Gespaltener Geist

Schizophrenie, Multiple Persönlichkeiten, Zwangsstörungen, Depressionen,… Psychische Krankheiten werden gerne als Stilmittel in Filmen benutzt. Sie reißen den Zuschauer in ihren Bann und geben den Regisseuren unglaubliche künstlerische Freiheiten, während sie trotzdem im Rahmen des ‚realen Lebens‘ bleiben. Denn wer weiß schon wie psychisch Kranke die Welt sehen? Gibt es wirklich Menschen, die mit ihrem Inneren Kämpfe ausfechten oder sich gleich gegenseitig umbringen wollen? Sind tatsächlich alle Schizophrenen kriminell und gewalttätig? Was ist der Unterschied zwischen Schizophrenie und Multipler Persönlichkeitsstörung?

>>Vorsicht Spoiler-Alarm<<

In der großen Glasfassade reflektiert sich sein Spiegelbild. Ein heruntergekommener Mittdreißiger sitzt in einem Bürostuhl mit Blick auf die Skyline einer Großstadt und drückt sich den Lauf der Waffe von unten ans Kinn. Die gelben Bauscheinwerfer, das einzig Farbige im sonst fast leeren Zimmer, strahlen ein grelles Licht auf seine dreckigen, weißen Boxershorts. „Warum willst du eine Waffe an deinen Kopf halten?“ fragt ein rauchender Typ in einem bunten Muskelshirt. „Nicht an meinen, Tyler, an unseren!“ erwidert er bloß und entsichert emotionslos die Waffe. Das zugeschwollene blaue Auge zuckt und er sieht Tyler mit einem entschlossenen Blick an. „Hey. Es geht um uns beide. Friede?“ versucht Tyler ihn zu beschwichtigen. Ungerührt steht der andere auf, nimmt die Waffe in den Mund und drückt ab. Ein Strahl aus Licht, Pulver und Blut sprüht aus seinem Mund und er fällt zurück in den Drehstuhl. Tyler schwankt und fällt schwer auf den grauen Betonboden. Blut glitzert im Licht der Scheinwerfer, als es aus einer Platzwunde an seinem Hinterkopf dringt. Im nächsten Moment ist er verschwunden.

Die Filme

Filme und Serien wie ‚Dr. Jekyll & Mr. Hyde‘, ‚Fight Club‘, ‚Psycho‘, ‚Mr. Robot‘ und ‚A Beautiful Mind‘ erzeugen Spannung, leiten uns anfangs komplett in die Irre, um uns irgendwann deutlich zu machen – Du hast überhaupt keine Ahnung was gerade eigentlich passiert ist. Was ist Wahrheit, was Einbildung? Die Verwendung der psychischen Krankheit gibt Filmemachern die Möglichkeit mit dem Zuschauer zu spielen, immer noch mehr aus einem Film herauszuholen. Sie holen die Zuschauer aus einer anfangs gut nachvollziehbar aufgebauten Geschichte ab, um sie dann plötzlich aus der subjektiven Wahrnehmung der Hauptfigur herauszugreifen und in einer komplett neuen ‚Realität‘ wieder abzustellen. Dies erzeugt einen Überraschungseffekt und kreiert unerwartete Wendungen, aber ohne dem Film die Logik zu nehmen – genau das, was ein anspruchsvolles Publikum heutzutage von guten Filmen und Serien erwartet.

