Überbrückt: Martin Ziegler und die Nordtangente

Martin Ziegler tritt in die Pedale eines roten Klapprades mit der Aufschrift „Birdy“. Die letzten Meter zum Eingang des Unteren Stausees rollt er. Sein weiß-rot gepunktetes Hemd steckt in einer grauen Jeans, an den Füßen trägt er Birkenstocks. Es ist etwas zu früh, eigentlich waren wir eine halbe Stunde später verabredet. Zeit genug, um sich noch eine Erfrischung zu genehmigen. Er ist gut vorbereitet: Aus einem kleinen Wanderrucksack zieht er ein Handtuch, die Badehose trägt er bereits unter den Jeans. Die schwarze Digitaluhr abgelegt springt er zielstrebig in den Stausee. Er sonnt sich noch einen kurzen Augenblick und spricht mit einem anderen Badegast. Man kennt sich. Als Vorstand der Bürgerinitiative “Natur – Ja, Nordtangente – Nein!” setzt sich Ziegler für den Erhalt des Ilztals ein und kämpft gegen den Bau einer Umfahrungsstraße im nördlichen Passau.

Es ist Mittwoch und einer der heißesten Tage des Jahres, der Badestrand ist voller Besucher. Früher seien hier ausschließlich Ortsansässige und Schüler gewesen, „die Studenten haben den Stausee erst vor ein paar Jahren für sich entdeckt“, erinnert sich Martin Ziegler. „Es ist ein Ort, an dem sich Menschen aller Altersgruppen treffen und gemeinsam entspannen können. Das hier ist keine groß aufgezogene Nummer. Das gefällt den Leuten“. Martin Ziegler meint die einfache Ausstattung des Badestrandes: Zwei Duschen, eine Umkleidekabine und ein Kiosk. Frikadellen heißen hier Fleischkiacherl und sind für drei Euro eine beliebte Zwischenmahlzeit für die Badebesucher. Eine Rentnergruppe sitzt auf den Bierbänken neben dem Kiosk und spielt Karten. Auf dem Rasen etwas weiter oben liegen heute vor allem Studierende.

Bürgerinitative

Natur – Ja, Nordtangente – Nein!; Verein zur Erhaltung von Ilz- und Gaißatal e.V.

Gründung: 1991

Mitglieder: > 1.000

Vorstand: Martin Ziegler (seit 2008)

Ziel: Schutz von wertvollen Naturräumen und stadtnahen Erholungsgebieten (Halser Ilzschleifen, Gaißatal)

Die Wasseroberfläche des Stausees schimmert dunkelgrün, das Wasser ist trüb und undurchsichtig. „Der hohe Gehalt an Huminstoffen ist typisch für den Bayerischen Wald und verleiht dem Wasser eine dunkle Farbe. Das führt dann zu einer stärkeren Erhitzung des Unteren Ilzstausees.“ Jugendliche schwingen sich mit einer Tarzan-Schaukel ins Wasser, daneben steht ein unauffälliges Schild mit der Aufschrift „Baden Verboten“. Der Grund für das Schild ist die Wasserqualität des Stausees. Gilt die Ilz als sauberer Fluss, ist der Stausee bei hohen Temperaturen erhöhten Keimzahlen ausgesetzt. Bei starkem Regen wird in der Landwirtschaft eingesetzte Gülle in die Ilz gespült und Bakterien vermehren sich. Doch das Verbot scheint niemanden zu stören. „Ich glaube, das ist im katholischen Passau ganz üblich. Es gibt eine schöne Norm, aber die Wirklichkeit weicht etwas davon ab. Die Stadt weiß ja ganz genau, dass hier geschwommen wird. Es stehen ja sogar Duschen hier.“

Die Jugendlichen am Stausee stört das Schild nicht.
Ziegler ist nicht musikalisch. Für das Foto stellte er sich trotzdem vor das Holzinstrument.

Ziegler ist in Ruderting, gut 10 Kilometer nördlich von Passau aufgewachsen und verbrachte schon als Kind viel Zeit im Ilztal. „An der Ilz – da lernt man das Schwimmen!“, erinnert sich der 51-Jährige an seine Schulzeit: „Unser Lehrer hat uns in der fünften und sechsten Jahrgangsstufe immer hierher entführt. Entweder war es mangelnde Fantasie, oder er wollte einfach keinen langen Weg und dafür einen freien Nachmittag.“ Martin Ziegler grinst und geht weiter, flussaufwärts und weg von der „Sonnenbank Passaus“, wie er den Unteren Stausee nennt. Als Biologie- und Chemielehrer führt auch er seine Schüler manchmal zu Exkursionen ins Ilztal. „Ich bin selbst in der Landwirtschaft groß geworden. Der Umgang mit der Natur und alles was sich draußen so abspielt, das hat schon immer eine große Rolle gespielt, auch für die Arbeit in meiner Familie.“ Die Gesprächsfetzen der Badebesucher verklingen immer mehr, je weiter Ziegler flussaufwärts geht. Die Ilz fließt schneller und es wird ruhiger. Martin Ziegler wird plötzlich sachlich und kühl. Es geht um die Nordtangente.

