Lügen haben kurze Beine & Kindermund tut Wahrheit kund

Was verbindet Wahrheit mit Sprichwörtern? Und wie beginnt man eine Geschichte über Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten? Denn „Aller Anfang ist schwer“, wie jeder weiß!

Gemeinsam wollen wir heute diesen besonderen sprachlichen Wendungen auf den Grund gehen und einiges herausfinden: Wieso befassen sich so viele Sprichwörter mit dem Thema Wahrheit? Oder ist das vielleicht gar nicht der Fall? Warum nutzen wir sie tagtäglich und wieso sind viele dieser idomatischen Wendungen auch nach Jahrzehnten noch im deutschen Sprachgebrauch zu finden? Doch vor allem eine Frage ist unvermeidlich: Sind Sprichwörter tatsächlich immer wahr oder gilt wie so oft das Sprichwort „Ausnahmen bestätigen die Regel“?

 

„Die Weisheit ist nur in der Wahrheit."
Johann Wolfgang von Goethe

Die Psychologen Dieter Frey und Lisa Katharina Schmalzried stellen im Buch „Psychologie der Sprichwörter – Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?“   grundlegend fest, dass „Sprichwörter eine Funktion in der zwischenmenschlichen Kommunikation haben: In einprägsamer Form vermitteln sie kulturell geprägte Verhaltensnormen“. Zudem wird  das menschliche Miteinander, das sonst häufig zu Missverständnissen zwischen Personen führt, vereinfacht, da Sprichwörter auf einfache Art zum Teil komplizierte Informationen vermitteln. Auch der Wissenschaftler Georg Friedrich Seiler ergänzt, dass „das Sprichwort (…) dem tiefgewurzelten Bedürfnis des Menschen entgegen kommt, sein Leben nach formulierten Grundsätzen einzurichten (…)“. Der Mensch richtet sich nach Vorschriften und findet so eine Hilfe, um richtig zu handeln. Genau das können Sprichwörter gewährleisten.

Hier müsst ihr das gezeichnete Sprichwort erraten:

Also volle Konzentration! Klickt einfach auf die Antwort, die ihr für richtig haltet.

Aktualität

Auch wenn nun deutlich wurde, warum der Mensch Sprichwörter verwendet, bleibt die Frage nach der Aktualität von Sprichwörtern weiterhin ungeklärt. Doch hierfür gibt es zwei simple Erklärungen. Zum einen stammen viele Sprichwörter  aus der Bibel, dem meistgelesenen Buch der Welt. Die darin verankerten christlichen Grundsätze verdeutlichen, wie Menschen miteinander umgehen und ihre Nächsten behandeln sollen. Durch ihre Funktion, Verhaltensnormen zu vermitteln, ist es auch laut den Psychologen Dieter Frey und Julia Albrecht zum anderen „kein Zufall, dass Sprichwörter einen Spiegel der Erfahrung von Generationen von Menschen darstellen“. Zudem sind Sprichwörter ein Teil der Sprache. Diese verändert sich zwar, wird aber dennoch von Generation zu Generation weitergegeben.

Auch Rolf-Bernhard Essig hat dazu eine klare Meinung und weiß zudem, warum die Aktualität von Sprichwörtern immer bestehen bleibt. Denn Sprichwörter sind als Teil der Sprache untrennbar mit ihr verbunden. Doch nicht nur das. Auch für die Nutzung von Sprichwörtern im Alltag gibt es viele Gründe. Ob trösten, angeben oder fokussieren, durch sie kann man viele Dinge besser auf den Punkt bringen. Zudem sind diese besonderen sprachlichen Wendungen in bestimmten Berufen nicht wegzudenken. Denn sowohl die Politik als auch die Werbung wären ohne Sprichwörter aufgeschmissen. In der Branche der Werbung geschieht das aber nicht nur einseitig, denn viele bekannte Werbesprüche werden wiederrum zu neuen Sprichwörtern.

 

Wenn man sich tagtäglich mit Sprichwörtern befasst, hat man im Laufe der Jahre eine enorme Menge dieser sprachlichen Besonderheiten kennengelernt. Da steht die Frage nach dem Lieblingssprichwort praktisch im Raum. Also, Herr Dr. Essig, welches Sprichwort ist Ihr Favorit?

Hast du auch ein Lieblingssprichwort? Wenn nicht, findest du hier ein paar Sprichwörter, die gerne dein Favorit wären.

„Besser ein weiser Tor als ein törichter Narr.“ (William Shakespeare)

„Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist.“ (William Shakespeare)

„Die Weisheit eines Menschen misst man nicht nach seinen Erfahrungen, sondern nach seiner Fähigkeit, Erfahrungen zu machen.“ (George Bernard Shaw)

„In vino veritas“. (Alkaios von Lesbos)

 

 

Sprichwörter: Allgemeine Norm oder persönliche Wahrheit?