Der Klassiker

Der mehrfach verfilmte Klassiker „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ gilt als wohl ältestes Beispiel für einen Film mit multipler Persönlichkeitsstörung. Der Film benutzt die Krankheit als überraschenden Wendepunkt und basiert auf einer Novelle des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson aus dem Jahr 1886. Mithilfe eines selbst entwickelten Tranks trennt der Wissenschaftler, Dr. Jekyll, das „Böse“ vom „Guten“ der menschlichen Seele und so entstehen der gute Dr. Jekyll und der böse Mr. Hyde. Doch sein Versuch geht schief und Jekyll verliert mehr und mehr die Kontrolle über sein böses Alter Ego. Am Ende des Films nimmt er sich das Leben, um Mr. Hydes bösem Treiben ein Ende zu setzen. Die Darstellung der beiden Persönlichkeitsteile ist natürlich sehr stilisiert, denn der gute Dr. Jekyll ist schön und beliebt, der böse Mr. Hyde ist hässlich, unhöflich und stellt das personifizierte Böse dar. Welche Wirkung solch eine vereinfachte mediale Darstellung auf den Zuschauer hat und dass sie damit ungewollt zur Entwicklung von Vorurteilen gegen psychisch Kranke beiträgt, ist ein wichtiger, aber oft vernachlässigter, gesellschaftlicher Aspekt von Filmen.

Die Angst

Dass solche Vorurteile auch Einfluss auf das Leben eines gesunden Menschen haben können, kann Felix* bestätigen. Sein Vater und seine Tante mütterlicherseits sind an Schizophrenie erkrankt. Dies ist ziemlich belastend für Felix und er sagt ganz klar, dass er mit niemandem offen darüber spricht. Zu groß ist die Angst, deshalb vorverurteilt zu werden. Aus seinem Freundeskreis weiß eigentlich niemand über seine Familienumstände Bescheid und man merkt, dass es ihm unangenehm ist über das Thema zu sprechen. Vielleicht mangelt es auch gerade wegen dem fehlenden öffentlichen Diskurs an Aufklärung. Denn sogar Felix muss zugeben, dass er die genauen Unterschiede von Schizophrenie und Multipler Persönlichkeit nicht kennt.

Die Unterschiede

Leider hält sich bis heute der weitverbreitete Irrglaube, dass Multiple Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie dieselbe Krankheit seien. Zurückzuführen ist dies wohl einerseits auf die langjährige Diskussion, ob die Multiple Persönlichkeitsstörung überhaupt existiert, und andererseits auf die irreführende Bezeichnung. Schizophrenie – aus dem Altgriechischen abgeleitet bedeutet es „gespaltener Geist“ (schízein = spalten; phrḗn = Geist/Seele). Bei der Einführung des Begriffs am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler aber eigentlich die Abspaltung von der eigenen Wahrnehmung, dem Denken, Fühlen und Wollen im Sinn.

Der studierte Diplom-Psychologe hat seine Promotion in Arbeits- und Organisationspsychologie geschrieben und als Psychotherapeut promoviert. Er ist besonders interessiert an Tiefenpsychologie, Psychotherapie und Mainstream-Unterhaltung. Weil er eben auch ein leidenschaftlicher Film- und Serienfan ist betreibt er seinen Blog ‚Charakter-Neurosen’ und analysiert dort diverse populäre Film- und Serienfiguren.

Es sind […] zwei völlig voneinander unabhängige und verschiedene Krankheitsbilder.

Die Psyche des Menschen ist auch nach vielen Jahren der Forschung immer noch unergründlich und so vielseitig, dass es wahrscheinlich noch Jahrhunderte dauern wird, bis wir die genauen Abläufe im Gehirn erklären können. Kein Wunder also, dass man sich als Normalbürger mit den diversen Krankheitsbildern und deren Unterschieden nicht auskennt. Schizophrenie und Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) unterscheiden sich jedoch sowohl in ihrer Entstehung, als auch in ihrem Krankheitsverlauf und den Symptomen enorm.

