Ich will sehen, wer du wirklich bist!

Wir blicken hinter die Fassade der sozialen Netzwerke. Auf der Suche nach der Wahrheit, stoßen wir auf den Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram, auf Resignation und Gegenwehr. Geben Menschen eine Stimme, die zu den Protagonisten ihrer eigenen Inszenierung geworden sind und flüchten wollen – ins Netz oder dort heraus.

Aufgelöst und unter Tränen erzählt Essena O’Neill „The Truth“ und beendet damit einen Abschnitt ihres Lebens, der nur auf sozialen Medien stattgefunden hat. In einem YouTube-Video verabschiedet sich die damals 19-jährige Bloggerin von ihren rund 600 000 Followern. Sie widmet diese Zeilen ihrem 12-jährigem Ich, das den Schönheitsidealen anderer hinterherjagte. Für ihr eigenes Spiegelbild empfand sie nur Hass und Kritik. Bis heute ist Essena von der Bildfläche verschwunden, um zum ersten Mal seit Beginn ihrer Karriere ein echtes Leben zu führen.

SOCIAL MEDIA IS NOT REAL

Essena erhielt Applaus und wurde von ihren Fans gefeiert. Sie hatte das, wovon andere Mädchen träumten. Einen Modelvertrag. Ein Model an ihrer Seite. Sie stand auf dem Zenit ihrer Karriere. Bis zum plötzlichen Cut. Blackout. Funkstille. Die Influencerin löscht sämtliche Social-Media-Profile. In einem letzten Newsletter enthüllt sie die Wahrheit über bezahlte Anzeigen und die Kultur der Influencer. Löst damit eine Welle der Gegenwehr aus. Auch ihren Followern widmet sie einige Zeilen. „I pushed away all my old friends and anyone who knew me for me (goofy, nerdy Essena – not the teen idle [=idol]). I talked ill of my old friends and only hung out with social media people… I made that choice.“  

Zeilen der Erklärung, der Verzweiflung und des Appells. Essena zeigt sich angreifbar und verletzlich. „I don’t blame anyone for my actions or how much I was absorbed by social media, my appearance and this 2D world. It was me, I was being deceitful, I was lost, I was sick and I needed serious help. But of course I didn’t know that at the time. At the time I thought more money, more of these friends, being thinner…that would solve this internal misery.“ 

Nach außen hin inszenierte sie das perfekte Leben, gewann in dieser Zeit sogar deutlich an Followern. Feierte. Bereiste die Welt. Stürzte sich in Romanzen. „I was so completely lonely and miserable inside. I hid it from everyone. I smiled and laughed in pictures and vlogs. No one knew I had what now is described as social anxiety disorder, depression, body dimorphic. I felt exhausted trying to keep up this bubbly, funny, happy façade. I used people, and time after time let people use me.“ Den kompletten Newsletter findest du hier.

Wenn die vergangenen Zeilen es auch vermuten lassen: Essenas Ausstieg geschah nicht wortlos. Bereits einige Wochen zuvor änderte die Influencerin die Captions [=Bildbeschreibungen] ihres Profils und enttarnte damit nicht nur sich selbst, sondern auch ein ganzes Kartell von Fotografen, Unternehmern. Sie gab an, wie der Großteil ihrer Aufnahmen in Wirklichkeit entstanden sei. Geträu dem Motto „sex sells“ und „people listen to pretty blondes.“ Immer danach bestrebt, Perfektionismus vorzuleben. Innerhalb weniger Tage bearbeitete Essena unzählige ihrer Fotos auf diese Weise.

IHR WEG ZUM AUSSTIEG

Den Link zu Essenas Video „The Truth“ findest du hier.

Doch Essena ist nicht die Einzige, die sich mehr Realität auf den sozialen Netzwerken wünscht. Die aktuelle Bewegung #fürmehrrealitätaufinstagram setzt sich nicht nur dafür ein, dass Bilder nicht mehr bearbeitet werden sollen. Die Beiträge unter dem Hashtag zeigen Alltagssituationen, Niederlagen, ungeschminkte Gesichter – Kurz: Die Realität.

Der Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram wurde von Louisa Dellert und Jan Körber Anfang 2016 ins Leben gerufen. Der Fokus wird so auf die ungekünstelte Welt auf Instagram gelegt – fernab von Schönheitsidealen, Foto-Filtern und gestellten Bildern. Bisher wurden rund 121.500 Beiträge veröffentlicht.

