8 Stunden, 0 Euro, 100 Prozent Lebenskraft | Ein Arbeitstag bei der Ilztalbahn

Es ist Sonntagmorgen, 6:15 Uhr. Andrea Goerths Schicht als Triebfahrzeugführerin beginnt am Stellwerk, etwa einen Kilometer entfernt vom Passauer Hauptbahnhof. Die orangefarbene Warnweste, die sie zum Überqueren der Gleise trägt, verdeckt zum Teil den Schriftzug ihres lilafarbenen Polo-Shirts: „Ilztalbahn“. An ihrer Halskette baumelt ein kleiner, silberner Zug – ihr ständiger Glücksbringer. In ihrer Hand hält sie den „magischen Schlüssel“, mit dem sie die Türen zum Wagen öffnet, der heute zwischen Passau und Freyung hin und her fahren wird.

„Das ist das heilige Reich“, sagt sie, als sie den Führerstand betritt und das Fahrzeug mit einem Knopfdruck zum Leben erweckt. Die bunten Knöpfe am Armaturenbrett fangen an zu blinken. Aus einem Schrank mit tausend Kabeln und Schaltern ein ununterbrochenes Klicken. Andrea hört aufmerksam auf jedes Geräusch und ordnet es seinem Ursprung zu. Das Zischen links neben dem Fußraum scheint nicht normal zu sein. „Da ist etwas undicht. Ist aber nicht lebensgefährlich“, sagt sie schmunzelnd. Die Kontrolle kann also weitergehen. Dann ein fünf Sekunden langes Piepen und der Motor beginnt zu laufen. Die Bremsen sind getestet. Der Abfahrt steht nichts im Wege.

Nach dem Einfahrsignal beginnt die Lokführerin, den Zug auf das richtige Gleis zu rangieren und fährt schließlich mit 25 Kilometer pro Stunde auf den Passauer Hauptbahnhof zu, wo der Wagen um 7:15 Uhr bereitstehen soll. Trotz der frühen Uhrzeit stehen schon eine dreiköpfige Familie, zwei ältere Damen und ein Ehepaar an Gleis 1a bereit. Mit Koffern, Rucksäcken und Fahrrädern bepackt warten sie auf die Ankunft der Ilztalbahn. Die Lokführerin winkt ihnen bei der Einfahrt vom Führerstand aus zu. „07:35 – Freyung“, steht schon auf der Anzeigetafel.

Vor der Abfahrt bleibt Andrea noch Zeit, sich beim Bäcker ein kleines Frühstück zu holen. Ihre Breze und die Trinkschokolade stellt sie im Führerstand neben das Armaturenbrett, nimmt den Telefonhörer und fragt nach einer Fahrerlaubnis: „Darf Zug 61854 bis Freyung fahren?“. Dann begrüßt sie freundschaftlich die zwei zugestiegenen Zugbegleiter und steuert den Wagen, pünktlich um 7:35 Uhr aus dem Bahnhof. 

Die Ilztalbahn ist keine Bahn wie jede andere. Die fast 50 Kilometer lange Strecke zwischen Passau und Freyung, auf der sie verkehrt, wurde 2002 nach einem Hangrutsch von der Deutschen Bahn stillgelegt. Jahrelang war nicht klar, was mit der Strecke passieren soll, bis sich 2005 der Förderverein Ilztalbahn e.V. gründete – mit dem Ziel, die Strecke für den Zugverkehr zu reaktivieren.

Die engagierten Mitglieder des Vereins pachteten die Gleise, sanierten in Eigenarbeit die Strecke und führten 2011 den Betrieb wieder ein. Finanziert wurde das Projekt von EU-Fördergeldern und durch die Gesellschafter der Ilztalbahn GmbH, die im Zuge der Wiederinbetriebnahme gegründet wurde. „Heute würde man das als Crowdfunding bezeichnen“, sagt Hermann Schoyerer, der zweite Vorsitzende des Vereins. 

Die Ilztalbahn wird immer noch rein ehrenamtlich betrieben. Das Marketing, die Organisation, die Streckenwartung, der Verkauf und die Kontrolle der Fahrkarten, die Bedienung des Fahrzeugs – all das machen die rund 50 Mitarbeiter ohne Bezahlung in ihrer Freizeit. Bisher fährt die Nebenbahn nur zwischen Mai und Oktober am Wochenende und an Feiertagen. 