Schizophrenie ist zu einem gewissen Teil genetisch bedingt, Multiple Persönlichkeitsstörung jedoch nur auf schwere Traumata in der frühen Kindheit zurückzuführen. Symptome von Schizophrenie sind sowohl akustische, sensorische als auch optische Halluzinationen. Manche Betroffene denken, Gott würde zu ihnen sprechen – oder sie glauben gleich, sie selbst wären Jesus. Aber es gibt nicht DAS typische Bild eines Schizophrenen, die Krankheit ist sehr divers und wird auch weiterhin erforscht werden müssen. Genauso wenig gibt es nicht den einen typischen Krankheitsverlauf von MPS. Im Schnitt können zwischen fünf und 15 verschiedene Teilpersönlichkeiten in einem Körper koexistieren. Oft wird MPS auch gar nicht erst erkannt oder fehldiagnostiziert. Auch die Behandlung der beiden Krankheiten ist sehr unterschiedlich. MPS wird durch langjährige tiefenpsychologische Aufarbeitungstherapie behandelt, die bezweckt, eine „einheitlichere Persönlichkeit“ zu etablieren. Dahingegen wird Schizophrenie mithilfe einer Mischung aus Medikamenten und diversen Therapien behandelt.

Ein Betroffener

Felix erzählt, dass es nicht einfach ist mit seinem Vater umzugehen. Die Schizophrenie schränkt dessen Leben extrem ein. Sein Vater ist so schwer erkrankt, dass er die meiste Zeit in der Psychiatrie verbringen muss und eine normale Unterhaltung mit ihm fast unmöglich ist. Felix ist sich bewusst, dass er kein normales Vater-Sohn-Verhältnis mit ihm haben kann, er sagt er habe eigentlich keine emotionale Beziehung zu ihm. Obwohl er es wie nebenbei erwähnt, sieht man dass es ihn enorm belastet. Als er erzählt wie sein Vater ihm an Weihnachten die Sätze „Du bist für die nix. Keiner interessiert sich für dich.“ an den Kopf wirft, merkt man ihm seine Betroffenheit besonders an. Er weiß zwar, dass er es sich nicht so zu Herzen nehmen sollte, aber so eine Situation ist wohl für niemanden einfach.

An Beispielen wie Felix sieht man, dass Schizophrenie und die damit einhergehenden schwierigen Lebensumstände auch sehr belastend für die Angehörigen sein können. Zusätzlich hat Felix durch seine genetische Vorbelastung auf beiden Seiten der Familie auch noch ein erhöhtes Risiko selbst daran zu erkranken. Er ist sich dessen auch deutlich bewusst und unternimmt deshalb bestimmte Vorsichtsmaßnahmen um einen Ausbruch zu vermeiden. Diese Vorkehrungen beinhalten sich nicht zu sehr in seine eigene Gedankenwelt zurückzuziehen und gleichzeitig viel mit anderen Leuten zu reden. Auch hält er sich strikt von Drogen fern – vor allem Cannabis kann eine Psychose mit anschließender Schizophrenie auslösen.

Felix erklärt, wie er das Verhalten und die Aussagen seines Vaters interpretiert und versucht sein Benehmen zu beschreiben. Er sagt für seinen Vater spiele sich alles in Assoziationsketten ab. „Rot“ ist zum Beispiel der Begriff für Gefahr oder Liebe. Diese Assoziation ist noch relativ einfach nachvollziehbar, dass der Taschenrechner aber auch Satelliten abschießen kann, weniger.

Der nebenstehende Chatverlauf von Felix mit seinem Vater verdeutlicht ein bisschen wie man sich das vorstellen kann.

Ein SMS-Verlauf zwischen Felix und seinem Vater

Die Punkte bieten eine Erklärung zu den einzelnen Nachrichten.

Niklas Gebele vergleicht dieses Verhalten mit einem schlecht funktionierenden Filtersystem. Gesunde Menschen haben manchmal auch irrsinnige Gedanken, schieben diese aber schnell zur Seite, da ihnen klar ist, dass sie nicht logisch sind. Einem Schizophrenen ist dies aber nicht bewusst und er sieht diese Gedanken als die Wahrheit an.

