Aus Prinzip dagegen

An den bisher größten Shitstorm kann sie sich noch gut erinnern. Nachrichten und Kommentare in den sozialen Netzwerken mit Morddrohungen, Vergewaltigungsfantasien und Abwertungen ihrer Person waren dabei keine Seltenheit.

Die Betroffene dieser digitalen Feindseligkeiten ist Katharina Schulze, Vorsitzende der Grünen Landtagsfraktion, Sprecherin für Innenpolitik und Abgeordnete aus München. Seit Februar 2017 ist sie außerdem als Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus tätig. Ursprung des Hasses im Internet war in diesem Fall die Verhüllung eines umstrittenen Denkmals. Im September 2013 wurde auf dem Marstallplatz in München ein Monument für Trümmerfrauen eingeweiht. So wurden diejenigen genannt, die nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen haben, Schutt und Asche wegzuräumen und Städte wieder aufzubauen. Umstritten war allerdings, ob in München von Trümmerfrauen geredet werden kann, da 1.300 der 1.500 arbeitenden Menschen Männer waren und mehr als 90 Prozent aller dazu zwangsverpflichtet wurden, weil diese zuvor in NS-Organisationen aktiv waren. Aus diesem Grund verhüllten Katharina Schulze und ihr Parteikollege Sepp Dürr im Dezember des gleichen Jahres das Denkmal mit einem braunen Tuch, auf dem stand: „Den Richtigen ein Denkmal, nicht den Alt-Nazis”. Mit dem Lesen der Mitteilungen ist sie zeitlich gar nicht mehr hinterher gekommen, durchgegangen ist sie trotzdem nach und nach alle. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum”, betont Schulze. Deshalb hat sie alle diejenigen Nachrichten, die strafrechtlich relevant waren, angezeigt und an die Polizei weitergeleitet, die meisten Verfahren wurden jedoch eingestellt. Manche Kommentare wurden in der Hinsicht verurteilt, dass sich die Verantwortlichen für die Beleidigung oder die Bedrohung entschuldigen mussten. Aber das Problem an einem Shitstorm ist, dass die Kommentare geballt kommen. „Wenn du mal so eine Nachricht bekommst, ist es für mich einfach darüber zu lachen oder es von mir wegzuschieben. Wenn man aber ständig liest, wie scheiße man ist und dass man gehängt gehört, muss man schon innerlich dagegen halten”, erzählt die Politikerin. Sie ist sehr aktiv auf sämtlichen Social Media Kanälen und deshalb ein beliebtes Ziel für Trolle und Hasskommentare. Vor mindestens sechs Jahren fing es an, dass sie immer wieder Opfer solcher diskriminierender Taten und Shitstorms wurde. Diese Geschehnisse haben sich besonders vermehrt, seit sie 2013 in den Bayerischen Landtag gewählt wurde.

Hass im Netz hat viele Gesichter. Viele Opfer, die mit den Schattenseiten des Internets konfrontiert werden, aber auch viele Täter, die völlig unterschiedlich handeln.

Eine Übersicht über die verschiedenen Erscheinungsformen von Hass im Netz.

Selbst heute, vier Jahre später, bekommt Katharina Schulze immer noch Nachrichten zu dem Ereignis der Verhüllung des Denkmals für Trümmerfrauen in München. Per Facebook bekam sie beispielsweise am 22. Juni die Nachricht: „Du vaterlandsverratende Drecksschlampe, ohne diese Trümmerfrauen würde es dich überhaupt nicht geben!”

Generell wird unter ihren Facebook Posts, ihrem YouTube Kanal oder ihrem Twitter Account kommentiert. Letzteres, mittlerweile auch ‚#sifftwitter’ genannt, ist generell eine beliebte Plattform für Trolle und Hater, weil es dort kaum Beschränkungen gibt. „Außerdem erreichen mich auch immer wieder Nachrichten entweder per Mail oder Facebook Messenger, in denen sich Menschen über meine Arbeit und mich negativ äußern, falsche Angaben machen, hetzen oder schlechte Stimmung verbreiten beziehungsweise Diskussionen gezielt stören”, berichtet die Betroffene. Die Täter waren ihr dabei in jedem Fall unbekannt.