Know-How

Triebfahrzeugführer:(umgangssprachlich Lokführer)
Bedienung des Triebfahrzeugs

Zugführer:
Verantwortung für Sicherheit und ordnungsgemäße Abwicklung
Achtung: Zugführer ≠ Triebfahrzeugführer

Zugbegleiter:
(veraltet Schaffner)
Verkauf der Fahrkarten
Erteilen von Auskünften zu Preisen, Streckenverlauf, etc.

Nebenbahn:
Eisenbahnstrecke, die im Gegensatz zur Hauptbahn Vereinfachungen im Bau und Betrieb aufweist.

„Guck mal, das da vorne ist, glaub ich, die Ilz“, sagt eine Mama zu ihrer sechsjährigen Tochter, die auf ihrem Schoß sitzt und gebannt aus dem Fenster schaut. Die dreiköpfige Familie ist aus Berlin angereist und will nach Horní Planà in den bömischen Wald. Da sie keinen Umweg über Prag fahren möchte und keine Flixbusse auf der Strecke vorhanden sind, nimmt sie stattdessen die Ilztalbahn und Busse. „Die Ilztalbahn ist einfach eine super Reiseverbindung zwischen Passau und Tschechien“, sagt die Mutter. Als die drei nach knapp einer Stunde Fahrt in Waldkirchen aussteigen, steht der Bus, der sie zur tschechischen Bahn bringen wird, schon bereit.

Von den 700 Mitgliedern des Vereins sind etwa 50 aktiv dabei. Eine Schicht bei der Ilztalbahn umfasst zwei Fahren hin und zurück. Pro Schicht sind ein Zugbegleiter und ein Triebfahrzeugführer eingeteilt. Oft fahren aber auch, so wie heute, zwei Zugbegleiter mit. Einer davon ist Friedrich Papke. „Zu zweit macht‘s halt einfach mehr Spaß und man kann das Ganze ja mit einem Ausflug verbinden“, sagt er.

Bei der Besetzung des Fahrpultes gab es in der Vergangenheit schon einige Engpässe. Da inzwischen neue Ehrenamtliche ihre Ausbildung bei der Ilztalbahn GmbH abgeschlossen haben, gestaltet sich die Schichtplanung wieder einfacher. 

Die Bahn kommt nach einer etwa 90-minütigen Fahrt in Freyung an. In einem Jahr legt die Ilztalbahn etwa eine Strecke zurück, die der Länge des Äquators entspricht. In den letzten neun Jahren ist sie einmal bis zum Mond gefahren. „Unser nächstes Ziel ist der Mars“, scherzt Andrea. Obwohl der Himmel langsam zuzieht und es stark nach Regen aussieht, steigen auf der Rückfahrt nach Passau 16 neue Passagiere ein. 

„Es ist schon Wahnsinn, wie wir das alles erhalten.“

Andrea war von Anfang an dabei – erst nur als eines der 700 Mitglieder im Verein, seit 2014 als Zugbegleiterin und kurz darauf als Triebfahrzeugführerin. Die Ausbildung hierfür hat sie über die Ilztalbahn GmbH gemacht und sich damit einen kleinen Kindheitstraum erfüllt. Ihr damaliger Chef war sehr verständnisvoll und gab Andrea fünf Wochen frei, damit sie den Theorieunterricht für die Ausbildung besuchen konnte. An Wochenenden hat sie die Praxisschichten belegt und nach neun Monaten schließlich die Prüfung absolviert.

Auch in ihrem beruflichen Alltag steuert die 32-Jährige inzwischen Züge – aber nur in Teilzeit. Den Rest ihres Berufslebens verbringt sie im Büro als Energie- und Umweltberaterin. Obwohl sie inzwischen auch mit dem Zugfahren Geld verdient, hat sie immer noch großen Spaß bei ihren Schichten in der Ilztalbahn. Diese sind ein Ausgleich zu der Büroarbeit unter der Woche und der Tätigkeit als Triebfahrzeugführerin im Güterverkehr. 

Für Andrea kommt keine andere Bahnstrecke an die der Ilztalbahn heran. „Für jeden, der nur kurz im Führerstand nach vorne gucken kann, ist schon klar, worin der Reiz hier liegt“, schwärmt die Lokführerin beim Blick aus ihrem Panoramafenster. Die Ilztalbahn rauscht gerade an Schloss Fürsteneck vorbei. Kurz danach überblickt Andrea das grüne Ilztal, das die Niederbayern auch „Kanada Bayerns“ nennen. Die Ilz schlängelt sich rechts von den Gleisen durch die Bäume hindurch.

Andrea Goerth

Triebfahrzeugführerin

Die gebürtige Plattlingerin arbeitet in Linz als Energie- & Umweltberaterin und teilzeit als Lokführerin.