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Häufige Hashtag-Kombinationen mit dem #fürmehrrealitätaufinstagram

 Rund 88% der Fotos stammen von Frauen, die sich insbesondere mit den Themenbereichen Ernährung, Sport und Familienleben beschäftigen.

DIE WAHRHEITSBEWEGUNG

Mia liebt das Laufen. Ihre sportlichen Erfolge, aber auch Niederlagen dokumentiert sie auf ihrem Instagram-Profil @miamarokazaro. Sie selbst ist verheirat, zweifache Mutter und arbeitet als Krankenschwester. Seit dem 20. März 2016 lässt sie auf Instagram rund 440 Follower an ihrem Alltag teilhaben – an sportlichen Aktivitäten, Kochexkursen und ihrem Familienleben. Immer wieder veröffentlicht sie ihre Fotos auch unter dem Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram. Ungeschminkt und gut gelaunt erzählt sie zwischen Spülmaschinenrauschen und Soßenköcheln von ihrer Motivation, ihr Profil nicht nach den Ansprüchen anderer auszurichten.

Küchentalk mit Mia.

Felix lebt für den Sport. Auf seinem Profil luft.nach.oben stemmt er nicht nur Gewichte, sondern nimmt auch regelmäßig an Marathons teil. Auf Instagram ist der Sportler seit dem 09. Januar 2017 aktiv. Mittlerweile hat er bereits rund 3.160 Follower. Gemäß seinem Instagram Status „Let people learn who you are, then let them watch you develop into what you want to become“,  steht er beispielhaft für die Generation der Selbstoptimierer. Anabolika und Steroiden sagt er dennoch den Kampf an. Und auch auf Social Media möchte er sich für mehr Wahrheit einsetzen, denn auch beim Training gibt es immer wieder Rückschläge.

Was bedeutet Wahrheit für dich?

„[…]dass das, was du erzählst von der Realität gedeckt ist.“

Felix selbst beschreibt Wahrheit als einen der navigierenden Werte in seinem Leben, der sich durch alle Bereiche zieht.

„Ich glaube, es ist ein sehr sehr wichtiger Wert, der gerade in diesem Zeitalter, in dem wir leben, mit Social Media und so, gerne mal ins Hintertreffen gerät.“

Aber gerade durch die digitalen Entwicklungen wird es immer wichtiger, den Wert der Wahrheit zu pflegen und zwischen Wahrheit und Inszenierung differenzieren zu können.

Was hat dich dazu bewegt, unter dem Hashtag zu posten?

Digitalität verdrängt Wahrheit. Inszenierung verblendet Realität. Um dem Bedeutungsverlust von Wahrheit entgegenzuwirken, hat auch Felix unter dem Hashtag gepostet. Er findet, dass auch auf sozialen Netzwerken alles wahrheitsgemäß präsentiert werden sollte.

„Ich fänds einfach schöner, wenn die Leute transparenter mit ihren Aussagen wären und auch mit ihrem Leben, das sie dort dann präsentieren.“

Für Felix schadet das Verbreiten falscher Inhalte im Endeffekt nicht nur einem selbst, sondern auch den Followern, die sich mit den dargestellten Leben vergleichen und diese als Ideale setzen – Ideale, die nicht existieren, die unerreichbar sind.

„Weil, wenn du etwas hinterherjagst, was du im Endeffekt gar nicht erreichen kannst, dann ja ist das ja so ein bisschen wie eben Windmühlenkämpfen und du hast am Ende nichts davon.“

Wie stehst du zu Social Media?

Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wie er soziale Netzwerke nutzt und somit auch für die daraus resultierenden Wirkungen. Dass diese nicht immer nur positiv sind, sieht auch der Blogger von @luft.nach.oben:

„Denn man muss auch ganz klar sagen, die Plattformen sind so designt, dass sie süchtig machen. Gerade Instagram ist eine wahnsinnig oberflächliche Plattform, da geht es ganz viel darum, wie Dinge aussehen.[…] Und ich glaube, dass das bei Personen, die mit sich selbst nicht im Reinen sind oder eine Tendenz dahin haben, dass sie sagen, sie sind nicht mit sich selbst zufrieden, dass das das noch einfach verstärken kann.“

 Man stellt schnell fest: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

„Deswegen ist es glaub ich mit Vorsicht zu genießen. Ich denke immer die Dosis macht das Gift und auch sozusagen der Umgang damit. Das heißt, ich finde, man sollte diese Plattform auch immer mit einem Ziel nutzen […]“

Du willst mehr von Felix hören? Dann folge seiner Spotify Playlist.