Mit derartigen Herausforderungen des digitalen Zeitalters wird der Rechtsanwalt Stefan Loebisch aus Passau bei seiner Arbeit häufig konfrontiert.

Die Kommentare gegen die Politikerin lassen sich in zwei Kategorien einteilen: bezüglich bestimmter Inhalte, die sie während ihrer Arbeit behandelt und Anschuldigungen gegenüber ihrer Person. Ihre Arbeitsthemen sind prinzipiell kontrovers diskutierte Bereiche, wie zum Beispiel die Flüchtlingskrise, die Sicherheitspolitik und der Kampf gegen Rechtsextremismus. Bei den Kommentaren geht es aber neben ihrer politischen Ausrichtung vor allem um ihr Aussehen, ihr Gewicht und ihr Geschlecht sowie um Vergewaltigungsdrohungen. „Man kann bei den Trollen eindeutig ein Genderissue beobachten. Meine männlichen Kollegen bekommen auch Hassbotschaften, aber die beziehen sich eigentlich nie auf das Aussehen, das Geschlecht oder sexuellen Handlungen, die mit ihnen vollzogen werden sollen.” Die Kommentare kommen dabei in Wellen. Bei speziellen Themen wird es zeitweise heftiger, aber ein „allgemeines Grundrauschen” ist immer da.

Doch wie geht man mit solchen Aussagen um? „Das ist schon sehr belastend, vor allem am Anfang. Man fängt an Politik zu machen, möchte die Welt verbessern und auf einmal kommt dieser ganze Hass”, schildert die 32-Jährige. Die Vorfälle haben sie schon verändert. Schnell hat sie sich eine dickere Haut zugelegt und weiß mittlerweile damit umzugehen. Einzelne Nachrichten hat sie sich nicht zu Herzen genommen, Shitstorms dagegen schon. Aber sie hat viel Solidarität von ihrem Umfeld erhalten. Das hat ihr geholfen, mit der Situation umzugehen. Aber warum trifft es genau sie? Sie selbst sieht das folgendermaßen: „Ich denke das liegt sicher daran, dass ich eine ‚Person des öffentlichen Lebens’ bin. Ich bin Politikerin, sehr transparent in meiner Arbeit auf Social Media und halte mich mit meiner Meinung nicht hinter’m Berg.”

Aber warum gibt es überhaupt so viel Hass im Netz und wieso verhalten sich Trolle dermaßen aggressiv? Dr. Catarina Katzer ist Cyberpsychologin und Spezialistin für dieses Thema.

Auch wenn der Durchschnitts-Troll laut Katzer oft Personen des öffentlichen Lebens, Frauen in „Männerberufen“, Männer in „Frauendomänen“ oder übertriebene Selbstdarsteller belästigt, kann jeder Opfer von Hass im Netz werden. Die Betroffenen wissen oft nicht, wie sie sich wehren können.

Die Grünen-Politikerin Schulze zum Beispiel hat konsequent alle Troll-Attacken als Beweismittel gespeichert, anschließend die originalen Chats gelöscht, die Personen blockiert und strafrechtlich Relevantes angezeigt. So macht sie das immer noch.

Wie Trolle eigentlich ticken und was die häufigsten Auslöser von Hass und Hetze im Internet sind, weiß die Cyberpsychologin.

Katharina Schulze jedenfalls kann nicht nachvollziehen, warum Menschen beleidigen, belästigen und bedrohen wollen. Würde sie einen Troll treffen, würde sie ihn fragen, warum er so voller Hass ist.  Auf die Frage, ob sie dennoch in sozialen Netzwerken unterwegs sei, antwortet sie:

„Natürlich. Ich bin ein Fan der Digitalisierung. Wir als Gesellschaft müssen besser lernen damit umzugehen. Ich werde den Trollen aber sicher nicht das Feld überlassen.” Katharina Schulze

Don’t feed the troll. 

Wie man mit diesem ernsten Thema auf ganz süße Art und Weise umgehen kann, zeigt Kat Thek aus den USA. Die Bäckerin verziert leckere bunte Kuchen mit hasserfüllten Posts, die Betroffene ihr zuschicken können. Die Süßspeise wird an den Troll an seinen Arbeitsplatz oder nach Hause geliefert.

 

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