Sie ist seit 2006 Mitglied im Förderverein. Nachdem sie 2014 erst als Zugbegleiterin angefangen hat, steuert sie die Ilztalbahn inzwischen etwa zwei Mal im Monat.

Nicht nur die Landschaft, auch die Atmosphäre, macht für sie den Reiz der Ilztalbahn aus: „Die Grundstimmung ist einfach so positiv, dass es einem ziemlich viel Energie zurückgibt.“ Glückliche Wanderer, interessierte Touristen und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Kollegen, die alle freiwillig da sind und Spaß an der Arbeit haben. Dafür reist die Lokführerin sogar extra für ihre Schichten aus Linz an. Vor den Frühschichten und nach den Spätschichten, die bis etwa 21 Uhr dauern, übernachtet sie oft in einem Zimmer am Stellwerk, weil die An- und Abreise mit dem Zug sonst nicht möglich wäre. Viele ihrer ehrenamtlichen Kollegen wohnen ebenfalls nicht in Passau.

Friedrich Papke arbeitet bei der U-Bahn in Berlin und reist etwa einmal im Monat an den Wochenenden an, um Zugbegleiter in der Ilztalbahn zu sein – oft nur von Freitagnacht bis Sonntagnachmittag. „Man könnte fast meinen, dass es Spaß macht“, sagt er schmunzelnd. Der gebürtige Passauer ist inzwischen seit zehn Jahren dabei und ungefähr 400 bis 500 Mal mitgefahren. „Trotzdem sieht man immer was Neues.“

Als Zugbegleiter unterhält er sich gerne mit den Fahrgästen, fragt nach dem Reiseziel und gibt Ratschläge, was sie unternehmen können. Dieser Austausch mit den Passagieren erhält dem 31-Jährigen den Spaß an seiner Arbeit. 

Friedrich Papke

Zugbegleiter/Marketing

Der studierte Verkehrsingeneur arbeitet für die Berliner U-Bahn.

Für ein Ilztalbahn-Wochenende pro Monat sitzt er viele Stunden im ICE.

Er ist außerdem für das Marketing des Ilztalbahn e.V. zuständig und hat zum Beispiel die Webseite der Ilztalbahn erstellt.

Im Gegensatz zu Friedrich, der um 7:35 in Passau zugestiegen ist, hat Andreas Wecker heute um 5:15 Uhr geklingelt. Trotzdem wird sie auf ihren Fahrten nie müde. Umgestürzte Bäume, Tiere auf den Gleisen und Autos an unbeschrankten Bahnübergängen – als Triebfahrzeugführerin muss sie immer wachsam sein. Sie ist sich ihrer großen Verantwortung durchaus bewusst – für die Sicherheit im Bahnverkehr, für andere Züge im Bahnhof und natürlich für die Fahrgäste. „Da muss man sich schon sicher fühlen in dem was man macht.“

Vor ihr liegen auf dem Armaturenbrett zwei Listen. Eine mit einem Fahrplan, die anzeigt, wann welche Meldungen per Telefon an den zentralen Zugleiter abgegeben werden müssen. Die andere mit einer Übersicht über die Strecke, auf der vorübergehende Besonderheiten markiert sind, wie zum Beispiel ein Hangrutsch, an dem sie langsamer vorbeifahren muss.

Zwischendurch muss Andrea immer wieder Haltestellen und Bedarfshalte ansagen. „Und wenn sonst nichts mehr hilft, muss ich mich von den Zugbegleitern bespaßen lassen“, sagt sie und schaut grinsend zu ihren Kollegen, die gerade bei ihr im Führerstand stehen.

Auch die Kinder im Zug lassen sich gerne von den Zugbegleitern bespaßen. Friedrich Papke lässt zwei kleine Mädchen, die zaghaft mit ihrem Papa vor dem Führerstand stehen, durch die riesige Frontscheibe schauen. Als der Zug pfeift, erschrecken die Kinder. „Ganz schön laut hier vorne, oder?“, meint Andrea. Sie erklärt der Familie, wann der Zug pfeifen muss. Immer wieder erscheinen links und rechts der Strecke weiße Schilder mit einem großen, schwarzen „P“ für „Pfeifen“. Auf der Strecke zwischen Passau und Freyung gibt es an die 50 unbeschrankten Bahnübergänge, für die sie jeweils mehrere Warnsignale absenden muss – ganz schön viele für eine knapp 50 Kilometer lange Strecke. Teilweise sind das kleine verwilderte Feldwege, die niemand mehr nutzt, für die aber die angrenzenden Bauern noch das Wegerecht haben. „Wenn ein niederbayerischer Bauer mal ein Wegerecht hat, dann hat er das“, sagt die Triebfahrzeugführerin mit kräftiger Stimme und einem Schmunzeln auf den Lippen. 