Überdachtes Rezipieren, statt kopfloses Konsumieren. Auch wenn soziale Medien meist nur der Zerstreuung und Unterhaltung dienen, gibt es immer wieder auch Nutzer, denen die Grenze zwischen Realität und Online-Inszenierung nicht klar ist. Für manche findet der Großteil des Lebens online statt. Stets auf der Suche nach Perfektion und Inspiration, geraten Wahrheit und Ehrlichkeit in den Hintergrund. Aus diesem Grund sind Statements, wie  der Austritt von Essena O’Neill oder Bewegungen, wie #fürmehrrealitätaufinstagram, wichtige Schritte in Richtung Wahrheit in sozialen Netzwerken.

Wer sind wir und wen präsentieren wir online?

Das Buch „Bloglife – Zur Bewältigung von Lebensereignissen in Weblogs“ von Elisabeth Augustin behandelt das Verhalten von Jugendlichen in sozialen Netzwerken und im virtuellen Raum. Die Medienwissenschaftlerin arbeitet an der Universität Graz im Bereich Lehrentwicklung und hat sich intensiv mit den Auswirkungen von Internet-Blogs auf die Identitätsbildung beschäftigt.

„Die Online-Repräsentation des Selbst kann wie vor einem Spiegel so lange zurechtgezupft werden, bis das Ergebnis zufriedenstellend ist und dem aktuellen Selbstbild oder einem Ideal davon entspricht.“

Doch woher stammen unsere Ideale? Sind es wirklich eigens konzeptualisierte Gedanken oder bieten Soziale Netzwerke erst die Möglichkeit, den Vergleich mit anderen herzustellen? Sind wir uns überhaupt darüber bewusst, wer uns auf Online-Plattformen den Spiegel vorhält und an welchen idealisierten Fragmenten seines Lebens er uns teilhaben lässt? Insbesondere für die zukünftigen Generationen, die als Digital Natives aufwachsen, wird es wichtig sein, eine Medienkompetenz zu erlangen, die dabei hilft, das reale Leben von der inszenierten Realität anderer zu unterscheiden. Denn „Identität meint keinen stabilen, inneren Kern. Vielmehr muss Identität als Prozess beschrieben werden.“ Durch die sozialen Medien wird dieser Entwicklungsprozess stark beeinträchtigt und verzerrt. Die Unterscheidung zwischen real und online wird zunehmend schwerer, die Grenze verschwimmt. Auch wenn der Großteil der Identitätsbildung im Offline-Leben stattfinden sollte, können die digitalen Entwicklungen nicht außer Acht gelassen werden.

„Identität braucht Medien, um sich darin ausdrücken und entäußern zu können. Technische Artefakte sind bei der Identitätskonstruktion von Bedeutung. Digitale Medien wie Chats, soziale Netzwerke und Webblogs werden zunehmend privat und beruflich intensiv und identitätsrelevant genutzt.“

Doch genau dann, wenn man die Medien in den Prozess der Identitätsentwicklung miteinbezieht, muss die Grenze um die Wahrheit klar gezogen werden. Auch wenn das Netz viele positive Beiträge zum Selbstbild liefern kann, so kann es auf bestimmte Typen auch toxisch wirken.

„Der virtuelle Raum vermag für Identitätskonstruktionen vieles zu leisten. Er ermöglicht einen (…) Umgang mit  Identitätsfacetten im Schutz der Anonymität.“

Doch sind wir wirklich so anonym, wie es scheint? Immer mehr Bereiche des Alltagslebens verlagern sich auf den Online-Bereich. Immer mehr unserer persönlichen Daten landen im Netz. Wir kreieren Online-Persönlichkeiten, optimierte und perfektionierte Hüllen, deren Fassade den wahrheitsgemäßen Inhalt aufpolieren und verblenden. Eine scheinbar zweite Realität wird präsentiert, sozusagen eine verbesserte Form. Eine Form, die die ganze Online-Community sehen darf, die uns dann zeigt, ob sie ihnen gefällt oder nicht.

Doch letztendlich dreht sich doch alles um die Person, die innerhalb der Ausschmückungen steht, die versucht sich darin wiederzufinden. Wie Essena O’Neill, die sich unter Tränen ihr echtes Leben wünscht oder wie Mia und Felix, die auch Niederlagen auf Instagram teilen. Die irgendwann nicht mehr auf die Stimmen anderer gehört haben, oder sich mit ihnen messen wollten. Die beschlossen haben, dass es weitaus mehr gibt als die Schein-Welten auf Instagram. Und die uns daran erinnern, das genau dieser Kern zählt. Das, was du wirklich bist!

Quelle: https://pixabay.com/de/

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