Die Vorurteile

Mehrere Persönlichkeiten? Das gibt es doch nur im Film. Zum Teil stimmt das ja auch. Die Darstellungen in Filmen haben mit der Realität meist nicht viel gemeinsam. Aber die meisten Filme verbindet oft eines – die psychisch kranke Hauptfigur ist entweder kriminell, extrem gewaltbereit oder sogar beides gleichzeitig. Da wir also unser komplettes Wissen über diese Krankheiten nur aus Spielfilmen und Serien ziehen, überrascht es nicht, dass viele Menschen genau das glauben, was ihnen gezeigt wird – Schizophrene oder psychisch kranke Menschen sind gewaltbereiter und grundsätzlich kriminell. Das ist nicht der Fall. Viele psychisch Kranke haben deshalb mit Stigmatisierung zu kämpfen, wenn sie denn überhaupt jemandem von ihrer Krankheit erzählen. Dies erzeugt einen Teufelskreis aus Stigmatisierung und sozialer Isolation.

Mittlerweile gibt es verschiedene Organisationen, die gegen die Stigmatisierung in Filmen kämpfen. Allen voran geht die Organisation „Time to Change“ aus Großbritannien. Sie versucht mit verschiedenen Kampagnen über die Stigmatisierung in Filmen aufzuklären und bietet Ratgeber und Guidelines zum richtigen Umgang mit psychischen Krankheiten an. Auch für Journalisten und Filmemacher haben sie Richtlinien veröffentlicht, wie Stigmatisierung und falsche Darstellung von psychischen Krankheiten in den Medien verhindert werden können. Sie möchten eine umfassende Aufklärung und einen offeneren Umgang mit dem Thema. Deutschlandweit gibt es ähnliche Kampagnen, zum Beispiel durch das „Aktionsbündnis Seelische Gesundheit“, das auch vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird und immer wieder verschiedene Aufklärungs-Veranstaltungen in größeren Städten anbietet.

Eine Entscheidung

Sollte man deshalb grundsätzlich aufhören psychische Krankheiten als Stilmittel in Filmen zu nutzen? Gebele, der selbst ein großer Film- und Serien-Fan ist, sagt ganz klar „Nein“. Er wünscht sich zwar eine umfassendere Aufklärung und ein Bewusstsein dafür, dass die dargestellten Situationen nicht der Realität entsprechen, sagt aber auch ganz klar dass viele dieser Filme sogar seine Lieblingsfilme sind. Auch Felix findet, dass die Darstellung von psychischen Krankheiten in den Medien wichtig ist, da sie Aufmerksamkeit erzeugen und sich viele Leute vielleicht auch nur deshalb mit ihnen auseinandersetzen.

Das wohl einzige Blockbuster-Beispiel für realitätsnahe Darstellung von Schizophrenie ist der Film „A Beautiful Mind“ mit Russel Crow.

Der Film aus dem Jahr 2001 erzählt die wahre Geschichte des schizophrenen Mathematik-Genies John Nash und stellt sehr real die Symptome und Probleme dar, mit denen Schizophrene und ihre Angehörigen zu kämpfen haben. Der Oscar-prämierte Film ist von mehreren Psychologen als sehr lebensecht beschrieben worden und behandelt gut nachvollziehbar den Beginn und Ablauf der Krankheit bis hin zu Nashs Einsicht, dass er krank ist und die darauffolgende Therapie. Es gibt also auch positive Beispiele für die Darstellung von psychischen Krankheiten in Filmen. Es bleibt zuletzt nur noch zu hoffen, dass in Zukunft eine diversere und realere Darstellung von psychischen Krankheiten in Filmen zu sehen sein wird.


Titelbild
: Die Verwandlung vom guten und schönen Dr. Jekyll in den bösen, hässlichen Mr. Hyde. Diese Szene stammt aus der sehr beliebten Verfilmung von Regisseur John S. Robertson. Der Stummfilm aus dem Jahr 1920 ist bis heute einer der beliebtest Dr. Jekyll-Filme und der Hauptdarsteller John Barrymore wird bis heute für seine ausgezeichnete schauspielerische Leistung gefeiert. Der Film ist mittlerweile ein gemeinfreies Kulturwerk und somit frei verfügbar und kann unter archive.org kostenlos angesehen werden. ‚Dr. Jekyll & Mr. Hyde‘ (1920)

*Name geändert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.