„Wenn der Zug pfeift – ach ist das schön“

Auf der zweiten Fahrt von Passau nach Freyung fängt es an zu regnen. Trotzdem ist die Bahn mit 34 Fahrgästen sehr gut gefüllt. Viele nutzen die Zugverbindung, um Ausflüge in der Gegend zu machen. Neben Kanufahren, Baden, Wandern und Radfahren gibt es viele Ziele, die man trotz Regen besuchen kann, wie zum Beispiel das Schloss Fürsteneck und das Freilichtmuseum Finsterau. Von den Haltestellen der Ilztalbahn fahren regelmäßig Busse zu den Sehenswürdigkeiten und Ausflugszielen in der Umgebung. 

Vor allem ältere Menschen, die nicht mehr Wandern oder Radfahren können, nutzen die Möglichkeit der Zugstrecke. Gisela wohnt im höhergelegenen Stadtteil Hacklberg in Passau und konnte den damaligen Streckenbau beobachten. Sie und ihr Mann hatten früher sogar eine Jahreskarte und haben in einer Saison sogar 12 Fahrten geschafft. „Immer, wenn wir Besuch hatten, mussten die mit der Ilztalbahn fahren.“ Giselas Mann ist inzwischen gestorben. Sie bewahrt jedoch die Tradition und fährt die Strecke inzwischen mit ihrer Freundin Gerlinde. Die beiden Rentnerinnen wollen die freie Zeit für mehr Ausflüge nutzen und würden sich freuen, wenn die Ilztalbahn öfter fährt. Der Ausblick, die gelassene Atmosphäre, das ehrenamtliche Engagement – all das trägt zum besonderen Charme der Ilztalbahn bei. „Wenn der Zug pfeift – ach ist das schön!“, schwärmt Gisela.

Das langfristige Ziel des Vereins ist der Regelverkehr 

Das häufige Pfeifen ist nur deshalb tragbar, weil die Ilztalbahn nicht im Regelbetrieb fährt. Zumindest noch nicht – denn das ist das langfristige Ziel des Vereins. Die Ilztalbahner sehen große Vorteile in der Nutzung der Strecke für den täglichen Regelverkehr. Keine langen Staus vor Passau, keine Probleme bei Hochwasser, keine Parkplatzsuche und vor allem der Klimaschutz. „Ich bin der Meinung, dass dieser Individualverkehr, wie wir ihn vor allem auf dem Land haben mit zwei bis drei Autos pro Familie, nicht die Zukunft sein kann“, stellt Andrea als studierte Energie- und Umweltberaterin fest.

Für den Ausbau der Strecke und die Aufnahme eines Regelbetriebs bräuchte die Ilztalbahn finanzielle Unterstützung vom Freistaat Bayern. Dieser bezuschusst aber nur die Schienen, bei denen sich der Ausbau und Betrieb lohnt. Dieser Mehrwert müsste durch eine Potentialanalyse von der bayerischen Eisenbahngesellschaft geprüft werden. Die staatliche Institution macht das aber nicht von selbst, sondern muss dazu aktiv aufgefordert werden. Diese Aufgabe übernehmen die an die Strecke angrenzenden Gebietskörperschaften. Im Fall der Ilztalbahn sind das die Stadt Passau, der Landkreis Passau und der Landkreis Freyung. 

Bereits vor vier Jahren hat der Ilztalbahn GmbH Antrag an die involvierten Gebietskörperschaften gestellt, der Potenzialanalyse zuzustimmen. Während die Stadt Passau und der Landkreis Freyung sofort ihre Zustimmung gaben, sträubt sich der Landkreis Passau gegen das Vorhaben. 

In einem schriftlichen Statement heißt es: „Der Ausschuss für Verkehr und Tourismus des Landkreises Passau hat Ende 2015 einen Beschluss gefasst, der eine Potentialanalyse nicht grundsätzlich ablehnt. Vielmehr zielt der Beschluss darauf ab, Verschlechterungen im bestehenden ÖPNV-Angebot zu vermeiden.“ Der Landkreis befürchtet also, dass sich durch den Ausbau der Ilztalbahn Verschlechterungen für das Bus-System ergeben. Denn bei einer Finanzierung durch den Freistaat gilt die Regel: Bahn vor Bus. 

Hermann Schoyerer

stellv. Vorsitzender Förderverein Ilztalbahn e.V.

