Schaffen statt Wegwerfen

Samstag, 11 Uhr, im Werkraum der Straubinger Volkshochschule. Knapp 20 Menschen tüfteln in einem Durcheinander aus Kabeln, Steckdosen und Schraubenzieher an kaputten Dingen. Im Hintergrund läuft ein Radio, doch das Saxophon-Solo von „She‘s like the wind“ wird von der Geräuschkulisse verschluckt: Bohren, Hämmern, Gespräche. Zwei Männer um die 50 sitzen über eine Schreibmaschine gebeugt, einer tippt probeweise zusammenhangslose Buchstaben auf das eingespannte Papier. Nebenan begutachten ein Mann und eine Frau gemeinsam das Innenleben ihres defekten Druckers.

Küchenmaschinen, Drucker, Plattenspieler, Lichterketten, Carrera-Bahn, Radio — die Liste der funktionsuntüchtigen Mitbringsel für das Straubinger Reparaturtreffen ließe sich ewig fortführen. Seit zwei Jahren findet das sogenannte Repair Café im Keller der Volkshochschule statt. Anfangs war es einmal im Quartal angesetzt, mittlerweile trifft man sich aufgrund der hohen Nachfrage alle zwei Monate zum gemeinsamen Reparieren kaputter Dinge.

Während ganzjährig Küchengeräte, Fahrräder, Kleidung und mehr repariert werden, sind an diesem Samstag ausnahmsweise nur Elektrogeräte willkommen. Pro Kopf fallen in Deutschland im Jahr durchschnittlich sieben bis acht Kilogramm Elektro- und Elektrogeräteabfall an, was in etwa einem Elektrogerät entspricht. Die Zahl stagniert dabei seit Jahren.

Die kaputten Elektrogeräte kommen Peter Schmid gerade recht. Der 72-jährige Straubinger ist gelernter Elektroniker und hilft seit der Gründung des Cafés ehrenamtlich mit. Schmid, graues Haar, Lesebrille und Karohemd, gehört damit zu einem Stamm von insgesamt 23 ehrenamtlichen Helfern, vom Hobbybastler bis zum Profi. Gerade beugen er und ein Besucher sich stirnrunzelnd über den kaputten Wagen einer älteren Carrera-Bahn. „Die Praxis ist, dass die Materialien Alterserscheinungen haben und deswegen kaputt gehen“, erklärt er. Trotzdem ist Schmid überzeugt, dass viele Geräte noch reparierbar sind. Er findet, dass jeder sich rantrauen sollte — „solange es nicht lebensgefährlich ist“, ergänzt er lächelnd.

Von Anfang an mit dabei ist auch Gabi Binder aus Straubing. Die 55-Jährige wartet mit ihrem kaputten Drucker darauf, aufgerufen zu werden. „Ich bin überzeugte Wiederholungstäterin“, erklärt die Stammbesucherin im Repair Café. Ständig Neues zu kaufen, das könne sie sich nicht leisten. Außerdem ist sie überzeugt, dass es oft nur an Kleinigkeiten fehlt. Ihre Devise: Auf die Sachen aufpassen und wenn etwas kaputt ist, versuchen es zu reparieren. Hinzu kommt, dass ihr die Reparaturarbeiten Freude bereiten — vor allem, wenn sie von Erfolg gekrönt sind.

Ein Repair Café will gut organisiert sein — schließlich kommen im Schnitt 50 bis 80 Besucher an einem Termin, schätzt die Organisatorin Martina Pellkofer. Die 38-Jährige ist Fachbereichsleiterin für Gesellschaft, Leben, Kunst und Kultur bei der Volkshochschule, auch Werken und Umweltschutz fallen in ihren Aufgabenbereich. Zusammen mit dem Freiwilligenzentrum Straubing, die die Helfer organisieren, stemmt die Volkshochschule das Projekt gegen die Wegwerfmentalität. „Das ist ein Zusammenspiel mehrerer Einheiten“, so Pellkofer.

Ihren Ursprung haben Repair Cafés in den Niederlanden. Die Umweltjournalistin Martine Postma organisierte 2009 das erste Reparaturtreffen unter diesem Namen als Gegenbewegung zur Wegwerfgesellschaft und geplanter Obsoleszenz. Letzteres meint den vorprogrammierten Verschleiß, der den Kauf neuer Produkte und so die Wirtschaft vorantreiben soll. Dieses Phänomen war schon in den 1920er-Jahren salonfähig, wie Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer in „Kaufen für die Müllhalde“, ihrem Buch zum gleichnamigen Film, beschreiben.

