der Flussperlmuscheln auch für Laien verständlich zu machen. Er spricht langsam und korrigiert sich, wenn er biologische Fachbegriffe benutzt. Nachfragen beantwortet er geduldig. Man merkt ihm an, dass es ihm am Herzen liegt, sein Wissen und seine Begeisterung für das Thema weiterzugeben. Deswegen führt er auch oft Schulklassen oder kleinere Gruppen von Kindern durch die Aufzuchtstation. Ihnen möchte er zeigen, welche Schätze die Natur direkt vor ihrer Haustür verbirgt, und so ihren Bezug zur heimischen Tier – und Pflanzenwelt stärken. Schließlich ist es die junge Generation, die  in Zukunft mit dem Schutz der Artenvielfalt betraut sein wird. Denic ist jedoch auch der Ansicht, dass nicht nur die Tiere und Pflanzen selbst von Maßnahmen zu ihrem Schutz profitieren. „Der Mensch…“ – er überlegt lange, wie er seinen Gedanken am besten formulieren soll – „profitiert insofern, als dass auch er sich in der Regel in einer intakten Natur wohl fühlt. Nicht umsonst geht man da zum Wandern, wo es schön ist, und nicht, wo alles zubetoniert ist“.

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