Der Grünen-Politiker aus Freyung unterstützt das Projekt vor allem wegen dem Aspekt der Nachhaltigkeit.

Er ist zuständig für Koordinationsaufgaben im Verein und Ansprechperson für Reise-Interessierte und Presse.

Hermann ärgert dieser Gedanke: „Die machen sich was vor. Wenn verschiedene Verkehrsträger im Nahverkehr verkettet werden, generiert das mehr Fahrgäste, als wenn einzelne Segmente, wie die Bahn, einfach ausgeschlossen werden.“ Auch wenn sich das Team der Ilztalbahn teilweise immer noch nicht von der Politik ernst genommen fühlt, ist sich der zweite Vorsitzende des Vereins ganz sicher: „Die Zeichen der Zeit arbeiten auf diesen Verkehrsträger hin.“ Hermann ist genau wie Andrea von Anfang an bei der Ilztalbahn dabei. Das Hauptmotiv für den Grünen-Politiker war der Klimaschutz. Er ist überzeugt davon, dass es in der anstehenden Kommunalwahl im März 2020 politische Veränderungen geben wird – ebenso im Denken der Bürger.

Auch Andrea ist dieser Meinung. Wenn es um Infrastruktur geht, müsse erst das Angebot bestehen, bevor die Nachfrage steigen kann. „Wenn die Zeit jetzt noch nicht reif ist, vielleicht ist sie es in ein paar Jahren. Und dann können wir sagen: Wegen uns gibt es diesen Verkehrsweg noch.“ 

Bis es so weit ist, werden die Ehrenamtlichen im Verein, so lange es geht, weitermachen. Hermann ist klar, dass das nicht ewig ohne Unterstützung weiterlaufen kann. Er bleibt aber optimistisch. „Wir sind seit sehr vielen Jahren ein sehr geschlossener Verein. Wir haben schon ganz viele Täler durchschritten. Es geht vorwärts, da bin ich mir ganz sicher.“

Tatsächlich hatte die Ilztalbahn in ihrer Geschichte schon einige Gegner. Nach der damaligen Stilllegung der Strecke verkaufte die deutsche Bahn die zugehörigen Bahnhöfe an Privatpersonen – mit der Aussage: „Da fährt eh nie wieder jemand lang“. Obwohl vertraglich geregelt war, dass die Strecke verkehrsgewidmet bleibt, hatte niemand damit gerechnet, dass die Ilztalbahn so schnell zurückkehrt. Die Käufer waren von der Wiederinbetriebnahme zuerst nicht begeistert. Vor allem der Besitzer des Bahnhofs Fürsteneck hat sich anfangs sehr gesträubt. Er gehörte damals dem Radweg-Förderverein an, der den Umbau der stillgelegten Bahntrasse zu einem Fahrradweg befürwortete und drohte, das Projekt Ilztalbahn zum Scheitern zu bringen. 

Sein Förderverein hat sich aufgelöst. Der ehemalige Widersacher macht in seinem Umkreis inzwischen sogar die Gleise sauber und entfernt die Vegetation an der Strecke. So erledigt er Arbeiten, für die eigentlich der Förderverein zuständig wäre. Diese Wende in der Wahrnehmung der Ilztalbahn ist kein Einzelfall. „Es hat sich bei vielen zumindest ins Neutrale oder sogar ins Positive verändert“, erzählt Hermann.

Andrea fährt inzwischen zum dritten Mal in den Passauer Hauptbahnhof ein. Es ist 13.45 Uhr. Ihre Schicht ist gleich beendet. Seit knappen neun Stunden ist sie auf den Füßen. Von Müdigkeit immer noch keine Spur. „Da ist keine Zeit zum müde werden“, versichert sie standhaft. Für sie beginnt sofort die Heimreise nach Österreich, denn morgen beginnt wieder der normale Arbeitsalltag. Auch Friedrich und sein Kollege werden von anderen Zugbegleitern abgelöst.

Bis zum Abend fährt die Ilztalbahn noch zweimal nach Freyung und wieder zurück. Da der Verein das Fahrzeug von der Waldbahn ausgeliehen hat, muss es am Ende des Tages nach Plattling zurückgebracht werden. Die Ilztalbahn-Schilder, -Plakate und -Fahrpläne werden entfernt. Fünf Tage lang fährt das Fahrzeug dann im Regelverkehr Schüler hin und her, bis es nächsten Freitagabend wieder von den Ilztalbahnern abgeholt wird, um die Strecke durch das Ilztal, das „Kanada Bayerns“, erneut zum Leben zu erwecken.

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