Ein Artikel, der nicht verschleißt, ist eine Tragödie für das Geschäft. Printers' Ink, amerikanisches Werbemagazin, 1928

Auch Wolfgang M. Heckl widmet sich in seinem Buch „Die Kultur der Reparatur“ (2013) der Repair-Bewegung und dem „Hochgefühl der Autonomie“, das er selbst beim Reparieren verspürt. Es gibt schon sehr lange eine Kultur der Reparatur, doch erst durch die Repair-Bewegung ist das Reparieren zu einer „kulturkritischen Haltung“ geworden, wie er erklärt. In seinem Buch hebt Heckl vor allem die Vorteile gemeinschaftlichen Reparierens hervor: „Repariert man etwas zusammen, kann jeder von den Erfahrungen des anderen profitieren.“

Das sieht auch Tom Hansing so. Der Soziologe ist bei der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis aus München tätig, die Räume und Netzwerke des Selbermachens fördert, vernetzt und erforscht, und außerdem Co-Autor des kürzlich erschienen Buches „Die Welt reparieren“ (eine Open Access-Version gibt es hier). „Es gibt einen Trend hin zu mehr eigenhändigem Reparieren und gemeinschaftlichem Selbermachen“, erklärt er in einem Telefoninterview. „Repariert wird nicht im stillen Kämmerchen, sondern öffentlich.“ Hansing, der außerdem Berater für Reparatur-Initiativen ist, beobachtet eine Bewusstseinsänderung. Zwar nehme gewerbliches Reparieren ab, weil Reparieren unwirtschaftlich geworden sei und der Markt mit Billigprodukten geschwemmt werde. Seit einigen Jahren jedoch hinterfragen Konsumenten ihre Rolle zunehmend. „Die Menschen werden sich mehr und mehr ihrer Macht und ihres Einflusses bewusst, dass sie durch andere Verhaltensweisen im Umgang mit Dingen eine Welt schaffen können, in der man auch leben möchte“, so Hansing.

Tom Hansing ist Soziologe und Berater für Repair-Cafés. (Foto: Steffen Roth)

Ob sich mithilfe von Reparatur-Initiativen eine Reparaturkultur in der Gesellschaft verankern lässt, ist dennoch fraglich. Hansing sieht die Reparaturkultur im ständigen Wettbewerb mit immer neuen Geräten und technologischen Entwicklungen, für die erst Wege gefunden werden müssen, wie man sie repariert. Durch das Zusammenwerfen verschiedener Wissensbestände und Kompetenzen beim gemeinsamen Reparieren hätte diese Reparierbewegung aber das Potential, eine Veränderung der Wegwerfwirtschaft voranzutreiben.

Eine Veränderung in der Denkweise zeigt sich auch bei den Autorinnen dieser Geschichte. Für einen Selbstversuch hat Sonja ihren Föhn mit ins Repair Café gebracht. Eigentlich wollte sie ihn entsorgen, nachdem anstelle von heißer Luft Qualm aus dem Gebläse kam. Ist er wirklich noch zu retten? Ein paar Unterschriften, persönliche Daten, 60 Minuten Warten und einen Kaffee später endlich die Gewissheit: Da geht tatsächlich noch was. Rudi vom Helfer-Team nimmt sich des Föhns an, schraubt ihn auf und stochert im Innenleben herum. Seine Diagnose: Ein Haarbüschel hat sich um den Ventilator gewickelt und ihn ausgebremst, deswegen wird die heiße Luft nicht mehr hinausgeblasen. Die Reparatur eigentlich ganz einfach: Fremdkörper entfernen, Ventilator ölen und schon funktioniert der Föhn wieder. Sonja hat zwar nicht wirklich mithelfen können, dafür kann sie das Problem beim nächsten Mal aber selbst beheben.

  • SCHRITT 1: Sonja meldet sich mit ihren Daten an. Außerdem unterschreibt sie einen Haftungsausschluss.

Bis 16 Uhr stehen die Türen des Repair Cafés offen, trotzdem legt das Team eine Stunde vor Ende einen Aufnahmestopp ein, „weil es sonst nicht zu bewältigen ist“, sagt Martina Pellkofer. Die Resonanz ist gut, immer häufiger kommt Pellkofer ins Gespräch mit Besuchern aus anderen Landkreisen, die auch ein Repair Café aufziehen wollen. Vor allem von der älteren Generation wird die Veranstaltung geschätzt. Pellkofer vermutet, dass sie noch damit aufgewachsen sei, „dass man Sachen wertschätzt, wieder repariert“. Der Versuch der Volkshochschule, ein Repair Café für Kinder zu etablieren, stieß hingegen auf geringe Resonanz. „Nichtsdestotrotz wollen wir auch da den Gedanken der Nachhaltigkeit und des Reparierens wieder sähen“, sagt Pellkofer. Ein guter Vorsatz, denn die Deutschen produzieren im europäischen Vergleich pro Kopf eindeutig zu viel Müll.

Dich hat die Reparierwut gepackt, du willst ein Repair Café besuchen oder dich engagieren? Schaue hier nach, wo es in deiner Nähe eines gibt.

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