Medizin und Psychologie – Hintergründe der medialen Inszenierung

Schönheitsoperationen, Selbstbild und soziale Medien – drei Begriffe, die mehr gemeinsam haben, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Die Psychologin Carina Dörr und der Schönheitschirurg Prof. Dr. med. Peter Graf kennen sich auf ihren Themengebieten aus und haben eine Einschätzung vorgenommen.

“Ich möchte eine Nase wie Kim Kardashian”

Wer mit dieser Aussage in die Praxis von Prof. Dr. med. Peter Graf geht, hat schlechte Karten. Denn Patienten, die mit medial beeinflussten Vorstellungen eine Operation angehen wollen, holt er schnell zurück auf den Boden.

Graf ist seit über 30 Jahren in der Chirurgie tätig. Im Bereich der ästhetischen Chirurgie führt er in seiner Praxis zum Beispiel Brustvergrößerungen oder Fettabsaugungen durch.

Wenn man an verändernde Eingriffe wie Nasenkorrekturen oder ein Facelift denkt, schweben oft Bilder von makellosen jungen Frauen vor dem inneren Auge. Theresa ist deswegen auch schätzungsweise nicht die einzige, die sich davon beeinflusst fühlt.

Das Selbstbild, so Graf, spielt vor allem bei den jungen Erwachsenen noch eine große Rolle. In ihrem alltäglichen Leben werden sie mit unzähligen Einflüssen konfrontiert, sei es online oder durch das persönliche Umfeld. Vor allem sozialer Druck, der durch soziale Medien vermittelt wird, ist ein ausschlaggebender Indikator für Veränderungswünsche bei jungen Erwachsenen. Ein wichtiger Punkt ist die Mediennutzung dieser Menschen. Früher standen Medien wie das Fernsehen im Mittelpunkt, heute sind es Online-Plattformen wie Instagram und Facebook. 

Peter Graf bespricht mit seinen Patienten nicht nur die Einzelheiten des Eingriffs, sowie mögliche Komplikationen, sondern bezieht auch die psychische Situation mit ein. Ein Beweggrund wie „Ich will eine gerade Nase, damit mein Freund mein Instagram-Bild liked“ ist für ihn nicht genug für einen Eingriff. Der kann nämlich auch Komplikationen mit sich ziehen.

Carina Dörr ist Psychologin. Sie fand es schon immer interessant, sich mit Menschen und ihren Verhaltensweisen zu beschäftigen. Bei ihrer Arbeit befasst sie sich hauptsächlich mit den Themen Akzeptanz, Depression und Ängsten, die auch mit dem Selbstbild zu tun haben können.

Das Selbstbild ist das Gesamtbild, das eine Person von sich hat: über das Aussehen, Eigenschaften und Fähigkeiten, positiv wie auch negativ. Es entscheidet über die psychische Stabilität einer Person, so Dörr. Ein positives Selbstbild wirkt sich auch auf das Selbstbewusstsein aus: je positiver das Bild, desto höher das Selbstbewusstsein. Dieses setze sich aus drei Komponenten zusammen:

  • biologische Komponente: genetische Veranlagungen
  • psychologische Komponente: Stimmungen
  • soziale Komponente: Erlerntes und Erlebtes

Vor allem die soziale Komponente habe große Auswirkungen. Viele Erlebnisse prägen sich nachhaltig ein und beeinflussen dann das Selbstbild und Selbstbewusstsein. So wird eine Person, die in ihrer Jugendzeit als „fette Kuh“ beschimpft wurde, sich auch später noch mit dieser Beleidigung identifizieren, selbst wenn sie eigentlich dünn ist.

Die Psychologin sieht die Gefahren von sozialen Medien nicht nur für Rezipienten, sondern auch für Nutzer. Positive Reaktionen, wie Likes oder positive Kommentare, wirken sich auch positiv auf das Selbstbewusstsein aus. Negative Reaktionen können einen Nutzer jedoch bis in die Depression jagen. Rezipienten können Gefahr laufen, den vielen dargestellten Idealen nachzueifern. Mögliche Folgen sind Essstörungen oder auch ein Wahn nach immer mehr Schönheitsoperationen. Sehr wichtig bei der Rezeption ist die Reflexion: Bilder auf sozialen Medien sind häufig gefotoshopped oder besonders günstig fotografiert. Wer sich darüber nicht klar ist, ist besonders von einer Beeinflussung gefährdet. Vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene lassen sich leichter beeinflussen, weil ihre Persönlichkeit noch nicht zu 100% gefestigt ist. Im Gegensatz zu Erwachsenen sind sie oft noch in der Selbstfindungsphase.

Soziale Medien können aber nicht nur das Selbstbild beeinflussen. Man kann auch beeinflussen, wie andere einen wahrnehmen.

(Carina Dörr, 24, Psychologin)

Studien zufolge können körperliche Veränderungen an sich das Selbstbild stärken. Wer sich eine große Nase kleiner operieren lässt, fühlt sich danach tatsächlich besser. Ein Irrglaube ist jedoch, dass man nach einer Schönheitsoperation oder Typveränderung (z.B. Gewichtsverlust) insgesamt mit seinem Leben zufriedener ist als zuvor. Diese Veränderung wirkt sich nur auf das Äußerliche aus, die Persönlichkeit bleibt unbeeinflusst. Eine körperliche Veränderung kann keine psychischen Probleme lösen, sie bewirkt lediglich eine isolierte Steigerung des Selbstbildes.


Titelbild: pixabay.com

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