Seit den 1990er Jahren wird immer wieder der Bau einer nördlichen Umfahrung der Stadt Passau diskutiert: Die Nordtangente. Diese Straße soll den Verkehr aus dem nördlichen und östlichen Landkreis abfangen und direkt zur Autobahn leiten, ohne dass die Fahrzeuge durch das Stadtgebiet fahren müssen. Im aktuellen Bundesverkehrswegeplan, einem verbindlichen Dokument des Bundesverkehrsministeriums, ist der Teilneubau der Bundesstraße 388, wie das Projekt der Nordtangente offiziell heißt, im „vordringlichen Bedarf“ gelistet. Damit soll der Bau bis 2030 zumindest begonnen werden.

Durch den aktuellen Verkehr besonders belastet ist die Angerstraße, ein Teil der B12 im Stadtgebiet Passau. Die in den 1970er Jahren zur vierspurigen Straße ausgebaute Verkehrsader führt Richtung A3. Außerdem ist die Angerstraße eine Verknüpfung von drei Bundesstraßen Richtung Bayerischer Wald, Tschechien und Donautal. Die achtspurige Schanzlbrücke, die aus dem Stadtzentrum heraus in die Angerstraße mündet, ist der zentrale Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Dort staut es sich jeden Tag zur Zeit des Berufsverkehrs. Das staatliche Bauamt Passau, zahlreiche Gemeinden im Norden und Osten des Landkreises wie Hutthurm, Ruderting und Aicha vorm Wald, (Transport-)Unternehmen sowie die IHK betonen den Nutzen der Nordumfahrung: Pendler*innen und LKW kämen schneller zur Autobahn und am Anger gebe es weniger Stau.

Aus den Zahlen der Grafik geht nicht hervor, wie hoch der Anteil des Durchgangsverkehres ist, konkrete Zahlen hierzu gibt es nicht. Die Stadt Passau gibt in ihrer Stellungnahme (Stand 2016) an, „dass eine wesentliche Zielsetzung einer Nordumfahrung, nämlich die Entlastung des städtischen Straßennetzes, […] am Anger, nicht erreicht wird.“ Bei insgesamt 34.140 Fahrzeugen pro Tag (Stand 2015) würde der Anger mithilfe der Nordtangente um nur 3000 – 5000 Kfz/Tag entlastet werden.

Der Passauer Stadtrat hat sich einstimmig gegen die Umfahrung ausgesprochen, vor allem wegen des Eingriffs in das Ilz- und Gaißatal. Nicht nur die erwartete Wirkung für die umliegenden Gemeinden, sondern auch der verkehrliche Nutzen für das Stadtgebiet wird stark angezweifelt. Einer der vielen Streitpunkte zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen: Der überdurchschnittlich hohe Nutzen-Kosten-Faktor von fast 20, den das Bundesverkehrsministerium als zuständige Behörde errechnet hat. Trotz der hohen Baukosten von ca. 50 – 60 Millionen Euro verspreche dieser Faktor einen großen Wertzuwachs: Jeder investierte Euro lohnt sich mit dem zwanzigfachen Wert.

Anmerkung:

Das staatliche Bauamt Passau sowie die Industrie- und Handelskammer Passau (IHK) befürworten die geplante Nordumfahrung. Trotz Anfrage wollten sie jedoch nicht zur laufenden Debatte äußern und kein Statement abgeben.

Trotz der Hitze trinkt Martin Ziegler erst nach einer halben Stunde spazieren den ersten Schluck Wasser. „Der Naturschutz war mir schon immer wichtig. 2008 bin ich der Bürgerinitiative beigetreten und direkt in den Vorstand hineingerutscht. Solch ein Posten ist nicht sehr begehrt. Er ist eigentlich gar nicht bezahlt und bringt einen Haufen Ärger.“ Ein Frosch springt in das künstlich angelegte Fischbecken. Martin Ziegler bleibt stehen und sieht sich den Teich an. Der Rücken eines kleinen Karpfens ragt aus dem grünlichen Wasser hervor. Am Ufer des Flusses sprießt eine kniehohe Pflanze mit leicht violetten Blüten. Das sogenannte „Lungenkraut“ hat viele Härchen und fühlt sich beim Reiben auf der Haut weich an. Seit 1993 steht das Naturschutzgebiet „Halser Ilzschleifen“ unter der höchsten Schutzstufe, wodurch es gelungen ist Pflanzen wie das Lungenkraut, welche Anfang der 90er Jahre stark zurückgegangen sind, wieder als festen Bestandteil des Ökosystems flächendeckend zu etablieren. Der Bau der Nordtangente würde das Naturschutzgebiet beeinträchtigen und damit einheimische Flora und Fauna bedrohen.

