Ein Tag – zwei Kulturen

von Hanna Kuhn, Julia Schlögl und Stella Maisser

Zwei Feiertage. Zwei Tage an denen Verstorbene und ihre Seelen im Mittelpunkt stehen. Es wird gebetet und an sie gedacht. Kerzen sollen ihnen den Weg weisen, Blumen schmücken ihre Gräber. Der Tod steht an beiden Tagen im Mittelpunkt. Doch so viele Parallelen es gibt, so viele Unterschiede zeichnen sich in den Feierlichkeiten jenes Tages ab.

Der 1. November: Día de los Muertos in Mexiko sowie das Fest Allerheiligen in Deutschland. Während am Día de los Muertos jedoch die typischen orangenen Tagetes (Totenblume bzw. Flor de Muerto) die Gräber schmücken, stehen an deutschen Grabsteinen Blumen und grüne Zweige stellvertretend für die Hoffnung. Deutsche Gräber werden generell schlicht gehalten. In Mexiko bauen die Hinterbliebenen hingegen farbenprächtige Altäre auf. Diese sind mit typischen Geschenken und Opfergaben, den ofrendas, versehen. So finden sich hier das Pan de Muerto, calaveras jeglicher Art (Totenköpfe), ein Foto des Verstorbenen, etwas zu trinken und weitere Präsente sowie Opfergaben für die Seele des Toten. Außerdem verkleiden sich viele Frauen als La Catrina. Sie gilt als typisches und zentrales Symbol des Día de los Muertos und als Pendant zum Sensenmann.

Der mexikanische Künstler José Guadalupe Posada schuf die Skelett-Dame, welche einer sarkastischen Darstellung der mexikanischen Oberschicht diente. Während die Skelett-Figuren ursprünglich außer einem Hut nichts trugen, sind sie heutzutage schick gekleidet, wobei ein extravaganter Hut unerlässlich ist. Diese Rituale werden vollzogen, da nach dem Volksglauben an jenem Tag die Seelen der Toten zur Erde zurückkehren. Das ist auch der Grund, warum Mexikaner am Día de los Muertos auf Friedhöfen Musik spielen und tanzen. Warum sie an den Gräbern ihrer Geliebten stehen, trinken und lachen. Warum Zelte aufgebaut werden und die Friedhöfe im Kerzenschein strahlen. Warum die Friedhöfe an diesem Tag lebendig sind.

Karla hat eine mexikanische Mutter und einen deutschen Vater. Sie hat einige Zeit in Mexiko verbracht und lebt derzeit in Deutschland. Sie ist in beiden Kulturen Zuhause und erzählt von ihren Erlebnissen und Empfindungen.

Die toten Kinderseelen besuchen vom 31. Oktober bis zum 1. November die Welt der Lebenden. Erwachsene Seelen kehren hingegen vom 1. November bis zum 2. November auf die Erde zurück. Freude und festliche Ausgelassenheit stehen bei ihrer Ankunft und während ihres Aufenthalts im Mittelpunkt. Dem Tod wird mit Humor gegenüber getreten. Er ist schließlich Teil des Lebens. Diese Auffassung beruht auf einer langen Tradition. Denn schon die Hochkulturen der Mayas und Azteken glaubten, dass der Tod der Anfang eines neuen Lebens sei. Mit der Eroberung Mexikos durch die Spanier und der Verbreitung des katholischen Glaubens verschmolz der aztekische Totenkult mit den christlichen Festen Allerheiligen am 1. und Allerseelen am 2. November.

Trotz der Verankerung des Festes Allerheiligen in der Feierlichkeit des Día de los Muertos sind die Unterschiede beider Festtage extrem. Die katholische Kirche feiert mit diesem Hochfest nämlich die vom Papst Gregor IV heiliggesprochenen Frauen und Männern. Deshalb wird Allerheiligen oft als “Sammelfest für alle Heiligen” bezeichnet. Theologisch gesehen ist Allerheiligen das Fest “aller der in Christus vollendeten”. Allerseelen dagegen ist der Gedenktag für die Verstorbenen. Gebete, Fürbitten und Eucharistie sollen dazu beitragen, dass die Toten Vollendung in Gott finden. Eigentlich schmücken Hinterbliebene erst an diesem Tag die Gräber auf den Friedhöfen mit Blumen und Kerzen. Sie entzünden das sogenannte Seelenlicht als Symbol für das Ewige Licht. Dieses soll den Verstorbenen leuchten. Der Priester segnet außerdem bei einer feierlichen Prozession die Gräber. Mittlerweile sind Allerheiligen und Allerseelen quasi zu einem Doppelfest verschmolzen. Und während viele Übereinstimmungen beider Feste bestehen, stehen sich Freude und Trauer als Ausgangspunkte, ständige Begleiter und Gegenpole gegenüber.

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