„Kindermund tut Wahrheit kund“, „Lügen haben kurze Beine“, „Ehrlich währt am längsten“, „Lügen, dass sich die Balken biegen“. Viele bekannte Sprichwörter sprechen dafür, dass Sprichwörter und Wahrheit eine besondere Verknüpfung haben. Doch reicht das aus?

In einigen Fachbüchern finden sich Kapitel zu biblischen Sprichwörtern oder „Bauernregeln“, die jeweils jahrhundertalte Weisheiten, Lebensregeln und (praktische) Tipps beispielsweise für die Landwirtschaft vermitteln. Hier braucht es oft keine Lehrbücher, denn durch ein einprägsames Sprichwort ist die Information ausreichend vermittelt.

Speziell zum Themengebiet Wahrheit lassen sich dagegen nur wenige Informationen finden. Woher kommt also der Verdacht der Verknüpfung zwischen Wahrheit und Sprichwörtern? Auch Julia Albrecht und Dieter Frey stellen fest, dass „ein großer Teil der volkstümlichen Weisheiten die zwischenmenschliche Interaktion betrifft – ein zentrales Thema der Sozialpsychologie“. Das menschliche Miteinander, in dem je nach Kultur verschiedene Normen maßgebend sind, stellt die Verknüpfung dar. Die sozialen Regeln werden im Kindesalter nicht anhand von Büchern oder anderen Hilfsmitteln erlernt, sondern vor allem durch die Eltern und deren Sprache weitergegeben. Das führt zum Feld der Sozialpsychologie. Hier wird herausgefunden, was Menschen dazu veranlasst zu lügen und ob es immer richtig ist, die Wahrheit zu sagen.

Rolf-Bernhard Essig erklärt, dass Sprichwörter an sich nicht unbedingt Wahrheit ausdrücken. Denn tatsächlich gibt es zu fast jedem Thema eine Vielfalt von Sprichwörtern. Er fügt hinzu, dass sich dennoch viele Menschen überlegen, ob Sprichwörter Wahrheit vermitteln. Die Wahrheit eines Sprichwortes ist für Essig nicht pauschal und allgemeingültig definierbar. Jede einzelne Person, die in einem bestimmten Kontext mit einem Sprichwort in Kontakt kommt, erkennt, dass genau dieses Sprichwort für sie selbst hilfreich ist und motiviert. So kommt die „persönliche Wahrheit“ der sprachlichen Wendung zustande.

„Der Weise hält seine Meinung zurück;
also bin ich keiner."
Wilhelm Busch

Letztendlich ist es doch immer das Gleiche: Jeder muss für sich selbst herausfinden, inwieweit sich Wahrheit in Sprichwörtern finden lässt. Man kann es nicht verallgemeinern. Denn genau wie jedes Sprichwort auf seine einzigartige Weise etwas ausdrückt, so hat auch jeder Mensch eine einmalige Fähigkeit zur Interpretation. Und sogar die selbe Person kann ein Sprichwort je nach Situation und emotionaler Stimmung vollkommen unterschiedlich auffassen.

Doch eines steht fest: Wenn man diesen besonderen sprachlichen Wendungen eine Chance gibt, haben sie nicht nur die Macht einen zu trösten, wenn man nicht weiter weiß, sondern können auch motivieren oder auf den Punkt genau ausdrücken, was man sagen will.

So bleibt am Ende nicht mehr zu ergänzen und auch hier gibt es sprachlich keine bessere Form als mit einem Sprichwort zu enden, denn „am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ (Oscar Wilde)

Quelle der Bilder: Pixabay 

Literatur:

Albrecht, Julia & Frey, Dieter (2017): Großmütterliche Weisheit vs. Wissenschaftliche Weisheit: Die Wahrheit ist ein Plural. In: Frey,Dieter (Hg.): Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?. Berlin/Heidelberg: Springer, S.275.

Albrecht, Julia & Frey, Dieter (2017): Volksmund und Psychologie. In: Frey,Dieter (Hg.): Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?. Berlin/Heidelberg: Springer, S.9.

Burger, Harald (2015): Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. Berlin

Frey, D. (Hrsg.). (2017). Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?. Berlin/Heidelberg: Springer, S.8

Frey, D. & Schmalzried, L. (Hrsg.). 2013. Philosophie der Führung. Gute Führung lernen von Kant, Aristoteles, Popper & Co. Berlin/Heidelberg: Springer, S.263

Hose, Susanne (1997): Die Sprichwörterforschung in Deutschland: Methoden, Probleme und aktuelle Trends. In: Fabula, Vol.38(3) 1997, S. 280 -290

Meier-Pfaller, Hans-Josef (1979): Das große Buch der Sprichwörter. Esslingen.

Mieder, Wolfgang, (1985): Sprichwort, Redensart, Zitat. tradierte Formelsprache in der Moderne. Bern

Mieder, Wolfgang (1992): Sprichwort – Wahrwort!?. Studien zur Geschichte, Bedeutung und Funktion deutscher Sprichwörter. Frankfurt am Main

Seiler, Friedrich. (1918): Das deutsche Sprichwort. Strassburg: Verlag. von Karl J. Trübner, S.8

 

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