Ein sogenannter Mönch reguliert den Wasserstand der Fischbecken.
Die Triftsperre wurde vor knapp 200 Jahren erbaut.

Der Name der Bürgerinitiative „Naturschutz – Ja, Nordtangente – Nein“ soll bewusst eine klare Richtung angeben, der Naturschutz im Mittelpunkt stehen. „Ich denke, dass Letzteres im Namen eigentlich nur ein Nebeneffekt, eine Konsequenz des Naturschutzes ist. Wir setzen uns für den Heimatraum an der Ilz so ein, dass ein Widerstand gegen ein derartig tiefgreifendes Straßenvorhaben von selbst kommt“. Martin Ziegler beschreibt diesen Widerstand als beharrliche, faktenbasierte Arbeit und denkt, dass die Nordtangente ohne das Engagement seiner Bürgerinitiative in irgendeiner Form schon bestehen würde. „Seit über 30 Jahren steht die Nordtangente auf dem Plan und nichts wurde durchgesetzt, warum sollte sich das ändern?”. Ziegler schmunzelt, er scheint optimistisch in die Zukunft zu blicken: „Man kann viel in einen solchen Plan reinschreiben. Wie es dann vor Ort umgesetzt wird ist eine andere Sache. Denn in den betroffenen Gemeinden gibt es viele Gegner der Umfahrung.“

Bei der Triftsperre angekommen hebt Martin Ziegler seine Hand und deutet auf ein paar Hochspannungsleitungen, welche über die Ilz führen. „Diese Leitungen lassen ungefähr erahnen wie man da die Brücke der Umfahrung über die Ilz schlagen würde.“ Das Wasser plätschert gegen die Pfeiler der Triftsperre, die über den Fluss führt, sonst ist alles ruhig. Der Bau der Nordtangente würde diese Ruhe und Idylle vernichten: „Der Lärm ist ein Umweltgift, das man noch nicht recht einzuschätzen weiß. Der Wert wird erst deutlich, wenn man ihn verliert. Passau würde seinen wichtigsten Erholungsort verlieren.“ Auf der anderen Seite der Triftsperre liegt ein Gasthof, dort werden die Jahreshauptversammlungen der Bürgerinitiative abgehalten.

Martin Ziegler ist oft im Ilztal, „auf jeden Fall zwei bis drei Termine in der Woche“. Auch mit seiner Familie, er lacht: „Meine Söhne sind grundsätzlich Opfer meiner Aktivitäten. Sie müssen sich schon manches anhören, was man als Jugendlicher vielleicht nicht so spannend findet. Aber man kann sie schon auch locken mit ein paar Pommes und einer Spezi.“ Nicht nur im Sommer verbringt der Vorstand hier seine Freizeit: „Was vor allem den Reiz ausmacht ist der Wechsel der Jahreszeiten. Im Winter kann man die Spuren der Tiere nachverfolgen oder auf dem Fluss Eisstockschießen. Das sind alles Erinnerungen, die einen mit dem Ort und der Heimat verbinden.“

Im Tunnel an der Triftsperre soll es spuken…

Das Rauschen der Ilz wird plötzlich dumpf, Zieglers Stimme hallt durch den Tunnel an der Triftsperre, durch welchen vor knapp 200 Jahren Holzstämme transportiert worden sind, um den langen Weg über die Schleifen der Ilz zu verkürzen. Ein Leben ohne das Ilztal kennt Martin Ziegler nicht und kann es sich auch nicht vorstellen: „Der Bau der Nordtangente ist ein Abwägungsprozess. Was muss man in Kauf nehmen, weil man sich gewisse Annehmlichkeiten verschaffen will und was sollte man dafür opfern? Das Verhältnis wäre völlig verzerrt. Wir hätten einen großen Verlust an Naherholung, an Natur, an Seltenheit von Tieren und Pflanzen, die hier ihre Heimat besitzen. Wenn wir das für ein Straßenbauprojekt hergeben würden, bei dem man nie so wirklich den Nutzen darlegen kann. Denn die Zahlen, die bis jetzt präsentiert wurden, sind äußerst unglaubwürdig.“

Nach einer großen Runde entlang der Ilz, über die Triftsperre zurück zum Unteren Stausee, wirkt Martin Ziegler etwas erschöpft. Er verabschiedet sich herzlich, sperrt sein Klapprad vom Holzzaun ab und fährt in die Richtung, aus der er drei Stunden zuvor gekommen ist.

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